Gastrow oder die Poesie der Technik

Gastrow oder Die Poesie der Technik ist ein biografischer Roman von Simone Trieder, erschienen 2024 im Mitteldeutschen Verlag. Das Buch zeichnet das Leben ihres Großvaters Hans Gastrow, Ingenieur und Erfinder, nach.

Inhalt

Simone Trieder zeichnet in ihrem Roman das Leben ihres Großvaters Hans Gastrow, eines Ingenieurs im 20. Jahrhundert, nach. Zugleich ist es die Geschichte des Werkstoffs Kunststoff im 20. Jahrhundert. Die Biografie beleuchtet Gastrows berufliche Laufbahn, seine technischen Entwicklungen, sein Familienleben und die politischen Umbrüche, die er miterlebte.

Kapitel und Lebensstationen

Am Wannsee, Juni 1919: Als Maschinenbaustudent an der Hochschule Charlottenburg besucht Hans Gastrow eine Party am Wannsee. Dort trifft er alte Schulbekannte, eine Jugendliebe, die jedoch bereits vergeben ist und lernt schließlich Vera kennen, seine spätere Frau. Der Besuch dient auch dazu, berufliche Kontakte zu knüpfen, die sich als wertvoll erweisen.

Heimat 39, Oktober 1929: Gastrow arbeitet als Ingenieur bei Siemens. Er lebt mit Vera und der Tochter Inge in einem kleinen Haus in der Siemenssiedlung „Heimat“. Ein zweites Kind ist unterwegs. Hans hofft auf einen Sohn, um seine Technikleidenschaft weiterzugeben. Gleichzeitig träumt er davon, sich intensiver mit Kunststoffen zu beschäftigen und seine Erfindungen international zu präsentieren. Vor der Haustür erlebt er die Spannungen zwischen rechten und linken Gruppen in Straßenkämpfen.

In die neue Welt, September 1935: Gastrow erfindet als Entwicklungsingenieur einen Automaten für ein Plastspritzgießverfahren im Betrieb Zerbst. Für die Firma ISOMA reist er gemeinsam mit dem Geschäftsführer nach Amerika auf dem Luxusliner Bremen. Auf der Überfahrt lernt er die jüdische Übersetzerin Roselin kennen, die seine politische Naivität bemerkt und ihn bei den Verhandlungen in New York und Washington unterstützt. Die Reise gilt symbolisch als sein „Niagarafall“ der Technik, in dem sich für ihn die „Poesie der Technik“ zeigt. Ihm wird eine Karriere in den USA angeboten, wobei seine NSDAP-Mitgliedschaft offenbar kein Hindernis darstellt.

Der Krieg ist ein trauriges Geschäft, Zerbst 1945: In den letzten Kriegstagen führt Vera ein Tagebuch, das die dramatischen Ereignisse in Zerbst dokumentiert. Hans, zunächst kriegsbefreit, wird schließlich zum Volkssturm einberufen. Er versucht, sein Haus und seine Erfindungen zu retten. Nach dem Einmarsch der Amerikaner und später der Russen wird er kurzzeitig verhaftet, aber bald freigelassen, da die sowjetischen Behörden andere Pläne mit ihm haben.

Warteschleife Russland, Orechowo 1951: 1946 wird Gastrow mit 2500 weiteren Ingenieuren als Reparationsexperte in die Sowjetunion gebracht. Die Familie weiß nicht, wann oder ob sie zurückkehren kann. Tochter Maja kann dort Abitur machen und studieren, während die ältere Tochter Inge die Familie unterstützt. Gastrow versucht, seine Patente in Deutschland zu sichern, stößt aber auf bürokratische Probleme, da das Land inzwischen geteilt ist. Bei einem letzten Besuch in Moskau untersucht er den Stand der Kunststoffindustrie, die er selbst mitentwickelt hat.

Utopie Plastik, Berlin 1961: Während des Mauerbaus reflektiert Gastrow in Westberlin die Entwicklung des Kunststoffs, der inzwischen als Wegwerfmaterial genutzt wird und unkontrollierbare Ausmaße annimmt. Er sorgt sich um die Umweltfolgen und denkt über die Rolle der Technik in der Gesellschaft nach.

Things Pass By - Preisverleihung, Düsseldorf 1965: Gastrow erhält einen Preis für sein Lebenswerk, erkennt jedoch, dass aktuelle Entwicklungen in der Kunststoffbranche an ihm vorbeigehen. In der Laudatio wird die visionäre Erzählung Things Pass By von Murray Leinster (1945) erwähnt, in der ein 3D-Drucker vorgestellt wird. Gastrow versucht einen letzten Vorstoß mit seiner neuesten Entwicklung, die Feier wird für ihn surreal. Auf der Heimfahrt fährt er an der Familie seiner Tochter in der DDR vorbei, darf sie jedoch nicht besuchen, und beschließt, keine Memoiren zu schreiben.

Bedeutung und Nachlass

Gastrow ist heute nur noch wenigen Fachleuten bekannt, doch sein Fachbuch gilt international als Standardwerk. Die Autorin stützt sich auf familiäre Materialien, darunter Abitur- und Diplomunterlagen, ein Abiturtagebuch, Filme von Gastrows Bauprojekten, technischen Entwicklungen und Reisen. Besonders beeindruckend waren für sie seine Filme, in denen Gastrow technische Prozesse mit künstlerischem Willen dokumentierte und untertitelte.

Der Roman behandelt auch die Geschichte des Kunststoffs: vom genialen Werkstoff der 1930er Jahre bis hin zu den ökologischen Problemen der Wegwerfgesellschaft. Die Biografie zeigt vor allem Gastrows unerschütterlichen Glauben an sich selbst, seine Fähigkeit, Niederlagen zu überwinden und mit neuen Plänen präsent zu bleiben.

Trieder webt in den Roman nicht nur die Fakten aus Briefen, Akten und Erinnerungen ein, sondern erzählt in Zeitsprüngen: Von Gastrows frühen Studienjahren über Kriegs- und Wirtschaftskrisenzeiten bis zu seinen exotischen Reisen und den schwierigen Jahren in der Sowjetunion. Ihr Text verknüpft Technikgeschichte mit Familienbiografie: Gastrows technischer Traum wird zum Spiegel des deutschen Jahrhunderts. Er erlebt Höhen, Rückschläge und stellt sich der Frage, wie viel Platz für Idealismus in einer Welt bleibt, die sich immer wieder neu ordnet.

Rezeption

  • In der Mitteldeutschen Zeitung lobt Christian Eger die literarische Form des Romans als „Chronik plus“. Er hebt hervor, dass Trieder dokumentarisch gesicherte Fakten aus Briefen, Akten und Tagebüchern szenisch rekonstruiert und literarisch verdichtet. Die Deportation Gastrows in die Sowjetunion wird besonders eindrucksvoll beschrieben, ebenso wie sein Lebenswunsch, trotz Schicksalsschlägen nicht zu verbittert zu enden.[1]
  • Das Onlinemagazin HalleSpektrum beschreibt, dass Trieder das Leben Gastrows in mehreren zeitlich versetzten Abschnitten erzählt. Von seiner Studienzeit über Wirtschaftskrisen bis zu den Jahren in der Sowjetunion. Die Erfindung des ISOMA-Automaten wird als weltweit beachtete Technikneuheit geschildert, während Gastrows Lebensweg als Spiegel des 20. Jahrhunderts fungiert.[2]
  • In einer Veranstaltungsankündigung (z. B. bei den Landesliteraturtagen Sachsen-Anhalt) wird der Roman als „authentisch, rebellisch und urkomisch“ beworben, was auf den lebendigen Erzählstil und die Mischung aus Familiengeschichte und Technikutopie hinweist.[3]
  • »Zeit trifft auf Familiengeschichte, die kleine auf die große Welt. Erlebtes, Erzähltes und Erahntes gehen eine äußerst lesenswerte Melange ein. Ein besonderes Buch.« Wolfgang Schilling, MDR Kultur (Unter Büchern), 4. Oktober 2024

Quellen

  • Simone Trieder: Gastrow oder Die Poesie der Technik. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2024.
  • Christian Eger: „Historischer Roman: Das Leben des Hans Gastrow: Karriere mit Russlandknick“, Mitteldeutsche Zeitung, 14. Oktober 2024.[4]
  • „Gastrow oder Die Poesie der Technik“, HalleSpektrum, 25. August 2024.[5]

Literatur

  • Simone Trieder: Hans Gastrow, Chefkonstrukteur bei der Firma Franz Braun, Zerbst. Zum 50. Todestag. In: Mitteldeutsches Jahrbuch. 2018, ISBN 978-3-9818871-0-5, S. 207–209 (stiftung-mkr.de).
  • Simone Trieder: Gastrow oder Die Poesie der Technik. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2024, ISBN 978-3-96311-950-7.
  • Christian Eger: „Historischer Roman: Das Leben des Hans Gastrow: Karriere mit Russlandknick“. Mitteldeutsche Zeitung, 14. Oktober 2024.
  • Thomas Kirchner: „Bedeutende Persönlichkeit: Zerbster Erfindung geht um die Welt: Buch über Hans Gastrow …“. Volksstimme, 26. März 2025.
  • „Gastrow oder Die Poesie der Technik“. HalleSpektrum.de, 25. August 2024.

Einzelnachweise

  1. Christian Eger: Historischer Roman: Das Leben des Hans Gastrow: Karriere mit Russlandknick. In: MZ.
  2. “Gastrow oder Die Poesie der Technik”. In: HalleSpektrum.
  3. PM Landesliteraturtage Sachsen-Anhalt 2024. In: Landesliteraturtage Sachsen-Anhalt.
  4. Christian Eger: Historischer Roman: Das Leben des Hans Gastrow: Karriere mit Russlandknick. In: MZ.
  5. “Gastrow oder Die Poesie der Technik”. In: HalleSpektrum.