Gisulf I. (Friaul)
Gisulf I. († vor 581) war vom Frühjahr 568 oder 569 bis zu seinem Tod der erste langobardische dux (Herzog) des Herzogtums Friaul und zugleich der erste Inhaber dieses Amtes in Italien.
Leben
Gisulf war wahrscheinlich ein Verwandter des Langobardenkönigs Alboin (nach Paulus Diaconus sein „nepos“), doch drückt dies eben dieser Paulus Ende des 8. Jahrhunderts nicht eindeutig aus, wenn er schreibt, „ut fertur“, ‚wie es heißt‘, und der Bezug im Satz zweideutig ist. An der Eroberung Italiens durch Alboin im Jahr 568 nahm Gisulf laut Paulus als „strator“, auf Langobardisch „marpahis“ (Befehlshaber der Reiterei) teil. Nach der Besetzung Venetiens ernannte Alboin Gisulf, einen überaus fähigen Mann (virum per omnia idoneum), zum dux von Forum Iulii (Friaul) mit der Hauptstadt Cividale. Doch Gisulfs Aufgabe bestand weniger, wie oft in der späteren Geschichtsschreibung dargestellt, im Schutz Italiens vor Invasoren, sondern vielmehr darin, im Falle einer Niederlage gegen die „Römer“ die Halbinsel auf sicherem Wege wieder verlassen zu können, um nach Pannonien zurückzukehren, das er seinen Freunden, den „Hunnen“ – also den Awaren – überließ, oder wie Paulus schreibt: „Tunc Alboin sedes proprias, hoc est Pannoniam, amicis suis Hunnis contribuit, eo scilicet ordine, ut, si quo tempore Langobardis necesse esset reverti, sua rursus arva repeterent“ (II, 7). Zugleich übernahm Gisulfs Herrschaftsgebiet die Aufgabe, Istrien und die weiter ostwärts gelegenen Provinzen des Römerreichs von den unter der Herrschafts Konstantinopels verbliebenen Gebieten Venetiens abzuschneiden (die erst nach einem Jahrhundert weitgehend erobert werden konnten). Die Awaren wandten sich demzufolge weniger nach Italien als vielmehr in Richtung der reichen Provinzen Thrakien und Griechenlands.
Mit Alboins Zustimmung siedelte Gisulf von ihm ausgewählte langobardische farae (Familienverbände) dort an (Paulus Diaconus, Historia Langobardorum II, 9). Bei den farae, abgeleitet von einem langobardischen Wort, handelte es sich um „Fahrensgemeinschaften“. Sie lassen sich heute am ehesten als Verbände mit einer je spezifischen militärischen Aufgabe deuten, die auf familiären Bindungen beruhten, es gehörten aber auch weitere Personen und Waffen dazu.[1] Von Alboin verlangte Gisulf, die farae selbst aussuchen zu dürfen, die dort angesiedelt werden sollten. Zudem erhielt er auf Bitten Pferdeherden. So wurde Gisulf zum ersten „dux“ (Herzog) erhoben (Historia Langobardorum II, 9).
Aus dieser frühesten Zeit in Cividale wurde innerhalb der Stadtmauern ein Königshof (gastaldaga) unter dem späteren Kloster Santa Maria in Valle entdeckt, das spätestens 830 bestand. Dort fanden sich Überreste von Holzgebäuden aus dem fortgeschrittenen 6. Jahrhundert, die bis in das zweite Drittel des 7. Jahrhunderts in Gebrauch waren. Wenig nördlich davon fanden sich weitere, etwas jüngere langobardische Strukturen aus den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts, die eine gewisse Monumentalität aufwiesen und die in Stein aufgeführt waren. Das zunächst Gisulf I. zugewiesene Grab fand sich in dem älteren Bereich, möglicherweise ist es Gisulf II. zuzuweisen, dem Sohn seines Bruders und Nachfolgers. 1874 glaubte man, in Cividale den Sarkophag des ersten Herzogs gefunden zu haben, wie eine dort angebrachte Inschrift zu behaupten schien. Man nahm an, dass es sich um eine Fälschung handelte, die Zuschreibung des Sarkophages zu Gisulf I. sich als unzutreffend erwiesen habe.[2]
Nachdem König Alboins Nachfolger Cleph im Jahr 574 ermordet worden war, wählten die Langobarden während eines zehnjährigen Interregnums keinen neuen König, sondern standen unter der Herrschaft von 35 duces, deren Einfluss in dieser Zeit stark zunahm. Das Jahrzehnt zwischen 574 und 584 gilt in der Geschichtsschreibung als „herzogliche Anarchie“. Zu dieser Zeit lebte Gisulf noch, und Paulus Diaconus erwähnt ihn unter Hinweis auf sein herzogliches Amt im Friaul (Historia Langobardorum, liber II, 32). Eine Wahl Gisulfs zum König wurde offenbar nicht in Betracht gezogen, vielleicht weil er zur Familie des Ermordeten zählte, oder gerade weil er zu keiner der führenden Familien zählte. Andererseits zählt ihn Paulus Diaconus (II, 32) zu den fünf bedeutendsten Herzögen neben Zaban (Ticinum), Wallari (Bergamum), Alahis (Brexiam) und Ewin (Tridentum). Die Awaren hatten kein Interesse, die Schwäche der Langobarden zu nutzen.
Als Gisulf verstarb (wohl vor 581), folgte ihm Grasulf als dux nach, der wohl Gisulfs Bruder war. Grasulf regierte seinerseits bis etwa 590, anschließend übernahm sein Sohn Gisulf II. das Amt.[3] Der Maior domus des Merowingerkönigs Childebert II. von Austrasien, sandte vielleicht im Jahr 581 – das Datum ist ungewiss (Epistolae Austrasicae, Nr. 48) – einen Brief an Grasulf (IV, 39) und nannte ihn darin „celsitudo“. Dies könnte bedeuten, dass Gisulf I. zu diesem Zeitpunkt tot war und Grasulf sein Amt als Herzog bereits übernommen hatte. Wir wissen auch, dass in einem Brief an Childebert, der wahrscheinlich um 590 vom oströmischen Exarchen Romanus verschickt wurde (Epistolae Austrasicae, Nr. 41), nun von „Gisoulfus, […] dux, filius Grasoulfi“ die Rede ist, also von Gisulf (II.), dem Sohn des Grasulf.
Quellen
- Paulus Diaconus, Historia Langobardorum, hrsg. Ludwig Bethmann und Georg Waitz, in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. VI–IX, Hahn, Hannover 1878.
- Wolfgang F. Schwarz (Hrsg.): Paulus Diaconus: Historia Langobardorum – Geschichte der Langobarden, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009 (lateinisch–deutsch).
- Adbreviatio de gestis Langobardorum, ed. Georg Waitz: Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. VI–IX, Bd. 1, Hannover 1878, S. 221–230, hier: S. 222. (Digitalisat)
Literatur
- Andrea Bedina: Gisulfo, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 56 (2001).
- Jörg Jarnut: Prosopographische und sozialgeschichtliche Studien zum Langobardenreich in Italien (568–774), Bonn 1972, S. 132, 354.
- Harald Krahwinkler: Friaul im Frühmittelalter. Geschichte einer Region vom Ende des fünften bis zum Ende des zehnten Jahrhunderts, Wien/Köln/Weimar 1992, S. 32, 34, 35, 52, 82, 127, 141.
- Lorena Cannizzaro: La sepoltura di Piazza Paolo Diacono a Cividale del Friuli, in: V Convegno Nazionale LE PRESENZE LONGOBARDE NELLE REGIONI D’ITALIA alla luce delle ultime ricerche e scoperte Tuscia 2016, (online, PDF)
- Luca Villa: Longobardi a Cividale e nel Ducato friulano, in: Francesca Morandini, Arianna Petricone, Maria Stovali (Hrsg.): Sulle tracce dei Longobardi. Atti del Convegno 13-14 novembre 2024 Spoleto, Teatro Caio Melisso “Spazio Carla Fendi”, 2024, S. 75–89. (online, PDF)
- Luca Villa: „…infra muros civitatis Foroiuliensis…“ Archeologia di un centro di potere nella Cividale longobarda, in: Città e campagna: culture, insediamenti, economia (secc. VI-IX), “Archeologia barbarica” 2 (2018) 267–292.
- Marcello Rotili: Le sedi del potere dei Longobardi, in: Hortus Artium Medievalium 26 (2020) 269–278.
Weblinks
Anmerkungen
- ↑ Stefan Esders: Die Langobarden. Geschichte und Kultur, Beck, München 2023, S. 17.
- ↑ Sauro Gelichi: Archeologia longobarda e archeologia dell'alto medioevo italiano: un bilancio critico, in: Stefano Gasparri (Hrsg.): Alto Medievo mediterraneo, Firenze University Press, Florenz 2005, S. 169–184, hier: S. 170.
- ↑ Vgl. John Martindale: The Prosopography of the Later Roman Empire, Bd. 3a, Cambridge 1992, S. 537 und S. 545; Norbert Wagner: Zur Herkunft der Agilolfinger, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 41 (1978) 19–48, hier S. 40.