Gesellschaft für deutsche Volksbildung in der Tschechoslowakischen Republik

Die Gesellschaft für deutsche Volksbildung in der Tschechoslowakischen Republik war eine kulturelle und bildungspolitische Organisation der deutschen Minderheit in der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Sie wurde am 15. August 1925 in Reichenberg[1] mit dem Ziel, die deutsche Sprache, Kultur und Volksbildung in den deutschsprachigen Gebieten des Landes – insbesondere im Sudetenland – zu fördern und zu bewahren, gegründet[2] und entwickelte sich zum größten sudetendeutschen Volksbildungsverband.

Geschichte

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Tschechoslowakei Ende 1918 lebten etwa drei Millionen Deutsche innerhalb des neuen, aus Österreich-Ungarn hervorgegangenen Staates. Diese Bevölkerungsgruppe sah sich mit politischen und kulturellen Umbrüchen konfrontiert. Vor diesem Hintergrund wurde in der Mitte der 1920er Jahre auf Anregung des freien Schriftstellers Emil Franzel die Gesellschaft für deutsche Volksbildung in der Tschechoslowakischen Republik gegründet. 1930 bemühte sich die Gesellschaft intensiv um die Errichtung eines Volkshochschulheims für die Sudetendeutschen in Reichenberg.[3] Dieses Goetheheim wurde 1932 eröffnet.

Mit dem Erstarken nationalistischer Bewegungen in den 1930er Jahren, insbesondere der Sudetendeutschen Heimatfront und der 1935 daraus hervorgegangenen Sudetendeutschen Partei (SdP), geriet auch die Volksbildungsarbeit zunehmend unter politischen Einfluss. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938/39 und der Eingliederung der Sudetengebiete in das Deutsches Reich verlor die Gesellschaft ihre ursprüngliche Funktion und wurde aufgelöst bzw. in bereits bestehende nationalsozialistische Strukturen eingegliedert.

Die Gesellschaft gab ein eigenes Mitteilungsblatt heraus.[4] Daneben gab es die Schriftenreihe Sudetendeutsches Volk und Land.

Ziele und Aufgaben

Die Gesellschaft hatte sich folgende Aufgaben und Ziele gesetzt:

  • Förderung der deutschen Sprache und Kultur in der Tschechoslowakei,
  • Organisation von Volksbildungsarbeit (Vorträge, Abendkurse, Volkshochschulen),
  • Aufbau und Betreuung von Bibliotheken und Lesehallen,
  • Herausgabe von Schriften und Zeitschriften zur kulturellen Bildung,
  • Unterstützung deutscher Schulen und Lehrkräfte,
  • Pflege des kulturellen Austauschs zwischen Deutschen und Tschechen.[5]

Mitglieder

Geschäftsführer war seit 1928 der Volkskundler Emil Lehmann. Zu den Mitgliedern zählt u. a. der Politiker Hugo Liehm (1879–1958).

Literatur

  • Zwanzig Arbeitsgemeinschaften sudetendeutscher Volksbildner und Schutzarbeiter. In: Wilfried Brosche und Eduard Kaiser (Hrsg.): Sudetendeutsches Jahrbuch 1936. 3. Folge, 3. Band, Ed. Kaiser Verlag, Großschönau Sa. 1936, S. 131 ff.
  • Arthur Herr: Die Aufgaben der „Gesellschaft für deutsche Volksbildung“. Reichenberg 1937, OCLC 72539589.
  • Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. Stuttgart 1992, ISBN 3-17-011725-4
  • Kristina Kaiserova: Die Volksbildung im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: Kristina Kaiserová, Miroslav Kunstát (Hrsg.): Die Suche nach dem Zentrum. Waxmann, Münster, New York 2014, S. 215 ff.
  • Václav Houzvicka: Czechs and Germans 1848–2004. The Sudeten Question and the Transformation of Central Europe. Karolinum, Nakladatelstvi Univerzity Karlovy, Praha 2015.

Einzelnachweise

  1. Eintrag auf bohemistik.de
  2. Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. Stuttgart 1992.
  3. Karpathenland. Band 3, 1930, S. 142.
  4. Thomas Dietzel, Hans-Otto Hügel: Deutsche literarische Zeitschriften 1880–1945. Ein Repertorium. Walter de Gruyter, 2012, S. 545.
  5. Václav Houzvicka: Czechs and Germans 1848–2004. The Sudeten Question and the Transformation of Central Europe. Karolinum, Nakladatelstvi Univerzity Karlovy, Praha 2015.