Georg-Büchner-Denkmal

Das Georg-Büchner-Denkmal auf dem Germaniahügel in Zürich-Oberstrass ist eine Gedenkanlage und die Grabstätte des deutschen Dichters Georg Büchner (1813–1837). Es wurde 1875 unter dem Vorsitz Adolf Calmbergs und Beteiligung deutscher Studenten errichtet und eingeweiht.

Geschichte

Der «Germaniahügel»

1864 gründeten deutsche Studenten des Polytechnikums und der Universität Zürich die Burschenschaft «Germania». Ihre Zusammenkünfte hielten sie zunächst in der Brauerei Horber in Oberstrass ab. Um die Sperrstunde um 23 Uhr zu umgehen, erbaten und erhielten sie vom Gemeinderat der noch selbständigen Gemeinde Oberstrass die Bewilligung, auf dem «Hochbuck» oberhalb der Siedlung Tische und Bänke aufzustellen, wo sie künftig ungestört zechen konnten. Ausserdem pflanzten sie hier eine «Germanenlinde». Infolge des Deutsch-Dänischen Kriegs zerstritten sich die Mitglieder jedoch bald, und die Burschenschaft wurde wieder aufgelöst. 1865 trat die «Gesellschaft deutscher Studierender» (später «Teutonia») die Nachfolge an. Baum und Mobiliar auf dem nunmehr «Germaniahügel» genannten, von den Burschen terrassierten Aussichtspunkt fielen der Gemeinde Oberstrass zu.[1]

Büchners ursprüngliches Grab

Georg Büchner zog im Oktober 1836, als 23-Jähriger, nach Zürich und hielt an der hiesigen Universität als Privatdozent eine Vorlesung. Am 19. Februar 1837 starb er an Typhus und wurde auf dem Friedhof im Krautgarten, im Gebiet des heutigen Heimplatzes beim Kunsthaus, begraben. Sein Grab schmückte ein schlichter Stein.[1] Anlässlich seines Todes schrieb Georg Herwegh die Elegie Zum Andenken an Georg Büchner mit folgenden später in die Denkmalinschrift aufgenommenen Versen:

«Er darf die Zukunft nicht zur Blüte treiben,
Und seine Träume müssen Träume bleiben;
Ein unvollendet Lied sinkt er in’s Grab,
Der Verse schönsten nimmt er mit hinab.»

Georg Herwegh[2]

Als sich Anfang 1875 abzeichnete, dass der Friedhof aufgehoben werden sollte, erwogen Büchners Hinterbliebene eine Überführung seiner Gebeine nach Darmstadt, wo er aufgewachsen war.[3]

Projektierung des Büchner-Denkmals

Am 16. Mai 1875 feierte die «Gesellschaft deutscher Studierender» im «Gasthof zur Sonne» in Küsnacht ihr 10-jähriges Jubiläum. Unter den zahlreichen Gästen «aus der deutschen Geschäfts- und Gelehrtenwelt» befand sich auch der 38-jährige Adolf Calmberg, der wie Büchner ein exilierter Hesse war und als Deutschlehrer am Lehrerseminar in Küsnacht arbeitete. Er las aus Dantons Tod vor und regte an, Büchners Gebeine an einen Ort im Raum Zürich zu transferieren und ein Denkmal auf seinem neuen Grab zu errichten. Sein Ansinnen stiess auf lebhafte Zustimmung, und sogleich wurde ein Komitee zu diesem Zweck konstituiert. Diesem gehörten nebst Calmberg auch der deutsche Reichskonsul Mark und der 71-jährige Gustav Adolf Wislicenus an, der wenige Monate später, am 14. Oktober, verstarb.[4] Die Burschenschaft war durch drei Studenten repräsentiert: den Böhmen Wenzel Umlauft,[5] den Medizinstudenten G. Steinmetz und den 18-jährigen Österreicher Arthur Krupp aus der berühmten Industriellenfamilie.[4][3] Als Standort des Denkmals wurde der Germaniahügel ausersehen. Nachdem Büchners Hinterbliebene und der Gemeinderat von Oberstrass ihre Zustimmung gegeben hatten, wurden die Gebeine am 26. Mai 1875 auf den Germaniahügel überführt. Mit der Ausführung des Gedenksteins wurde das Atelier von Louis Wethli betraut.[4]

Einweihung

Die Einweihung fand am 4. Juli 1875 statt. Büchners Schwester Luise Büchner, seine Brüder Wilhelm Büchner und Ludwig Büchner und sein Neffe Ernst Büchner reisten eigens zu dieser «Büchnerfeier» an. Sein dritter Bruder Alexander Büchner, damals Professor in Caen, war verhindert.[3] Insgesamt nahmen nur etwa 150 Personen teil,[6] neben den Mitgliedern der «Gesellschaft deutscher Studierender» auch Abgeordnete der schweizerischen, italienischen und ungarischen Studentenvereine,[3] zahlreiche Professoren[6] und der Kantonalstabsarzt August Lüning.[4] Die meisten in Zürich wohnhaften Deutschen mieden den patriotischen Anlass, da die Schaffung des Deutschen Kaiserreichs 1871 «die Sympathien für Repräsentanten der früheren Aufstände tief sinken lassen» hatte.[1][7]

Die Festgemeinde besammelte sich um 16 Uhr beim Polytechnikum und begab sich dann in einem stillen Zug, den Arthur Krupp mit der schwarz-rot-goldenen Fahne anführte, zum Germaniahügel. Beim Denkmal sang man das Studentenlied Wir hatten gebauet ein stattliches Haus. Wenzel Umlauft begrüsste die Anwesenden, worauf Adolf Calmberg die Festrede hielt und einen Lorbeerkranz niederlegte. Ludwig Büchner bedankte sich im Namen der Familie, Wilhelm Büchner trug ein eigenes Gedicht Erinnerung an meinen Bruder Georg vor, das später in gedruckter Form verteilt wurde, und Luise Büchner legte einen Blumenkranz nieder, den sie gegen Calmbergs Kranz eintauschte. Zum Schluss sangen die Studenten das Deutschlandlied. Das Festbankett wurde im Kaffeehaus «Café Littéraire» im «Roten Turm» neben dem «Hotel Storchen» gehalten, wo unter anderem der Dichter Gottfried Kinkel, Ludwig Büchner und Gustav Adolf Wislicenus Reden hielten und der Komponist Heinrich Schulz-Beuthen zwei eigene Stücke vortrug. Ferner wurden Zuschriften von Carl Vogt, Rudolph Fendt und Alexander Büchner vorgelesen.[4][3]

Restauration

Anlässlich von Büchners 200. Geburtstag 2013 wurde am Denkmal eine neue Linde gepflanzt. Ausserdem wurde es für 13'000 Franken gründlich restauriert. Der Zaun wurde entrostet und neu verzinkt, der Sandsteinsockel geflickt und die Inschriftenplatte gereinigt. Die Arbeiten waren 2015 abgeschlossen. Obwohl es sich nicht auf einem Friedhof befindet, steht das Denkmal unter der Obhut des Bestattungs- und Friedhofsamts.[8]

Beschreibung

Das Denkmal steht an der Germaniastrasse, dem Theater Rigiblick gegenüber. Mit dem öffentlichen Verkehr kann es bequem über die Endstation «Rigiblick» der Seilbahn Rigiblick erreicht werden.

Die Grabstätte hat einen Grundriss von 2,09 auf 1,45 Metern und ist von einem 1,08 Meter hohen gusseisernen Zaun auf einem Sandsteinsockel umgeben.[9] Der Grabstein ist 1,20 Meter hoch und besteht aus einem weitgehend unbehauenen, grauen Marmorstein, in den eine ursprünglich schwarz bemalte Metalltafel eingelassen ist. Die Inschrift in ursprünglich vergoldeten Lettern lautet:[4]

Zum Gedaechtniss
an
den Dichter von ‚DANTONS TOD‘
GEORG BUECHNER
geb. zu Darmstadt 17 Oct. 1818
gest. als Docent an der Universitæt
Zuerich 19 Febr. 1837
— • —
ein unvollendet lied sinkt er ins grab
der verse schoensten nimmt er mit hinab.
georg herwegh

Rezeption

Da das Georg-Büchner-Denkmal kaum künstlerisch ausgestaltet ist, handelt sich eigentlich nicht um ein Denkmal im engsten Sinne. Sowohl bei den Initianten als auch in der generellen späteren Rezeption wurde es jedoch als Denkmal angesehen. Willi Bierbaum schrieb 1925 in der Neuen Zürcher Zeitung, dass nur «die wenigsten wissen, daß es sich hier um ein Grab, nicht nur um ein Denkmal handelt, wie in Führern und auf Karten meistens zu lesen steht».[10] Georg Kreis nannte es 2008 ein «bemerkenswertes Denkmal» und ordnete es den «internationalen» Schweizer Monumenten zu, die ihre Existenz den «Bestrebungen anderer Staaten, insbesondere der Nachbarstaaten», verdanken, «mit eigenen Denkmälern in der Schweiz präsent zu sein». Als weiteres Beispiel für ein von Deutschen errichtetes Monument nannte er das 1860 errichtete Heinrich-Simon-Denkmal in Murg.[11] Die Zürcher Behörden sprechen heute in der Regel von einem «Grab- und Denkmal»[8] oder nur «Grabmal».[9]

Siehe auch

Literatur

  • Gustav Adolf Wislicenus: Gedächtnisfeier für Georg Büchner auf dem Germaniahügel bei Zürich. In: Die Gartenlaube. Heft 30, 1875, S. 516 (Digitalisat auf Wikisource).
  • Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweites Blatt. Nr. 336, 6. Juli 1875, S. 2 (online).
  • Walther Gimmi: Das Georg Büchner-Denkmal auf dem Gaisberg bei Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. Beilage zu Nr. 61. 2. März 1893, S. 2 (online).
  • Germaniahügel. In: Zürcher Wochen-Chronik. Band 2, Nr. 52, 29. Dezember 1900, S. 411 (online).
  • Hans Schnider: Georg Büchners Gedenkstein auf dem Germaniahügel. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 246, 23. Oktober 1989, S. 35 (online).
  • Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, S. 191.
Commons: Georg-Büchner-Denkmal – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b c Hans Schnider: Georg Büchners Gedenkstein auf dem Germaniahügel. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 246, 23. Oktober 1989, S. 35 (online).
  2. Georg Herwegh: Zum Andenken an Georg Büchner, den Verfasser von «Dantons Tod». Zürich, im Februar 1841. In: Gedichte eines Lebendigen. Band 1 (Digitalisat auf Projekt Gutenberg.
  3. a b c d e Gustav Adolf Wislicenus: Gedächtnisfeier für Georg Büchner auf dem Germaniahügel bei Zürich. In: Die Gartenlaube. Heft 30, 1875, S. 516 (Digitalisat auf Wikisource).
  4. a b c d e f Walther Gimmi: Das Georg Büchner-Denkmal auf dem Gaisberg bei Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. Beilage zu Nr. 61. 2. März 1893, S. 2 (online).
  5. Wenzel Umlauft stammte aus Plan im heutigen Tschechien und erlangte am 23. Mai 1876 mit der Dissertation «Beiträge zur Kenntniß der Thonschiefer» den Doktorgrad an der Universität Zürich. Vgl. Jahresbericht der Universität Zürich 1876/77, S. 19 (PDF).
  6. a b Büchnerfeier. In: Der Bund. Band 26, Nr. 185, 7. Juli 1875, S. 2 (online).
  7. Der Bund formulierte diesen Umstand folgendermassen: «weniger die Deutschen, denen die Sympathien für einen Republikaner von Büchner’s Schlage in Folge der politischen Änderungen in Deutschland wohl etwas ferner liegen mögen».
  8. a b Grab- und Denkmal Georg Büchners nach 140 Jahren restauriert. Stadt Zürich, 17. Februar 2015, abgerufen am 30. Dezember 2025.
  9. a b Grabmal Georg Büchner. In: Kunstbestand der Stadt Zürich. Abgerufen am 30. Dezember 2025.
  10. Willi Bierbaum: Ein vergessener Gedenktag. In: Neue Zürcher Zeitung. Blatt 2. Nr. 1407, 10. September 1925, S. 2 (online).
  11. Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, S. 191.

Koordinaten: 47° 23′ 15,8″ N, 8° 33′ 11,9″ O; CH1903: 684164 / 249142