Fraternitas Lataviensis



Fraternitas Lataviensis
Wappen Zirkel
Basisdaten
Hochschulort: Riga
Hochschule/n: Universität Lettlands
Gründung: 16. September 1926
(vor 99 Jahren)
Korporationsverband: Präsidenkonvent (P!K!)
Farbenstatus: farbentragend
Farben:
Mütze: schwarz, kleines Format mit Baltenstern
Art des Bundes: Männerbund
Stellung zur Mensur: pflichtschlagend
Wahlspruch: lateinisch PRO PATRIA, IUSTITIA, HONORE
lettisch Par tēvzemi, taisnību, godu
deutsch Für Vaterland, Recht, Ehre!
Mitglieder insgesamt: ca. 900
Aktive: ca. 125
Website: pk.lv/WordPress/fraternitas-lataviensis

Die Fraternitas Lataviensis ist eine lettische Studentenverbindung (lettisch „studentu korporācija“, auch „S!k!“ bzw. SK)[A 1] mit Sitz an der Universität Lettlands, der größten lettischen Universität, in Riga. Gegründet am 16. September 1926 und in verschiedener Form seitdem aktiv, bildet die Fraternitas eines von derzeit 23 Mitgliedern im dortigen Korporationsverband Präsidenkonvent (lettisch „Prezidiju Konvents“, „P!K!“ bzw. PK)[A 1].

Geschichte

Hintergrund

Lettland hatte im Nachgang der Russischen Februarrevolution und des Kollapses der deutschen Ostfront und damit des Endes des ersten Weltkriegs im Jahre 1918 seine Unabhängigkeit erlangt, wobei Riga zur Hauptstadt wurde[1]. Im Zuge dessen wandelte sich auch das ehemalige Polytechnikum Riga im Jahre 1919 zur „Hochschule Lettlands“ (lettisch „Latvijas Augstskola“, u.a. wurde Lettisch zur Unterrichtssprache).[2] 1923 verabschiedete das lettische Parlament eine Hochschulverfassung und taufte die Hochschule auf ihren heutigen Namen, Universität Lettlands (lettisch „Latvijas Universitāte“).

Gründung

Die Fraternitas Lataviensis wurde 1926 zur Zeit der ersten unabhängigen Republik Lettland von insgesamt 28 Universitätstudenten in Riga gegründet. Der ursprüngliche Name war „Latavia“[A 2] und die Farben schwarz–blau–gold. Allerdings mussten für die Aufnahme in den PK sowohl dieser Name als auch die ursprünglich gewählten Farben nochmals geändert werden, um eine Verwechslung mit anderen, bereits bestehenden Mitgliedsverbindungen zu vermeiden. Nach entsprechenden Änderungen, erfolgte zum 20. November 1928 schließlich die Aufnahme in den Präsidenkonvent.[3][4][5][6]

Zweiter Weltkrieg

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt) vom 23. August 1939 enthielt ein geheimes Zusatzprotokoll, das die zwischen den beiden Mächten liegenden Gebiete völkerrechtswidrig in Interessensphären aufteilte. Die Sowjetische Besetzung Lettlands 1940 mit Massendeportationen und Hinrichtungen schwächten in der Folge die lokalen wirtschaftlichen und kulturellen Eliten. Studentische Verbindungen in Riga wurden verboten und es kam zu mehrfachen Versuchen der Beschlagnahme durch die Rote Armee. Während der sowjetischen Besatzung wurde die Fraternitas Lataviensis am 13. Juli 1940 durch eine Entscheidung des Ministers für öffentliche Angelegenheiten geschlossen und war damit suspendiert. Die sowjetischen Behörden beschlagnahmten das Eigentum der Verbindung. Viele Mitglieder wurden als lettische Patrioten und damit für die Sowjetmacht gefährliche Personen zunehmend den Repressionen der Besatzungsbehörden unterworfen.[6]

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gelangte auch Lettland unter deutsche Besetzung (1941–1945), was zum lettischen Holocaust (u.a. dem Ghetto von Riga) führte. Während der Nazi-Besatzung operierten die aktiven Mitglieder (Aktivitas) der Verbindung tatsächlich inoffiziell, weil nur die Fraternitas-Lataviensis-Gesellschaft als Philisterverein bzw. „Kameradschaft“ offiziell anerkannt wurde. Mit Kriegsende (gemäß der sowjetischen Geschichtsschreibung ab 1940) wurde Lettland zur Lettischen Sowietrepublik, die bis 1990 bestand.[A 3][6]

Diaspora nach 1940

Schon zu Kriegszeiten war es vermehrt zu Flucht und Abwanderung gekommen; nach Beginn der sowjetischen Okkupation war an eine Wiederaufnahme der Aktivitäten in Riga nicht mehr zu denken. Es kam jedoch bereits 1945 in Belgien im Kriegsgefangenenlager Zedelgem (in Baracken des Lagers 2229) zu einer ersten Zusammenkunft von Mitgliedern der Fraternitas Lataviensis im Ausland.[6] Der erste offizielle Konvent außerhalb Lettlands fand am 16. Februar 1946 im schwedischen Stockholm statt. Allerdings dauerte es noch bis 1951, bis die Fraternitas Lataviensis erste neue Mitglieder im Ausland aufnahm.[6]

Wie viele Letten, die der wachsenden Russifizierung zu Zeiten des Kalten Krieges ausweichen wollten, emigrierte eine große Zahl von Mitgliedern ins Ausland. Von diesen wurde 1965 das sogenannte "Global Presidium" als Dachverband der Verbindung gegründet, der die verstreuten Kapitel koordinierte, so war die Fraternitas Lataviensis in Westdeutschland und ist teilweise noch bis heute in Australien, Brasilien, Großbritannien, Kanada, Schweden und den Vereinigten Staaten von Amerika vertreten.[7][6]

Wiederherstellung in Riga 1989 bis zur Gegenwart

Die Singende Revolution im Baltikum bedeutete das Ende der sowietischen Okkupation,[8] worauf 1990 die Unabhängigkeit der Lettischen Republik ausgerufen wurde, die durch die Anerkennung am 6. September 1991 seitens der Sowjetunion ihre Bestätigung fand. Bereits zum 16. September 1989 und damit etwa sechzig Jahre nach der Gründung war in Erwartung der Unabhängigkeit die Fraternitas Lataviensis in Riga erfolgreich reaktiviert worden. Im Jahr 1996 wurde in der Altstadt Rigas das ehemalige Convents-Quartier des deutsch-baltischen Corps Concordia Rigensis erworben und renoviert, das heute als Sitz der Verbindung dient.[6]

Entwicklung, Selbstverständnis und Kooperationen

Im Jahr 1926 hatte die Verbindung anfangs 28 Mitglieder, wuchs jedoch schnell auf 73 Mitglieder (1929). Im Jahr 1965 wurden 170, 1971 170, 1990 etwa 200 Mitglieder gezählt. Im Jahr 2009 gab es weltweit 250 aktive Mitglieder der Vereinigung, davon 127 in Lettland. Das größte Auslandskapitel der Fraternitas Lataviensis in Toronto umfasste bis zu 90 Mitglieder.[9] Im Frühjahrssemester 2020 waren es 248 Mitglieder, davon 164 in Lettland, 84 im Ausland.[9] Die Fraternitas Lataviensis mit heute ungefähr 125 aktiven Mitglieder in Lettland ist Mitglied im Präsidenkonvent, dem Zusammenschluss der Rigaer Männer- und Frauenverbindungen (organisiert im Präsidenkonvent der lettischen Damenverbindungen („S!P!K!“ bzw. SPK)[A 1]).

Die Fraternitas Lataviensis hat bis heute ihre Prinzipien weitgehend gewahrt, mit dem Ziel (in freier Übersetzung),

„Studenten lettischer Herkunft der Universität Lettlands und anderer höherer Bildungseinichtungen zu sammeln, im guten Glauben heranzubilden, in nobler Haltung, im nationalen Geist, und für das spätere Leben in Freundschaft zu vereinen.“

Man steht zu Couleur und Mensur, auch wird in lettischer Sängertradition sehr viel Wert auf den Erhalt der alten Studentenlieder gelegt.[10] Die Farben sind schwarz–weiß–gold, dazu wird der typische Baltenstern an der Mütze auf der Oberseite getragen. Der Wahlspruch der Verbindung lautet lateinisch PRO PATRIA, IUSTITIA, HONORElettisch Par tēvzemi, taisnību, godu, übersetzt etwa "Für Vaterland, Recht und Ehre".[11] Seit 1952 wurde ein Mitteilungsblatt für Mitglieder, „Fraternitas Lataviensis Ziņotājs“, veröffentlicht, von 1956 bis 1989 unter dem Namen „Honorary Mind“. Zudem erscheint seit 1957 regelmäßig die „Current“ der Verbindung in Toronto (Aufl. ca. 280 Expl.).[12]

Die Fraternitas Lataviensis kooperiert mit mehreren anderen Verbindungen:

  • Seit dem 19. März 2021 besteht ein Zusammenschluss mit dem Verein Studierender Esten (estnisch Eesti Üliõpilaste Selts – EÜS, lateinisch Societas Studiosorum Estonorum) als ältester estnischer Studentenverbindung.[13][5]
  • Mit dem Corps Concordia Rigensis zu Hamburg (gegr. 1896 in Riga) besteht seit 1996 ein Freundschaftsvertrag. Die Fraternitas Lataviensis residiert zugleich seit jenem Jahr im alten ehemaligen und inzwischen renovierten Convents-Quartier d. h. lettisch Konventa dzīvoklis („C!Q!“ bzw. CQ)[A 1] der Concordia Rigensis am alten Ort in Riga.[5]
  • Es besteht ein Freundschaftsverhältnis mit Neo-Lithuania in Litauen.[5]

Prominentestes Mitglied heute ist Egils Levits, lettischer Politiker, Diplomat und Rechtswissenschaftler; ehemaliger Richter am Europäischen Gerichtshof und Präsident der Republik Lettland.[9]

Siehe auch

Literatur

  • Mengelis, A.: „Fraternitas Lataviensis 35“. Universitas, Nr. 9, 1961, 17. - S.18.[14]
  • Butterfly, E.: „Pro Patria, Iustitia, Honore. 40 years Fraternitas Lataviensis“. Universitas, Nr. 18, 1966, S. 15-17.[14]
  • Baltische Gesellschaft in Deutschland (Hrsg.): Baltisches Burschentum. Die studentischen Korporationen der Deutschbalten, Esten und Letten einst und jetzt. Redigiert von Hans von Rimscha. Heidelberger Gutenberg-Druckerei 1968.
  • Lazda, E.: „Pro Patria, Iustitia, Honore. 50 years Fraternitas Lataviensis“. Universitas, Nr. 38, 1976, S. 9-11.[14]
  • Šilde, Ā.: „Fraternitas Lataviensis, 1926–1976“. Toronto, Fraternitas Lataviensis, 1977.[14]
  • Latvian Association Of Corporations (Hrsg.): „Latvian Corporations Association, Second Edition“. New York, 1990.[14]
  • Jente, I.: „Fraternitas Lataviensis“. Universitas, No.67, 1991, S. 42–44.[14]
  • Shcherbinsky, V.: „Faithful to a friend: closed life organisations of Latvian students“ lettisch Uzticīgi draugam: Latvijas studējošo slēgtās mūža organizācijas. Riga, Convention of Presidiums, 2010.[14]
  • „50 years of Baltic Nationes’ Kommerses“; Tartu 2013, ISBN 978-9949-9417-1-1.

Anmerkungen

  1. a b c d Als historisch lettische und ehemals deutsch-baltische studentische Besonderheit werden Abkürzungen traditionell mit Ausrufezeichen anstatt der in Deutschland sonst üblichen Punkte als Abkürzungszeichen ausgeführt.
  2. Der ursprüngliche Name der Korporation „Fraternitas Lataviensis“ basiert auf dem lateinischen „Latava“ – dem Namen der Region Lettgallen bzw. latgaļu (lettisch).
  3. Die Formulierung ist der Einleitung aus dem zitierten WP-Artikel zur Geschichte Lettlands und der Lettischen SSR entnommen.

Einzelnachweise

  1. Georg von Rauch: Geschichte der baltischen Staaten. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, 2., durchgesehene Aufl. 1977, ISBN 3-423-04297-4, S. 92.
  2. Adolfs Šilde: Die Entwicklung der Republik Lettland. In: Boris Meissner (Hrsg.): Die baltischen Nationen: Estland, Lettland, Litauen. Markus-Verlag, Köln 1990, ISBN 3-87511-041-2, S. 63–74, hier S. 64.
  3. Fraternitas Lataviensis (Memento des Originals vom 10. Oktober 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.lataviensis.lv
  4. Freie Übersetzung nach: Andris Zelenka: „Studentengesellschaft „Fraternitas Lataviensis“ (bis 1928 – „Latavia“). In: Nationale Enzyklopädie der Lettischen Nationalbibliothek (lettisch Latvijas Nacionālā bibliotēka) (LNB) – (1) „Zusammenfassung“ lettisch Kopsavilkums, 7. November 2024, abgerufen am 15. Dezember 2025.
  5. a b c d Freie Übersetzung nach: Andris Zelenka: „Studentengesellschaft „Fraternitas Lataviensis“ (bis 1928 – „Latavia“). In: Nationale Enzyklopädie der Lettischen Nationalbibliothek (lettisch Latvijas Nacionālā bibliotēka) (LNB) – (4) „Governance und verwandte Organisationen“ lettisch Pārvalde un saistītās organizācijas, 7. November 2024, abgerufen am 15. Dezember 2025.
  6. a b c d e f g Freie Übersetzung nach: Andris Zelenka: „Studentengesellschaft „Fraternitas Lataviensis“ (bis 1928 – „Latavia“). In: Nationale Enzyklopädie der Lettischen Nationalbibliothek (lettisch Latvijas Nacionālā bibliotēka) (LNB) – (5) „Kurze Geschichte und Aktivität“ lettisch Īsa vēsture un darbība, 7. November 2024, abgerufen am 15. Dezember 2025.
  7. CORPS Magazin (2005) (Memento vom 3. Mai 2013 im Internet Archive)
  8. Museen und Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Diktaturen (PDF, 0,5 MB). 2018 herausgegeben im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
  9. a b c Freie Übersetzung nach: Andris Zelenka: „Studentengesellschaft „Fraternitas Lataviensis“ (bis 1928 – „Latavia“). In: Nationale Enzyklopädie der Lettischen Nationalbibliothek (lettisch Latvijas Nacionālā bibliotēka) (LNB) – (6) „Mitglieder des Unternehmens“ lettisch Korporācijas biedri, 7. November 2024, abgerufen am 15. Dezember 2025.
  10. Freie Übersetzung nach: Andris Zelenka: „Studentengesellschaft „Fraternitas Lataviensis“ (bis 1928 – „Latavia“). In: Nationale Enzyklopädie der Lettischen Nationalbibliothek (lettisch Latvijas Nacionālā bibliotēka) (LNB) – (2) „Ziele und Ziele der Operation“ lettisch Darbības mērķi un uzdevumi, 7. November 2024, abgerufen am 15. Dezember 2025.
  11. Freie Übersetzung nach: Andris Zelenka: „Studentengesellschaft „Fraternitas Lataviensis“ (bis 1928 – „Latavia“). In: Nationale Enzyklopädie der Lettischen Nationalbibliothek (lettisch Latvijas Nacionālā bibliotēka) (LNB) – (3) „Unterschiede, Zeichen“ lettisch Atšķirības zīmes, 7. November 2024, abgerufen am 15. Dezember 2025.
  12. Freie Übersetzung nach: Andris Zelenka: „Studentengesellschaft „Fraternitas Lataviensis“ (bis 1928 – „Latavia“). In: Nationale Enzyklopädie der Lettischen Nationalbibliothek (lettisch Latvijas Nacionālā bibliotēka) (LNB) – (7) „Unternehmenspublikationen“ lettisch Korporācijas publikācijas, 7. November 2024, abgerufen am 15. Dezember 2025.
  13. Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 200.
  14. a b c d e f g Freie Übersetzung nach: Andris Zelenka: „Studentengesellschaft „Fraternitas Lataviensis“ (bis 1928 – „Latavia“). In: Nationale Enzyklopädie der Lettischen Nationalbibliothek (lettisch Latvijas Nacionālā bibliotēka) (LNB) – (11) „Empfohlene Literatur“ lettisch Ieteicamā literatūra, 7. November 2024, abgerufen am 15. Dezember 2025.