Ghetto in der Zeit des Nationalsozialismus

Ghettos wurden während des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) von den Nationalsozialisten für von ihnen verfolgte und deportierte Juden im okkupierten Polen, im annektierten Tschechien und in der deutsch besetzten Sowjetunion errichtet. Diese Haftlager dienten vor deren Transport in die Vernichtungslager als Übergangsstationen.[1]

Die SS-Bezeichnung der Sammellager (Konzentrationslager) vor der weiteren Deportation in die Vernichtungslager der Schoah war durchgängig der deutsche Begriff Jüdischer Wohnbezirk oder Jüdische Wohnsiedlung. Als Kurzbezeichnung oder Übersetzung wurde daneben das Wort Getto/Ghetto benutzt. Allerdings bekam dieses Wort dadurch einen ganz anderen Sinn als der historische Begriff. In Osteuropa wurden von den deutschen Besatzern zwischen 1939 und 1944 ungefähr 1150 Ghettos errichtet,[2] davon etwa 400 auf polnischem und etwa 400 auf sowjetischem Territorium. Sehr oft wurden davor die jüdischen Bewohner der Ortschaften vertrieben oder ermordet.

Etymologie

Der Begriff Ghetto (auch Getto) entstand in Venedig 1516.[3] Im Jahre 1870 war das römische Ghetto schließlich das einzige der Welt und wurde durch den italienischen König Viktor Emanuel II. bei der Besetzung des Kirchenstaats aufgelöst.

Ghettoisierung durch die deutschen Besatzer

Bereits ab September 1939 wurde auf geheime Anordnung von Reinhard Heydrich an die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD nach Beendigung des Überfalls auf Polen mit der als vorübergehend geplanten Konzentration von Juden aus dem Lande in abgegrenzten Gebieten der polnischen Dörfer und Städte begonnen. Dort sollten sie leichter kontrolliert und zur vorübergehenden wirtschaftlichen Ausbeutung als Zwangsarbeiter eingesetzt werden können. Ebenfalls konnte dort ihr Vermögen mit dem Ziel der Arisierung (Raub) systematisch erfasst werden.[4]

Den Anfang machte der als Generalgouvernement besetzte Teil Polens. Vorbereitende Maßnahmen waren die hier erstmals von den Deutschen eingeführte Kennzeichnungspflicht für Juden, die von Generalgouverneur Hans Frank schon Ende November 1939 angeordnet wurde (weiße Armbinden mit einem sogenannten Judenstern), der im weiteren Verlauf auch im „Altreich“ eingeführt wurde. Gleichzeitig ordnete der durch Himmler eingesetzte „Höhere SS- und Polizeiführer Ost“ Krüger der jüdischen Bevölkerung nächtliche Ausgangssperren und das Verbot an, sich außerhalb des derzeitigen Wohnorts niederzulassen.

Eine weitere Maßnahme war die Bildung von sogenannten Judenräten, die als jüdische Selbstverwaltungsorgane von den deutschen Besatzern als deren Befehlsempfänger gegenüber den jüdischen Gemeinden zwangsweise geschaffen wurden. Sie waren zuerst der deutschen Zivilverwaltung unterstellt, später den SS- und Polizeikräften. In der Praxis hatten diese „Judenräte“ vor und während der Ghettoisierung etwa Mannschaften für Zwangsarbeitseinsätze zusammenzustellen, die Auslieferung der verbleibenden Vermögenswerte der jüdischen Bevölkerung zu organisieren und schließlich sogar, im Zuge der Auflösung der Ghettos ab dem Jahr 1942, die Deportation der Gefangenen in die verschiedenen Vernichtungslager mitzuorganisieren.

Die Ghettoisierung an sich, im Wortsinn die Konzentration der jüdischen Bevölkerung in – teils (etwa im Warschauer Ghetto) mit Mauern und Kontrollposten abgesperrten – Stadtteilen, verlief in Polen hauptsächlich von April 1940 bis Ende 1941. Die drei größten Wohnbezirke bzw. Ghettos waren das Warschauer Ghetto (Oktober 1940, errichtet in einem 1939 von der Militärverwaltung zum Seuchensperrgebiet deklarierten Teil der Stadt), das Ghetto in Lodz (April 1940) sowie – nachdem die Deutschen das eroberte sowjetische Galizien als fünften Distrikt in das von ihnen so bezeichnete „Generalgouvernement“ eingegliedert hatten – das Ghetto Lemberg (Dezember 1943).

Während der Aktion Reinhardt wurden Ghettos der umliegenden Gebiete als Transitghettos genutzt. In ihnen wurden die Juden für den Transport in die Todeslager „gesammelt“. Das größte und bekannteste Transitghetto war das Ghetto Izbica.

Weitere, teils ausgedehnte Ghettos bestanden in verschiedenen Städten des besetzten Teiles der Sowjetunion, zum Beispiel das Ghetto Kaunas, das ab September 1943 zum KZ Kauen wurde, das Ghetto Wilna oder das Ghetto Riga. Dort wurden diejenigen Juden eingesperrt, die nicht bei der ersten Tötungswelle durch die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in der zweiten Jahreshälfte 1941 ermordet worden waren. Ab Ende 1941, nach der Ermordung der einheimischen Insassen, wurden dorthin aus dem „Altreich“ und den eingegliederten Gebieten in Polen deportierte Juden verbracht; diese wurden nicht mehr in die Ghettos des Generalgouvernements transportiert, weil sich die dortige Zivilverwaltung bereits im Frühjahr 1940 aus Kapazitätsgründen gegen solche Pläne wehrte.

Als Vorzeigeghetto wurde das Ghetto Theresienstadt in der ehemaligen Garnisonsstadt von Terezín eingerichtet. Dorthin wurden aus ganz Europa prominente ältere jüdische Persönlichkeiten verschleppt, aber auch Familien mit Kindern. Zu Propagandazwecken wurde in einer späten Phase des Lagers der Film Theresienstadt gedreht.

Große Ghettos Staat internierte Juden von bis Transporte nach
Budapester Ghettos Ungarn 120.000 November 1944 Januar 1945 Auschwitz
Ghetto Lemberg Ukraine 115.000 November 1941 Juni 1943 Belzec, Janowska
Ghetto Litzmannstadt Polen 200.000 Februar 1940 August 1944 Chelmno, Auschwitz
Warschauer Ghetto Polen 450.000 Oktober 1940 Mai 1943 Treblinka, Majdanek

Sinti und Roma

Da die Verfolgung der Sinti und Roma oft eng mit der Judenverfolgung verknüpft war, wurden diese ebenfalls in Ghettos im Generalgouvernement deportiert, so ins Ghetto Siedlce und ins Ghetto Lodz.[5][6]

Alltag der deutschen „Ghettos“ in Europa

Der Alltag der Ghettos war geprägt von Unterernährung, Krankheiten und Tod. Seuchen, zum Beispiel Fleckfieber, grassierten aufgrund der unsäglichen hygienischen Bedingungen und der katastrophalen Ernährungssituation. So senkten hohe NS-Führer die Brotration und die Ration an Marmelade auf 50 bzw. 30 Gramm im Monat herab. Teilweise konnten die Bewohner des Warschauer Ghettos sich nur noch durch Schmuggel mit Lebensmitteln versorgen. Es gelang ihnen sogar, eine Kuh ins Ghetto zu schmuggeln, um wenigstens die Neugeborenen mit Milch zu versorgen. Nach Heinz Auerswald, dem Kommissar des Warschauer Ghettos, stieg die Zahl der Todesfälle in den jüdischen Wohnbezirken Warschaus von Januar 1941 bis August 1941 von 898 Fälle auf 5560 Fälle um über 500 Prozent. Als Gründe hierfür nennt Auerswald die Mangelernährung und das Fleckfieber.[7] Der polnische Mediziner Ludwik Hirszfeld, der von 1941 bis 1943 im Warschauer Ghetto eingepfercht war, schilderte die menschenunwürdigen Zustände dort in folgenden eindringlichen Worten:

„Die Straßen sind so übervölkert, daß man nur schwer vorwärts gelangt. Alle sind zerlumpt, in Fetzen. Oft besitzt man nicht mal mehr ein Hemd. Überall ist Lärm und Geschrei. Dünne, jämmerliche Kinderstimmen übertönen den Krach. […] Auf den Bürgersteigen stapeln Kot und Abfälle sich zu Haufen und Hügeln. […] Ich sehe ungeheuer viele Männer und Frauen, die vom Ordnungsdienst gejagt werden. Alte, Krüppel und Gebrechliche werden an Ort und Stelle selbst liquidiert. […] Oft liegt etwas mit Zeitungen Zugedecktes auf dem Bürgersteig. Schrecklich ausgezehrte Gliedmaßen oder krankhaft angeschwollene Beine schauen meistens darunter hervor. Es sind die Kadaver der an Flecktyphus Verstorbenen, die von den Mitbewohnern einfach hinausgetragen werden, um die Bestattungskosten zu sparen. Tausende von zerlumpten Bettlern erinnern an das hungernde Indien. Grauenhafte Schauspiele erlebt man täglich.“[8]

Anfang der 1940er Jahre entsandte die antisemitische Hetzzeitung Der Stürmer sogar einen Bildberichterstatter ins Warschauer Ghetto. Später erschien im Stürmer ein fast sadistisch anmutender Bericht über das Leben im Ghetto.[9] Nahrungsmittel wurden von den deutschen Besatzungsbehörden streng kontingentiert und man bemühte sich, die Kosten für die katastrophale Versorgung der Ghettos noch dadurch zu minimieren, dass man – wo wegen der Größe des Ghettos möglich – in ghettoeigenen Wirtschaftsbetrieben und in externen Betrieben oder Arbeitslagern die Gefangenen quasi als Leiharbeiter vermietete und dadurch Einnahmen erzielte. Manche Industrielle machten mit Hilfe dieser „Ghetto-Geschäfte“ so hohe Gewinne, dass sie ein riesiges Vermögen anhäufen konnten.[9]

Organisation der „Endlösung“

Im Jahr 1942 – nachdem im Januar auf der Wannseekonferenz in Berlin die „Endlösung der Judenfrage“ regierungsintern bekanntgegeben und in Details geregelt worden war, inklusive der Geheimhaltungsbefehle – wurde damit begonnen, die Ghettos systematisch von ihren Bewohnern zu entleeren. Zum größeren Teil wurden die Ghettobewohner zugweise in die Mordzentren der Vernichtungslager deportiert, was im Warschauer Ghetto schließlich zum bewaffneten Aufstand führte. Teilweise wurden die Ghettos aber auch dadurch liquidiert, dass ihre Bewohner an Ort und Stelle erschossen wurden. Auf diese Weise verfuhr die SS vor allem in den besetzten Teilen der Sowjetunion, zum Beispiel in Minsk und Riga, aber auch in weiten Teilen Polens (als Beispiel Mielec, Izbica).

Juristische Aufarbeitung

Da die Organisation der Zwangsarbeit durch die Judenräte Merkmale eines ordentlichen Arbeitsverhältnisses aufwies, ergaben sich daraus Rentenansprüche für die Arbeiter bzw. deren Hinterbliebene. Dies wurde nach diversen gerichtlichen Verfahren im Ghettorentengesetz im Jahr 2002 gesetzlich präzisiert. Da die Vorschrift zunächst nur für freiwillige Arbeitsaufnahme ausgelegt worden war, kam es im Jahr 2009 durch das Bundessozialgericht wegen mehrerer Revisionsverfahren zu einer Klarstellung zugunsten der Antragsteller.[10]

Siehe auch

Literatur

  • Andrej Angrick und Peter Klein: Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941–1944. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-19149-8.
  • Christopher Browning: Die nationalsozialistische Ghettoisierungspolitik in Polen 1939–1941. In: Ders.: Der Weg zur „Endlösung“. Entscheidungen und Täter. Rowohlt, Hamburg 2002, ISBN 3-499-61344-1, S. 39–70.
  • Adam Czerniaków: Im Warschauer Ghetto. Das Tagebuch 1939–1942 („Dziennik getta warszawskiego“). Beck, München 1986, ISBN 3-406-31560-7.
  • Bernard Goldstein: Die Sterne sind Zeugen. Der bewaffnete Aufstand im Warschauer Ghetto. Ahriman-Verlag, Freiburg/B. 1994, ISBN 3-922774-69-5 (Nachdr. d. Ausg. Hamburg 1950).
  • Carlos Alberto Haas: Das Private im Ghetto. Jüdisches Leben im deutsch besetzten Polen, 424 S., Wallstein, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8353-3843-2.
  • Bernard Mark: Der Aufstand im Warschauer Ghetto. Entstehung und Verlauf („Powstanie w Getcie Warszawskim“). Dietz-Verlag, Berlin 1959.
  • Dan Michman/Dan Mikhman: Angst vor den „Ostjuden“. Die Entstehung der Ghettos während des Holocausts. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-596-18208-4.
  • Guy Miron, Shlomit Shulhani (Hrsg.): Die Yad Vashem Enzyklopädie der Ghettos während des Holocaust. Wallstein, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1330-9.
  • Eric J. Sterling: Life in the Ghettos During the Holocaust. University Press, Syracuse, N.Y. 2005, ISBN 0-8156-0803-9.
  • Michal Unger (Hrsg.): The Last Ghetto. Life in the Lodz Ghetto 1940–1944. Yad Vashem, Jerusalem 1995, ISBN 965-308-045-8 (Kat. d. gleichnam. Ausstellung).
  • Erhard Roy Wiehn: Ghetto Warschau. Aufstand und Vernichtung. Fünfzig Jahre danach zum Gedenken. Hartung-Gorre, Konstanz 1993, ISBN 3-89191-626-4.
  • Avraham Tory: Surviving the Holocaust. The Kovno Ghetto Diary. CUP, Cambridge 1990, ISBN 0-674-85810-7.
  • Steffen Hänschen: Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust. Metropol-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-86331-381-4.
  • Robert Kuwałek: Die Durchgangsghettos im Distrikt Lublin. In: Bogdan Musial: Aktion Reinhardt. Der Völkermord an den Juden im Generalgouvernement 1941–1944. Osnabrück 2004, ISBN 3-929759-83-7.
  • Robert Kuwałek: Die letzte Station vor der Vernichtung: das Durchgangsghetto in Izbica. In: Deutsche, Juden, Polen: Geschichte einer wechselvollen Beziehung im 20. Jahrhundert. Herausgeber: Andrea Löw, Kerstin Robusch, Stefanie Walter, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-593-37515-X, S. 157–179.

Film

Wiktionary: Getto – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Ghetto – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Lexikon der Deutschen Geschichte. Renningen 2005, ISBN 3-938264-04-7, S. 106. (Organisation: Christian Zentner, Mitarbeiter: Daniela Kronseder, Nora Wiedermann).
  2. US-Forscher: 42 500 Lager in der Nazizeit in Der Tagesspiegel, 3. März 2013.
  3. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 25. Auflage, De Gruyter, ISBN 978-3-11-022364-4.
  4. deathcamp.org: Ghettos, abgerufen am 10. Februar 2015.
  5. Dieter Pohl: Ghettos. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8, S. 181.
  6. Till Bastian: Sinti und Roma im Dritten Reich: Geschichte einer Verfolgung. Beck 2001, ISBN 3-406-47551-5, S. 46 f.
  7. Gerhard Schoenberner: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933–1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M., 1991, S. 76.
  8. Udo Christoffel: Berlin Wilmersdorf – Die Juden / Leben und Leiden. Verlag Kunstamt Wilmersdorf, 1987, S. 294.
    Gerhard Schoenberner: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933–1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M., 1991, S. 77–78.
  9. a b Die Nürnberger Prozesse. Leeb & Heydecker.
  10. Bundessozialgericht, Urteil vom 2. Juni 2009, B 13 R 81/08 R, B 13 R 85/08 R, B 13 R 139/08 R