Gelsenkirchener Behandlungsverfahren
Das Gelsenkirchener Behandlungsverfahren ist ein umstrittenes, wissenschaftlich nicht anerkanntes Behandlungsverfahren für Neurodermitis und Asthma bronchiale, das nur an der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen angeboten und 2020 eingestellt wurde. Die Methode wurde von dem Pädiater Ernst August Stemmann in den Jahren 1970–1980 entwickelt und 2002 gemeinsam mit Sibylle Stemmann publiziert.
Behandlungsverfahren
Es handelt sich um eine psycho- und verhaltenstherapeutische Komplexbehandlung unter der Annahme, dass diese Erkrankungen auf einer fehlerhaften Antwort auf psychischen Stress beruhen.[1][2] Die Behandlung ist interdisziplinär im Rahmen eines in der Regel 3-wöchigen stationären Aufenthaltes und bezieht neben dem erkrankten Kind eine elterliche Begleitperson ein. Die Therapie umfasst medizinische, psychologische, pflegerische, und ernährungsmedizinische Maßnahmen und je nach Bedarf Allergietests (Pricktest, IgE, ggf. Immununtersuchungen), Lungenfunktionsuntersuchungen, allergen- und säurearme Ernährung, gegebenenfalls orale Provokation mit Nahrungsmitteln sowie die Ausschaltung umweltbelastender Stoffe. Besonderes Gewicht wird auf das Erlernen von Stress-Bewältigungsfähigkeiten gelegt.
Kritik
Kritisiert wurden Stemmanns Berührungspunkte zur Neuen Medizin des Pseudowissenschaftlers Ryke Geerd Hamer, der zufolge ein psychischer Konflikt Krankheiten auslöse. Stemmann gab an, Hamers Lehren studiert zu haben, distanzierte sich allerdings klar von Hamers Ablehnung jeglicher Therapie.[3]
Scharfe Kritik an dem Gelsenkirchener Behandlungsverfahren übte 2005 ein langjähriger Mitarbeiter der Klinik, der Psychologe Wolfgang Klosterhalfen.[4][5]
Über das Gelsenkirchener Behandlungsverfahren wurde 2011 in der Fachzeitschrift Praktische Pädiatrie berichtet. Die untersuchten 15 Kleinkinder zeigten Besserungen des Hautzustands, es gab aber keine Vergleichsgruppe.[6] Ebenso wie das verwandte Schwelmer Modell wird es daher vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen und den wissenschaftlichen Fachvertretern kritisch beurteilt.[7]
Im Jahr 2018 erschien der Dokumentarfilm Elternschule über die Arbeit der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik in der Gelsenkirchener Klinik, der eine Debatte über erzieherische Gewalt und die Fragwürdigkeit der Methode auslöste. Kritisiert wurde die zwangsweise Trennung der Eltern von ihren Kindern und die Behauptung, dass eine Krankheit wie Neurodermitis auf ein psychisches Trauma zurückzuführen sei. Durch diese Hypothese psychischer Krankheitsursachen seien Eltern Schuldgefühle suggeriert worden. Außerdem seien Kinder vernachlässigt worden und hätten sich blutig gekratzt und verzweifelt geweint. Die Klinik ließ mitteilen, die Therapie entspreche dem aktuellen Stand von Wissenschaft und verklagte erfolglos eine betroffene Großmutter wegen angeblicher Falschbehauptungen.
Im September 2020 wurde bekannt, dass die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik laut Klinikleitung „aus ökonomischen Gründen“ geschlossen werde.[8][9]
Literatur
- Galilei aus Gelsenkirchen. In: Der Spiegel. Nr. 10, 2005 (online).
Weblinks
- Reich, Daniel: „Das Gelsenkirchener Behandlungsmodell“, in: SWR2 Leben, Sendung vom 16. Juli 2008
- Neurodermitistherapie.info: Antworten von Andreas Wollenberg auf Leserzuschriften zum Gelsenkirchener Behandlungsverfahren: [1], [2]
Einzelnachweise
- ↑ Auszüge aus dem Buch „Selbstheilung (Spontanheilung) der Neurodermitis“ von Stemmann (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Oktober 2019. Suche in Webarchiven)
- ↑ Webseite von Allergie- und umweltkrankes Kind e.V. Berlin ( vom 30. Mai 2011 im Internet Archive)
- ↑ Dennis Ballwieser: Galilei aus Gelsenkirchen. Der Spiegel vom 7. März 2005.
- ↑ Quacksalberei auf Krankenschein?. Laborjournal online, 8. September 2006.
- ↑ Der Gelsenkirchener Klinik-Skandal. Webseite von Wolfgang Klosterhalfen, abgerufen am 14. Oktober 2025
- ↑ Praktische Pädiatrie 4/2011, S. 196–202
- ↑ Stellungnahme der hessischen Landesregierung zum Thema Neurodermitis (PDF; 33 kB).
- ↑ Psychosomatik-Abteilung aus "Elternschule" - Ein Baby, das sich Haut vom Kopf kratzte. In: Deutschlandfunk Kultur. Abgerufen am 5. Oktober 2020.
- ↑ "Elternschule" in der Kritik - "Schreiende Kinder und Babys überall". In: Deutschlandfunk Kultur. Abgerufen am 5. Oktober 2020.