Francis Ellingwood Abbot

Francis Ellingwood Abbot (* 6. November 1836 in Boston; † 23. Oktober 1903 in Beverly (Massachusetts)) war ein US-amerikanischer Geistlicher und Philosoph. Ursprünglich unitarischer Prediger, brach er mit dieser theologischen Richtung und plädierte für eine „freie Religion“. Mit seinen Schriften leistete er einen beachtlichen Beitrag zum philosophischen Realismus in den Vereinigten Staaten.

Leben

Jugend und frühe Karriere

Francis Ellingwood Abbot war das dritte von sechs Kindern des US-amerikanischer Lehrers und Amateurwissenschaftlers Joseph Hale Abbot und Fanny Ellingwood Larcom. In seiner Jugend wurde er ebenso von seinem Vater, der als Unitarier einen strikten Moralismus vertrat, wie von seiner dichterisch talentierten Mutter entscheidend beeinflusst. Zunächst besuchte er die Bostoner Lateinschule und erhielt daneben Privatunterricht. Seine Hochschulausbildung absolvierte er am Harvard College und schloss sie 1859 ab. Während seines Studiums hatten sich seine religiösen Ansichten, teilweise unter dem Einfluss seines Professors Frederic Dan Huntington, geändert, woraufhin er sich durch sein Studium zum unitarischen Prediger hatte ausbilden lassen. Am 3. August 1859 vermählte er sich mit Katharine Fearing Loring in Nashua (New Hampshire). Im November 1859 setzte er sein Studium an der Harvard Divinity School fort, wechselte aber im September 1860 an die Meadville Lombard School in Pennsylvania und studierte an diesem Institut drei Jahre. Gleichzeitig war er Vorsteher einer Mädchenschule in Meadville (Pennsylvania).[1][2]

Bruch mit dem Unitarismus

Während Abbot in Meadville weilte, wichen seine konservativen christlich-unitarischen Religionsanschauungen u. a. durch sein Bekanntwerden mit der Evolutionstheorie von Charles Darwin liberaleren theologischen Ansichten, nach denen der Glaube auf einer wissenschaftlichen Basis stehen solle. Die christlichen Dogmen lehnte er hingegen ab. Nach einjährigem Aufenthalt in Beverly in Massachusetts wurde er im Juni 1864 Pastor der unitarischen Kirche in Dover (New Hampshire). Er meinte, dass liberale Christen nicht verpflichtet sein sollten, ihre Religion allein auf die Autorität Christi zu stützen. Als erster amerikanischer Religionsphilosoph befürwortete er Darwins Evolutionstheorie und trat für eine erweiterte Definition des Begriffs der Wissenschaft ein, die demnach auch die Theologie einzubeziehen hatte. Hierdurch hoffte er den traditionellen Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Religion aufzulösen. Er nahm zwar 1865 nicht an der Gründungsversammlung der nationalen Unitarierkonferenz teil, lehnte aber die Präambel ihrer Verfassung ab, wonach die Unitarier „Jünger des Herrn Jesus Christus“ seien. Da er die Streichung der Präambel nicht durchzusetzen vermochte, gründete zusammen mit William James Potter die Free Religious Association (FRA). Deren Ziel war u. a. die Förderung des Interesses an der reinen Religion und die Unterstützung des wissenschaftlichen Studiums der Theologie. Abbot verfocht indessen eifrig die wichtigsten christlichen ethischen Ideale.[3]

Da Abbot an der Möglichkeit der Weiterführung seines geistlichen Amts zweifelte, bewarb er sich, jedoch vergeblich, um einen Lehrstuhl für Philosophie an der Cornell University. Ebenso wurde ein gleichlautendes Ansuchen von der Harvard University abgelehnt. Am 15. März 1868 trat er von seinem Amt als Pfarrer der unitarischen Kirche von Dover zurück. Die Mehrheit der Pfarrgemeinde wollte ihn aber als Pastor behalten und benannte sich deshalb in „First Independant Religious Society“ von Dover um. Es folgte ein Rechtsstreit über die Verwaltung der Kirchengüter. Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von New Hampshire untersagte Abbot und seinen Anhängern als Nichtchristen die Nutzung des Kirchengebäudes. Eine Zeitlang verdiente er seinen Lebensunterhalt als Nachhilfelehrer, hielt aber auch kostenlose öffentliche Vorträge im Rathaus. Im September 1869 wurde er Pfarrer der unitarischen Gemeinde in Toledo (Ohio), die auf seine Forderung hin ihre Verbindung mit der unitarischen Kirche kappte. Ab 1870 war er zehn Jahre lang Herausgeber der von ihm gegründeten Wochenzeitschrift The Index, in der er eine radikale religiöse und soziale Philosophie vertrat. Seine Predigten als Gemeindepfarrer in Toledo fanden indessen wenig Anklang; seine Gemeinde schrumpfte und stellte 1872 die Zahlung seines Gehalts ein.[1][2]

1873 siedelte Abbot nach Boston über. In seinem Magazin, The Index, wurde scharfe Kritik an den evangelikalen Protestanten und den Römisch-Katholischen geübt. Heftig widersetzte sich Abbot der Erweiterung der Verfassung der Vereinigten Staaten um einen Zusatzartikel, nach dem sich das öffentliche Leben maßgeblich an der Bibel zu orientieren hatte. So verstieß seiner Meinung nach etwa das Bibellesen in öffentlichen Schulen gegen die Religionsfreiheit. Aufgrund dieser Auseinandersetzung kam es 1876 zur Gründung der National Liberal League (NLL), deren Präsident Abbot von 1876 bis 1878 war. Die NLL trat für eine Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen und Religionsfreiheit ein. Als strikter Gegner der „freien Liebe“ plädierte Abbot für die Beibehaltung einer überarbeiteten Fassung des Comstock-Gesetzes von 1873, das den Postversand obszöner Materialien untersagte. Da die Mitglieder der National Liberal League 1878 mehrheitlich für die völlige Verwerfung dieses Gesetzes stimmten, gründete Abbot mit anderen Unzufriedenen eine neue Organisation, die National Liberal League of America.[1][2]

Hinwendung zur Philosophie

1880 gab Abbot seine Herausgeberschaft des Index auf und widmete sich dem Studium der Philosophie an der Harvard University. Er beabsichtigte, mit seiner Dissertation der Philosophie langfristig eine neue Richtung zu geben. 1881 erhielt er den Doktortitel in dieser Disziplin. Wegen seiner radikalen religiösen Ansichten und seines schwierigen Charakters vermochte er jedoch keine Professur an einer Universität zu erlangen. Daher mussten er und seine Familie – er hatte mit seiner Gattin fünf früh verstorbene und drei das Kleinkindalter überlebende Kinder – weiterhin mit finanziellen Problemen kämpfen. So nahm Abbot 1881 eine Lehrerstelle an einer Knabenschule in Cambridge (Massachusetts) an. Nach einer Erbschaft legte er diesen Posten 1892 nieder.[1][3]

Die philosophischen Strömungen des Kantianismus und Idealismus lehnte Abbot ab. In seiner Philosophie versuchte er durch kritischen Realismus die Religion und Wissenschaft zusammenzuführen. Sein bekanntestes philosophisches Werk verfasste er 1885 unter dem Titel Scientific Theism. Es erlebte bereits 1888 eine dritte Auflage, fand auch in Europa Beachtung und erschien dort in deutscher Übersetzung. In dieser Schrift erläuterte Abbot die von ihm als wissenschaftlicher Realismus oder Relationismus bezeichnete Philosophie, die er für neuartig hielt. Gemäß deren Prinzipien könne das Universum und alles Seiende mit Hilfe von wissenschaftlichen Methoden verständlich gemacht werden und daher sei alles derzeit Unbekannte an sich erkennbar. Abbot formulierte auch die Teleologie seines wissenschaftlichen Theismus und meinte, dass Menschen durch das Verständnis der Ziele in der Natur die rein spirituelle Persönlichkeit, die Gott sei, zu erkennen vermögen. Das Universum könne als das schöpferische Leben Gottes betrachtet werden.[3]

Letzte Jahre und Tod

Im Frühling 1888 lehrte Abbot an der Harvard University in Vertretung des erkrankten Philosophen Josiah Royce. Den Stoff seiner Vorlesungen fasste er in seinem Werk The Way Out of Agnosticism (1890) zusammen. Er argumentierte darin, dass die Philosophie den Glauben an die wahre Personalität erzwinge, die im Menschen endlich und relativ, in der Natur unendlich und absolut sei. Royce griff Abbots Buch im Oktober 1890 im International Journal of Ethics scharf an und charakterisierte dessen Verfasser als inkompetenten, anmaßenden Philosophen, der sein Lehrgebäude auf völlig missverstandene Ideen Hegels gründe. Abbot fühlte sich beleidigt und schrieb eine empörte Antwort, deren Veröffentlichung abgelehnt wurde.[4][5]

Der Tod seiner Gemahlin und seines Freundes William Potter im Jahr 1893 löste bei Abbot große Trauer aus. Er arbeitete in seinen letzten zehn Lebensjahren an der endgültigen Formulierung seiner Lehre und legte sie in seinem postum veröffentlichten Alterswerk The Syllogistic Philosophy (2 Bände, 1906) nieder. Nach der Fertigstellung dieser Schrift verübte er am 23. Oktober 1903 durch die Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten Selbstmord auf dem Grab seiner Frau. Seine zuletzt verfasste Syllogistic Philosophy geriet bald in Vergessenheit, wie er auch mit seinen Werken generell keinen nachhaltigen Einfluss auf seine Generation nehmen konnte.[4][5]

Literatur

  • Abbot, Francis Ellingwood. In: Dictionary of American Biography, Bd. 1 (1928), S. 11 f.
  • Sydney E. Ahlstrom, Robert Bruce Mullin: The Scientific Theist: A Life of Francis Ellingwood Abbot, 1987.
  • Robert Bruce Mullin: Abbot, Francis Ellingwood. In: American National Biography. Band 1 (1999), S. 10 f.
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Anmerkungen

  1. a b c d Robert Bruce Mullin: Abbot, Francis Ellingwood. In: American National Biography. Band 1 (1999), S. 10.
  2. a b c Abbot, Francis Ellingwood. In: Dictionary of American Biography, Bd. 1 (1928), S. 11.
  3. a b c Creighton Peden: Francis Ellingwood Abbot, 2009, in: Dictionary of Unitarian & Universalist Biography online.
  4. a b Robert Bruce Mullin: Abbot, Francis Ellingwood. In: American National Biography. Band 1 (1999), S. 11.
  5. a b Abbot, Francis Ellingwood. In: Dictionary of American Biography, Bd. 1 (1928), S. 12.