Quartier 207
Das Quartier 207 (auch Q207) ist ein Gebäude in der Friedrichstraße im Berliner Ortsteil Mitte, das nach Plänen des französischen Architekten Jean Nouvel errichtet wurde. Es ist Teil der Friedrichstadt-Passagen und gilt als einer der wichtigsten Bauten der 1990er Jahre in Berlin.
Von 1996 bis 2024 beherbergte das Gebäude das Warenhaus Galeries Lafayette Berlin. Seit 2024 wird das Gebäude unter dem Namen Lumina zu einem Büro- und Geschäftshaus umgebaut; die Fertigstellung ist für 2027 geplant.[1]
Geschichte
Die Friedrichstraße war lange Zeit durch Kriegsschäden geprägt. In den 1980er Jahren hatte die DDR-Führung das Ziel, die Friedrichstraße in einen sozialistischen Prachtboulevard zu verwandeln. Die Aufbauleitung Sondervorhaben der Hauptstadt Berlin unter Führung von Erhardt Gißke wurde mit der Umsetzung beauftragt. 1980 war Gißke mit seinem Stab nach Paris gefahren und hatte die Bauten von Ricardo Bofill besichtigt. Diese Bauweise sollte als Vorbild für die Gestaltung der Friedrichstadt-Passagen gelten. Mit dem Fall der Mauer im Jahr 1989 wurden die Bauarbeiten nicht weiter fortgeführt. Die Treuhandanstalt teilte das Grundstück der Friedrichstadt-Passage in drei Teile auf. Auf den weiteren beiden Teilen der Friedrichstadt-Passagen wurden die Gebäude Quartier 205 und das Quartier 206 realisiert.
Im nördlichen Block der Friedrichstadt-Passagen, an der Ecke Französische Straße, wurde das Quartier 207 nach Plänen des französischen Architekten Jean Nouvel errichtet. Das Gebäude mit einer Glasfassade war möglich, da das Grundstück schon 1991 verkauft wurde und die Gestaltungsvorgaben von Hans Stimmann für Bauten in der Innenstadt Berlins noch nicht in Kraft getreten waren. So konnte der neben der Akademie der Künste am Pariser Platz einzige vollverglaste Neubau in der Berliner Innenstadt gebaut werden. Während der Nutzung als Kaufhaus war an der Fassade ein vertikaler Garten des Pariser Botanikers und Gartenkünstlers Patrick Blanc angebracht.
Das Gebäude erstreckt sich über vier Untergeschosse und sieben Obergeschosse mit insgesamt 35.000 m² Nutzfläche.[1] Ein prägendes architektonisches Merkmal sind neun gläserne Lichtkegel, die sich durch das Gebäude ziehen.[1] Die zwei großen verspiegelten Kegel im zentralen Bereich waren während der Nutzung als Warenhaus als "fascinating objects" konzipiert, auf deren Oberflächen sich Botschaften und Bilder bewegten.[2]
Nouvel beschrieb sein Konzept als ein Zusammenspiel zwischen Abstraktion und Figuration, künstlichem und natürlichem Licht, das "the first spark in the revival of Friedrichstrasse" darstellen sollte.[2] Laut dem Büro des Architekten war die Immobilie ursprünglich als Medienhaus geplant, wurde jedoch als Kaufhaus realisiert.[1]
Nutzung als Galeries Lafayette (1996–2024)
Am 29. Februar 1996 eröffneten die Galeries Lafayette als eines der ersten Unternehmen nach der deutschen Wiedervereinigung im ehemaligen Ostteil Berlins ein Warenhaus.
Die Verkaufsfläche wuchs von anfänglich 6.000 m² auf 8.000 m².[3] Das Kaufhaus positionierte sich als "Fashion-Lifestyle-Store" und "Multi-Spezialist für internationale, große Modemarken".[3] Auf vier Etagen wurden internationale Mode, Accessoires und Schuhe angeboten. Ein gläserner Trichter, einer der neun Lichtkegel des Gebäudes, bildete das Zentrum des Kaufhauses.
Das im Untergeschoss gelegene Lafayette Gourmet war eine Feinschmecker-Abteilung mit französischen Delikatessen, darunter über 250 Käsesorten und ausschließlich französische Weine.[3] Außerdem gab es eine Abteilung für Tischkultur (arts de la table) und eine französische Buchhandlung. Zeitweise bestand in der zweiten Etage das LABOmode in Kooperation mit der Modeschule ESMOD Berlin, wo junge Berliner und internationale ihre Kreationen präsentieren konnten.
Touristen, insbesondere aus Osteuropa, bildeten einen wichtigen Teil der Kundschaft.[3][4] In den Galeries Lafayette fanden regelmäßig Veranstaltungen wie Modenschauen statt, meist für geladene Gäste, teilweise aber auch öffentlich.[5] Das Kaufhaus organisierte zudem Events während der Fashion Week und Shoppingnächte.[4]
Am 4. Oktober 2023 wurde bekannt, dass das Mutterhaus in Paris die Filiale 2024 aufgibt.[6] Letzter Öffnungstag war der 31. Juli 2024.[7]
Eigentümerwechsel und gescheiterte Bibliothekspläne
Die Allianz Real Estate übernahm das Objekt 2012 von einer luxemburgischen Fondsgesellschaft.[8][9] Im Jahr 2022 gelangten die Quartiere 205, 206 und 207 in das Eigentum der US-Immobiliengruppe Tishman Speyer, die es für ihren Fonds European Real Estate Venture VIII (TSEV VIII) und weitere Co-Investoren nutzen will.[10][11]
Nach der Schließung des Kaufhauses setzte sich Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU) dafür ein, dass die Zentral- und Landesbibliothek Berlin anstelle des bisher geplanten Um- und Ergänzungsbaus für die Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz in Berlin-Kreuzberg in das Gebäude umziehen soll.[12] Die Idee war jedoch wegen der auf 589 Millionen Euro geschätzten Kosten[13] für Umzug und Umbau umstritten.[14] Die Pläne wurden letztendlich nicht umgesetzt; die ZLB soll stattdessen in das Galeria Berlin Alexanderplatz einziehen.[15]
Umbau zu Büro- und Geschäftshaus Lumina (seit 2024)
Seit 2024 wird das Gebäude umfassend umgebaut.[1] Das Sanierungs- und Umbaukonzept wurde von den Ateliers Jean Nouvel selbst entwickelt.[1] Ziel dabei ist es, mit klareren Sichtachsen und neuen Raumstrukturen offenere und übersichtlichere Grundrisse zu schaffen, die heutigen Nutzungs- und Gestaltungsansprüchen gerecht werden.[1]
Im November 2025 wurde bekannt, dass das Gebäude zukünftig den Namen Lumina tragen soll.[1] Der lateinische Name bedeutet "Licht" und spielt damit auf die gläsernen Lichtkegel an, die das Gebäude prägen.[1] Der neu gestaltete Eingangsbereich an der Ecke Friedrichstraße und Französische Straße soll zukünftig als Haupteingang für die Büroflächen dienen.[1]
Das neue Gebäude wird eine Mischnutzung aufweisen. Ab dem ersten Obergeschoss sind Büroflächen geplant, während das Erdgeschoss und Teile des ersten Untergeschosses für Einzelhandel und Gastronomie vorgesehen sind.[1] Im ersten Untergeschoss wird ein Fahrradparkhaus eingerichtet.[1] Die bestehenden Wohnungen entlang der Jägerstraße im ersten bis fünften Obergeschoss bleiben erhalten.[1] Geplant ist zudem eine Dachterrasse.[1]
Literatur
- Christian Bahr: Sprung in die Zukunft. Das neue Berlin. Veränderungen im Stadtbild. Jaron-Verlag, Berlin 1999, ISBN 978-3-89773-001-4, S. 54–65.
- Wolfgang Kil: Luxusmeile im Verliererland. In: Gründerparadiese. Vom Bauen in Zeiten des Übergangs. Verlag Bauwesen, Berlin 2000, ISBN 978-3-345-00747-7, S. 54–67.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n Iris May: Umbauarbeiten laufen: Ehemalige Galeries Lafayette werden zu „Lumina“. In: Berliner Morgenpost. 11. November 2025, abgerufen am 19. November 2025.
- ↑ a b Galeries Lafayette. In: Ateliers Jean Nouvel. Abgerufen am 19. November 2025 (englisch).
- ↑ a b c d Maren Peters: Wirtschaft: „Wir sind definitiv kein Schnäppchen-Anbieter“. Interview mit Philippe Houzé. In: Der Tagesspiegel. 24. Mai 2006, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 20. November 2025]).
- ↑ a b Katrin Herdejürgen: Interview - Alexandre Liot: Geschäftsleiter der Galeries Lafayette Berlin. In: Berlin.de. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 16. März 2010; abgerufen am 20. November 2025.
- ↑ Galeries Lafayette Berlin: AGENT PROVOCATEUR fashion show at Galeries Lafayette Berlin 03.12.2009. In: YouTube. 16. Dezember 2009, abgerufen am 28. Januar 2024.
- ↑ Galeries Lafayette will Berliner Filiale Ende 2024 schließen. 6. Oktober 2023, abgerufen am 28. Januar 2024.
- ↑ dpa: Galeries Lafayette schließt einzigen Standort in Deutschland. In: Handelsblatt. 30. Juli 2024, abgerufen am 31. Juli 2024.
- ↑ Pressemitteilung ( vom 27. Juli 2014 im Internet Archive)
- ↑ Allianz-Konzern kauft sich an Berliner Friedrichstraße ein. In: Berliner Morgenpost, 12. April 2014.
- ↑ Galeries Lafayette verkauft. In: Berliner Zeitung, 8. Februar 2022, S. 11.
- ↑ Tishman Speyer erwirbt Galeries Lafayette. Bei: immobilienmanager.de, abgerufen am 8. Februar 2022.
- ↑ Neuer Standort für Berliner Zentralbibliothek: Kultursenator Chialo schlägt Lafayette-Gebäude vor. In: Tagesspiegel, 22. August 2023
- ↑ Pläne für Berliner Landesbibliothek: Neuer Standort könnte 589 Millionen Euro kosten. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 25. November 2024]).
- ↑ Skepsis in der Berliner Politik: Umzug der ZLB könnte eine Milliarde Euro kosten. In: Tagesspiegel, 30. August 2023
- ↑ Norbert Koch-Klaucke: Zentrale Landesbibliothek zieht ins Kaufhaus am Alex – Einigung in Sicht. In: Berliner Zeitung. 9. September 2025, abgerufen am 19. November 2025.
Koordinaten: 52° 30′ 52″ N, 13° 23′ 24″ O