Friedrich Wilhelm von Stieber

Freiherr Friedrich Wilhelm von Stieber (* 1846 in Roth, Königreich Bayern; † 15. April 1915 ebenda) war ein deutscher Industrieller und Fabrikant. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Firma Johann Philipp Stieber in Roth zu einem der führenden Unternehmen der deutschen Draht- und Bortenwarenindustrie. 1904 wurde er in den bayerischen Adelsstand erhoben und 1915 zum Freiherrn ernannt.[1]

Leben

Friedrich Wilhelm Stieber entstammte der Industriellenfamilie Stieber aus Roth in Mittelfranken, die seit dem 18. Jahrhundert in der Herstellung von Leonischen Waren (vergoldete und versilberte Metalldrähte und Gespinste) tätig war. Nach einer kaufmännischen Ausbildung in Nürnberg und Aufenthalten im Ausland – unter anderem in Marseille und London – trat er 1867 in das väterliche Unternehmen ein.[1]

Durch intensive Auslandsreisen, insbesondere in die Mittelmeerregion, den Vorderen Orient und nach England, baute er internationale Geschäftsbeziehungen auf und erschloss neue Absatzmärkte. Nach dem Tod seines Vaters wurde Stieber 1871 Alleininhaber des Unternehmens. Er modernisierte die Produktionsanlagen, führte neue Verfahren in der Drahtverarbeitung ein und weitete die Produktpalette um technische Kupferdrähte und Telegraphenkabel aus.[1]

Unter seiner Leitung wuchs die Firma stetig: Die Zahl der Beschäftigten stieg von rund 150 im Jahr 1871 auf über 300 vor dem Ersten Weltkrieg. 1907 gründete Stieber eine Flitterfabrik in Nürnberg als Zweigbetrieb.[1]

Unternehmen

Die Johann Philipp Stieber war eines der ältesten Unternehmen der leonischen Industrie in Mittelfranken. Ursprünglich auf Borten- und Gespinstwaren spezialisiert, wurde sie unter Friedrich Wilhelm Stieber zu einem modernen Industriebetrieb mit internationalem Kundenkreis. Stieber verband handwerkliche Tradition mit industrieller Fertigung und setzte auf qualifizierte Arbeiter und technische Innovationen. Seine Exportorientierung trug wesentlich dazu bei, dass Roth im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum der deutschen Leonischen Industrie wurde.

1917 fusionierte die Firma „Johann Philipp Stieber“ mit den Firmen „Johann Balthasar Stieber & Sohn“ in Nürnberg-Mühlhof und „Vereinigte Leonische Fabriken“ in Nürnberg-Schweinau zur „Aktiengesellschaft Leonische Werke Roth-Nürnberg“.[1]

Schloss Ratibor

1892 erwarb Stieber das seit 1880 im Besitz des bayerischen Staates befindliche Schloss Ratibor in Roth zurück. Stiebers Großvater Johann Philipp Stieber (1756–1836) hatte das ehemals markgräflich ansbachische Jagdschloss 1791 erworben; dessen jüngerer Sohn, Stiebers Vater Johann Heinrich Stieber (1815–1871), verkaufte es 1857 an die Stadt Roth. Friedrich Wilhelm Stieber ließ das Schloss aufwendig restaurieren und als repräsentativen Familiensitz ausbauen. Die Innengestaltung erfolgte im Stil der Neorenaissance und beherbergt bis heute eine wertvolle Kunstsammlung.[2]

Ehrungen und Adel

Für seine wirtschaftlichen Verdienste erhielt Stieber zahlreiche Auszeichnungen. 1888 wurde er zum Kommerzienrat, 1907 zum Geheimen Kommerzienrat ernannt. Er wurde mit dem Bayerischen Michaelsorden und der Prinzregent-Luitpold-Medaille in Silber ausgezeichnet. 1904 wurde ihm der bayerische persönliche Adel verliehen; 1915, kurz vor seinem Tod, wurde er in den erblichen Freiherrenstand erhoben.[1] 1979 wurde die Wilhelm-von-Stieber-Schule nach ihm benannt.[3]

Familie

Friedrich Wilhelm von Stieber war verheiratet und hatte mehrere Kinder. Seine Nachkommen führten das Unternehmen in der dritten Generation fort. Das Familienengagement prägte die Entwicklung der Stadt Roth bis in das 20. Jahrhundert.[1]

Nachwirkung

Stieber gilt als eine der prägenden Unternehmerpersönlichkeiten der mittelfränkischen Industriegeschichte. Sein Wirken trug maßgeblich zum industriellen Aufschwung Roths bei. Schloss Ratibor, das er instand setzen ließ, ist heute ein Kulturzentrum und Museum der Stadt Roth.[1]

Literatur

  • Richard Winkler: „Stieber“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 25, Berlin 2013, S. 318–319. Onlinefassung der Deutschen Biographie
  • Heimatblätter für Geschichte, Volks- und Heimatkunde der Stadt und des Bezirks Roth, 5 (1926), Nr. 29–36, S. 151–168: Aus der Geschichte der Drahtindustrie von Roth.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h Friedrich Wilhelm von Stieber. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
  2. Richard Winkler: „Stieber“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 25, Berlin 2013, S. 318–319. Onlinefassung der Deutschen Biographie
  3. nordbayern de, Nürnberg Germany: Stieber-Schule feiert. Abgerufen am 25. Oktober 2025.