Golgathakapelle

Die Golgathakapelle in Zeil am Main ist ein zwischen 1617 und 1623 errichtetes Flurdenkmal an der südlichen Friedhofsmauer, das als Sühnezeichen für einen Totschlag gestiftet wurde. Die monumentale Kreuzigungsgruppe mit Christus, den beiden Schächern sowie Maria und Johannes gilt als einmalige Renaissance-Arbeit im fränkischen Raum und wird im Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler erwähnt. Gestiftet von Georg Pfersmann, verbindet die Anlage spät- und nachgotische Architekturformen mit barocken Ergänzungen und volkstümlicher Malerei. Sie ist zugleich ein bedeutendes Zeugnis lokaler Steinmetz- und Zimmermannskunst und ein kulturhistorisches Dokument für die religiöse Mentalität des frühen 17. Jahrhunderts.

Lage und Ensemble

Geflügelter Engelskopf
Akanthuskapitell

Die sogenannte „Golgathakapelle“ befindet sich an der südlichen Friedhofsmauer von Zeil am Main, unmittelbar neben der Heilig-Kreuz-Kapelle. Zusammen mit der Kapelle und dem Friedhof bildet sie ein Ensemble, das in zahlreichen Kunstführern hervorgehoben wird. Aufgrund ihrer besonderen architektonischen und ikonographischen Gestaltung gilt sie als eines der bedeutendsten Flurdenkmäler im Landkreis Haßberge.[1.1]

Stiftung und Entstehung

Die Kreuzigungsgruppe wurde ab 1617 als Sühnezeichen für einen Totschlag errichtet. Stifter war der Zeiler Bürger Georg Pfersmann, der in einer ausführlichen Inschrift am Fuß des mittleren Kreuzes genannt wird. Dort heißt es, er habe das Werk „noch ledigs Stants“ (als unverheirateter Mann) gestiftet, um „mehrer Anreitzung christlicher Andacht“ zu schaffen. Die vollständige Inschrift lautet: „GOTT DEM ALLMAECHTIGEN ZV LOB. CHRISTO IESV HEYLIGSTEN LEIDEN VND STERBEN ZV EHRN HAD ZV MEHRER ANREITZVNG CHRISTLICHER ANDACHT DER EHRN VND ACHBAR GEORGIVS PFERSMAN NOCH LEDIGS STANTS DISES WERCK HIEHER VERSCHAFFT IM IAHR 16.17 WELCHS 1623 VERFERTIGT VND A VFFGERICHT WORDEN. GOTT VERLEIHE IHM ZEIDLICH VND EWIGE WOLFAHRT“. Die Fertigstellung erfolgte 1623. Über der Inschrift befindet sich das Wappen des Stifters, ein Pferd mit Mannesrumpf, das den Namen Pfersmann bildlich aufgreift.[1.2]

Künstlerische Zuschreibung

Der ausführende Steinmetz ist nicht überliefert. Aufgrund stilistischer Vergleiche wurde lange vermutet, dass der aus Graubünden stammende Meister Giovanni Bonalino beteiligt gewesen sei, der um diese Zeit in Scheßlitz lebte und im Fürstbistum Bamberg zahlreiche Werke schuf. Die Kunsthistorikerin Angela Michel kam jedoch 1996 nach eingehender Analyse zu dem Ergebnis, dass die Zeiler Kreuzigungsgruppe nicht von Bonalino stammt. Da er 1623 nachweislich in Coburg und Weimar tätig war, gilt seine Urheberschaft als ausgeschlossen. Der Schöpfer bleibt unbekannt.[1.3]

Architektur und Ausstattung

Die Anlage besteht aus Zeiler Sandstein und zeigt eine vollplastische Kreuzigungsgruppe mit Christus zwischen den beiden Schächern, flankiert von Maria und Johannes.

Architektur

Sechs Säulen tragen ein mehrfach gegliedertes Gesims; die beiden äußeren Säulen sind mit Akanthus-Kapitellen versehen. Die Säulen stehen auf einer gotisierenden Maßwerkbrüstung, deren Mitte von einem geflügelten Engelskopf verziert ist. Darüber erhebt sich eine baldachinförmige, geschweifte Schieferdeckung.

Innenraum

Die hölzerne Kassettendecke enthält drei Gemälde: den Sündenfall, die eherne Schlange und die Erscheinung des Herrn. Diese volkstümlich erläuternden Darstellungen verbinden biblische Szenen mit Spruchinschriften.[1.4]

Brüstung

In der Mitte befindet sich ein Podest vor einem Muschelrelief, das ursprünglich einen Opferstock trug.[1.5]

Inschriften und Wappen

Nordwestseite der Golgathakapelle
Ostseite der Golgathakapelle

An den Schmalseiten sind kleine Schriftplatten angebracht. Auf der Nordwestseite werden Bauverweser und Beteiligte genannt („Jacob Pfersmann, Caspar Schell, Hans Pfersmann“). Darunter befinden sich zwei asymmetrische Barockkartuschen mit Reiterwappen der Familie Pfersmann. Auf der Südostseite war eine gemalte Schrift angebracht, die heute nicht mehr lesbar ist. Darunter sind zwei weitere Wappen zu sehen:

  • links: zwei gekreuzte Dreschflegel, umgeben von vier Kugeln, mit dem Monogramm „B. B.“
  • rechts: zwei gekreuzte Brotlaibe mit dem Monogramm „A. Z.“

Diese Ergänzungen stammen vermutlich aus einer Restaurierung Ende des 17. Jahrhunderts.[1.2]

Baugeschichte und Veränderungen

Ursprüngliche Dachkonstruktion (1623)

Das Bauwerk war zunächst mit einem einfachen flachen Holzdach versehen, das hinten auf zwei Säulen und einer Rückwand, vorne auf einem freitragenden Balken ruhte. Dieser Balken bog sich im Laufe der Jahre leicht durch.

Erste Dacherneuerung (1701)

Um 1700 entschied die Kirchenverwaltung, das schadhaft gewordene Dach zu erneuern. Der Zeiler Zimmermann Jörg Hoffmann fertigte 1701 eine neue Konstruktion. Das Material stellte die Kirchenverwaltung, Hoffmann erhielt einen Lohn von 2 Gulden 3 Pfund 11 Pfennig. Nach Abschluss der Arbeiten wurden er und seine Helfer mit „4 Maaß“ Wein (ca. 5 Liter) entlohnt. Das Dach wurde vom Haßfurter Schieferdecker Servatio Engel mit Brettern vernagelt und mit Schieferplatten gedeckt. Auch er erhielt neben Lohn und Material eine Weinspende. Da die Kosten als zu hoch kritisiert wurden, beschäftigte man später den Gochsheimer Meister Caspar Schöner.

Zweite Veränderung (1711/12)

Die schwerere Schieferdeckung belastete den freitragenden Balken stark, sodass sich dieser zunehmend durchbog. 1711 beschloss die Kirchenverwaltung eine grundlegende Verstärkung. Der Zimmermann Caspar Reßetter, der Steinhauermeister Friedrich Wolff und der Maurermeister Peter Heinrich ergänzten zwei vordere Mittelsäulen und setzten steinerne Gesimsstücke ein, die das Dach dauerhaft stabilisierten. Die Arbeiten umfassten Steinlieferungen durch die Witwe des Hannß Adam Kerzner, Eisenklammern vom Schmied Hannß Jörg Popp sowie Maurerarbeiten von Peter Heinrich. Seit dieser Maßnahme blieb die Konstruktion unverändert.[1.4]

Nutzung im 17. Jahrhundert

Die Kapelle lag ursprünglich direkt an der Hauptstraße nach Bamberg. Sie war mit einem Opferstock versehen, in den Reisende Münzen einwarfen und ein Stoßgebet für eine sichere Fahrt sprachen. Damit erfüllte sie neben ihrer Funktion als Sühnezeichen auch eine Rolle als Wegkapelle für durchreisende Pilger und Händler.[1.4]

Restaurierungen im 20. Jahrhundert

1990–1992 erfolgte eine umfassende Sanierung unter Mitwirkung der Denkmalschutzbehörden. Ziel war eine Konservierung statt Erneuerung. Die Arbeiten kosteten knapp 100.000 DM und sicherten die Anlage langfristig.[1.4]

Kunsthistorische Einordnung

Die Zeiler Kreuzigungsgruppe gilt als einmalige Renaissance-Arbeit im fränkischen Raum und wird im Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Band I, S. 415) erwähnt. Sie verbindet nachgotische Architekturformen mit barocken Ergänzungen und volkstümlicher Malerei. Die Kombination aus monumentaler Kreuzigungsdarstellung, reich verzierten Säulen, Engelsfiguren und Inschriften macht sie zu einem herausragenden Beispiel für die Verbindung von Kunst, Frömmigkeit und lokaler Erinnerungskultur.[1.2]

Als Sühnezeichen für ein Verbrechen im frühen 17. Jahrhundert ist die Golgathakapelle zugleich ein kulturhistorisches Dokument für die religiöse Mentalität der Zeit. Sie zeigt, wie Kunstwerke nicht nur ästhetische, sondern auch soziale und rechtliche Funktionen erfüllten.[1.1]

Commons: Friedhofstraße 13, Friedhof (Zeil am Main) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

  • Hermann Mauer: Die Golgatha-Kapelle zu Zeil am Main, ein Bauwerk der Sühne, Ausgabe 8 von „Das Kleindenkmal“; Azzola, 1999 ⇒ Google Books

Einzelnachweise

  1. Golgathakapelle. In: denkmal-zeil.de. Abgerufen am 30. November 2025.
    1. a b Hans Brech: Golgathakapelle
    2. a b c Flurdenkmäler im Landkreis Haßberge
    3. Angela Michel: Der Graubündner Baumeister Giovanni Bonalino… In: Weisel: Dem Zimmermann fehlten die Spezialkenntnisse…
    4. a b c d Weisel: Dem Zimmermann fehlten die Spezialkenntnisse…
    5. Aus einem Gutachten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege…

Koordinaten: 50° 0′ 28,1″ N, 10° 35′ 54,5″ O