Frieda Glücksmann
Frieda Glücksmann (geboren als Frieda Lebrecht 25. Juli 1890 in Breslau; gestorben 7. September 1971 in London) war eine jüdische Sozialpädagogin und Leiterin des Jüdischen Erholungsheims Lehnitz.
Werdegang
Frieda Lebrecht war eine Tochter des Kaufmanns Louis Lebrecht und der Jenny Engel, sie hatte eine Schwester, Therese (1891–vermutlich 1941). Nach der Höheren Töchterschule besuchte sie ab 1903 das Lehrerinnenseminar in Breslau und machte 1906 das Kindergärtnerinnendiplom. 1908 bis 1912 leitete sie einen Privatkindergarten in Breslau. Ab 1912 verbrachte sie zwei Studienjahre in Lausanne, die sie 1913 mit einem Fremdsprachendiplom in Französisch abschloss. Danach studierte sie von 1915 bis 1916 am Sozialpädagogischen Seminar des Jugendheimes der Reform- und Sozialpädagogin Anna von Gierke in Berlin-Charlottenburg. Nach dem Abschluss der Examina als Schulpflegerin und Jugendleiterin[1] im Jahr 1916 war sie von 1917 bis 1932 als Vorstandsmitglied im städtischen Jugendamt Breslau tätig, wo sie als Dezernentin für Schulkinderfürsorge arbeitete.[2] Zu ihren Aufgaben gehörte die Aufsicht über Kindergärten und die Ausbildung von Pflege- und Betreuungspersonal. Während des Ersten Weltkriegs organisierte sie Kinderschulspeisungen in Deutschland.[3]
Im Jahr 1919 hatte sie den Kaufmann Erich Glücksmann (gestorben 1962) geheiratet. 1922 wurden die Zwillinge Peter und Marianne geboren, 1925 der Sohn Ernst.[3] Als 1932 die Nationalsozialisten im Stadtparlament die Mehrheit bekamen, wurde Frieda Glücksmann aufgrund dessen, dass sie Jüdin war, gekündigt – ebenso wie allen anderen jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der städtischen Verwaltung.[1][2][4]
Das Jüdische Erholungsheim Lehnitz
Als Alleinerziehende mit drei Kindern ging Frieda Glücksmann nach Berlin und übernahm Ende 1933 im Auftrag des Jüdischen Frauenbundes die Leitung des Jüdischen Erholungsheims in Lehnitz, das sich im Besitz der Jüdischen Gemeinde Berlin befand.[3] 1934 wurde ihre Ehe offiziell geschieden. Sie erweiterte das Konzept des Hauses innerhalb weniger Monate vom Erholungsheim für Kinder und Erwachsene um ein Kinderheim und eine Tagungsstätte für Veranstaltungen jüdischer Organisationen, zionistische Jugendtreffen und pädagogische Fachtagungen. Die von ihr gegründete Hauswirtschaftsschule für Mädchen konnte jährlich bis zu 40 Schülerinnen aufnehmen. Daneben wurde Pädagogik, Musik, Englisch, Hebräisch, deutsche Literatur und aktuelle Politik unterrichtet.[4] Trotz der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 entfaltete sich dort jüdisches Leben, wie es unter den Bedingungen der antijüdischen Verfolgung kaum vorstellbar ist.[5] 1935 wurde im ehemaligen Kohlenkeller des Hauses eine Synagoge geschaffen.[1][2][6][7]
Frieda Glücksmann, ihre langjährige Weggefährtin Edith Kaufmann und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter widerstanden antisemitischen Ausschreitungen und Versuchen der behördlichen Schließung. Ab 1935 war das Heim von antisemitischen Angriffen und wachsenden staatlichen Repressalien und Verboten betroffen. So durften etwa Spaziergänge im Wald nur mit maximal drei Personen stattfinden, der Zutritt zum Ort Lehnitz war verboten, ebenso die Straße zum Bahnhof sowie der Besuch des Seebads am Wochenende. Frieda Glücksmann hatte bereits seit dem Anwachsen des Antisemitismus Pläne für die Emigration ihrer Schützlinge gemacht, reiste Anfang 1936 über Rom nach Palästina, besuchte unter anderem in Tel Aviv die Schule der Women’s International Zionist Organisation und baute Netzwerke auf. Mit der Hauswirtschaftsschule in Lehnitz sorgte sie für eine Ausbildung der jungen jüdischen Frauen, die ihnen eine Arbeit im Ausland ermöglichen sollte.[1][6][8][9]
Am 9. November 1938 war Frieda Glücksmann nicht in Lehnitz, sondern befand sich im Auftrag der Reichsvertretung der Deutschen Juden auf einer Reise in den Vereinigten Staaten, um Ausreisemöglichkeiten für jüdische Menschen zu erkunden und dafür benötigte Bürgschaften zu sammeln, die ihnen eine Ausreise aus Deutschland sichern konnten.[10] Die im Heim Anwesenden wurden telefonisch durch einen Polizeiinspektor vor dem bevorstehenden Novemberpogrom 1938 gewarnt und konnten in den Wald flüchten. Bei den folgenden Ausschreitungen wurde die gesamte Inneneinrichtung zerstört, und die Einrichtung musste für immer schließen. Das Gebäude wurde enteignet und im Jahr 1939 dem Oranienburger Kreiskrankenhaus als Hilfskrankenhaus zugeordnet.[1][6][8]
Leben im Exil
Frieda Glücksmann kehrte nicht mehr nach Lehnitz zurück, sondern emigrierte mit ihren Kindern nach Großbritannien.[3] Sie ließ sich mit der Familie in London nieder – wenig später gefolgt von ihrer Freundin Edith – und organisierte aus dem Exil heraus bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges auch die Emigration einiger Freunde und verbliebener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.[6][8] Ehemaligen Schülerinnen half sie in den Jahren 1938 und 1939 eine Einreise- und Niederlassungsgenehmigung („domestic permit“) für Großbritannien zu bekommen.[9]
In Großbritannien konnte Frieda Glücksmann ihre Erfahrungen in Sozialeinrichtungen, unter anderem für jüdische Flüchtlinge, einbringen. Von 1938 bis 1939 leitete sie im Auftrag des Jüdischen Flüchtlingskomitees ein Wohnheim für Flüchtlingsfrauen und -kinder in London-Highgate. Von Februar 1939 bis zu seiner Schließung zu Kriegsbeginn übernahm sie die Leitung des „Dr. Schlesinger’s Hostel“, eines privat geführten und von der Familie Bernard und Winifried Schlesinger unterhaltenen kleinen Heims für deutsche Flüchtlingskinder in Shepherds Hill in London-Highgate.[11] Die Organisation „Bloomsbury House“ für die Unterstützung jüdischer Emigranten in Großbritannien übertrug ihr von 1939 bis 1946 die Leitung einer Hilfseinrichtung für Flüchtlingsfrauen und -mädchen aus Deutschland, in der Frieda Glücksmann für etwa 100 Bewohnerinnen Sorge trug. Außerdem führte sie ab 1941 ein so genanntes „Hot Pot British Restaurant“, in dem Arbeiter und Kriegsversehrte versorgt wurden, und war von 1946 bis 1971 Inhaberin des „All Nations Guest House“ in London.[3] Zuletzt hatte sie die Leitung des Southbourne Hotels an der südenglischen Küste in der Nähe von Bournemouth inne. Frieda Glücksmann verbrachte ihr Leben im Kreis ihrer Kinder, Enkelkinder und mit der Freundin Edith. Am 7. September 1971 starb sie in London.[1][8] Ihr Nachlass befindet sich im Jüdischen Museum Berlin.[5]
Ehrungen und Gedenken
Im Jahr 1988 wurde vor dem Haus in Lehnitz ein Gedenkstein aufgestellt, der an die Geschichte des Hauses und das Schicksal der Bewohner erinnert.[8]
Im Oktober 2005 wurde die frühere Lessing-Straße in Lehnitz nach Frieda Glücksmann benannt.[6] Begleitend fand eine Ausstellung zur Geschichte des „Jüdischen Erholungsheimes Lehnitz“ statt.[8] Die Oberschule in Hohen Neuendorf wurde in Frieda-Glücksmann-Oberschule umbenannt.
Frieda Glücksmann wurde im November 2011 mit der Aufnahme in das Projekt FrauenOrte Brandenburg des Frauenpolitischen Rates Land Brandenburg ausgezeichnet,[8] das Leben und Wirken bedeutender Frauen in der brandenburgischen Geschichte sichtbar macht. Wie auch in anderen nationalen Projekten der Frauenorte werden Frauen in Deutschland und ihr Lebenswerk als historische Vorbilder geehrt.[12] Die Gedenktafel befindet sich in der Friedrich-Wolf-Straße am Rondell im Ortsteil Lehnitz von Oranienburg. ()[1] Zum Wirken von Frieda Glücksmann wurde ein Hörspaziergang vom ehemaligen jüdischen Erholungsheim in der Magnus-Hirschfeld-Straße 33 durch den Wald zum See entwickelt.[6]
In 2025 wurde die Oberschule Lehnitz in die Frieda-Glücksmann-Oberschule unbenannt.[13]
Literatur
- Glücksmann, Frida, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München: Saur, 1980, S. 227
- Bodo Becker: Das „Jüdische Erholungsheim Lehnitz“: „Ein Heim wie dieses ist nicht nur eine leibliche Wohltat“. Jüdische Miniaturen. Hermann Simon (Hrsg.), Hentrich und Hentrich Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-9422-7178-3
- Kathrin Schwarz: Frieda Glücksmann. Von London nach Lehnitz. Ammian Verlag 2024, ISBN 978-3-9480-5273-7
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g Frieda Glücksmann. In: FrauenOrte Brandenburg. Abgerufen am 9. November 2025
- ↑ a b c Bodo Becker: Frieda Glücksmann und das Jüdische Erholungsheim Lehnitz. Teil 1 vom 22. November 2019. In: Unser Lehnitz. Abgerufen am 10. November 2025
- ↑ a b c d e Glücksmann, Frida, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München: Saur, 1980, S. 227
- ↑ a b Frieda Glücksmann und das Jüdische Erholungsheim Lehnitz. Eine Ausstellung in Oranienburg | Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 9. März 2022.
- ↑ a b Jüdisches Erholungsheim in Lehnitz | Geschichte vor Ort. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 22. Oktober 2021; abgerufen am 9. März 2022 (deutsch).
- ↑ a b c d e f Hörspaziergang Frieda Glücksmann. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 9. November 2025
- ↑ Rückzugsort in Zeiten des Nationalsozialismus: das jüdische Erholungsheim Lehnitz. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 9. November 2025
- ↑ a b c d e f g Bodo Becker: Frieda Glücksmann und das Jüdische Erholungsheim Lehnitz. Teil 2 vom 20. Januar 2020. In: Unser Lehnitz. Abgerufen am 10. November 2025
- ↑ a b Traude Bollauf: Dienstmädchen-Emigration – die Flucht jüdischer Frauen aus Österreich und Deutschland nach England 1938/39. Lit Verlag 2010, ISBN 978-3-64350-196-7, S. 88 (eingeschränkte Buchvorschau)
- ↑ Traude Bollauf: Dienstmädchen-Emigration – die Flucht jüdischer Frauen aus Österreich und Deutschland nach England 1938/39. Lit Verlag 2010, ISBN 978-3-64350-196-7, S. 120–121
- ↑ Rebekka Göpfert: Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39. Geschichte und Erinnerung. Campus Verlag 1999, ISBN 978-3-5933-6201-4, S. 128–129 (eingeschränkte Buchvorschau)
- ↑ FrauenOrte Land Brandenburg. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 9. November 2025
- ↑ Advantic Systemhaus GmbH: Oberschule in Lehnitz / Stadt Oranienburg. Archiviert vom am 26. März 2025; abgerufen am 18. Dezember 2025 (deutsch).