Gefühlsansteckung

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Gefühlsansteckung (engl. emotional contagion) ist ein Begriff aus der Psychologie, mit dem eine Form der emotionalen Übertragung beschrieben wird. Es ist ein Prozess, bei dem eine Person oder Gruppe die Emotionen oder das Verhalten einer anderen Person oder Gruppe durch bewusste oder unbewusste Übertragung von Emotionszuständen und Verhaltensweisen beeinflusst.[1]

Gefühlsansteckung kann sowohl positive als auch negative Emotionen betreffen und tritt sowohl in Zweierbeziehungen als auch in größeren Gruppen auf. Sie entsteht unter anderem durch die Wahrnehmung und unbewusste Nachahmung nonverbaler Signale, wie beispielsweise Mimik, wodurch der entsprechende emotionale Zustand übernommen wird.

Neuere Forschung zeigt zudem, dass Gefühlsansteckung nicht ausschließlich beim Menschen auftritt, sondern auch bei verschiedenen Tierarten wie etwa bei Nagern beobachtet werden kann.

Gefühlsansteckung aus psychologischer Sicht

Das Phänomen

Bei der Gefühlsansteckung können sowohl konkrete Emotionen wie Freude, Ärger oder Angst als auch länger anhaltende Stimmungen zwischen Menschen übertragen werden.[2] Menschen können sowohl von positiven als auch von negativen Emotionen anderer angesteckt werden.[3] Kommt ein Kollege fröhlich und motiviert ins Büro, kann seine gute Laune das gesamte Team anstecken. Kommt er hingegen gestresst oder traurig, kann sich das negativ auf die Stimmung der anderen auswirken.

Gefühlsansteckung tritt in sehr unterschiedlichen sozialen Konstellationen auf, beispielsweise in Partnerschaften, Familien und Freundschaften zwischen zwei Menschen, aber auch in Gruppen wie Schulklassen oder Arbeitsteams.[4]

Dieser Prozess kann bewusst oder unbewusst erfolgen.[5] Die unbewusste Gefühlsansteckung passiert automatisch und wird nicht bewusst wahrgenommen.[6] Wenn eine Person sieht, dass eine andere Person traurig ist, wird sie selbst trauriger. Die Emotionen anderer wirken ansteckend. Bewusste Gefühlsansteckung kann durch soziale Vergleichsprozesse erfolgen, bei denen Menschen ihre eigene Stimmung an die der Gruppe anpassen.[7] In einem Meeting bemerkt eine Person, dass die Gruppe motiviert und fröhlich ist. Anfangs ist sie selbst etwas müde und unmotiviert, doch nach kurzer Zeit passt sie ihre Stimmung an und fühlt sich ebenfalls gut gelaunt. Durch den sozialen Vergleich wird ihre eigene Stimmung also positiv von der Gruppe beeinflusst. Auch die gezielte Beeinflussung anderer gehört dazu.[8] Eine Führungskraft kann beispielsweise bewusst lächeln und Zuversicht zeigen, um die Stimmung im Team zu verbessern. Ebenso kann bewusste Gefühlsansteckung im Rahmen des affektiven Eindrucksmanagements eingesetzt werden. Darunter versteht man, dass sich eine Person oder eine Gruppe absichtlich so verhält, dass bei anderen ein bestimmter, gewünschter Eindruck entsteht. Es wird also versucht, mithilfe von Emotionen die Wahrnehmung anderer zu beeinflussen.[9]

Die Entstehung

Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie Gefühlsansteckung entsteht. Die bekannteste Erklärung geht auf Theodor Lipps (1907) zurück und wurde später von Elaine Hatfield und ihren Kolleginnen weiterentwickelt.[2] Sie nannten dies als „primitive emotional contagion“ und definierten es als die Tendenz, Gesichtsausdrücke, Lautäußerungen, Körperhaltungen und Bewegungen anderer Menschen automatisch nachzuahmen, wodurch eine emotionale Annäherung entsteht. Die Forscher*innen schlugen dafür einen dreistufigen Ablauf vor: Betritt beispielsweise ein gut gelaunter Kunde ein Blumengeschäft und lächelt, nimmt die Verkäuferin seine Mimik wahr (Schritt 1), ahmt das Lächeln unbewusst nach (Schritt 2) und empfindet infolgedessen denselben positiven Gefühlszustand wie der Kunde (Schritt 3). Die Mechanismen der primitiven Gefühlsansteckung lassen sich in vier zentrale Thesen zusammenfassen: Erstens neigen Menschen im Gespräch automatisch dazu, Gesichtsausdrücke, Stimme, Haltung und Bewegungen anderer unbewusst nachzuahmen. Zweitens beeinflussen durch diese Nachahmung die Gefühle der anderen direkt die eigenen – man „fühlt mit“. Drittens „fangen“ Menschen die Gefühle anderer oft in Echtzeit und übernehmen deren Emotionen direkt. Viertens nutzen Menschen beim Versuch, die Gefühle anderer zu verstehen, sowohl ihr eigenes Mitfühlen als auch das bewusste Nachdenken über die Situation.[10]

Gefühlsansteckung bei Tieren

Neuere Forschung zeigt, dass Gefühlsansteckung nicht nur beim Menschen, sondern auch bei verschiedenen Tierarten auftritt. Besonders gut untersucht ist dieses Phänomen bei sozialen Säugetieren wie Nagern. Experimente belegen, dass Ratten auf den emotionalen Zustand ihrer Artgenossen reagieren Wenn sie Tiere beobachten, die Stress, Angst oder Schmerz erfahren, zeigen sie selbst erhöhte Stressreaktionen oder vermeiden bestimmte Situationen. Solche Verhaltensmuster werden als Formen emotionaler Ansteckung interpretiert, da sie ohne bewusste Bewertung erfolgen und auf automatischen sozialen Resonanzprozessen beruhen. Eine Meta-Analyse von Hernandez-Lallement, Gomez-Sotres und Carrillo (2022) bestätigt, dass emotionale Ansteckungsprozesse bei Nagern robust nachweisbar sind. Die Autorinnen argumentieren, dass diese Reaktionen evolutionär bedeutsam sein könnten, da sie das soziale Zusammenleben und die Koordination innerhalb von Gruppen erleichtern.[11]

Diese Ergebnisse zeigen, dass Gefühlsansteckung als grundlegendes biologisches Phänomen angesehen werden kann und nicht ausschließlich auf Menschen beschränkt ist. Während tierexperimentelle Befunde grundlegende biologische Mechanismen emotionaler Resonanz aufzeigen, konzentriert sich die Forschung beim Menschen stärker auf sozialpsychologische und gruppendynamische Prozesse.

Gefühlsansteckung aus soziologischer Sicht

Relativ jung ist die Erkenntnis, dass Kleinstkinder im Alter von 10–12 Monaten über Gefühlsansteckung soziales Verhalten erlernen, zunächst durch Kopieren (Beobachten und Sichmitreißen lassen) des Verhaltens der Bezugspersonen. Dieser Vorgang wird Soziales Referenzieren genannt. Ähnliche Lernprozesse finden aber auch weiterhin statt. Nach der Massenpsychologie von Gustave Le Bon ist die Gefühlsansteckung ein spontaner und häufig epidemisch anwachsender Affektaustausch von Menschen. In einer Massensituation oder bei einer Panik würden Personen in einer gleichen Gefühlslage durch Miteinanderfühlen in ihrem kollektiven Sozialverhalten irrational, hysterisch und führungsbedürftig.

Seit Beginn der Sophistik ist bis in das 20. Jahrhundert nur die negative Gefühlsansteckung, in Form von Massen- oder „Mob“-Bewegungen, verbunden mit Gewalttaten und Panik, wahrgenommen worden. Hieraus legitimierte sich seit Platon und Aristoteles die scheinbare Notwendigkeit einer (vernunftgesteuerten) Elite, die die Unabhängigkeit der „Masse“ regulieren muss. Diesem Wertekanon wurde bis in das 20. Jahrhundert hinein überwiegend gefolgt. Exemplarisch hierfür ist Friedrich Nietzsche, der in Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten (5. Vortrag, 1872) eindringlich davor warnte, in die „Ebene der Masse abzutauchen“, da hier jedes „Genie“ zum „Halbtier“ wird. Obwohl zu Nietzsches Zeit das Wort noch unbekannt war, ist sehr deutlich, dass er hier negative Gefühlsansteckung durch den „Pöbel“ als Bedrohung sieht.

Die Bedeutung der positiven Gefühlsansteckung für ein soziales System wird bis heute in der Soziologie überwiegend abgestritten, z. B. ist die Systemtheorie von Niklas Luhmann frei von mit Emotionalität verbundenen Phänomenen. Die Existenz oder Bedeutung von Empathie wird dort ebenso verneint wie die Gefühlsansteckung. Andererseits sieht Luhmann, dass durch Doppelte Kontingenz eine Emergente Ordnung entsteht, die zumindest teilweise auch als Gefühlsansteckung mit soziologischer Auswirkung benannt werden kann.

Tatsächlich bedeutet eine Anerkennung der Gefühlsansteckung als positiv wirkender Kraft einen Bruch mit dem seit Platon allein von „Verstand“ dominierten philosophischen Wertesystem, vor allem in Europa. Eine Abkehr hiervon würde die Negierung der Notwendigkeit von Eliten bedeuten. Max Scheler verwendete in seinen Werken das gleiche Wort „Einfühlung“, das auch Lipps verwendete. Lipps ging jedoch von der späteren Bedeutung des Begriffes der (determinierten) Empathie aus, während Scheler mit diesem Wort Phänomene bezeichnete, die Hatfield erst 1994 als „Gefühlsansteckung“ bezeichnete und hiermit eindeutiger benannte. Erst in jüngster Zeit sind einige seiner Texte in ihrer Bedeutung für einen neuen Wertekanon der Soziologie erkannt worden.

Exemplarisch sei Wolfhart Henckmann genannt, der zusammenfasst, dass Max Scheler drei Axiome der „Wissenssoziologie“ definiert hat:

„Eine soziale Übertragung von Wissens- und Sinninhalten erfolgt bereits durch „Gefühlsansteckung“ und im unwillkürlichen Nachahmen von Handlungen; Beides finde sich auch bei höheren Tierarten.“

Wolfhart Henckmann: Max Scheler (2. Axiom der Wissenssoziologie, empirisches Teilhabeverhältnis am „Erleben“ seiner Mitmenschen.), 1998, S. 186.

Henkmann betont, dass Gefühlsansteckung nicht nur Gefühle überträgt, sondern auch Sinn- und Wissensinhalte. Gefühlsansteckung wird damit zu einem wichtigen Übertragungsweg von gesellschaftlichem Gesamtwissensstand, durch den ein gesamtgesellschaftlicher oder gruppenspezifischer Konsens entsteht. Auch Kevin Mulligan sieht in den Texten Schelers, dass Gefühlsansteckung weit mehr als nur Gefühle überträgt, sondern darüber hinaus auch soziale Gemeinsamkeit bis hin zu „grundlosem Vertrauen“ gegenüber Fremden entstehen kann, die sich dann von „grundlosem Misstrauen“ unterscheidet. Allerdings verwendet Mulligan die zur Zeit Schelers üblichen Begriffe:

„Viele Philosophen meinen, man müsse sich ein für allemal für eine der folgenden Ansichten über die Fremdwahrnehmung entscheiden: entweder ist die Fremdwahrnehmung eine Art Einfühlung, oder eine Art Schluss, oder eine direkte Wahrnehmung oder eine Simulation. Diese Voraussetzung teilt Scheler nicht und zwar weil eine Philosophie der Fremdwahrnehmung, die nicht zu einer Sozialphilosophie gehört, zu einer einseitigen Diät und damit zu Vereinfachungen verurteilt ist. Laut Scheler funktioniert die direkte Wahrnehmung von seelischen Gefühlen durch das Nachfühlen auf der soziologischen Ebene der Gemeinschaft, in der grundloses Vertrauen herrscht. Es gibt aber auch eine Fremdwahrnehmung, die nicht ohne Schlüsse und Analogien auskommt. Eine solche Fremdwahrnehmung ist vor allem auf der soziologischen Ebene der Gesellschaft anzutreffen, in der grundloses Misstrauen an der Tagesordnung ist. Schliesslich ist die Lipps’sche Theorie der Fremdwahrnehmung als Einfühlung „annähernd richtig“.“

Kevin Mulligan: Schelers Herz – was man alles fühlen kann. 2008, S. 21.

Die Kritik an Platons Einfluss in der Geschichte bis hin zu den neuzeitlichen Philosophen und deren Legitimierung der Existenz von Eliten, der vermutete andere (vorplatonische) Wertekanon des Sokrates und die Änderung des Wertesystems, das Scheler mit seiner erweiterten Sicht der Gefühlsansteckung durch die Übertragung auf soziale Systeme in die Soziologie einbrachte, ist Gegenstand einiger neuerer Dissertationen.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Schoenewolf, G.: Emotional contagion: Behavioral induction in individuals and groups. In: Modern Psychoanalysis. Band 15, Nr. 1, 1990, S. 49–61.
  2. a b Hatfield, E., Cacioppo, J., & Rapson, R. L. (1994). Emotional Contagion. Cambridge University Press: New York.
  3. Sigal G. Barsade, Constantinos G. V. Coutifaris, Julianna Pillemer: Emotional contagion in organizational life. In: Research in Organizational Behavior. Band 38, 1. Januar 2018, ISSN 0191-3085, S. 137–151, doi:10.1016/j.riob.2018.11.005 (sciencedirect.com [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
  4. Sigal G. Barsade: The Ripple Effect: Emotional Contagion and Its Influence on Group Behavior. In: Administrative Science Quarterly. Band 47, Nr. 4, 2002, ISSN 0001-8392, S. 644–675, doi:10.2307/3094912, JSTOR:3094912.
  5. Sigal G. Barsade, Constantinos G. V. Coutifaris, Julianna Pillemer: Emotional contagion in organizational life. In: Research in Organizational Behavior. Band 38, 1. Januar 2018, ISSN 0191-3085, S. 137–151, doi:10.1016/j.riob.2018.11.005 (sciencedirect.com [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
  6. Elaine Hatfield, Lisamarie Bensman, Paul D. Thornton, Richard L. Rapson: New Perspectives on Emotional Contagion: A Review of Classic and Recent Research on Facial Mimicry and Contagion. In: Interpersona: An International Journal on Personal Relationships. Band 8, Nr. 2, 29. Dezember 2014, ISSN 1981-6472, S. 159–179, doi:10.5964/ijpr.v8i2.162 (interpersonajournal.com [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
  7. Ellen S. Sullins: Emotional Contagion Revisited: Effects of Social Comparison and Expressive Style on Mood Convergence. In: Personality and Social Psychology Bulletin. Band 17, Nr. 2, 1. April 1991, ISSN 0146-1672, S. 166–174, doi:10.1177/014616729101700208.
  8. Janice R. Kelly, Sigal G. Barsade: Mood and Emotions in Small Groups and Work Teams. In: Organizational Behavior and Human Decision Processes. Band 86, Nr. 1, 1. September 2001, ISSN 0749-5978, S. 99–130, doi:10.1006/obhd.2001.2974 (sciencedirect.com [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
  9. Janice R. Kelly, Sigal G. Barsade: Mood and Emotions in Small Groups and Work Teams. In: Organizational Behavior and Human Decision Processes. Band 86, Nr. 1, 1. September 2001, ISSN 0749-5978, S. 99–130, doi:10.1006/obhd.2001.2974 (sciencedirect.com [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
  10. Elaine Hatfield, Lisamarie Bensman, Paul D. Thornton, Richard L. Rapson: New Perspectives on Emotional Contagion: A Review of Classic and Recent Research on Facial Mimicry and Contagion. In: Interpersona: An International Journal on Personal Relationships. Band 8, Nr. 2, 29. Dezember 2014, ISSN 1981-6472, S. 159–179, doi:10.5964/ijpr.v8i2.162 (interpersonajournal.com [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
  11. Julen Hernandez-Lallement, Paula Gómez-Sotres, Maria Carrillo: Towards a unified theory of emotional contagion in rodents—A meta-analysis. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Band 132, 1. Januar 2022, ISSN 0149-7634, S. 1229–1248, doi:10.1016/j.neubiorev.2020.09.010 (sciencedirect.com [abgerufen am 12. Dezember 2025]).