Glockengießer in Passau
Wie in vielen mittelalterlichen und neuzeitlichen Städten Europas, insbesondere den Bischofssitzen hat auch das Glockengießen in Passau lange Tradition.
Geschichte
Als Gießer der mit 1144 ältesten datierten Glocke Deutschlands, die im Turm der Pfarrkirche Iggensbach (Nominalton f2−4) hängt, werden die „Glockenmeister“ des Bistums Passau Willibret und Loupman angenommen. (Mader, S. 25)
Die Passau Glockengießer waren wohl hauptsächlich im Bereich des Fürstbistums, das bis 1783 auch österreichische Gebiete umfasste, dann des Bistums Passau tätig. Benachbarte größere Glockengießer-Werkstätten befanden sich in Landshut (um 1500–1899), Straubing und Braunau am Inn (1437–1891/1894).
Passauer Glocken sind auch im Böhmerwald erhalten, u. a. aus dem Jahr 1601 von Dionys Schultes je eine in Zdíkov und in Žihobce, letztere mit Aufschrift in tschechischer Sprache.
Straßen mit Gießereien
„Die älteste Gießhütte Passaus wird in der Innstadt vermutet; sie könnte aber auch in der Wittgasse gestanden sein, die zeitweise auch den Namen ‚Glöckleingasse‘ trug.“ (Mader, S. 24)
- Im Zwinger nahe dem heutigen Ludwigsplatz, vermutlich seit 1541[1]: Peter Anton Jacomini, Georg und Carl Samassa und Anton Gugg.
- 1865, im Zuge von Baumaßnahmen am Ludwigsplatz mit Niederlegung der Stadtmauern und dem Abbruch des Ludwigstors (1870), verlegte Anton Gugg seine Werkstätte in den Bereich der Stadterweiterung nach Haidenhof (Neuburger Straße-Windschnur).
- Stephanstraße 18–20: Glockengießerei Rudolf Perner seit 1946 in einer aufgelassenen Ziegelei.
Glockengießer in Passau
Seit „1368 (hing) im Rathaus (von Passau) eine (…) Glocke, die die Räte zu ihren Versammlungen rief. Sie wog 75 kg, überdauerte die Jahrhunderte und entging 1917 als ‚von besonders geschichtlichem Wert‘ der Ablieferung für Kriegszwecke, mußte dieses Schicksal aber im 2. Weltkrieg erleiden.“ (Mader, S. 24).
„Ab dem 15. Jahrhundert erscheinen dann fast lückenlos die Namen der Gießer und seit dem 16. Jahrhundert kennen wir auch zahlreiche datierte, mit dem Namen der Gießer signierte Glocken“ (Mader, S. 24): Otto Heinrich Ableitner, Andre Israel, Hans Kaltschmitt, Gabriel Kopp, Hans Krottendorfer, Jörg Kurzarm, Karl Lidiens, Lienhard Raunacher, Dionys Schultes, Christoph Seiser.
Hans Pach
Urk. 1670–1700. Von Pach gibt es noch zahlreiche Glocken, so in Pörndorf, Wollaberg, Sankt Hermann, Grafenau, Pfarrkirchen, Vornbach, Obernzell und Aigen am Inn. In Passau stammen die Uhrglocke der Kirche Jesuitenkirche und die Glocke der Kapelle St. Barbara (1681) von ihm. In den Jahren 1683 bis 1685 goss er drei nicht mehr vorhandene Glocken für den Passauer Dom St. Stephan.[2]
Nicolaus Drackh
Urk. 1707–1733. Drackh war Nachfolger des Glockengießers Hans Pach. Von ihm gibt es noch zahlreiche Glocken, u. a. zwei in der St. Achatius in Hals und je eine in St. Bartholomäus (Ilzstadt) und St. Michael (Passau). 1731 goss er die Jubiläumsglocke für die Kirche der Abtei Niederaltaich (jetzt in Vilshofen an der Donau), mit 6000 kg die zweitgrößte Glocke im Bistum Passau. 1733 goss er die 5600 kg schwere Stürmerin für den Dom St. Stephan zu Passau, die reich mit Reliefs und Wappen verziert ist.[3]
Simon Drack
- unbekannt; † 1744. Er führte die Glockengießerei seines Vater Nicolaus Drackh fort.[4]
Peter Anton Jacomini
- unbekannt; † 1789 in Passau. Jacomini heiratete Barbara Drack, die Witwe von Simon Drack († 1744), Sohn des Glockengießers Nicolaus Drackh.
Jacomini schuf u. a. das große Geläute der Bürgerkirche St. Paul in Passau, das reich mit Inschriften ausgestattet ist:
- Loreto (abgegangen), as0, 1777, 3400 kg
- Amtglocke, cis1−6, 1777, 1700 kg
- Messglocke, e1−1, 1777, 1044 kg
- Chorglocke, a1−1, 1777, 450 kg
- Maria (abgegangen), e2, 1775, 100 kg
Georg Samassa
- 1770; † 3. Januar 1845 in Passau. Samassa hat 1811 die Glockengießerei von Peter Anton Jacomini erworben.
Vermutlich wurden viele Samassa-Glocken für Kriegszwecke requiriert, weil ihnen wegen des geringen Alters kein geschichtlicher oder künstlerischer Wert beigemessen wurde. Erhalten ist eine größere Glocke in der Pfarrkirche St. Anna in Kreuzberg (Stadt Freyung): Kreuzigung, f1+3, 1821, 850 kg.
Carl Samassa
- 1801, † 17. April 1859 in Passau? – Namensvariante: Karl Samassa
Carl Samassa führte die Gießerei seines Vaters Georg Samassa fort.[5]
Anton Gugg
- 2. November 1828 in Braunau am Inn; † 27. Juni 1888 in Passau. Anton Gugg stammte aus einer Glockengießerfamilie, die in Salzburg, Braunau, Passau und Znaim tätig war, später auch in Linz und Straubing. Am 20. August 1858 erwarb er die Glockengießerei von Carl Samassa.[6]
Leonhard Lorenz
Anton Guggs Tochter Anna heiratete 1882 Leonhard Lorenz, der die Glockengießerei unter dem Namen Gugg weiterführte. Leonhard Lorenz (* 13. März 1859 in Nürnberg; † 16. März 1955 in Passau) stellte den Betrieb mit Beginn des Weltkriegs 1939/45 ein.
1922 hat Lorenz, firmierend als „Passauer Glockengießerei“, die Glocke Heinrich (Nominalton g1−2, 600 kg) für die Pfarrkirche St. Petrus und Paulus in Aicha vorm Wald gegossen.
Rudolf 2 Perner
- 17. Juli 1899 in Budweis; † 15. Oktober 1982 in Passau. Rudolf 2 Perner[Anm 1] war Sohn des in Budweis tätigen Glockengießers Rudolf 1 Perner (* 1858; † 1932?).
Mit der Paulus-Glocke (3.650 kg, Nominal a0-1) für die Stadtpfarrkirche St. Paul in Passau schuf er 1950 ein Dokument des deutschen Wiederaufbaus.[Anm 2][7]
Rudolf 3 Perner
25. Dezember 1929 in Budweis; † 26. Februar 1973 in Passau. Rudolf 3 Perner war Sohn von Rudolf 2 Perner.
Große Geläute konnte Rudolf Perner in den wenigen Jahren seiner Betriebsleitung 1969 nach Simbach am Inn, 1971 nach Wegscheid, 1971 nach Eppenschlag und 1972 nach Hauzenberg liefern. Das Geläute der Stadtpfarrkirche St. Vitus (Hauzenberg) bilden die Glocken Christkönig, cis1+5, 2140 kg; Vitus, e1+7, 1084 kg; Maria, fis1+5, 848 kg; Konrad, gis1+5, 595 kg; Joseph, h1+7, 355 kg; Michael, cis2+7, 232 kg.[8]
Rudolf 4 Perner
- 29. März 1969 in Passau. Rudolf 4 Perner übernahm 1993 noch während seines Studiums der Betriebswirtschaft an der Universität Passau und der innerbetrieblichen Ausbildung zum Glockengießer die Geschäftsführung der Glockengießerei.
Bedeutend ist das große Geläute, das er 2015 für die Klosterkirche Mariä Himmelfahrt (Aldersbach) geschaffen hat: Maria Himmelfahrt, b0-3, 4260 kg; Auferstehung Christi, es1-3, 1656 kg; S. Bernardus, ges1+1, 777 kg; S. Caecilia, as1-5, 639 kg; SS. Angeli, b1-4, 549 kg; S. Maria auxiliatrix, des2-1, 389 kg.[9]
Für Kirchen im Bistum Passau tätige Gießer
Belegt sind Glocken von Ulrich & Weule (Apolda-Bockenem), Johann Friedrich Weule (Bockenem), Glockengießerei Otto (Glockengießerei Hemelingen), Joseph Anton Schelchshorn (Rotthalmünster), Johann Matthias Langenegger und Anton Benedikt Ernst (München), Johann Heinrich Holtz (Landshut), Johann Heinrich Hueber (Braunau) u. a., außerdem:
Bochumer Verein
Die Gießerei Bochumer Verein schuf 1949 ein fünfteiliges Geläute aus Stahl für die Pfarrkirche St. Michael in Untergriesbach.
Carl Czudnochowsky
Die große Gießerei von Karl Czudnochowsky (auch Carl Czudnochowsky) in Erding goss wegen des Mangels an Bronze mit Euphon[10], u. a. 1949 ein vierteiliges Geläute für die Stadtpfarrkirche St. Nikolaus in Neuötting, als Hauptglocke eine Nikolaus mit 2080 kg (Nominalton h0+7).
Wolfgang Fleczinger
Fleczinger, dessen Gießerei in Burghausen ansässig war, goss 1505 für die Pfarrkirche St. Jakob in Burghausen mehrere Glocken, u. a. die Friedens- oder Feuerglocke mit 2.250 kg (Nominalton d1+0).
Johann Hahn
Die Glockengießerei Johann Hahn schuf u. a. die reich mit Relief verzierte Hauptglocke der Pfarrkirche St. Stephan in Egglham, die Peter Griesbacher 1932 gestiftet hat: Bruder Konrad („Stürmerin“), cis1-8, 1625 kg, Gießer: Johann Hahn (Landshut), 1932; Inschrift: „GESTIFTET | VON | PETER GRIESBACHER | STIFTSDEKAN, B. G. RAT | REGENSBURG“. Außerdem stammt vom ihm das fünfteilige Geläute in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Karpfham: vier Glocken von 1948, erweitert 1956 um die Hauptglocke Sanctus (2200 kg; Nominalton c1-10).
Karl Hamm
In Regensburg goss Karl Hamm u. a. für die Pfarrkirche Hl. Dreifaltigkeit in Kößlarn 1950 die Glocke Heiligste Dreifaltigkeit mit 1250 kg (Nominalton d1+2).
Albert Junker
Der Gießer Albert Junker aus Brilon schuf 1950 (erweitert 1952) für die Klosterkirche Heiligste Dreifaltigkeit in der Abtei Schweiklberg ein sechsteiliges Geläute.[11]
Christian Rincker
In den Jahren 2022 und 2023 hat Christian Rincker aus Sinn vier Bronzeglocken für die Pfarrkirche St. Georg in Winzer gegossen. Drei davon ersetzten Stahlglocken, die der Bochumer Verein 1948 geliefert hat.
Siehe auch
- Die Glocken im Bistum Passau sind über das Portal „Klingende Glockendatenbank, Glockensuche des Bistums Passau“[12] erschlossen.
- Liste von Glockengießereien
- Glockenfriedhof: Viele der in Passau gegossenen Glocken wurden in den Weltkriegen 1914/18 und 1939/45 für Rüstungszwecke requiriert und eingeschmolzen. Nach 1945 gelangten wenige erhalten gebliebene Glocken in die Pfarrgemeinden zurück.
- Glocke
- Campanologie
- Klang (Glocke)
- Schlagton
- Bronzeguss
Anmerkungen
- ↑ Die aufeinanderfolgenden Betriebsinhaber mit dem Rufnamen Rudolf werden gelegentlich, beginnend mit der Betriebsgründung in Passau, auch mit den römischen Zahlen I bis III gezählt.
- ↑ Für den Guss wurde die Bronze der beschädigt von der Requirierung zurückgekehrten alten Paulus-Glocke verwendet.
Literatur
- Paul Praxl: Passauer Glocken im Böhmerwald. In: Ostbairische Grenzmarken. Bd. XIX, Passau 1977
- Franz Mader: Passauer Glocken. In: Stadt Passau (Hrsg.). Das Glockenspiel im Passauer Rathausturm. Festschrift anläßlich der Einweihung des Glockenspiels am 12. Oktober 1991. Passau 1991, S. 24–32
Einzelnachweise
- ↑ „Vermutlich war es (Gabriel) Kopp, der die Gießerwerkstätte von der Wittgasse (oder von der Innstadt) 1541 an den Zwinger verlegte“, Mader, S. 25.
- ↑ Hans Pach, auf niederbayern-wiki.de
- ↑ Nicolaus Drackh, auf niederbayern-wiki.de
- ↑ Simon Drack, auf niederbayern-wiki.de
- ↑ Carl Samassa, auf niederbayern-wiki.de
- ↑ Anton Gugg, auf niederbayern-wiki.de
- ↑ Rudolf I. Perner, auf niederbayern-wiki.de
- ↑ Rudolf II. Perner, auf niederbayern-wiki.de
- ↑ Rudolf III. Perner, auf niederbayern-wiki.de
- ↑ Euphonglocken sind aus einer zinnfreien Kupfer-Zink-Legierung hergestellt. Nur Czudnochowsky goss mit diesem Material.
- ↑ Chronik der Glocken der Abtei Schweiklberg
- ↑ „Klingende Glockendatenbank, Glockensuche des Bistums Passau“