Giresun Kalesi
Die Burg von Giresun (türkisch: Giresun Kalesi) ist die historische Stadtburg (Zitadelle) in der nordtürkischen Stadt Giresun am Schwarzen Meer. Sie wurde vermutlich im 2. Jahrhundert v. Chr. unter König Pharnakes I. von Pontos errichtet und in späteren Epochen mehrfach ausgebaut und restauriert. Aufgrund ihrer strategischen Lage auf einem Hügel über der Stadt, mit Blick auf das Meer und die Handelswege, diente sie über Jahrhunderte als militärische Anlage zur Küstenkontrolle. Im Mittelalter war sie eine der letzten Grenzburgen des Kaiserreich Trapezunt. Heute sind Teile der Mauern sowie der zentrale Turm erhalten; die Anlage beherbergt zudem das Grab von Topal Osman, einen Märtyrerfriedhof und das Grab des Derwischs Kurban Dede.
Lage
Die Burg befindet sich auf einem Hügel der nördlich gelegenen Halbinsel von Giresun und dominiert das Stadtbild. Von hier aus besteht eine weite Sicht auf die Schwarzmeerküste und die umliegenden Handelswege.
Geschichte
Die ältesten Teile der Befestigung gehen bis in die hellenistische und römische Zeit zurück. Antike Quellen bezeichnen sie als „Burg mit bronzenen Mauern“. Wahrscheinlich wurde sie unter König Pharnakes I. von Pontos im 2. Jahrhundert v. Chr. errichtet, der zusammen mit der Eroberung der Stadt Sinope auch deren Pflanzstädte an der Schwarzmeerküste (darunter auch Kerasūs, das heutige Giresun) seinem Reich einverleibte[1].
Im 14. Jahrhundert war die Burg eine der letzten Grenzfestungen des Kaiserreichs Trapezunt gegenüber den expandierenden türkischen Stämmen. Um 1301 ließ Kaiser Alexios II. von Trapezunt die Anlage restaurieren. Ihre strategische Lage machte sie zu einem wichtigen Kontrollpunkt für Küstenschutz und Handel.
Die Osmanen übernahmen die Festung kampflos,[2] die dann in diversen inneren wie äußeren Auseinandersetzungen eine vornehmlich lokale Rolle spielte. In einem Steuerverzeichnis (Tahrir Defteri) für die Provinz Trabzon aus dem Jahr 1486 ist vermerkt, dass die Besatzung aus 114 Mann und 22 Witwen (sämtlich Christen) bestand, die zum Unterhalt der Festung und Sicherung der Küstenschifffahrt verpflichtet waren und dafür Steuerfreiheit genossen. Damals lebten nur 4 Muslime in der Festung.[3][2] Für das Jahr 1515 wird die Bewaffnung der Festung mit 6 Kanonen, 28 Gewehren, 3 Katapulten und 28 Bögen angegeben. Für 1525 wird eine Besiedlung mit 31 muslimischen und 221 christlichen Haushalten angegeben; die Besatzung zählte 23 Personen. Weiter existierte in der Burg die Hüdâvendigâr-Moschee, deren Bau Sultan Selim I. zugeschrieben wird, und ein Hamam. Nach einem Bericht aus dem Jahr 1556 konnte die Festung 5000 bis 10000 Personen Schutz bieten.[3]
War Giresun bis in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts im Wesentlichen ein Festungsplatz gewesen, begann dann die Stadt über den Festungsbereich hinaus unter anderem an die Küste zu wachsen und wurde so zu einer Hafenstadt.[4]
1764 hatten sich zwei Ayân (Provinznotabeln, vergleichbare Personen wurden in anderen Fällen auch als Derebey bezeichnet), Dizdaroğlu Ali und Abdi der Festung bemächtigt und wurden von einem Aufgebot des Vali von Trabzon Numan Paşa und des Muhassıl von Canik (die Provinz von Samsun) Hacı Ali Bey belagert und bombardiert und flohen schließlich aus der Festung.[5]
Die russisch-osmanischen Kriege der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts berührten auch die Festung von Giresun. 1780 verzeichnet ein Dokument eine Besatzung von 363 Janitscharen auf der Festung. 1788 wurde von der Festungsartillerie ein Landungsversuch einer russischen Flottenabteilung vereitelt.[6]
1798 wurden, durch die Ägypten-Expedition Napoleon Bonapartes veranlasst, der französische Konsul in Izmir mit 9 Personen seines Gefolges in der Festung interniert.[7]
Aus Berichten aus den Jahren 1789/90 geht hervor, dass sich zu dieser Zeit die Festungsanlagen auf dem Festungsberg wie auf der Giresun vorgelagerten Insel in einem ruinösen Zustand befanden. In den Folgejahren wurde wenig unternommen, hieran etwas zu verändern.[8]
Vielmehr wurde in einem Klima zunehmender innerer Unsicherheit die Festung Giresun in den Jahren 1806 und 1808/9 wiederholt das Ziel von Befriedungsmaßnahmen der Muhassıls von Canik gegen rebellische Festungskommandanten in Giresun, bei denen auch die die Stadt und auch die Festungsanlagen in Mitleidenschaft gezogen wurden.[9]
Die eingetretenen Schäden, Vernachlässigung und der Verlust der militärischen Bedeutung der Festung führte dann dazu, dass Jakob Philipp Fallmerayer bei seinem Besuch am 10. Oktober 1840 die Befestigungsanlagen auf dem Burgberg verfallen und die Zisternen ausgetrocknet vorfand.[10][11]
Architektur
Von der ursprünglich umfangreicheren Anlage sind bis heute vor allem der zentrale Turm und südlich anschließende Mauerreste erhalten. Besonders auffällig sind die Fundamentbereiche der Mauern, die aus großen rechteckigen Steinblöcken bestehen und den antiken Ursprung der Anlage belegen.
Heutige (Stand 3. Oktober 2025) Nutzung
Auf dem höchsten Punkt der Burg befindet sich das Grab von Topal Osman, einer historischen Persönlichkeit der türkischen Nationalbewegung. An der dem Meer zugewandten Nordseite liegen ein Märtyrerfriedhof sowie das Grab von Kurban Dede, einem Schüler des Derwischs Hacı Bektaş Veli. Die Burganlage ist heute ein beliebtes Ausflugsziel und Aussichtspunkt für Einheimische und Besucher.[12]
Literatur
- Altay Coşkun: Expansion und Dynastische Politik in Pontos. Zwei neue Ären unter Pharnakes I. In: Historia.71, Nr. 1 2022, S. 2–26 doi:10.25162/historia-2022-0001
- Mustafa Aydın: Giresun Kalesi (1764-1840). In: Karadeniz İncelemeleri Dergisi.Bd. 12, Nr. 12 2012, S. 39–56 (Online) (türkisch)
- Feridun M. Emecen: XV-XVI. Asırlarda Giresun ve Yöresine Dâir Bâzı Bilgiler. In: Ondokuz Mayıs Üniversitesi Eğitim Fakültesi Dergisi.4, Nr. 1 1989, S. 157–166 (Online) (türkisch)
Einzelnachweise
- ↑ Altay Coşkun: Expansion und Dynastische Politik in Pontos. Zwei neue Ären unter Pharnakes I. In: Historia.71, Nr. 1 2022, S. 2–26 doi:10.25162/historia-2022-0001, S. 4
- ↑ a b Feridun M. Emecen: XV-XVI. Asırlarda Giresun ve Yöresine Dâir Bâzı Bilgiler. In: Ondokuz Mayıs Üniversitesi Eğitim Fakültesi Dergisi. Bd. 4, Nr. 1, 1989, S. 157–166, S. 158
- ↑ a b Mustafa Aydın: Giresun Kalesi (1764-1840). In: Karadeniz İncelemeleri Dergisi. Bd. 12, Nr. 12 2012, S. 39–56, S. 41
- ↑ Feridun M. Emecen: XV-XVI. Asırlarda Giresun ve Yöresine Dâir Bâzı Bilgiler. In: Ondokuz Mayıs Üniversitesi Eğitim Fakültesi Dergisi. Bd. 4, Nr. 1, 1989, S. 157–166, S. 163.
- ↑ Mustafa Aydın: Giresun Kalesi (1764-1840). In: Karadeniz İncelemeleri Dergisi. Bd. 12, Nr. 12 2012, S. 39–56, S. 41–42
- ↑ Mustafa Aydın: Giresun Kalesi (1764-1840). In: Karadeniz İncelemeleri Dergisi. Bd. 12, Nr. 12, 2012, S. 39–56, S. 42–43
- ↑ Mustafa Aydın: Giresun Kalesi (1764-1840). In: Karadeniz İncelemeleri Dergisi. Bd. 12, Nr. 12 2012, S. 39–56, S. 44
- ↑ Mustafa Aydın: Giresun Kalesi (1764-1840). In: Karadeniz İncelemeleri Dergisi. Bd. 12, Nr. 12 2012, S. 39–56, S. 46/47
- ↑ Mustafa Aydın: Giresun Kalesi (1764-1840). In: Karadeniz İncelemeleri Dergisi. Bd. 12, Nr. 12, 2012, S. 39–56, S. 45, 47
- ↑ Mustafa Aydın: Giresun Kalesi (1764-1840). In: Karadeniz İncelemeleri Dergisi. Bd. 12, Nr. 12 2012, S. 39–56, S. 40
- ↑ Jakob Philipp Fallmerayer: Fragmente aus dem Orient. Erster und zweiter Band. Ed. Raetia, [Bozen] 2013, ISBN 978-88-7283-354-4, S. 126–128
- ↑ Kültür Portalı: Giresun Kalesi
Weblinks
- Giresun İl Kültür ve Turizm Müdürlüğü: Giresun Kalesi, (Offizielle Webseite des Ministeriums, türkisch)
- Kültür Portalı: Giresun Kalesi, (kurze Zusammenfassung, türkisch)
- Livius.org: Pharnaces I of Pontus
Koordinaten: 40° 55′ 17,2″ N, 38° 23′ 30,6″ O