Geschichte Für Alle – Institut für Regionalgeschichte

Geschichte Für Alle e. V. – Institut für Regionalgeschichte
(GFA)
Rechtsform eingetragener Verein
Gründung 1985 in Nürnberg
Sitz Nürnberg, Deutschland Deutschland
Schwerpunkt Geschichtliche Forschung, Geschichtsvermittlung
Vorsitz Ulla Hoßfeld, Johannes Pechstein, Alexander Büttner
Geschäftsführung Magadalena Prechsl. Alexander Büttner
Beschäftigte 28
Freiwillige 300
Mitglieder 1500
Website www.geschichte-fuer-alle.de

Der Verein Geschichte Für Alle e. V. (GFA) widmet sich stadt- und regionalgeschichtlicher Forschung sowie der Geschichtsvermittlung vor allem über Stadtführungen. Abgesehen davon bietet er Vorträge, Publikationen, Ausstellungen und museumspädagogischen Programme an. Der Verein zählt derzeit über 1500 Mitglieder, etwa zwei Dutzend Angestellte und über 300 freie Mitarbeiter. Der Wirkungsbereich umfasst derzeit die Städte Nürnberg, Fürth, Erlangen und Bamberg.

Vereinsgeschichte

Gründung

In der Bundesrepublik Deutschland entstanden im Rahmen der Neuen Sozialen Bewegungen Anfang der 1980er Jahre die ersten Geschichtswerkstätten[1], die u. a. den Begriff Heimat neu überdachten. Vor diesem zeithistorischen Hintergrund wurde der Verein Geschichte Für Alle am 19. Juni 1985 von einer Gruppe Geschichtsstudenten an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) gegründet. Als Zweck galt die „Förderung junger Historiker und Historikerinnen“, so auch der ursprüngliche Untertitel des Vereinsnamens. Das Ziel war, wissenschaftlich fundierte historische Inhalte anschaulich und zielgruppengerecht aufzubereiten und zu vermitteln, unter anderem durch Stadtrundgänge, Seminare und Vorträge. Gründungsmitglieder waren Walter Bauernfeind, Christian Feja, Julia Lehner, Rainer Mertens, Robert Simon, Bernd Windsheimer und Siegfried Zelnhefer. Inspiriert war die Gründung von Seminaren zu alltags- und sozialgeschichtlichen Fragen am Institut für Landesgeschichte der FAU bei Prof. Rudolf Endres und konkretisierte sich auf einer themenspezifischen Exkursion. Als Themen standen Nürnbergs Blütezeit im 16. Jahrhundert, das Industriezeitalter, die Zeit des Nationalsozialismus, sowie Fürth mit seiner prägenden jüdischen Geschichte fest. Als Zielgruppen sah der Verein damals vor allem Schulklassen und Jugendgruppen. Der Schwerpunkt sollte auf alltags- und sozialgeschichtlichen Fragen und Sachverhalten liegen, seinerzeit im Bereich der Tätigkeit von Stadtführern und im Kulturtourismus generell noch eher die Ausnahme. Der erste Bericht über Stadtführungen von GFA in den lokalen Medien titelte dementsprechend: „Geschichte ohne Fachwerkzauber“.[2][3] Die Idee des Vereins sah sich weniger bestehenden touristischen Traditionen als eben der „Neuen Geschichtsbewegung“ verbunden, die der Geschichtswerkstättenarbeit und den seit den 1970er zunehmend aufkommenden Oral-History-Projekten zugrunde lag. Das Konzept wurde zunächst als „moderne Heimatpflege ohne lokalpatriotische Verengung“ bezeichnet.[4]

1986 bis 1999

Ende 1986 mietete der Verein ein erstes Büro in der Steinstraße (St. Johannis) an, das in Eigenarbeit renoviert und mit geschenkten Möbeln eingerichtet wurde. Ab Januar 1987 organisierte GFA von diesem Büro aus die Rundgänge (1987: 250) und hielt dort wöchentliche Besprechungen ab. Der erste öffentliche Rundgang für Einzelbesucher im Jahre 1988 führte über das ehemalige Reichsparteitagsgelände, zuvor waren nur Rundgänge für geschlossene Gruppen angeboten worden. Das Reichsparteitagsgelände war und ist ein Schwerpunkt der Vereinsarbeit und der Rundgänge, die aufgrund Nürnbergs NS-Geschichte bewusst nicht als Führungen und die Rundgangsleiter nicht als Führer bezeichnet werden. Seitdem (1988) bietet der Verein regelmäßig öffentliche Rundgänge zu festen Terminen an. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Arbeitsamtes ermöglichten im September 1989 und in den Jahren 1990/91 die ersten festen Stellen des Vereins. Der erste dieser Mitarbeiter und spätere langjährige Geschäftsführer war das Gründungsmitglied Bernd Windsheimer, es folgten Rainer Mertens und Alexander Schmidt. GFA schaffte es in den Folgejahren, die geförderten in selbstfinanzierte Stellen zu wandeln. 1994 wurde der Sandberg Verlag gegründet, benannt nach dem westlichen Teil Sandberg des Stadtteils St. Johannis, wo sich das Büro und der Vereinssitz befindet. Der Sandberg Verlag verlegt fortan die bei GFA entstehenden Publikationen.[5] Die erste erschien noch im selben Jahr unter dem Titel „Geländebegehung - Das Reichsparteitagsgelände“. Der Verein erhielt 1994 den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg. Mit dem ersten Kinderrundgang 1995 erschloss sich GFA eine neue Zielgruppe. Im Jahre 1999 stieg der Verein in den Kreuzfahrttourismus (Binnenschifffahrt) auf dem Main-Donau-Kanal ein – heute eine zentrale Einnahmequelle des Vereins – und bot zunächst englischsprachige Vorträge zum Thema „Germany since 1933“ auf Flusskreuzfahrtschiffen an. Im gleichen Jahr wurde zudem der Untertitel des Vereins in „Institut für Regionalgeschichte“ geändert.[3]

2000 bis heute

2001 expandierte GFA nach Bamberg. Zudem wurde GFA (mit anderen Partnern) 2001 pädagogischer Partner im Studienforum des neueröffneten Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Im gleichen Jahr fanden auch die ersten Bustouren mit Schwerpunkt Nationalsozialismus für Kreuzfahrtgäste statt. Der erste Band der Reihe Historischer Spaziergang erschien 2004 unter dem Titel „Rotes Bier und blaue Zipfel. Zur Geschichte der Ernährung in Nürnberg“. Bis heute gehören die kulinarischen Rundgänge zu den beliebtesten Angeboten des Vereins. Der Verein eröffnete 2007 das Museum Henkerhaus Nürnberg in der ehemaligen Dienstwohnung des Nürnberger Henkers (u. a. Franz Schmidt) am Trödelmarkt mit einer kleinen Ausstellung (s. u.). 2010 übernahm GFA (gemeinsam mit anderen Partnern) die museumspädagogische Betreuung des neueröffneten Memorium Nürnberger Prozesse. Im Jahre 2018 wurde der Verein lokaler Ansprechpartner für das Projekt Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. 2018 feierte der erste historische Escape Room „Mein letzter Wille“ in den Historischen Felsengängen Nürnberg seine Premiere. Zwei weitere Escape Rooms folgten 2021 („Das Geständnis“) und 2024 („Der Dürerorden“). Die COVID-19-Pandemie traf den Verein hart. Rundgänge und andere Angebote im Vermittlungsbereich mussten pausieren, die zahlreichen freien Mitarbeiter standen ohne Einnahmen und so mitunter völlig ohne Einkommen da. GFA digitalisierte die Organisation und das Buchungswesen, es wurde u. a. ein Webshop geschaffen und eine neue Datenbank in Betrieb genommen. Zudem wurde 2020 das Henkerhaus renoviert, der Informations- und Kassenbereich und die Dauerausstellung wurden umgestaltet. GFA unterstützte 2024 das Team des Stadtmuseums Fembohaus bei der Erarbeitung der neuen Dauerausstellung. Das wissenschaftliche Team begleitete die TerraX-Folge Ein Tag in Nürnberg 1593 (ZDF) mit fachlicher Expertise. 2025 feiert der Verein Geschichte Für Alle sein 40-jähriges Bestehen, Bernd Windsheimer, Gründungsmitglied und langjähriger Geschäftsführer, verabschiedete sich im Mai in den Ruhestand, was im Verein allgemein als Zäsur empfunden wurde. Zudem entstand an der Nürnberger Stadtmauer im Bereich des Marientors rund um den wieder aufgebauten Turm „Blaues G“ der Lernort Stadtmauer mit einer Ausstellung und einem Bildungsprogramm.[3]

Stadtrundgänge

Die zahlreichen von Geschichte Für Alle e. V. angebotenen Themen der Stadtführungen in Nürnberg, Erlangen, Fürth und Bamberg reichen von alltags-, sozial- und kulturgeschichtlichen Themen über Stadtteilgeschichte bis zu überregional bedeutenden Themen wie

Das umfangreiche Stadtrundgangsangebot mit ca. 250 verschiedenen Themen wird jedes Jahr durch neue Angebote für verschiedene Zielgruppen wie Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren, Firmengruppen, Einheimische und Touristen erweitert. Im Jahr 2001 erweiterte sich das Tätigkeitsfeld um die Stadt Bamberg: seit diesem Jahr werden die Aktivitäten des Vereins Bamberger Schleichwegla e. V. innerhalb des Vereins Geschichte Für Alle e. V. weitergeführt und eine zweite Geschäftsstelle in Bamberg eingerichtet.

Museumspädagogik

Von 1999 bis Anfang 2011 war der Verein Geschichte Für Alle e. V. – Institut für Regionalgeschichte, wie sich der Verein heute nennt, mit der Konzeption und der Durchführung museumspädagogischer Angebote im Jüdischen Museum Franken in Fürth betraut.[6] Seit der Eröffnung im Jahr 2001 betreut Geschichte Für Alle e. V. gemeinsam mit anderen Bildungsträgern in Nürnberg das Studienforum im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und bietet dort zahlreiche Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus an. Seit November 2010 gehört auch das Memorium Nürnberger Prozesse zu den Tätigkeitsfeldern des Vereins. Auch zu den bayerischen Landesausstellungen Kaiser Heinrich II. in Bamberg (2002) und 200 Jahre Franken in Bayern in Nürnberg (2006) bot der Verein als Partner des Hauses der Bayerischen Geschichte Begleitprogramme an.

Henkerhaus Nürnberg

Im September 2007 wurde unter der Trägerschaft von Geschichte Für Alle e. V. – Institut für Regionalgeschichte ein kleines rechtshistorisches Museum eröffnet. Die Ausstellung im Henkerturm und im anschließenden Nürnberger Henkerhaus, der ehemaligen Dienstwohnung des Nürnberger Henkers, erzählt vom Amt des Henkers und dem berühmtesten Henker der Stadt, Franz Schmidt, durch dessen Diensttagebuch zahlreiche Details aus der Alltagsgeschichte der Reichsstadt Nürnberg um 1600 überliefert sind.

Die Ausstellung im Henkerhaus stellt ein Beispiel der historischen Forschungsarbeiten des Vereins dar und ist seit September 2007 dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich.

Forschungsarbeiten und Geschichtsprojekte

Der Verein gibt seit 1994 eine bis heute durchnummerierte Vereinspublikation heraus, den „Nürnberger GeschichtsRundbrief“. Neuere Exemplare sind auf der Website erhältlich, die Universitätsbibliothek Erlangen hat die Hefte vollständig gesammelt bzw. als Fotokopie ediert[7]. Neben Stadtrundgängen, museumspädagogischen Angeboten und Vorträgen wird Geschichtsvermittlung von Geschichte Für Alle e. V. – Institut für Regionalgeschichte durch zahlreiche Geschichtsprojekte, Publikationen und Ausstellungen umgesetzt. Die meisten Publikationen erscheinen im Sandberg-Verlag Nürnberg.

Auszeichnungen

  • 1994 Kulturpreis der Stadt Nürnberg.
  • 2001 Innovationspreis der Region Nürnberg (verliehen an die Partner im Studienforum des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände)

Dachverband

Geschichte Für Alle e. V. ist Mitglied des Forums Neue Städtetouren (FNS), eines Zusammenschlusses von etwa 20 Anbietern von Stadterkundungen mit gemeinsamen Qualitätsstandards in Deutschland und der Schweiz.

Literatur

  • Lena Prechsel, Roxanne Narz: Vier Jahrzehnte „Geschichte Für Alle“. Von der studentischen Initiative zum Institut für Regionalgeschichte. In: Geschichte Für Alle (Hrsg.): Nürnbergs Altstadt. Unterwegs mit Geschichte Für Alle. Sandberg Verlag, Nürnberg 2025, ISBN 978-3-96486-036-1, S. 8–13.
  • Bernd Windsheimer: 1985 -2025. 40 Jahre Geschichte Für Alle. In: Geschichte Für Alle e. V. (Hrsg.): Geschichtsrundbrief 70 (August 2025), S. 2–4.
  • Martin Schieber: 10 Jahre Geschichte Für Alle in Bamberg. In: Geschichte Für Alle e. V. (Hrsg.): Geschichtsrundbrief 43 (Dezember 2011), S. 2–4.
  • Katrin Kasparek: 25 Jahre Geschichte Für Alle. In: Geschichte Für Alle e. V. (Hrsg.): Geschichtsrundbrief 41 (Dezember 2010), S. 2–4.
  • Katrin Bielefeldt, Martin Schieber, Bernd Windsheimer: 20 Jahre Geschichte Für Alle – Ein Rückblick. In: Geschichte Für Alle e. V. (Hrsg.): Geschichtsrundbrief 31 (12/2005), S. 2–5.
  • Rainer Mertens: Geschichte für Alle e. V. In: Michael Diefenbacher, Rudolf Endres (Hrsg.): Stadtlexikon Nürnberg. 2., verbesserte Auflage. W. Tümmels Verlag, Nürnberg 2000, ISBN 3-921590-69-8, S. 335 (online).
  • Katrin Bielefeldt u. a.: Spaziergänge in die Vergangenheit Nürnbergs mit Fürth und Erlangen, hrsg. von Geschichte für Alle e. V., Cadolzburg: Ars Vivendi, 2005, 176 S., ISBN 3-89716-693-3

Einzelnachweise

  1. Etta Grotrian: Vorgeschichte, Vorbild oder Sackgasse? Zur Historisierung der 'neuen Geschichtsbewegung' der Bundesrepublik der späten 1970er und 1980er Jahre. In: WerkstattGeschichte. Nr. 75. Klartext, Essen 2017 (15-24 S., werkstattgeschichte.de [PDF]).
  2. Wolfgang Heilig: Geschichte ohne Fachwerk-Zauber. Junge Historiker vermitteln „ihr“ Stadtbild. In: Nürnberger Nachrichten vom 17. September 1987.
  3. a b c Geschichte Für Alle: Leitbild. Abruf: 16. November 2025.
    Geschichte Für Alle: Geschichte des Vereins. Abruf: 16. November 2025.
    Bernd Windsheimer: 1985 -2025. 40 Jahre Geschichte Für Alle. In: Geschichte Für Alle e. V. (Hrsg.): Geschichtsrundbrief Nr. 70 (August 2025), S. 2–4. Abruf: 16. November 2025.
    Lena Prechsel, Roxanne Narz: Vier Jahrzehnte „Geschichte Für Alle“. Von der studentischen Initiative zum Institut für Regionalgeschichte. In: Geschichte Für Alle (Hrsg.): Nürnbergs Altstadt. Unterwegs mit Geschichte Für Alle. Sandberg Verlag, Nürnberg 2025, ISBN 978-3-96486-036-1, S. 8–13.
  4. Katrin Kasparek: 25 Jahre Geschichte Für Alle. In: Geschichte Für Alle e. V. (Hrsg.): Geschichtsrundbrief 41 (Dezember 2010), S. 2 ff.
  5. Sandberg Verlag: Über uns. Abruf 20. November 2025.
  6. Gabi Eisenack: Jüdisches Museum setzt „Geschichte Für Alle“ vor die Tür. Nürnberger Zeitung, 8. Dezember 2010, abgerufen am 9. Dezember 2010.
  7. Signatur Universitätsbibliothek Erlangen H00 4 Z.C 475 (enthält auch einige weitere Materialien)