Gennadi Wassiljewitsch Petrow

Gennadi Wassiljewitsch Petrow (russisch Геннадий Васильевич Петров; * 19. Juli 1947 in Leningrad) ist ein russischer Unternehmer und mutmaßlicher Anführer der Tambow-Bande („Tambowskaja Bratwa“) aus St. Petersburg. In den 1990er Jahren pflegte Petrow enge Kontakte zu hohen Beamten und Geschäftsleuten im Umfeld von Wladimir Putin. Später geriet er wegen seiner kriminellen Aktivitäten ins Visier internationaler Ermittler: Spanische Strafverfolger warfen seinem Netzwerk u. a. Geldwäsche und Waffenhandel vor.

Laufbahn

Petrow wuchs in Leningrad auf und stieg bereits in den 1980er Jahren in die organisierte Kriminalität ein und soll gleichzeitig KGB-Informant gewesen sein. Er traf damals auf den Gangsterboss Alexander Malyschew und wurde dessen enger Mitarbeiter. Nach dem Zerfall der UdSSR beteiligte sich Petrow am Aufbau geschäftlicher Unternehmungen: 1992 gründete er zusammen mit dem früheren KGB-Agenten Igor Najiwalt die Petroleum Financial Company, und 1994 war er Mitbegründer des großen Bauunternehmens Baltic Construction Company (BSK) zusammen mit Michail Shelomow, einem Neffen Wladimir Putins. Petrow wurde auch Teilhaber der Bank Rossija, die oft als Finanzbasis des späteren Putin-Regimes gilt. Ebenfalls 1994 wurde Petrow in St. Petersburg vorübergehend festgenommen, weil er u. a. eine kriminelle Vereinigung gebildet haben soll; das Verfahren wurde jedoch wenig später eingestellt.[1]

Nachdem die Wiederwahl von Bürgermeister Anatoli Sobtschak und dessen Vertrauten Putin 1996 in St. Petersburg gescheitert war, verließ Petrow Russland und ging nach Spanien, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der organisierten Kriminalität (wie u. a. Malyschew).[1] Dort ließ er sich auf Mallorca bzw. in Marbella nieder.[2][3] Spanischen Ermittlern zufolge baute er ein Firmennetzwerk auf, über das ab 1998 mindestens 50 Millionen Euro krimineller Erlöse in Immobilien und Unternehmen gewaschen worden sein soll.[3] Von Spanien aus koordinierte er verschiedene geschäftliche Aktivitäten innerhalb und außerhalb Russlands.[4] 2008 wurde Petrow in Marbella festgenommen, kam jedoch gegen Kaution (600.000 €) wieder auf freien Fuß. Er kehrte daraufhin nach Russland zurück, wo er sich einer Auslieferung verweigerte und inzwischen offiziell wieder in Sankt Petersburg lebt.[1][3]

Kriminelle Aktivitäten

Petrow gilt als treibende Kraft eines grenzüberschreitenden Verbrechersyndikats, das seit den 1990er Jahren unter dem Namen Tambowsko-Malyschewskoje prestupnoje soobschestwo in Erscheinung trat. Er soll in Schutzgelderpressung, Auftragsmorde, Zuhälterei sowie Waffen- und Drogenhandel verwickelt sein.[3] Er ist außerdem ein Sammler von Kunstwerken und soll sich auch an Kunstfälschung beteiligt haben.[4] Im Rahmen der spanischen „Troika“-Ermittlungen zur russischen Mafia wurden 2008 rund 20 Tatverdächtige festgenommen, darunter Petrow und Alexander Malyschew. Die Anschuldigungen umfassten Geldwäsche, Erpressung, Waffen- und Drogenschmuggel sowie andere schwere Straftaten. Nach spanischer Darstellung verfügte Petrows Organisation über eigens gegründete Firmen, über die Beträge in zweistelliger Millionenhöhe in Spanien investiert wurden. Petrow wurde jedoch auf Kaution wieder freigelassen und floh nach Russland. Russische Gerichte weigerten sich wiederholt, eine Auslieferung an Spanien zu genehmigen.[1][2][3] Im Oktober 2018 sprach ein spanisches Gericht letztlich alle Angeklagten der „Troika“-Ermittlungen frei.[5]

Politische Verbindungen

Petrows enge Verbindungen in die russische Politik sind vielfach dokumentiert. Laut Recherchen gilt er als einer der Mafiabosse mit direktem Draht zum Putin-Umfeld, den er aus seiner Zeit in Sankt Petersburg in den 1990er Jahren kennt. Petrow erwähnte wiederholt, dass er Kontakt zu einer bestimmten einflussreichen Person unterhält, die er „Die Oberen“ oder „Zar“ nannte, offenkundig eine Anspielung auf Präsident Putin. Laut Juan Untoria, Anwalt der „russischen Mafia“, soll er „Putins Freund“ sein.[1]

Nach spanischen Ermittlerakten pflegte Petrow über Jahre Kontakte zu zahlreichen Spitzenpolitikern und Oligarchen. In der Anklageliste erscheinen etwa der frühere Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow, der Ex-Vize-Regierungschef Dmitri Kosak, der ehemalige Kommunikationsminister Leonid Reiman, der Duma-Abgeordnete Wladislaw Resnik, der einstige stellvertretende Chef der Drogenfahndung Nikolai Aulow sowie weitere führende russische Beamte. Der parlamentarische Kreis um Resnik wird dabei als besonders eng mit Petrow verknüpft beschrieben. So fungierte Resnik lange Zeit in der Partei Einiges Russland und als Finanzexperte der Duma, saß im Aufsichtsrat der Bank Rossija und soll Petrow bei spanischen Immobiliengeschäften unterstützt haben. Den spanischen Ermittlern zufolge trafen sich Petrow und Resnik mehrfach auf Petrows Luxus-Jacht oder anderen Veranstaltungen, sie teilten Privatjet und Ferienhäuser. In einem spanischen Haftbefehl heißt es, Resnik agiere „auf höchster Ebene im Sinne von Herrn Petrow und seiner Organisation“.[6][7]

Auch andere Bekannte Putins gehörten zu Petrows Netzwerk. Nach seiner Rückkehr wohnt Petrow in Sankt Petersburg in einem Wohnhaus, in dem seit 2003 zahlreiche einflussreiche Personen aus Putins Umfeld Wohnungen besitzen, etwa der Rossija-Bank-Mitbesitzer Nikolai Schamalow, die Oligarchen Arkadi Rotenberg und Juri Kowaltschuk sowie weitere.[1] Die Gesamtheit dieser Verbindungen ließ Beobachter zu dem Schluss kommen, Petrow sei ein wichtiges Bindeglied zwischen Mafia, Geheimdiensten und Regierungscliquen in Russland.[1] Neben der Kommunikation mit Ministern und Oligarchen findet sich Petrow in Berichten als Person, die sogar die Besetzung von Ministerien beeinflusste – so wird seinem Netzwerk unter anderem zugeschrieben, den ehemaligen Gesundheitsminister zum Rücktritt gezwungen und bald darauf Dmitri Kosak zum Vizeministerpräsident gemacht zu haben.[6] Als Verbindungsmann fungierte dabei offenbar Sergei Koroljow, den Putin 2021 zum stellvertretenden Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB ernannte.[8] Spitzenpolitiker wie Resnik bezeichneten Petrow in Telefongesprächen als ihren „Boss“.[6]

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g Petrov. In: Database of Free Russia Forum. 20. Oktober 2025, abgerufen am 26. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
  2. a b Испанский сбыт Русская мафия вывезла из страны миллиарды. Теперь их пытаются отжать. Abgerufen am 26. Dezember 2025 (russisch).
  3. a b c d e Петров Геннадий. In: PEPS. Abgerufen am 26. Dezember 2025 (russisch).
  4. a b Großmaul oder Großmanipulator? In: Stern. 2. Oktober 2008, abgerufen am 26. Dezember 2025.
  5. tbca: Sentence, Troika criminal case, Spain. In: TBCA. 19. Oktober 2018, abgerufen am 26. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
  6. a b c Sebastian Rotella: A Gangster Place in the Sun: How Spain’s Fight Against the Mob Revealed Russian Power Networks. In: ProPublica. 10. November 2017, abgerufen am 26. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
  7. Испанский суд выдал ордер на арест депутата, обвиняемого в связях с тамбовской ОПГ. 3. Mai 2016, abgerufen am 26. Dezember 2025 (russisch).
  8. iStories: Top Russian FSB Official Has Multiple Underworld Ties. Archiviert vom Original am 6. Dezember 2025; abgerufen am 26. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).