Gedenkstein für die Trümmerfrauen und die Aufbaugeneration
Der Gedenkstein für die Trümmerfrauen und die Aufbaugeneration ist ein Gedenkstein am Marstallplatz in München.
Beschreibung
Der schulterhohe Gedenkstein, ein von Bäumen umgebener Granitfels, trägt in Messingbuchstaben die Aufschrift: „Den Trümmerfrauen und / der Aufbaugeneration / Dank und Anerkennung / München nach 1945 / Im Wissen um / die Verantwortung.“[1] Obwohl kein Denkmal,[2] wird der Stein gern als solches bezeichnet.
Geschichte
Vorgeschichte
In München setzte sich die CSU schon in den 1990er Jahren für ein Denkmal ein, das „Trümmerfrauen“,[A 1] Vertriebene und Flüchtlinge ehren sollte.[3] Eine Bürgerinitiative forderte seit 1999 ein Denkmal.[4]
2003 und 2007/2008 wurden im Münchner Stadtrat Anträge auf ein Denkmal für „Trümmerfrauen“ gestellt. Beide Anträge wurden mehrheitlich abgelehnt, da nach den Archivmaterialien des Münchner Stadtarchivs weder „Trümmerfrauen“ existierten noch der Begriff „Trümmerfrau“: „Die im Antrag genannten Trümmerfrauen gab es in München nicht. Herangezogen wurden in der Regel arbeitsfähige Männer. Dabei ist besonders zu beachten, dass man die Trümmerbeseitigung direkt nach dem Krieg vor allem ehemaligen Nationalsozialisten als Sühneleistung auferlegt hat.“ Unter Androhung des Entzugs von Lebensmittelmarken seien damals 1330 Nationalsozialisten und 102 Nationalsozialistinnen zur Trümmerräumung verpflichtet worden.[5] Die Trümmer seien hauptsächlich mit Hilfe von professionellen Bauunternehmen geräumt worden, die Maschinen eingesetzt hätten.[4]
2007 wurde in München der Verein Dank der Aufbaugeneration, insbesondere den Trümmerfrauen e. V. gegründet.[6] Er verfolgte das Ziel, trotz der Widerstände die Errichtung eines Gedenksteins zu ermöglichen.[7] Mitglieder des Vorstands waren und sind (Stand Oktober 2025): Gisela Aeckerlein, Ehrenvorsitzende des CSU-Ortsverbandes Isarvorstadt, Reinhold Babor, ehemaliger Stadtrat (CSU) und Fritz Kraus, Vorstandsmitglied des CSU-Ortsverbandes München-Schlachthofviertel.[8][9][10] Schließlich stellte der Freistaat Bayern auf einem eigenen Grundstück in der Innenstadt, am Marstallplatz, einen Ort zur Verfügung.[3]
Errichtung
Am 8. Mai 2013 konnte der Verein dort auf eigene Kosten den Gedenkstein aufstellen. Der bayerische Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle hielt bei der Einweihungszeremonie eine Rede.[11] Nun verlagerte sich die Diskussion aus dem Stadtrat in die Münchner Öffentlichkeit.[3]
Rezeption
Im Dezember 2013 kam es zu einer politischen Protestaktion. Dabei wurde der Stein von den beiden Landtagsabgeordneten Katharina Schulze und Sepp Dürr von Bündnis 90/Die Grünen mit einem braunen Stoffsack verhüllt, mit der Aufschrift Den Richtigen ein Denkmal / Nicht den Alt-Nazis / Gegen Spaenles Geschichtsklitterung, und seine Beseitigung gefordert.[12]
Schulze und Dürr begründeten ihre Aktion damit, dass über 90 Prozent der an der Trümmerräumung Beteiligten des Gedenksteins unwürdig seien: Sie seien im Krieg in nationalsozialistischen Organisationen aktiv gewesen, und die Trümmerarbeit sei für sie als Sühneleistung angeordnet worden.[12] Besonderen Ärger hatte ausgelöst, dass Spaenle die Einweihung mit seiner Anwesenheit aufgewertet hatte, obwohl sich im Münchner Stadtrat wegen der Recherche des Stadtarchivs die Mehrheit gegen ein Denkmal ausgesprochen hatte.[12] Hierzu hatte Dürr im Landtag eine Anfrage gestellt, darauf aber keine ihn zufriedenstellende Antwort von Spaenle erhalten.[12]
Die Aktion führte zu einem großen Echo in den Medien und löste in den sozialen Medien einen Shitstorm aus.[1][13] Auf Facebook entstand innerhalb kürzester Zeit eine Gegenbewegung zu der Aktion, die schon nach wenigen Tagen von etwa 20.000 Menschen unterstützt wurde. Zu lesen waren dort Bekundungen von Unverständnis und Betroffenheit darüber, dass die Leistung der „Trümmerfrauen“ in Frage gestellt worden war. Die Kommentare enthielten aber auch Beschimpfungen von Schulze und Dürr als Nestbeschmutzer und gingen bis zu „unverhohlenen und rechtsradikal gefärbten Hassparolen, die mitunter in Morddrohungen gegen die beiden gipfelten“.[14]
In einer Pressemitteilung wies Spaenles Ministerium darauf hin, dass der Minister den Passus „Im Wissen um die Verantwortung“ habe hinzufügen lassen. Bei der Vorstellung des Gedenksteins habe er die deutsche Verantwortung für die Shoah betont.[15] Es folgten weitere Verhüllungen durch Die Grünen.[3]
Die Alternative für Deutschland (AfD) begrüßte den Gedenkstein und legte 2018 einen Kranz nieder.[3] Gruppierungen aus dem rechten Spektrum stellen „Trümmerfrauen“ immer wieder mit ähnlichen Aktionen in den Mittelpunkt eines Geschichtsbildes, das die Wiederaufbauleistungen hervorheben und das Erinnern an die Verbrechen von Bürgern im Nationalsozialismus zurückdrängen möchte.[3]
Weblinks
Anmerkungen
- ↑ In der deutschsprachigen Wikipedia gilt es als unangemessener Stil, durch Anführungszeichen eine Distanzierung von einer Wortwahl anzeigen zu wollen. Da jedoch in dem überwiegenden Teil der Forschungsliteratur zum Thema seit 2013 (u. a. Leonie Treber, Clara-Anna Egger, Martin Tschiggerl/Thomas Wallach; näheres hier) eben diese Distanzierung als angemessener Umgang mit dem Begriff gilt und durch Anführungszeichen angezeigt wird, folgt der Artikel der Forschung und verwendet Anführungszeichen.
Einzelnachweise
- ↑ a b Tobias Schulze: Streit um Trümmerfrauen-Denkmal: Der Union gefällt das. In: taz.de. 10. Dezember 2013, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Ludwig Spaenle: Stellungnahme von Ludwig Spaenle zu einer schriftlichen Anfrage des Herrn Abgeordneten Dr. Sepp Dürr (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), vom 10.09.2013 „Umstrittenes Trümmerfrauen-Denkmal in München“. In: katharina-schulze.de. 22. November 2013, abgerufen am 8. Oktober 2025.
- ↑ a b c d e f Nicole Kramer: Trümmerfrauen. In: Historisches Lexikon Bayerns. Abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ a b Leonie Treber: Mythos Trümmerfrauen von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes. Klartext, Freiburg 2014, ISBN 978-3-8375-1178-9, S. 444.
- ↑ Frage an Florian Ritter von Anna Hutter bezüglich Gesellschaftspolitik, soziale Gruppen. Mit Antwort von Florian Ritter. In: abgeordnetenwatch.de. 23. Oktober 2009, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Verein Dank der Aufbaugeneration, insbesondere den Trümmerfrauen e.V. | Registercheck. Abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Registerportal - Vereinsregister. In: handelsregister.de. Ehemals im (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 7. Oktober 2025 (Amtsgericht München VR 200895). (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven)
- ↑ Über uns. In: csu.de. Archiviert vom am 23. Januar 2025; abgerufen am 7. Oktober 2025.
- ↑ Reinhold Babor – München-Chronik. Abgerufen am 7. Oktober 2025.
- ↑ Über uns. In: csu.de. Archiviert vom am 23. Januar 2025; abgerufen am 7. Oktober 2025.
- ↑ Leonie Treber: Mythos Trümmerfrauen: von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes. Klartext, Freiburg 2014, ISBN 978-3-8375-1178-9, S. 445.
- ↑ a b c d Karoline Meta Beisel: Schutt räumen unter Nazi-Aufsicht. In: Süddeutsche Zeitung. 12. Dezember 2013, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Hilde Armer, Gerhard Seidel, Hans-Peter Kimmerle, Richard Scherer, Manfred Rieger, Horst Rotter, Jelto Burmeister: Ehre den Trümmerfrauen. In: Münchner Merkur. 11. Dezember 2013, abgerufen am 17. August 2025.
- ↑ Leonie Treber: Mythos Trümmerfrauen: von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes. Klartext, Freiburg 2014, ISBN 978-3-8375-1178-9, S. 445; dort weitere Nachweise.
- ↑ Bayerns Bildungsminister Dr. Ludwig Spaenle zum Denkmal für die Trümmerfrauen und die Aufbaugeneration in München. In: bayern.de. 9. Dezember 2013, abgerufen am 7. Oktober 2025.
Koordinaten: 48° 8′ 26,6″ N, 11° 34′ 51,6″ O