Gülşah Gabriel

Gülşah Gabriel (auch: Gülsah Mehmetoglu; * 1978 in Xanthi, Griechenland[1]) ist eine deutsche Biologin und Virologin. Sie leitet am Leibniz-Institut für Virologie in Hamburg die Abteilung Virale Zoonosen – One Health, hat eine W3 Professor für Virale Zoonosen an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo), und ist Sprecherin des Leibniz-Labs „Pandemic Preparedness: One Health, One Future“.[2][3] Gabriel ist eine Expertin auf dem Gebiet der Influenza-A-Viren und der Pandemieforschung. Sie untersucht, wie hochpathogene aviäre Influenza-A-Viren (HPAIV, Vogelgrippeviren) Artenbarrieren überwinden und auf den Menschen übergehen und somit Epidemien oder Pandemien auslösen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Pathogenese von Influenzaviren bei Risikogruppen, insbesondere bei Schwangeren und Menschen mit metabolischen Grunderkrankungen. Während der Corona-Pandemie identifizierte ihre Forschungsgruppe frühzeitig zentrale Krankheitsmechanismen, darunter erstmals die Replikation von SARS-CoV-2 im humanen Fettgewebe, dem größten endokrinen Organ sowie Veränderungen im Hormonstoffwechsel bei COVID-19 Patientinnen und Patienten.[4][5] Die Virusreplikation im Fettgewebe wird aktuell als mögliches „stilles Reservoir“ bei der Entstehung von Langzeitkonsequenzen von akuten Infektionen diskutiert.

Werdegang

Gabriel absolvierte nach ihrem Abitur am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen (Bayern) ein Studium der Biologie mit den Schwerpunkten Virologie, Genetik und Mikrobiologie an der Philipps-Universität Marburg (Hessen). Während ihres Studiums legte sie einen Forschungsaufenthalt im Special Pathogens Program an der Public Health Agency of Canada in Winnipeg in Kanada ein, wo sie sich mit Ebola-Viren beschäftigte. 2003 schloss sie ihr Studium mit dem Diplom in Molekularbiologie ab und promovierte 2006 im Fach Virologie (Dr. rer. nat.) über die Adaption hochpathogener aviärer Influenzaviren an Säuger. Nach einem Postdoc-Studium am Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg ging Gabriel von 2007 bis 2009 mit einem Postgraduiertenstipendium an die Universität Oxford, um molekulare Determinanten der Influenzavirus Interspeziestransmission und Pathogenese zu beforschen. Im Mai 2009 wurde sie im Rahmen des Emmy-Noether-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet und nahm das Angebot des Heinrich-Pette-Instituts (HPI) in Hamburg an, dort eine Nachwuchsgruppe zu leiten.

Im Jahr 2012 habilitierte sich im Fach Virologie an der Universität zu Lübeck. Auch in ihrer Habilitation setzte sie sich mit den viralen und zellulären Anpassungsmechanismen von Influenza-A-Viren, insbesondere von hochpathogenen aviären Influenzaviren von Tier auf den Menschen auseinander. Im Jahr 2014 übernahm Gabriel eine Professur für Virologie an der Universität zu Lübeck und die Leitung der Forschungsgruppe „Virale Zoonosen und Adaptation“ am Leibniz-Institut für Virologie in Hamburg. Nachdem sie 2015 zunächst eine Gastprofessur bei der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover innegehabt hatte, wurde sie dort 2018 auf eine W3-Professur berufen und übernahm gleichzeitig die Leitung der neuen Abteilung Virale Zoonosen – One Health am Leibniz-Institut für Virologie. Seit 2024 ist Gabriel Sprecherin des Leibniz-Labs Pandemic Preparedness: One Health, One Future, worin deutschlandweit erstmalig inter- und transdisziplinäre Expertisen von 41 Leibniz-Instituten aus den Lebenswissenschaften, den Gesundheitstechnologien, der Gesundheitsökonomie und der Bildungsforschung gebündelt werden, um besser auf künftige Pandemien vorbereitet zu sein.[2][3]

In 2018 wurde Gabriel von der Leibniz-Gemeinschaft mit dem „Leibniz – Beste Köpfe“-Preis (Leibniz Best Minds Award) ausgezeichnet.[6] Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) verlieh ihr 2019 ihren Preis für translationale Infektionsforschung.[7]

Forschungsschwerpunkte

Die aktuellen Forschungsarbeiten von Gülşah Gabriel widmen sich den molekularen Untersuchungen der Interspeziestransmission und Pathogenese von Influenza-A-Viren als Blaupause für andere zoonotische Viren (wie z. B. Coronaviren und Zikaviren). Ein besonderer Fokus liegt in der Erforschung der molekularen Ursachen der erhöhten Pathogenese in Hochrisikogruppen (Schwangere, metabolische Grunderkrankungen sowie geschlechtsabhängige Erkrankungsbilder). Während der Pandemie des Coronavirus (SARS-CoV-2) zählte ihre Forschungsgruppe zu den ersten, die Pathomechanismen identifizierten, welche gegenwärtig als Mitursache für Langzeitfolgen nach akuten Atemwegsinfektionen diskutiert werden.[4][5]

Akademische Auszeichnungen (Auswahl)

  • 2024: Nominierung für den Wissenschaftsrat der Bundesregierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).
  • 2019: Preis für translationale Infektionsforschung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) zur Würdigung ihrer Forschung zur Aufklärung von Schlüsselmolekülen in der Influenza-Pathogenese, die als Blaupause zur Entwicklung von neuen Medikamenten auch gegen andere Viren, wie Zika oder Ebola Viren dienen kann sowie den  „außergewöhnlichen translationalen Ansatz“ ihrer Forschung, der die effektive Überführung klinischer Erkenntnisse in die Forschung und umgekehrt erlaubt.[7]
  • 2018: Leibniz Best Minds Award der Leibniz Gemeinschaft zur Förderung und Würdigung ihrer One Health Forschung zu Influenzaviren.[6]
  • 2014: Aufnahme in die renommierte „Germany’s Top 40 under 40 Scientists“-Liste des Magazins Capital und Würdigung ihrer außergewöhnlichen Leistungen, fachlichen Exzellenz und besonderen Einfluss in Deutschland.
  • 2012: Robert-Koch-Förderpreis der Stadt Clausthal-Zellerfeld für ihre wegweisende Arbeit zur Wirtsadaption von Influenzaviren.[8]
  • 2009: Förderung der Nachwuchsgruppe im Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).[9]
  • 2009: Claude-Hannoun-Preis der European Scientific Working Group on Influenza (ESWI) für herausragende Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Influenzaviren und der Wirtsadapttaion.[10]

Mitgliedschaft in wissenschaftlichen Beiräten

  • Seit 2025: Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Robert Koch-Instituts (RKI)
  • Seit 2024: Sprecherin des Leibniz-Labs Pandemic Preparedness: One Health, One Future
  • Seit 2024: Mitglied des Expertengremiums des BMBF zu Pandemic Preparedness
  • Seit 2022: Vorstandsmitglied der European Scientific Working Group on Influenza and other Acute Respiratory Viruses (ESWI)
  • Seit 2022: Mitglied des EU-Gesundheitsforschungs-ExpertInnenkreises des BMBF
  • Seit 2022: Mitglied des Scientific Advisory Board des Helmholtz Viral Bioinformatics Consortium
  • 2021: Mitglied der Leopoldina-Arbeitsgruppe COVID-19 und Antivirals
  • Seit 2021: Mitglied des Scientific Advisory Board des Helmholtz CoViPa Consortium
  • Seit 2019: Mitglied der One Health-Arbeitsgruppe des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
  • Seit 2017: Mitglied des Leopoldina-Ausschusses für Dual-Use-Forschung
  • 2012-2022: Vizepräsidentin der ESWI

Publikationen (Auswahl)

  • Florian Krammer, Wendy S. Barclay, Martin Beer, Ian H. Brown, Rebecca Jane Cox, Menno D. de Jong, Ervin Fodor, Ron A. M. Fouchier, Gülsah Gabriel, Adolfo García-Sastre, Raquel Guiomar, Peter Horby, Marion Koopmans, Nicola S. Lewis, Stefania Maggi, Isabella Monne, Nadia Naffakh, Hanna Nohynek, Albert Osterhaus, Katarina Prosenc, Roman Prymula, Rino Rappuoli, Monika Redlberger-Fritz, Guus F. Rimmelzwaan, Colin A. Russell, Xavier Saelens, Martin Schwemmle, Derek J. Smith, Silke Stertz, Paula A. Tähtinen, Calogero Terregino, Charlotte Thålin: Europe needs a sustainably funded influenza research and response network. In: The Lancet Infectious Diseases. Band 25, Nr. 4, 1. April 2025, ISSN 1473-3099, S. 369–372, doi:10.1016/S1473-3099(25)00068-4, PMID 39978373.
  • Georg Beythien, Madeleine de le Roi, Stephanie Stanelle-Bertram, Federico Armando, Laura Heydemann, Malgorzata Rosiak, Svenja Becker, Mart M. Lamers, Franziska K. Kaiser, Bart L. Haagmans, Malgorzata Ciurkiewicz, Gülşah Gabriel, Albert D. M. E. Osterhaus, Wolfgang Baumgärtner: Detection of Double-Stranded RNA Intermediates During SARS-CoV-2 Infections of Syrian Golden Hamsters with Monoclonal Antibodies and Its Implications for Histopathological Evaluation of In Vivo Studies. In: International Journal of Molecular Sciences. Band 25, Nr. 21, 24. Oktober 2024, ISSN 1422-0067, S. 11425, doi:10.3390/ijms252111425, PMID 39518980, PMC 11546166 (freier Volltext).
  • Tian Bai, Yongkun Chen, Sebastian Beck, Stephanie Stanelle-Bertram, Nancy Kouassi Mounogou, Tao Chen, Jie Dong, Bettina Schneider, Tingting Jia, Jing Yang, Lijie Wang, Andreas Meinhardt, Antonia Zapf, Lothar Kreienbrock, Dayan Wang, Yuelong Shu, Gülsah Gabriel: H7N9 avian influenza virus infection in men is associated with testosterone depletion. In: Nature Communications. Band 13, Nr. 1, 14. November 2022, ISSN 2041-1723, S. 6936, doi:10.1038/s41467-022-34500-5, PMID 36376288, PMC 9662777 (freier Volltext).
  • Martin Zickler, Stephanie Stanelle-Bertram, Sandra Ehret, Fabian Heinrich, Philine Lange, Berfin Schaumburg, Nancy Mounogou Kouassi, Sebastian Beck, Michelle Y. Jaeckstein, Oliver Mann, Susanne Krasemann, Maria Schroeder, Dominik Jarczak, Axel Nierhaus, Stefan Kluge, Manuela Peschka, Hartmut Schlüter, Thomas Renné, Klaus Pueschel, Andreas Kloetgen, Ludger Scheja, Benjamin Ondruschka, Joerg Heeren, Guelsah Gabriel: Replication of SARS-CoV-2 in adipose tissue determines organ and systemic lipid metabolism in hamsters and humans. In: Cell Metabolism. Band 34, Nr. 1, 4. Januar 2022, ISSN 1550-4131, S. 1–2, doi:10.1016/j.cmet.2021.12.002, PMID 34895500, PMC 8663969 (freier Volltext).
  • Henning Jacobsen, Kerstin Walendy-Gnirß, Nilgün Tekin-Bubenheim, Nancy Mounogou Kouassi, Isabel Ben-Batalla, Nikolaus Berenbrok, Martin Wolff, Vinicius Pinho dos Reis, Martin Zickler, Lucas Scholl, Annette Gries, Hanna Jania, Andreas Kloetgen, Arne Düsedau, Gundula Pilnitz-Stolze, Aicha Jeridi, Ali Önder Yildirim, Helmut Fuchs, Valerie Gailus-Durner, Claudia Stoeger, Martin Hrabe de Angelis, Tatjana Manuylova, Karin Klingel, Fiona J. Culley, Jochen Behrends, Sonja Loges, Bianca Schneider, Susanne Krauss-Etschmann, Peter Openshaw, Gülsah Gabriel: Offspring born to influenza A virus infected pregnant mice have increased susceptibility to viral and bacterial infections in early life. In: Nature Communications. Band 12, Nr. 1, 16. August 2021, ISSN 2041-1723, S. 4957, doi:10.1038/s41467-021-25220-3, PMID 34400653, PMC 8368105 (freier Volltext).
  • Géraldine Engels, Alexandra Maximiliane Hierweger, Julia Hoffmann, René Thieme, Swantje Thiele, Stephanie Bertram, Carola Dreier, Patricia Resa-Infante, Henning Jacobsen, Kristin Thiele, Malik Alawi, Daniela Indenbirken, Adam Grundhoff, Svenja Siebels, Nicole Fischer, Violeta Stojanovska, Damián Muzzio, Federico Jensen, Khalil Karimi, Hans-Willi Mittrücker, Petra Clara Arck, Gülsah Gabriel: Pregnancy-Related Immune Adaptation Promotes the Emergence of Highly Virulent H1N1 Influenza Virus Strains in Allogenically Pregnant Mice. In: Cell Host & Microbe. Band 21, Nr. 3, 8. März 2017, ISSN 1931-3128, S. 321–333, doi:10.1016/j.chom.2017.02.020, PMID 28279344.

Einzelnachweise

  1. Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Abgerufen am 21. März 2020.
  2. a b Leibniz Lab Pandemic Preparedness. Abgerufen am 13. Januar 2026.
  3. a b Leibniz Association: Pandemic Preparedness. Abgerufen am 13. Januar 2026.
  4. a b Martin Zickler, Stephanie Stanelle-Bertram, Sandra Ehret, Fabian Heinrich, Philine Lange, Berfin Schaumburg, Nancy Mounogou Kouassi, Sebastian Beck, Michelle Y. Jaeckstein, Oliver Mann, Susanne Krasemann, Maria Schroeder, Dominik Jarczak, Axel Nierhaus, Stefan Kluge, Manuela Peschka, Hartmut Schlüter, Thomas Renné, Klaus Pueschel, Andreas Kloetgen, Ludger Scheja, Benjamin Ondruschka, Joerg Heeren, Guelsah Gabriel: Replication of SARS-CoV-2 in adipose tissue determines organ and systemic lipid metabolism in hamsters and humans. In: Cell Metabolism. Band 34, Nr. 1, Januar 2022, S. 1–2, doi:10.1016/j.cmet.2021.12.002, PMID 34895500, PMC 8663969 (freier Volltext) – (elsevier.com [abgerufen am 13. Januar 2026]).
  5. a b Maria Schroeder, Berfin Schaumburg, Zacharias Mueller, Ann Parplys, Dominik Jarczak, Kevin Roedl, Axel Nierhaus, Geraldine de Heer, Joern Grensemann, Bettina Schneider, Fabian Stoll, Tian Bai, Henning Jacobsen, Martin Zickler, Stephanie Stanelle-Bertram, Kristin Klaetschke, Thomas Renné, Andreas Meinhardt, Jens Aberle, Jens Hiller, Sven Peine, Lothar Kreienbrock, Karin Klingel, Stefan Kluge, Guelsah Gabriel: High estradiol and low testosterone levels are associated with critical illness in male but not in female COVID-19 patients: a retrospective cohort study. In: Emerging Microbes & Infections. Band 10, Nr. 1, Januar 2021, ISSN 2222-1751, S. 1807–1818, doi:10.1080/22221751.2021.1969869, PMID 34402750, PMC 8451658 (freier Volltext) – (tandfonline.com [abgerufen am 13. Januar 2026]).
  6. a b HPI-Forschungsgruppenleiterin Prof. Gülsah Gabriel erhält W3-Professur für „Virale Zoonosen – One Health“ an der Tierärztlichen Hochschule Hannover | 2018 | News und Presse | Aktuelles | Leibniz-Institut für Virologie. Abgerufen am 13. Januar 2026.
  7. a b 2019 DZIF Prizes for Translational Infection Research awarded | German Center for Infection Research. 22. November 2019, abgerufen am 14. Januar 2026 (englisch).
  8. Förderpreis der Stadt Clausthal-Zellerfeld. Abgerufen am 14. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  9. DFG - GEPRIS - The Role of the Nuclear Import Machinery in the Adaptation of Avian Influenza A Viruses to the Mammalian Host. Abgerufen am 14. Januar 2026.
  10. Claude Hannoun | ESWI. Abgerufen am 14. Januar 2026 (englisch).