František Mořic Nágl
František Mořic Nágl (auch Franz Moriz Nágl; * 28. Mai 1889 in Kirchmislau, heute Kostelní Myslová, Österreich-Ungarn; † 28. Oktober 1944 im KZ Auschwitz) war ein tschechischer Maler und Opfer des Holocaust.
Leben bis 1939
Nágl wurde als eines von drei Kindern einer jüdischen Familie in Kostelní Myslová, einem Dorf in der Nähe der Kleinstadt Telč (heute Tschechien) geboren. Die Familie besaß einen Landwirtschaftsbetrieb, dessen Verwaltung er später hätte übernehmen sollen. Aufgrund seiner künstlerischen Begabung ging er jedoch nach dem Besuch der Realschule in Telč an die Kunstgewerbeschule (Uměleckoprůmyslová škola) Prag, die er von 1905 bis 1908 besuchte. Anschließend studierte er bis 1912 an der Prager Akademie der Bildenden Künste Malerei in der Spezialklasse von Hanuš Schwaiger.[1] Nach Beendigung der Studienzeit in Prag kehrte Nágl in sein Heimatdorf zurück und widmete sich auf dem Gutshof der Familie vor allem der Malerei. Bereits ein Jahr später konnte er sich an einer Kunstausstellung im Prager Rudolphinum beteiligen.[1] Nágl fand die Motive für seine Malerei in seiner unmittelbaren Umgebung: so entstanden Aquarelle mährischer Landschaften, Städtebilder und Genremalerei aus dem dörflichen Leben. Er war an einer großen Zahl von Ausstellungen mährischer Maler beteiligt. Im Dezember 1919 stellte er in Brünn einen Zyklus von Aquarellen aus, die vor allem Motive aus Brünn zeigten.[1][2] Hin und wieder beteiligte er sich, u. a. mit Kirchweih-Motiven, an Ausstellungen des Vereins der bildenden Künstler von Mánes. 1933 zeigte er auf einer Ausstellung in Prag das Aquarell Markt am Dominikanerplatz in Brünn. Im Mai 1937 hatte er eine Retrospektive im Kunsthaus Mährisch Ostrau.[2]
Im Ersten Weltkrieg erlitt Nágl, der zur Infanterie eingezogen worden war, eine schwere Verletzung am Arm. Den behandelnden Chirurgen in Wien gelang es, seinen Arm zu erhalten, so dass Nágl nach langer Rehabilitation seine Arbeit als Maler fortsetzen konnte.[1]
Im Jahr 1920 heiratete František Mořic Nágl die Violinistin Vlasta Nettelová, 1921 wurde ihre Tochter Věra und im Jahr darauf Sohn Miloslav geboren. Die junge Familie verblieb zunächst in Kirchmislau. Als die Kinder ins Gymnasialalter kamen, zogen sie in ein Haus nach Telč, während Nágl weiterhin sein Atelier in Kirchmislau behielt.[1]
Deportation und Tod
Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Proklamation des Protektorats Böhmen und Mähren am 16. März 1939 konfiszierten die Nationalsozialisten das Gut der jüdischen Familie Nágl und hinderten die Kinder am weiteren Schulbesuch.
Im Rahmen der systematischen Deportation von Juden wurde Nágl am 22. Mai 1942 mit seiner Frau Vlasta, seiner Tochter Věra und seinem Sohn Miloslav und weiteren Teltscher Juden in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Wie eine Anzahl weiterer Künstler kam er dort zur Arbeit in den Zeichnersaal des technischen Büros.[3] In der Geschichtsschreibung hat sich für diese unfreiwillige Künstlergruppe die Bezeichnung Künstlerkolonie in Theresienstadt eingebürgert. Nágl war es gelungen, einige Malutensilien mit ins Lager zu schaffen und sich dort – unterstützt durch den Ältestenrat der jüdischen Selbstverwaltung[1] – in einem kleinen Raum auf dem Boden eines der Häuser ein provisorisches Atelier einzurichten. Wie anderen seiner Leidensgenossen, u. a. Bedrich Fritta, Leo Haas und Otto Ungar, gelang es ihm, illegal und unter Lebensgefahr, Zeichnungen anzufertigen, die entgegen der Nazi-Propaganda ein realistisches Bild der Lebensverhältnisse im Ghetto vermittelten. 254 dieser Aquarelle und Gouachen, die er in seinem Atelier auf einem Dachboden eingemauert hatte, wurden 1950 bei Bauarbeiten entdeckt.[4][2] Sie wurden 1951 in der Prager Galerie Mánes ausgestellt.
Am 6. September 1943 wurde Nágls Sohn in das KZ Auschwitz transportiert und dort ermordet.[4] Am 28. Oktober 1944 wurden Nagl, seine Frau und seine Tochter mit dem letzten Transport aus Theresienstadt ebenfalls nach Auschwitz deportiert und dort vergast.[4][2]
Werkbeispiele
Bei einigen der hier gezeigten Werke ist das Jahr der Entstehung unbekannt.
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Kostelní Myslová
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Prag, 1911
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Prag, 1911
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Prag, 1913
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Theresienstadt, 1942
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Theresienstadt
Weiteres Werk
- Villa Willinger (1943, Mischtechnik; Jüdisches Museum Prag, Inv. Nr. 104353)
Siehe auch
Literatur
- P. Toman: Nový slovník československých výtvarných umělc. Prag 1936, Seite 474
- Künstlerkolonie in Theresienstadt. In: Christoph Wilhelmi: Künstlergruppen im östlichen und südlichen Europa seit 1900. Dr. Ernst Hauswedell & Co, 1996, S. 238/239
- Daniela Uher: Zwischen Leben und Tod. Eine Künstlerkolonie in Theresienstadt. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg, 1999, S. 93–104[5]
- Vojtěch Blodig: Kultur gegen den Tod. Dauerausstellungen der Gedenkstätte Theresienstadt in der ehemaligen Magdeburger Kaserne. 1. Auflage. Helena Osvaldová, Prag 2002, ISBN 80-85433-84-2, S. 136.
- Oldřich Klobas: Malíř neumírá. Dobrý důvod, Telč 2004, ISBN 80-903546-0-2, S. 73–75 (tschechisch, Zusammenfassung in englischer und deutscher Sprache).
Weblinks
- Franz Moritz Nágl | Telc.eu
- Biografie beim Exil-Archiv (abgerufen am 23. Januar 2025)
- Biografie auf ghetto-theresienstadt.de (abgerufen am 12. Juni 2016)
- Biografie (tschechisch, mit Foto) im Portal holocaust.cz (abgerufen am 12. Juni 2016)
Einzelnachweise
(Quellen siehe Literatur und Weblinks)