Georg Agricola (Pfarrer)
Georg(e) Agricola (* 1554 in Radeberg; † 7. September 1630[1] in Freiberg) war ein deutscher evangelischer Theologe, Philosoph, Chronist und Historiker, der durch seine Werke als Poeta laureatus („Gekrönter Poet“) deutschlandweit bekannt wurde.
Weitere Varianten seines Namens sind Georgio oder Georgius Agricola,[2] Georg Agricola aus Radeberg, Georgius Agricola der Jüngere, Georgius Agricola Radebergensis.[3]
Leben und Wirken
Agricola besuchte als Sohn eines Radeberger Bürgers die Stadtschule und erhielt durch den Rat der Stadt Radeberg eine der zwei Freistellen für begabte Schüler[4] zum Besuch der Fürstenschule Pforta, dort ist er ab 12. September 1568 nachgewiesen.[5] In den Jahren 1572 bis 1578 absolvierte er ein Studium der Theologie an der Universität Leipzig,[6] wo er den Magistergrad erwarb.
Seine erste Anstellung erfolgte in Freiberg durch den Rat am 1. April 1578 mit Ratsprotokoll als „Diaconus Pestilentialis Georgius Agricola von Radeberg“ für die Freiberger Petrikirche.[7] Als Pestilenz-Prediger war er drei Jahre tätig. In dieser Zeit musste er, wegen der ständig drohenden Pest-Ansteckungsgefahr, seine Wohnstätte außerhalb der Stadt im Pestturm der Stadtmauer beziehen.[8] Danach wurde er Vesperprediger an der Stadtkirche St. Petri (Freiberg), 1581 erfolgte am Osterfeiertag sein Amtsantritt als Mittagsprediger in der Freiberger Thumkirche (Dom St. Marien), und ab 1592 wurde er Diakonus und Frühprediger an der Nikolaikirche. Diesen Dienst versorgte er 39 Jahre lang.[9]
Im Jahr 1591 gehörte er als Predicant und Chronist zu der Abordnung hochrangiger Freiberger Geistlicher, die am 8. und 9. Juni zu einer Disputation vor die Kurfürstliche Regierung nach Dresden geladen worden waren. Unter Leitung des Kanzlers Nicolaus Krell wurden mit hochrangigen Hofbeamten Glaubensfragen erörtert, die zu einem Kirchen- und Glaubensstreit zwischen den Lagern der Altlutheraner und der sogenannten Kryptocalvinisten geführt hatten, die Reformen der Lutherkirche anstrebten. Einen besonderen Schwerpunkt der Lehrstreitigkeiten nahm die Frage der Abschaffung bzw. Beibehaltung des Exorzismus bei der Taufhandlung ein, aber auch Fragen zu angestrebten weiteren Reformen der evangelischen Kirche oder Beibehaltung der Augsburger Konfession wurden erörtert. Georgius Agricola hielt diese Disputationen um strittige Fragen des Glaubens und der Religion mit namentlicher Nennung der Disputanten, einschließlich aller ihrer Reden und Widerreden, protokollarisch für die Nachwelt fest, die heute ein wichtiges Zeitdokument der Kirchen- und Zeitgeschichte darstellen.[10]
Außerdem veröffentlichte er eine Reihe von Dichtungen, ebenso Titel der Moraltheologie zu Fragen des Ehestandes (5 in Latein in Sammelwerken),[11] zu Jugenderziehung und christlichem Verhalten in Kirchengemeinden.[12] Bekannt wurde er auch durch historische Schriften, dazu gehörte die „Verlorene Chronik der Stadt Freiberg“. Zu seinen bemerkenswertesten historischen Werken in Latein zählt sein „Dominatores Saxonicos Fribergae (...)“, in dem er in elegischen Versen die Landesherren vom Markgrafen Otto bis zu dem Kurfürsten Christian II. beschrieb. Für seine Werke wurde ihm die höchste Auszeichnung eines Dichters zuerkannt und überreicht, der Titel „poeta laureatus“ (lat. für lorbeergekrönter Dichter). Mit diesem immergrünen Lorbeerkranz wurden Dichter bekränzt, die mit dieser kaiserlichen Dichterkrone dauerhaften Ruhm erhalten sollten.[13] Er erlangte mit der Veröffentlichung seiner Schriften bleibende Bekanntheit.
Als Historiker hatte er auch viele Ereignisse von Freiberg erforscht und beschrieben und diese als „Freybergische Annales“ druckfertig vorbereitet. Diese Schriften kamen 1623 zur Zensur vor das Oberkonsistorium und das Werk wurde „aus besondern Ursachen bei Seite geleget“[14] und der Veröffentlichung entzogen.
Georgius Agricola verstarb während der Freiberger Pestjahre am 7. September 1630 im Alter von 76 Jahren als ein Jubelprediger, der 52 Jahre im Amt gewesen war. Seine Beisetzung erfolgte am 10. September 1630.[15]
Von S. J. C. Knauth wurde ihm als Nachruf gewidmet: „Er hat den Ruhm eines wackern und redlichen Theologen hinter sich gelassen“.[16]
Familie
Am 13. Mai 1616 ging er in der Kirche St. Nicolai mit Elisabeth, geb. Reichel, die Ehe ein, einer Tochter des Baumeisters Sebastian Reichel zu Freiberg. Aus der Ehe konnten folgende Kinder ermittelt werden:
- 8. Dezember 1618 Taufe George Samuel Agricola († 28. Dezember 1618),
- 20. September 1620 Taufe Sabina Agricola,
- 1638 Traueintrag Martin Stutz und Judith Agricola.
Ehefrau Elisabeth verstarb kurze Zeit nach dem Ableben ihres Ehemannes Georgius Agricola bereits am 18. Oktober 1630.[17]
Werke; Schriften (Auswahl)
- Carmen Gratulatorium. In honorem, virtute at [que] doctrina praestantis iuuenis. Leipzig 1574.
- Paraphrasis poetica cap.Lill.prophetae Esaiae (…)1575
- Carmen gratulatorium in honorem virtute atque eruditione praestantium iuvenum (…) in academia Lipsensi1576.
- Stadtarchiv Freiberg: II Ca 10 Agricola,Georg: Acta oder Handlungen So bey Abschaffung des Exorcismi mit mihr Georgio Agricola, Dienern am gottlichen wordt zu Freybergk für Churfürstlicher Regirung zu Dreßden den 8. Und 9. Juni Ao.d.91 [1591] sind Vorgelauffen,(...), 1591.
- Stadtarchiv Freiberg: FAV-HS – Ad 26 Agricola, Georg: Über die Errettung Herzog Heinrichs von der Belagerung durch die Friesen.
- Das Kunststück am Altar der Kur- und fürstl. Kapellen in der Thumkirche zu Freiberg.(nicht datiert)
- Bericht und Colloquium de 1591 wegen Crypto - Caluinismi. Wilisch Freiberg, Kirchenhist. Cod diplom. S. 207.
- Dialogus Nuptialis Patris et filii (Freiberg 1596).
- Qualis sit Ducenda Uxor Virtutes Conjugales (Freiberg 1596).
- Consilium bene nubendi festivitati coniugali clariss.et ornatiss.viri dn. Gregorii Sturii iurium licentiate et consistory ecclesiastici Witebergensis protonotarii 1596
- Dialogismus proci et puellae in spem futuri coniuglii in honorem festivitatum nuptialium (...) dn. Davidis Krautvogelii Fribergensis (...) 1597.
- Leichenpredigt bei dem Begrebnus der Frau Barbara Settler. Freiberg 1601.Quelle Freiberg -Bibliografie.
- Elegia In Felicem Discessum Ex Hac Mortali Vita, Pientiss: & honestiss: Foeminae Esterae, Optimi & integerrimi Viri Dn: Samuelis Schaffhirti, in Praedio suburbano prope Fribergam Papyrifici, probae quondam Coniugis [...], Freiberg 1605.
- Enumeratio Omnium Personarum Illustrium Fribergae In Sacello Illustri ad templum Cathedrale sepultarum : Ut pote Illustriss: Trium Electorum, Et Reliquorum Principum ac Ducum Saxoniae, cum Illustrib: Principissis & Liberis. Freiberg 1606.
- Enumeratio omnium personarum Illustrium Freibergae in Sacello Cathedrali sepulturam. Freiberg 1611. 4. (Auch angehängt an desselben Dominatores Saxonici Freibergae). (Quelle Freiberg-Bibliografie)
- E-Book: Dominatores Saxonici Fribergae: Id est Enumeratio Omnium Principum, Marchionum, Landgraviorum Et Electorum Illustriss: Domus Saxonicae, : sub quorum potestate urbs Friberga a prima sua aedificatione (ab anno videlicet 1171.) fuit, ad haec usq[ue] tempora, cum Curriculis vitae ipsorum, deducta, addita Annotatione Periodi Regni uniuscuiusq[ue]: Quibus adiunctae sunt Personae Illustres & Electorales, Sacello Templi Cathedralis ibidem sepultae. Ex quibus omnibus videre licet, quoties passa sit haec Urbs luctuosißimos Obitus Dominorum suorum de Domo Saxonica. [...], Dresden 23. Juni 1611, 7 B. in 4. Autor M. Georgio Agricola, Freiberg (...). Digitalisat
Literatur
- Max Hoffmann (Hrsg.): Pförtner Stammbuch 1543–1893. Berlin 1893, S. 29.
- John L. Flood: Poets Laureate in the Holy Roman Empire. A Bio-Bibliographical Handbook. Bd. 1. de Gruyter, Berlin u. a. 2006, ISBN 3-11-018100-2, S. 30 f.
- Deutsches Literatur-Lexikon. Nachtragsband: A-E. Band 1. De Gruyter 2020, ISBN 978-3-11-063218-7.
- Johann Gottlob Horn: George Agricola, Dompredigers zu Freyberg unpartheiischer Bericht, was ihm in Religions-Sachen 1591 sowohl öffentlich für die Regierung zu Dresden, als privatim bey dem Hofprediger Sallmuth vorgegangen. In: Nützliche Sammlungen zu einer histor. Handbibliothek von Sachsen, VI.Teil Nr.3, Freiberg Bibliografie XI 656 4.
- Hubert Maximilian Ermisch: Zu Georg Agricola’s Chronicon tripartitum 1624 und 1625. Veröffentlicht in Mitteilungen des Freiberger Altertumsverein, 1889.
- Hubert Maximilian Ermisch: Eine verlorene Chronik der Stadt Freiberg. Veröffl. in Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, 1883.
- Carl Gottlob Dietmann: Gesamte der ungeänderten Augsburger Konfession zugethaner Priesterschaft im Kurfürstentum Sachsen. I. Teil Dresden und Leipzig 1752 in 8. I. Abschn. 7 Kapitel / S. 405.
- Johann Gottlob Wilhelm Dunkels: Historisch-Critische Nachrichten von verstorbenen Gelehrten und deren Schriften, insonderheit aber denenienigen, welche in der allerneuesten Ausgabe des Jöcherischen Allgemeinen Gelehrten-Lexicons entweder gänzlich mit Stillschweigen übergangen, oder doch mangelhaft und unrichtig angeführet werden.
- Renate Schönfuß-Krause: 800 Jahre Radeberg - 16. / 17. Jahrhundert George Agricola (*1554 Radeberg - +1630 Freiberg) - Gekrönter Poet, Philosoph, Magister, Geistlicher. Verlag Die Heimatzeitung Radeberg. Hrsg. Ingo Engemann, Radeberg 2019.
Weblinks
- Eintrag in der Sächsischen Biografie
- Pförtner Album: Verzeichnis sämmtl. Lehrer und Schüler der Bände 1543- 1843: Eintrag1568, 12. Sept. Georg Agricola aus Radeberg, Mag. artt., 795 poeta laureatus, Diakonus zu Freiberg.
- Christian Gotthold Wilisch: Kirchen – Historie der Stadt Freiberg (...).Teil 2, S. 207
- G. A. B. Wolff: Chronik des Klosters Pforta nach urkundlichen Nachrichten
- Möller: Theatrum Freibergense Chronikum
- Johann Gottlieb Wilhelm Dunkels
Einzelnachweise
- ↑ Kirchenbücher der Kirchgemeine St. Nicolai Freiberg 1630, lfd. Nr.42, George Acricola verstorben am 07. September 1630 in Freiberg im Alter von 76 Jahren.
- ↑ Stadtarchiv Freiberg_II Ca 10 Deckblatt_Scan 1: Er nannte sich selbst Georgio, Georgius auf seinem Dokument mit Datum 8./9. Juni 1591 zu Dresden „Acta Oder Handlungen, so bey Abschaffung des Exorcismi mit mihr, Georgio Agricola (...),“
- ↑ Quelle CERL Thesaurus: Nachgewiesen in DbA.
- ↑ Radeberger Chronik 1550–1839. Handschriftliches Manuskript. Archiv-Nr. 00003476. Museum Schloss Klippenstein Radeberg
- ↑ SLUB Dresden: Bittcher, C. F. H.: Pförtner Stammbuch 1568-1569, Berlin 1893. S. 43, Nr. 795
- ↑ Universität Leipzig: 1572 Geo. Agricola, Radeberg. 6gr.i (inscriptus) S (Saxo) 1572 M (Misnensis) 219,
- ↑ Freiberger Stadtarchiv, Akte Chronik 3678 I/2 HB, S. 253 und S. 267.
- ↑ https://www.goruma.de/staedte/freiberg/sehenswürdigkeiten; Der Turm des Pestpfarrers liegt zwischen dem früheren Kreuztor und dem Meissner Tor am Meissner Ring.
- ↑ Freiberger Stadtarchiv, Akte Chronik 3678 I/2 HB, S. 274
- ↑ Stadtarchiv Freiberg mit umfangreichen schriftlichen Aufzeichnungen im Auftrag der Churfürstlichen Regierung zu Dresden (Kirchenstreit 1591, Scan Stadtarchiv Freiberg, II Ca, 1-5.)
- ↑ Georgius Agricola: Dialogus Nuptialis Patris et filii, Qualis sit Ducenda Uxor Virtutes Conjugales (Freiberg 1596)
- ↑ E-Book: Handbuch der historischen Buchbestände, Sachsen A-K. https://books.google
- ↑ Johann Gottlieb Wilhelm Dunkels: Historisch kritische Nachrichten (...), Band 2
- ↑ Johann Gottlieb Wilhelm Dunkels: Historisch kritische Nachrichten (...), Band 2.
- ↑ Eintrag Kirchenbücher der Kirchgemeine St. Nicolai Freiberg, 1630, lfd. Nr.42: Bestattung George Agricola.
- ↑ Digitale Bibliothek Uni Halle / Drucke des 18. Jahrhunderts
- ↑ Ev.-Luth. Landeskirche Sachsen, Regionalkirchenamt Dresden, Kirchenbücher der Kirchgemeinde St. Nicolai Freiberg mit Trau-, Tauf- und Bestattungseinträgen 1616 bis 1638: 1616 Trauung lfd. Nr. 8, 1618 Taufe lfd. Nr. 56, 1618 Bestattung lfd. Nr. 40, 1620 Taufe lfd. Nr.52, 1630 Bestattung lfd. Nr. 42 und 55, 1638 Trauung lfd. Nr.17.