Francesco Guicciardini (Historiker)
Francesco Guicciardini (* 6. März 1483 in Florenz; † 22. Mai 1540 ebenda)[1] war ein italienischer Botschafter, Politiker, Berater und Vertrauter dreier Päpste und Historiker. Seine Storia d’Italia behandelt die Geschichte Italiens zwischen 1492 und 1534.[2]
Leben
Guicciardini entstammte einer altetablierten Familie der Oligarchie von Florenz, seine Mutter hieß Simona Gianfigliazzi.[3] An den Universitäten von Florenz, Pisa, Ferrara und Padua studierte er die Jurisprudenz. Eine von ihm ersehnte kirchliche Karriere wurde ihm von seinem Vater Piero verwehrt, der Lorenzo de’ Medici nahe stand und dessen Familie verpflichtet war. Dort spielte der Philosoph Marsilio Ficino eine wichtige Rolle, der auch sein Patenonkel war. 1508 heiratete er Maria Salviati, Tochter einer bekannten Händlerfamilie der Republik Florenz.[4]
Bereits im Januar 1512 wurde er von der Signoria als Botschafter an den Hof von Ferdinand dem Katholischen in Aragón entsandt, als die in der Bündnisentscheidung zwischen Frankreich und Spanien wankende Republik Florenz den König als alternativen Bundesgenossen unter Berufung auf eine 1509 vereinbarten Protektion bemühen wollten. Entsprechend war er Gesandter in Spanien, als die Republik Florenz stürzte und die Medici im Spätsommer des Jahres zurückkehrten. Sein Discorso di Logrogno kommentierte an fremdem Ort die Schwierigkeiten von Florenz unter Piero Soderini und wurde zufällig am 31. August, am Tag des Sturzes, letztmals von ihm berührt.
Ab 1516 stand Guicciardini im Dienst der Medici-Päpste Leo X. (pp. 1513–1521) und Clemens VII. (pp. 1523 bis 1534) und bekleidete hohe Funktionen, zunächst die des Gouverneurs von Modena. Bald war er der Präsident bzw. Statthalter in der Romagna und 1526/27 im Krieg der Liga von Cognac gegen die von Karl V. ausgehende Drohung eines habsburgisch-spanischen Universalherrschaft der päpstliche Generalleutnant. In seinen Funktionen erlebte Guicciardini nach eigenem Bekunden genug Missbrauch päpstlicher Macht, sodass er sich zum Luthertum bekehrte. Dennoch blieb er nicht nur ein gehorsamer Sohn der katholischen Kirche, sondern auch seinen päpstlichen Brotgebern treu ergeben. Ab 1521 begann er mit Niccolò Machiavelli zu korrespondieren und eine gewisse Freundschaft entwickelte sich trotz Differenzen im Denken und Handeln. Er war kritisierte Macchiavellis Folgerungen zur römischen Geschichte als Hilfestellung für zeitgenössige politische Ideen.[5]
Eine ähnliche Diskrepanz zwischen privater Meinung und öffentlichem Wirken zeigte er in seinem Wirken für die Medici als Despoten von Florenz: wiewohl er eine Ratsherrschaft nach dem Vorbild Venedigs als die bestmögliche Regierungsform betrachtete und sie in der Ordnung der Jahre vor 1512 angedeutet sehen konnte, setzte er sich nach Kräften für den unbeliebten Medici-Tyrannen ein. Bereits zu Lebzeiten brachte ihm dies den Ruf eines zynischen Opportunisten ein.
Da Frankreich sich der Hilfe für die Italiener 1526/27 entzog, führte der Krieg der Liga von Cognac in die Katastrophe: Deutsche Landsknechte unter Frundsberg versammelten sich ab dem Herbst 1526 in Tirol. Sie vereinten sich im Frühjahr 1527 südlich von Mailand mit den Spanischen unter Charles de Bourbon – und zogen endlich unter Besoldungsnöten und Plünderungswut gegen Rom.
In den Wirren des Sommers 1527, dem Jahr des Sacco di Roma, lehnte sich die Heimatstadt Florenz gegen das Regiment der Medici-Sprösslinge Alessandro und Ippolito de’ Medici sowie gegen den Kardinal Silvio Passerini auf und reetablierte die Republik. Guicciardini als bekannter Anhänger des geflohenen Medici musste später ebenfalls fliehen. Nach dem neuen Sturz der Republik 1530 wurde er mit der Bestrafung der Einwohnerschaft beauftragt, die er mit grausamer Härte durchführte.
Nach der Ermordung Alessandros 1537 hoffte Guicciardini, als Berater des unmündigen Cosimo de’ Medici die wahre Macht in Florenz ausüben zu können. Seine Erwartungen wurden jedoch getäuscht, denn Cosimo entließ ihn aus allen Ämtern. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte der alternde Ex-Diplomat auf seinem Landsitz „Santa Margherita in Montici“ in der Nähe des Florentiner Ortsteils Arcetri, wo er sich durch Niederschrift seines Hauptwerkes „Storia d’Italia“ dauernden Nachruhm erwarb und wo er 1540 starb.[6]
Ein Neffe Francesco Guicciardinis war der Kartograf Lodovico Guicciardini.
„Storia d’Italia“: Geschichte Italiens von 1492 bis 1532
Sachlich kühl, detailliert und präzise war das umfangreiche Geschichtswerk geschrieben, die auf die Spanne von 1492 bis 1532 bezogene „Storia d’Italia“. Diese Geschichte Italiens schrieb er 1536[7] und sie wurde ab 1537 veröffentlicht.[8] Guicciardini beschrieb die Ereignisse als politischer Insider, aber distanziert und für die damalige Zeit erstaunlich unparteiisch. Zudem zeichnete er die wenige Jahre zurückliegenden Ereignisse im politisch zerrissenen Italien von einem überregionalen, nationalen Standpunkt aus. Die selbstverschuldeten Rivalitäten unter den italienischen Familien und Herrschern beschrieb als Tragödie, die fremde Mächte und Heere auf den Plan riefen und das Land schwächten.[9] Das Werk galt lange Zeit als sein Meisterwerk[10] und unanfechtbar; erst im 19. Jahrhundert wurden ihm von Leopold von Ranke grundlegende Fehler nachgewiesen. Falsch vermerkt sind die Todesumstände von Papst Alexanders VI. Die Falschbehauptung, er sei an seinem eigenen Gift verstorben, war indes Gemeingut. Für den Zeitraum von Dezember 1503 bis Sommer 1504 verfährt der Bericht unchronologisch, sozusagen durch die Geschehnisse holpernd.
Werke
- Storie fiorentine, 1508–1510 (erste Geschichte von Florenz).
- The History of Florence, Harper & Row, New York 1970 (übersetzt von Mario Domandi).
- Diario di Spagna, 1512 (deutsch: Spanisches Tagebuch).
- Discorso di Logrogno, 1512.
- Relazione di Spagna, 1514.
- Consolatoria, 1527.
- Oratio accusatoria, 1527.
- Oratio defensoria, 1527.
- Del reggimento di Firenze oder Dialogo e discorsi del reggimento di Firenze, (Dialoge über die Regierung von Florenz) 1527.
- Considerazioni intorno ai „Discorsi“ del Machiavelli sopra la prima deca di Tito Livio (Bemerkungen zu Machiavellis Diskursen) 1528 oder 1530?.
- Ricordi (auch Ricordi politici, Ricordi civili e politici, Ricordi politici e civili, in Übersetzungen: Maximen und Reflexionen oder Vom politischen und bürgerlichen Leben), 1512–1530.
- Maxims and Reflections of a Renaissance Statesman, 1949; Harper & Row, New York 1965 (übersetzt von Mario Domandi).
- Le cose fiorentine, 1528–1531 (zweite Geschichte von Florenz über den Zeitraum von 1375 bis 1494).
- Dialogue on the Government of Florence, in: Alison Brown: Cambridge Texts in the History of Political Thought, Cambridge University Press, 2008, ISBN 978-0-52145-623-4.
- Storia d’Italia, 1537–1540 (Geschichte Italiens).
- The History of Italy, Macmillan, 1969 (übersetzt von Sidney Alexander); Princeton University Press, Princeton 1984, ISBN 0-69100-800-0.[11]
Ausgaben und Übersetzungen
- Carlo Celli (Herausgeber und Übersetzer): The Defeat of a Renaissance Intellectual: Selected Writings of Francesco Guicciardini. Pennsylvania State University Press, University Park 2019, ISBN 978-0-271-08348-3.
- Ernesto Grassi, Karl Josef Partsch (Übersetzer): Francesco Guicciardini: Vom politischen und bürgerlichen Leben. „Ricordi“. Helmut Küpper, Berlin 1942
Literatur
- Jacques Bos: Framing a New Mode of Historical Experience: The Renaissance Historiography of Machiavelli and Guicciardini, in: The Making of the Humanities, Volume 1: Early Modern Europe, 2010, S. 351–366.[12]
- Tobias Daniels: Francesco Guicciardini (Historiker). In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 32, Bautz, Nordhausen 2011, ISBN 978-3-88309-615-5.
- Edmund Garratt Gardner: Francesco Guicciardini. In: Catholic Encyclopedia, Band 7, Robert Appleton Company, New York 1910.
- Paolo Carta: Politics, law and literature. The dialogue between Machiavelli and Guicciardini, in: The Italian Academy for Advanced Studies in America, Columbia University, New York City 2011.
- Osvaldo Cavallar: Francesco Guicciardini and the "Pisan Crisis": Logic and Discourses, in: The Journal of Modern History, Vol. 65, N° 2, S. 245–285, The University of Chicago Press, Chicago 1993.[13]
- Federico Chabod: Guicciardini, Francesco. In: Enciclopedia Italiana, Bd. 18 Gu–Inde, Rom 1933.
- Francesco De Sanctis: History of Italian Literature, 2 Bände, Barnes & Noble Books, New York 1968, Kapitel 15.
- Robert Finlay: The Myth of Venice in Guicciardini’s History of Italy: Senate Orations on Princes and the Republic, in: Ellen E. Kittell und Thomas F. Madden: Medieval and Renaissance Venice, University of Illinois Press, Urbana 1999.
- Felix Gilbert: Machiavelli and Guicciardini: Politics and History in Sixteenth Century Florence, W. W. Norton, New York 1984.
- Cecil & Margaret Grayson: Francesco Guicciardini, Selected Writings, Oxford University Press, New York 1965.
- Jürgen Huber: Guicciardinis Kritik an Machiavelli. Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-8244-4603-0.[14]
- Pierre Jodogne, Gino Benzoni: Guicciardini, Francesco. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 61: Guglielmo Gonzaga–Jacobini. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2003.
- Rita Kucera: Francesco Guicciardini: Mirror of Cinquecento Disillusionment, Loyola University Chicago, Chicago 1964 (Dissertation).
- Vincent Luciani: Francesco Guicciardini and His European Reputation, Karl Otto, New York 1936.
- Athanasios Moulakis: Civic Humanism, Realist Constitutionalism, and Francesco Guicciardini’s Discorso de Logrongno, in: James Hankins: Renaissance Civic Humanism: Reappraisals and Reflections, Cambridge University Press, New York 2000.
- Athanasios Moulakis: Republican Realism in Renaissance Florence: Francesco Guicciardini’s Discorso de Logrongno, Rowman & Littlefield, Lanham 1998.
- Volker Reinhardt: Francesco Guiccardini (1483–1540). Die Entdeckung des Widerspruchs. Wallstein, Göttingen 2004, ISBN 3-89244-805-1.
- Roberto Ridolfi: The Life of Francesco Guicciardini. Übersetzt von Cecil Grayson, Alfred A. Knopf, New York 1968.
- Guicciardini, Francesco. In: Dizionario di Storia, Rom 2010.
- Nicolai Rubinstein: Francesco Guicciardini. In: Hartmut Boockmann, Bernd Moeller, Karl Stackmann (Hrsg.): Lebenslehren und Weltentwürfe im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Politik – Bildung – Naturkunde – Theologie. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1983 bis 1987 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: philologisch-historische Klasse. Folge III, Nr. 179). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-82463-7, S. 141–159.
- Ninian Hill Thomson: Counsels and Reflections of Francesco Guicciardini, 1895; Leopold Classic Library, 2015.
Weblinks
- Nicolai Rubinstein: Francesco Guicciardini. In: Encyclopædia Britannica. (englisch).
- Edmund G. Gardner: Francesco Guicciardini, Historian and statesman; b. 1483; d. May 23, 1540, Catholic Answers, Website catholic.com (1996–2025, englisch).
- Francesco Guicciardini 1483–1540, beweb.chiesacattolica.it (italienisch).
- Alfredo Bonadeo: Francesco Guicciardini, united architects − essays, Website danassays.wordpress.com (amerikanisches Englisch).
- Werke von und über Francesco Guicciardini in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Geoff Berridge: Guicciardini’s Ricordi: The Counsels and Reflections of Francesco Guicciardini, Website diplomacy.edu (2000, englisch).
- Guicciardini, Francesco. In: Enciclopedia on line. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom. Abgerufen am 25. August 2025.
- Daniel C. Scavone: Francesco Guicciardini, EBSCO Knowledge Advantage, Website ebsco.com (2025, englisch).
- Volker Reinhardt: Francesco Guicciardini. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 22. März 2007.
- Übersicht über Digitalisate von Schriften Guicciardinis auf rete indaco. Archiviert vom am 7. Juni 2020; abgerufen am 7. Juni 2020.
- John M. Warner: Guicciardini, Francesco (1483–1540), in: The Encyclopedia of Political Thought, September 2014, S.1549-1550 (englisch, DOI:10.1002/9781118474396.wbept0441).
- Nicoleta Călina und Loredana Maria Grozoiu: On Francesco Guicciardini’s Thought and Some of his Considerations on Machiavelli, in: Athens Journal of History 7, September 2014, S. 257-288 (englisch, DOI:10.30958/ajhis.7-4-1).
Einzelnachweise
- ↑ Pierre Jodogne, Gino Benzoni: Francesco Guicciardini. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI).
- ↑ The History of Italy. Francesco Guicciardini, Website princeton.edu (englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ Edmund G. Gardner: Francesco Guicciardini, Historian and statesman; b. 1483; d. May 23, 1540, Catholic Answers, Website catholic.com (1996–2025, englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ Daniel C. Scavone: Francesco Guicciardini, EBSCO Knowledge Advantage, Website ebsco.com (2025, englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ Daniel C. Scavone: Francesco Guicciardini, EBSCO Knowledge Advantage, Website ebsco.com (2025, englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ Chronologia. In: viv-it.org. Abgerufen am 30. Dezember 2022 (italienisch).
- ↑ Daniel C. Scavone: Francesco Guicciardini, EBSCO Knowledge Advantage, Website ebsco.com (2025, englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ The History of Italy. Francesco Guicciardini, Website princeton.edu (englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ Daniel C. Scavone: Francesco Guicciardini, EBSCO Knowledge Advantage, Website ebsco.com (2025, englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ The History of Italy. Francesco Guicciardini, Website princeton.edu (englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ The History of Italy. Francesco Guicciardini, Website princeton.edu (englisch, abgerufen am 21. November 2025)
- ↑ https://www.jstor.org/stable/j.ctt46n1vz.20?seq=1
- ↑ https://www.jstor.org/stable/2124446
- ↑ https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-322-81362-6