Flüchtlingspaten Syrien
Flüchtlingspaten Syrien e. V. ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin. Er arbeitete bisher im Bereich der Landesaufnahmeprogramme[1][2] zum Familiennachzug syrischer Geflüchteter durch Verpflichtungserklärungen. Seit dem Auslaufen der Landesaufnahmeprogramme Ende Dezember 2024 konzentriert sich der Verein auf die Integration der Geflüchteten, die über ihn nach Deutschland gekommen sind. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt dabei auf der Unterstützung in den Bereichen Spracherwerb, Ausbildung, Studium sowie der Integration in den Arbeitsmarkt. Dafür ist der Verein auch weiterhin auf Spenden angewiesen.
Organisation und Arbeitsprinzip
Gegründet wurden die Flüchtlingspaten Syrien im März 2015 mit dem satzungsgemäßen Ziel, die Abgabe der mit hohem finanziellen Risiko behafteten Verpflichtungserklärungen aus einem Spendenpool abzusichern und damit den Familiennachzug von Angehörigen syrischer Geflüchteter zu erleichtern.[3] Hierzu übernimmt der Verein bis zum Auslaufen der letzten Verpflichtungserklärungen, fünf Jahre nach der jeweiligen Einreise, die Kosten des Lebensunterhaltes (Grundsicherung nach SGB II) und der Miete, wenn diese aus eigenen Mitteln nicht getragen werden können.
So sind die Angehörigen keine Leistungsempfänger bei Sozialamt oder Jobcenter und erhalten keine staatlichen Unterhalts- und Mietzahlungen, die von ihren Verpflichtungsgebern zurückgefordert werden könnten. Das finanzielle Risiko der Verpflichtungsgeber wird, solange es den Verein gibt, von diesem übernommen, nach dem Motto einer „Flüchtlingspolitik aus Bürgerhand“.[4][5]
Den Vereinsvorsitz haben zurzeit Tina Mede-Karpenstein, Remo Klinger und Charlotte Dreyer (bis 2017 Martin Keune) inne. Weiterer Gründungsvorsitzender war der Mitherausgeber der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW), Ulrich Karpenstein.[6]
Finanzmittel und Budgetierung
Der Verein finanziert sich ausschließlich aus Spendenmitteln, die u. a. über ein PayPal- und Lastschriftformular[7] auf der Vereins-Webseite eingeworben werden. Hierbei liegt der Fokus auf dem Prinzip des Crowdfunding. Tausende Spender ermöglichen, was die Landesaufnahmeprogramme sonst Einzelnen aufgebürdet hätten. Besonders wichtig sind daher im Sinne der Planbarkeit monatlich wiederkehrende Förderzahlungen, da diese die Unterhaltszahlungen und Mieten über einen langen Zeitraum sicherstellen.[8]
Die Höhe des so zustande kommenden monatlich wieder aufgefüllten Spendenpools dient über eine Budgetierung zur Absicherung der abgegebenen Verpflichtungserklärungen.[9] Überschüsse fließen in personenbezogene Rücklagen, die für Zeiten nachlassender Spenden eine Reserve bilden.[10][11] Die Wirtschaftsprüfer- und Steuerberatergesellschaft Roever Broenner Susat Mazars berät den Verein in Fragen der Gemeinnützigkeit und der Verwendung von Spendengeldern und verfasst die Jahresabschlüsse.[12][13] Am 28. Juli 2017 unterschrieb der Verein die Selbstverpflichtungserklärung von Transparency International und legt seither seine Zahlen jährlich auf seiner Webseite offen.[14]
Auswahlkriterien
Durch die nachgestellte Integrationsarbeit des Vereins beschränkt dieser seine Aktivität auf Berlin und Brandenburg, regte in der Vergangenheit aber Neugründungen nach eigenem Muster in anderen Bundesländern an und unterstützte deren Gründung aktiv[15] Regionale Gründungen nach dem Vorbild der Flüchtlingspaten Syrien sind die „Herberge für Menschen auf der Flucht e. V.“ in Hamburg[16] und die „Thüringer Flüchtlingspaten Syrien e. V.“[17]
Die Auswahl der hereinzuholenden Angehörigen beschränkte sich auf Syrien selbst und umfasste explizit keine Flüchtlingslager in syrischen Nachbarländern. Zudem fand bei jeder Einzelanfrage eine Prüfung der konkreten kriegsbedingten, politischen, religiösen oder individuellen Gefährdungslage statt.[18] Besonders in den ersten Jahren des Bestehens überstieg die Anzahl der Anfragen die Möglichkeiten des Vereins erheblich.[19] Der Verein weist auf seiner Webseite auf das Missverhältnis von 1:100 zwischen eigenen Kapazitäten und der hohen Zahl der Anfragen hin.[20] Entsprechend mussten - im Austausch mit Experten u. a. von der Stiftung Wissenschaft und Politik - Kriterien entwickelt werden, um eine Priorisierung der Anfragen vorzunehmen. Der 2017 verstorbene Vorsitzende Martin Keune nannte die daraus resultierenden Absagen von 99 % der Hilfesuchenden den „schwersten Teil der Arbeit“.[21]
Durch einen Runderlass des Auswärtigen Amtes vom 20. März 2017[22] verschärfte sich des gesetzlich verbriefte Recht auf Familiennachzug für unbegleitete, minderjährige Geflüchtete (UMF). Konnten diese bislang neben ihren Eltern auch minderjährigen Geschwisterkindern im Familiennachzug die legale Einreise in Deutschland ermöglichen, gingen die Behörden dazu über, diesen Geschwistern das Visum zu verweigern. Für die Flüchtlingspaten Syrien erhöhte sich hierdurch die Zahl von Anfragen für Kinder stark, die nunmehr nur noch durch eine Bürgschaft im Rahmen der Landesaufnahmeprogramme ein Visum bekommen können.[23][24]
Umfang und Wirkung der bisherigen Arbeit
Seit ihrem Bestehen nahmen die Flüchtlingspaten Syrien nach eigenen Angaben basierend auf Spendeneinnahmen von ursprünglich rund 4.000 monatlichen Fördermitgliedern und den Verpflichtungserklärungen von etwa 250 Bürgerinnen und Bürgern über 300 Menschen in ihr Programm auf.[25]
Neben der direkten humanitären Hilfe der Rettung bürgerkriegsbedrohter Menschen ist ein Einwirken auf die deutsche Flüchtlingspolitik erklärtes Ziel der Initiative. Sie führt politische Hintergrundgespräche etwa auf Einladung des Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, des evangelischen Bischofs der Berlin-Brandenburger Landeskirche, Markus Dröge, oder eines Vertreters des UNHCR, macht Medienarbeit im deutschen und internationalen Raum[26][27][28][29][30] und inspiriert mit ihrer Arbeit die europäische Fachdiskussion.[31][32][33]
Neben Bürgerinnen und Bürgern aus dem ganzen Bundesgebiet unterzeichneten Verpflichtungserklärungen in Zusammenarbeit mit dem Verein auch der ehemalige Berlinale-Direktor Dieter Kosslick, der ehemalige Bundestags-Abgeordnete Tom Koenigs, die ehemalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock, der Journalist Stephan Detjen und die ehemalige Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach.[34][35]
Im Juni 2017 wurde der Verein für seine Arbeit im Beisein des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit dem „Steh-auf-Preis“ der F. C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz geehrt.[36] Die Laudatio in der Brandenburgischen Staatskanzlei hielt der Journalist Hajo Schumacher. Zur gleichen Zeit nominierte die taz die Flüchtlingspaten Syrien unter 129 Bewerbungen für ihren Panter-Preis, den der Verein dann auch erhielt.[37] Die Initiative gewann den Publikumspreis nach einem Online-Voting. 2018 folgte der 3. Preis des Deutschen Integrationspreises der Hertie-Stiftung[38] sowie 2020 der Integrationspreis der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin.
Integrationsarbeit
Neben der eigentlichen Arbeit des Familiennachzugs sieht der Verein seine Aufgabe vor allem auch in der anschließenden Integration der geflohenen Menschen. Die zusammengeführten Familien sollen in der bürgerlichen Gesellschaft ihren Platz finden. Hierzu leisten rund 20 Ehrenamtliche ihren Beitrag in verschiedenen Arbeitsgruppen:
- Sprachkurse mit ehrenamtlichen Sprachlehrern[39][40]
- wechselnde Teams zur Renovierung und Möblierung von Wohnungen[41]
- ein ärztliches und psychologisches Netzwerk
- ein Lotsenteam, aus dem jeweils eine Person zur Betreuung einer Familie bereitsteht
- ein Koordinierungskreis für die politische und Medienarbeit
Auszeichnungen
- 2017 erhielten die Flüchtlingspaten den 3. Platz des „Steh-auf-Preises“ verliehen von Bundespräsident Steinmeier.
- 2017 Publikumspreis der taz (Panter-Preis).
- 2018 erhielten die Flüchtlingspaten Syrien den 3. Preis des Deutschen Integrationspreises der Hertie-Stiftung.[38]
- 2020 Integrationspreis der Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin
Weblinks
- Webpräsenz der Flüchtlingspaten Syrien
- „Aktion Syrer retten“: ( vom 10. November 2015 im Internet Archive) Fernsehfilm des NDR in der ARD-Mediathek, November 2015. Abgerufen am 20. Januar 2016.
Einzelnachweise
- ↑ Übersicht über die existierenden Landesaufnahmeprogramme der Bundesländer bei Pro Asyl
- ↑ Stefan Braun: Eine Posse bremst private Paten. In: Süddeutsche Zeitung, 18. September 2015, abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ Über uns. In: fluechtlingspaten-syrien.de. Abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ Eigenwerbung auf einem Vereinsflyer, November 2015
- ↑ Martin Keune: Helfen? Eine verrückte Idee. In: Corinna Meinhold/Anja Lerz (Hrsg.): Warum wir das schaffen müssen. Brendow Verlag, Moers 2016, ISBN 978-3-86506-850-7.
- ↑ Burkhard Weitz: Für Flüchtlinge bürgen. In: chrismon, 12/2015, abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ [1] Lastschriftmodul auf der Vereinswebseite
- ↑ Lebenslange Verpflichtung für völlig Fremde. In: Zeit Online, 18. September 2015, abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ https://fluechtlingspaten-syrien.de/ein-autonomes-projekt-was-ist-das/ Webseite des Vereins, abgerufen am 11. Mai 2017
- ↑ Berliner holen Syrer auf eigene Kosten nach Deutschland. In: Die Welt, 20. August 2015, abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ Anja Nehls: Mit dem Flugzeug in ein neues Leben. Berliner Paten bürgen für Flüchtlinge. In: www.deutschlandfunkkultur.de. Deutschlandradio, 5. Mai 2017, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 16. August 2017.
- ↑ Integration von Flüchtlingen. Ein Jahr Hilfe für Helfer. In: www.mazars.de. Mazars GmbH & Co. KG, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 15. Mai 2021; abgerufen am 9. Februar 2025.
- ↑ Wie und wofür verwendet Ihr Eure Gelder? Veröffentlichte Zahlen auf der Website des Vereins, 19. Dezember 2016, abgerufen am 29. Juni 2017.
- ↑ [2] Transparenzbericht des Vereins auf seiner Webseite, abgerufen am 15. August 2017.
- ↑ Kopiert unsere Vereinsidee! In: fluechtlingspaten-syrien.de. 29. Mai 2015, abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ Website der Hamburger Vereinsgründung nach dem Vorbild der Flüchtlingspaten Syrien e. V.
- ↑ Website der Thüringer Vereinsgründung nach dem Vorbild der Flüchtlingspaten Syrien e. V.
- ↑ FAQ. In: fluechtlingspaten-syrien.de; siehe „Wie werden die Angehörigen ausgesucht?“, abgerufen am 20. Januar 2016
- ↑ Bericht in der arabischen Ausgabe der Huffington Post ( vom 15. August 2016 im Internet Archive), 16. April 2016, abgerufen am 26. Juni 2016
- ↑ [3]. Bedingungen der Zusammenarbeit, dargestellt auf der Webseite des Vereins. Abgerufen am 27. Juni 2017.
- ↑ [4]Portrait der Flüchtlingspaten in der taz vom 24. Juni 2017. Abgerufen am 24. Juni 2017.
- ↑ [5]Runderlass des Auswärtigen Amtes vom 20. März 2017 als PDF bei Pro Asyl. Abgerufen am 13. August 2017.
- ↑ [6]Bericht der Flüchtlingspaten über drei Kinder aus Aleppo. Abgerufen am 13. August 2017.
- ↑ [7]Zusammenfassung der Verschärfungen von Pro Asyl. Abgerufen am 13. August 2017.
- ↑ fluechtlingspaten-syrien.de. Abgerufen am 5. Mai 2017
- ↑ Un paso más allá en la solidaridad. In: El País, Madrid 9/2015, abgerufen am 20. Januar 2016 (spanisch).
- ↑ Refugee crisis: central and eastern Europe ministers meet in Prague – live. In: The Guardian, London 9/2015, abgerufen am 20. Januar 2016 (englisch).
- ↑ Alemania muestra su solidaridad durante la crisis de los refugiados. In: Radiotelevisión Española, 26. Dezember 2015, abgerufen am 20. Januar 2016 (spanisch).
- ↑ Вести недели с Дмитрием Киселёвым Beitrag über die Flüchtlingspaten im Fernsehsender Rossija 1 in: YouTube (ab 30:18). Abgerufen am 20. Januar 2016 (russisch).
- ↑ https://duitslandinstituut.nl/artikel/20998/voor-vluchtelingen-borg-staan-wordt-moeilijkerBeitrag über die Flüchtlingspaten im niederländischen Duitsland Instituut. Abgerufen am 11. Mai 2017 (holländisch).
- ↑ Judith Kumin: Welcoming Engagement: How Private Sponsorship Can Strengthen Refugee Resettlement in the European Union. In: migrationpolicy.org, Dezember 2015, abgerufen am 20. Januar 2016 (englisch)
- ↑ Prof. Christian Koenig: Drückt sich der Staat? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8/2016, abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ https://www.srf.ch/sendungen/tagesschau/ja-zu-energiestrategie-trump-in-saudi-arabien-virtual-realityStatement in der Tagesschau des Schweizer SRF 1 vom 21. Mai 2017. Abgerufen am 25. Mai 2017.
- ↑ https://fluechtlingspaten-syrien.de/die-sozialsenatorin-unterschreibt/
- ↑ https://fluechtlingspaten-syrien.de/verspaetet-aber-nicht-zu-spaet/
- ↑ Bericht. In: www.rbb-online.de. RBB, 22. Juni 2017, ehemals im (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 23. März 2023. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven)
- ↑ [8]Nominierungsportrait in der taz vom 24. Juni 2017. Abgerufen am 24. Juni 2017.
- ↑ a b Kai Praum: Aufmerksamkeit für jeden Preis. In: www.die-stiftung.de. Abgerufen am 20. Dezember 2018.
- ↑ Dilek Güngör: Warum Helfen nicht glücklicher macht. 6. Mai 2015. Deutschlandradio Kultur, abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ Bericht über die Sprachkurse und die Arbeit der Initiative ( vom 17. Januar 2016 im Internet Archive) im ZDF-Mittagsmagazin, 2. September 2015 (ab 41:33), abgerufen am 20. Januar 2016.
- ↑ Flüchtlingspaten verpflichten sich ein Leben lang. (offline) Bericht über Wohnungsrenovierung durch die Flüchtlingspaten Syrien e.V. auf Spiegel Online.