Ginx’s Baby (Foto)
Ginx’s Baby (auch Mental Distress) ist eine Schwarzweißfotografie des schwedisch-britischen Fotografen Oscar Gustave Rejlander, die einen kleinen, weinenden Jungen zeigt. Sie entstand 1871 oder 1872 als Auftragsarbeit für den Naturforscher Charles Darwin, der sie in seinem Buch Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren abdrucken ließ. Daneben vertrieb Rejlander Fotokarten des Bildes, die zu einem großen Verkaufserfolg wurden. Ein Grund für den Erfolg war die Tatsache, dass das Kind auf dem Foto mit dem Protagonisten des zu dieser Zeit populären Romans Ginx’s Baby: His Birth and other Misfortunes verbunden wurde; der Roman inspirierte auch den Titel der Fotografie.
Rejlander erhielt viel Lob für die Qualität des Fotos. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde klar, dass es sich bei der verbreitetsten Version nicht um eine echte Fotografie handelt. Vielmehr hatte Rejlander ein Foto des Kindes nachgezeichnet und diese Zeichnung dann abfotografiert.
Entstehung
1871 arbeitete Charles Darwin an seinem Buch Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Es war nach Über die Entstehung der Arten (1859) und Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl (1871) sein drittes Buch, in dem er natürliche und gesellschaftliche Ursachen für biologische Entwicklungen untersuchte. Diesmal ging es um die Bedeutung von Emotionen und ihres Ausdrucks für das Überleben des Einzelnen und Gruppen von Lebewesen. Besondere Relevanz bei diesen Untersuchungen maß Darwin Kindern bei, da er sie weniger anfällig für sozial bedingtes Verhalten hielt und deshalb natürlichere Ausdrucksweisen von ihnen erwartete als von Erwachsenen.[1]
Für die Illustration eines weinenden Kindes hatte Darwin sich auf die Verwendung von Fotografien festgelegt. Zeichnungen sah er als unzureichend an, da die Gesichtsmerkmale von weinenden Kindern für das Auge nur schwer exakt zu beobachten seien. Fotografien hingegen seien objektiv und erlaubten eingehendere Studien der Mimik des Kindes.[2] Bevor er sich an Oscar Rejlander wandte, kontaktierte er zunächst andere Fotografen. Einer von ihnen war ein nicht namentlich genannter Londoner Fotograf, bei dem es sich vermutlich um George Charles Wallich handelte. Ein anderer war Adolph Diedrich Kindermann aus Hamburg, der ihm mehr als ein Dutzend Studioporträts von Kindern zuschickte. Darwin bezeichnete sie als einige der besten Fotografien seiner Sammlung und nahm drei von ihnen in sein Buch auf. Aufgrund mangelnder Details waren sie aber nicht zum Studium einzelner Gesichtsmuskelgruppen geeignet.[3]
Darwin nahm deshalb Kontakt zu Rejlander auf. Eine erste schriftliche Korrespondenz ist für den April 1871 dokumentiert. Im November 1871 schrieb Rejlander dann an Darwin, dass er vielleicht im Frühling, aber nicht zu dieser Zeit des Jahres die Fotos liefern könne, da die natürlichen Lichtverhältnisse im Winter deutlich schlechter waren.[4] Im Frühjahr 1872 lieferte er dann wirklich das Bild eines weinenden kleinen Jungen. Von seinen Aufnahmeversuchen ist ein Albumindruck von einem Kollodium-Nassplatten-Negativ mit der ungefähren Größe von 4 × 2 ¼ Zoll überliefert. Der Junge nimmt auf dem Foto nur einen kleinen Teil der Bildfläche ein. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Rejlander eine Linse mit kurzer Brennweite verwendete. Sie ermöglichte zwar eine kürzere Belichtungszeit und eine höhere Schärfentiefe, vergrößerte aber auch das Sichtfeld und verkleinerte damit das Kind. Zwar gab es mit der sogenannten Solarkamera bereits die Möglichkeit der Vergrößerung des Fotos, allerdings war dies teuer und oft nur von geringer Qualität. Stattdessen zeichnete Rejlander das Foto vergrößert nach und fotografierte diese Zeichnung dann ab. Eine mögliche Herangehensweise beschrieb Rejlander 1866 im British Journal of Photography. Ein transparenter Abzug des Fotos wird in ein Fenster gehängt und die Fläche darum abgedunkelt. Eine Kamera wird ohne Fotoplatte darauf ausgerichtet und damit das Bild auf die Leinwand oder den Zeichenblock projiziert. Ob es Rejlanders oder Darwins Idee war, das Foto nachzuzeichnen, ist nicht bekannt. Klar ist jedoch, dass Darwin wusste, dass das Foto auf einer Zeichnung beruhte.[5]
Die entstandene Zeichnung ist 21 ¼ × 17 ¼ Zoll groß. Es handelt sich um eine Kreidezeichnung in Schwarz und Sepia, die Rejlander mit Weiß akzentuierte und auf Karton aufzog. Die sepiafarbenen Teile des Bildes erschienen auf dem späteren Foto in einem hellgrauen Ton, der allein mit schwarzer und weißer Kreide schwer erzeugbar war. Im Vergleich zum Foto nahm Rejlander nur leichte Veränderungen am Aussehen des Kindes vor. Das linke Auge öffnete er etwas und machte dabei die Pupille sichtbar. Auch das Haar und die Stirn des Kindes passte er leicht an. Außerdem verdunkelte er die Leistengegend ein wenig und machte dadurch den Penis des Jungen weniger sichtbar. Größere Veränderungen nahm er an der Umgebung des Kindes vor. Während es im Foto auf einem Tisch platziert ist, sitzt es in der Zeichnung auf einem gepolsterten Stuhl. Rejlander nutzte einen solchen Stuhl offenbar als Requisit bei Fotos, denn er erscheint auf einem anderen Foto eines Kindes aus derselben Zeit. Der gezeichnete Stuhl ist im Vergleich zum Kind relativ klein. Außerdem ist seine Perspektive nicht ganz korrekt, was vermuten lässt, dass Rejlander ihn freihändig zeichnete.[5]
Veröffentlichung
Die englische Ausgabe von Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren erschien im November 1872 bei John Murray in einer Auflage von 7000 Stück. Es war nicht nur das einzige von Darwins Büchern mit Fotografien, vielmehr ist es auch eines der ersten wissenschaftlichen Bücher überhaupt, das Fotografien enthält. Ginx’s Baby erschien als Abbildung 1 auf der Bildtafel 1, die sechs Fotos von weinenden Kindern zeigt. Die Tafel war Teil des sechsten Kapitels Spezielle Ausdrucksweisen beim Menschen: Leiden und Weinen. Auch in zahlreichen ausländischen Ausgaben, die in den folgenden Jahren erschienen, war das Foto enthalten; unter anderem in der deutschen, die noch im selben Jahr von E. Schweizerbart verlegt wurde.[2]
Ginx’s Baby ist dabei das einzige Foto, das in zwei verschiedenen Varianten enthalten ist. Die meisten bekannten Exemplare des Buches enthalten die Version der abfotografierten Zeichnung. Einige Exemplare früher Ausgaben enthalten stattdessen die Original-Fotografie. Es ist unklar, ob die Verwendung beider Varianten gewollt war oder auf Fehler der ausführenden Druckerei beruhen. Für letzteres spricht, dass viele der Fotos je nach Ausgabe gespiegelt oder ungespiegelt abgedruckt wurden.[6]
Darwin bezeichnete die Fotos als „getreue Copien und für den vorliegenden Zweck bei weitem vorzüglicher als irgend eine, wenn auch noch so sorgfältig ausgeführte Zeichnung“.[7] Dass es sich bei Ginx’s Baby in den meisten Ausgaben nicht um ein echtes Foto handelte, erwähnte er nicht.[8] Diese fehlende Klarstellung sorgte dafür, dass Rejlander für die technische Bravur von Ginx’s Baby gepriesen wurde.[9] So berichtete 1875 The Photographic News von einem Kunstkritiker, laut dem alle früheren Versuche, Emotionen darzustellen, von Rejlanders Fotos – insbesondere von Ginx’s Baby – in den Schatten gestellt worden seien.[10]
Die Popularität von Ginx’s Baby ging jedoch weit über Darwins Buch hinaus. Rejlander vertrieb bis zu seinem Tod Anfang 1875 Fotokarten von dem Bild, wobei den meisten Käufern der ursprünglich wissenschaftliche Charakter des Fotos wohl nicht bewusst war. Die Karten wurden Rejlanders größter kommerzieller Erfolg, auch wenn sich die genauen Verkaufszahlen nur schwer beziffern lassen. Edgar Yoxall Jones spricht in seiner Rejlander-Biografie von 60.000 Drucken im Format 24 × 30 Zentimeter und 250.000 Cartes de Visite, ohne genaue Belege für diese Zahlen anzugeben.[11] Phillip Prodger zweifelt in seiner umfangreichen Studie zu den Fotografien in Darwins Buch solch hohe Druckzahlen jedoch an, da Rejlander in den Jahren vor seinem Tod durch Krankheit eingeschränkt war und bis auf seine Frau kein Helfer bekannt sei. Nichtsdestotrotz sei aufgrund der großen Zahl von Cartes de Visit mit Ginx’s Baby im antiquarischen Handel von hohen Verkaufszahlen auszugehen.[12]
Bei diesem großen Verkaufserfolg profitierte Rejlander von der Assoziation seines Fotos mit dem Buch Ginx’s Baby: His Birth and other Misfortunes von Edwad Jenkins, das 1870 erschienen war. Der satirische Roman beschreibt das kurze Leben des dreizehnten Kindes der armen Londoner Familie Ginx. Da der Vater nicht für seine vielen Kinder sorgen kann, versucht er, den Neugeborenen von einer Brücke zu werfen. Er wird dabei ertappt und muss den Säugling abgeben; der Junge wandert daraufhin durch mehrere Hände, ohne dass sich wirklich jemand um ihn kümmert. Entmutigt springt er am Ende des Romans von ebenjener Brücke, von der ihn sein Vater werfen wollte.[13]
Jenkins’ Buch war ein großer Publikumserfolg. In den ersten fünf Jahren nach seiner Veröffentlichung erschienen 36 Auflagen in Großbritannien; eine ähnliche Anzahl wurde in Nordamerika vertrieben. Der Junge auf Rejlanders Foto wurde mit dem Protagonisten von Jenkins’ Roman identifiziert; schon bald waren die beiden nicht mehr voneinander zu trennen. Beispielsweise erschienen die Noten der Ginx’s Baby Polka von J. C. Drane mit einer lithografischen Reproduktion von Rejlanders Foto auf dem Cover. Wie es zu dieser Gleichsetzung kam, ist nicht vollkommen geklärt.[14] Ein Artikel über Rejlander, der 1890 – also 15 Jahre nach Rejlanders Tod – in The Photographic News erschien, schreibt den Titel Ginx’s Baby Henry Baden Pritchard zu, einem früheren Herausgeber der Zeitschrift. Rejlander habe das Foto bei einer Ausstellung unter dem Titel Mental Distress eingereicht. In seiner Ankündigung der Ausstellung habe Pritchard dann in Anlehnung an den Roman den Titel Ginx’s Baby verwendet.[15]
Rejlander nutzte seine Zeichnung von Ginx’s Baby mehrfach als Requisit für Selbstporträts, die er an Darwin schickte. Zwei Doppelporträts zeigen ihn neben der Zeichnung, wie er den Gesichtausdruck des Kindes imitiert, wobei er nach eigener Aussage bei jeweils einem der Porträts lachte und beim anderen weinte. Ein drittes Doppelporträt zeigt ihn links in seiner Soldatenuniform. Rechts ist er in Zivil zu sehen, wobei im Hintergrund die Zeichnung von Ginx’s Baby auf einer Staffelei steht.[16]
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Laughing/Crying, Albumindruck, 1871/72
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Laughing/Crying, Albumindruck, 1871/72
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Oscar Rejlander, Introducing… Mr. Rejlander, Albumindruck, 1871/72
Literatur
- Monica F. Cohen: Unsettling Entitlement and ‘Ginx’s Baby’. In: Journal of Victorian Culture. Band 26, Nr. 4, 2021, S. 534–551, doi:10.1093/jvcult/vcab043 (englisch).
- Phillip Prodger: Rejlander, Darwin, and the Evolution of ‘Ginx’s Baby’. In: History of Photography. Band 23, Nr. 3, 1999, S. 260–268, doi:10.1080/03087298.1999.10443329 (englisch).
- Phillip Prodger: Darwin’s Camera. Art and Photography in the Theory of Evolution. Oxford University Press, New York 2009, ISBN 978-0-19-515031-5, Kapitel 7: Laughing and Crying. Dawin’s Quest for Pictures of Expressive Babies, S. 103–132 (englisch).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Phillip Prodger: Rejlander, Darwin, and the Evolution of 'Ginx’s Baby'. 1999, S. 260–261.
- ↑ a b Phillip Prodger: Rejlander, Darwin, and the Evolution of 'Ginx’s Baby'. 1999, S. 260.
- ↑ Phillip Prodger: Darwin’s Camera. 2009, S. 114–116.
- ↑ Phillip Prodger: Darwin’s Camera. 2009, S. 111.
- ↑ a b Phillip Prodger: Darwin’s Camera. 2009, S. 120–125.
- ↑ Phillip Prodger: Darwin’s Camera. 2009, S. 108–110.
- ↑ Zitiert nach der deutschen Ausgabe von 1877, S. VIII (darwin-online.org.uk).
- ↑ Phillip Prodger: Rejlander, Darwin, and the Evolution of 'Ginx’s Baby'. 1999, S. 267.
- ↑ Phillip Prodger: Rejlander, Darwin, and the Evolution of 'Ginx’s Baby'. 1999, S. 261.
- ↑ The Rejlander Memorial Fund. In: The Photographic News. Band XIX, Nr. 878, 2. Juli 1875, S. 318 (englisch, google.de).
- ↑ Edgar Yoxall Jones: Father of Art Photography: O. G. Rejlander, 1813–1875. New York Graphic Society, Greenwich 1973, ISBN 0-8212-0598-6, S. 38 (englisch).
- ↑ Phillip Prodger: Darwin’s Camera. 2009, S. 111, 247, Fußnote 29.
- ↑ Phillip Prodger: Darwin’s Camera. 2009, S. 111.
- ↑ Phillip Prodger: Darwin’s Camera. 2009, S. 111–113.
- ↑ H. P. Robinson: Oscar Gustav Rejlander. In: The Photographic News. Band XXXIV, Nr. 1635, 3. Januar 1890, S. 9–10, hier: 10 (englisch, archive.org).
- ↑ Phillip Prodger: Darwin’s Camera. 2009, S. 126–130.