Fischl-Gaststätten

Unter dem Namen Fischl gab es zwei Gaststätten in Düsseldorf. Das ältere Traditionslokal Bierhaus Fischl[1] befand sich seit 1885 am nördlichen Anfang der Königsallee, in der Blumenstraße 2. In Düsseldorf hieß es in einem Nachruf, eigentlich „om de Eck gelegen, war es doch weltbekannt“.[2] Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete der damalige Pächter ein weiteres Fischl in der Friedrichstraße.[3] Beide erwarben sich den Ruf als beliebte „Institution“ für die Arbeiterklasse und Familien, die nicht unbedingt eine gehobene, sondern eine erschwingliche Mahlzeit suchten.[2]

Geschichte

Mit dem Slogan „längste Theke der Welt“ wird der Kern der Düsseldorfer Altstadt beworben, vor allem ein Gaststätten-, Kneipen- und Einkaufszentrum. Das Bierhaus Fischl befand sich jedoch etwa 300 m östlich davon, fast etwas versteckt in einem kleinen Abzweig der Blumenstraße, direkt hinter dem Beginn der Renommiermeile Königsallee, kurz vor der Schadowstraße, der lange Zeit umsatzstärksten Einkaufsstraße Deutschlands. Mit einem Jahresumsatz von etwa 12.000 Hektoliter hatte das Fischl den höchsten Bierumsatz der Bundesrepublik (ohne Berücksichtigung von Berlin).

Noch 1950 hieß es: „Man wird unwillkürlich zum Trinken und Schwärmen gereizt, wenn die mächtigen buntgeschirrten Gäule ihre schwerbeladenen Bierwagen durch die Stadt ziehen. Und es ist jedes Mal ein Schauspiel, wenn sie an der kleinsten Ecke, wo der größte Verkehr Düsseldorfs sich abspielt, ihre Schwenkung machen und einbiegen zu einem Haus, das schon lange in aller Welt bekannt ist, der »Fischl«.“[4] Prominente Gäste waren neben vielen anderen der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens, Düsseldorfs Fußballidol Paul Janes, später der Publizist Peter Scholl-Latour, die Sängerin Conny Froboes und der Schauspieler Günther Ungeheuer, der Düsseldorfer Eishockeyclub DEG hatte in der „Bier-Sauerkraut-Atmosphäre“ seinen Stammtisch.[2]

Bierhaus Fischl, Blumenstraße 2

Im Jahr 1885 eröffnete der aus Bayern zugezogene Gastwirt Franz Fischl in Düsseldorf eine Gastwirtschaft im Haus Nr. 2 in der Blumenstraße, der Abzweig, der von Einheimischen „kleine Blumenstraße“ oder auch „Blumengässchen“ genannt wurde. Das Fischl, anfangs als hauptsächliches Bierlokal konzipiert, eine größere Speisekarte gab es nicht (Franz Fischls ständige Redensart: „I hoab hier ka Fressbud, i hoab a Saufbud!“), umfasste anfangs nur vier Räume, im Sommer wurde nach Art der Münchner Bräue auch an Tischen im Hof bedient. Nicht zuletzt durch seine niedrigen Preise erzielte er schon bald einen erheblichen Umsatz. Der halbe Liter Bier kostete 15 Pfennig, das Schweineschnittchen 30 Pfennig. Treue Stammgäste, wie der „Zigarrenstummelverein“, verkehrten jahrelang im Fischl. Der „Franzl“ wurde immer beliebter und sogar Oberst der St. Sebastian Schützengemeinschaft, als „Oberst Fischl“ war er noch lange der Held vieler Anekdoten. Als er um die Wende zum 20. Jahrhundert starb, gab ihm „halb Düsseldorf“, an der Spitze der Oberbürgermeister Lindemann, das letzte Geleit.[5][4]

Als Nächster pachtete Mathias Klingen den florierenden Wirtschaftsbetrieb. Er vergrößerte die Gaststätte um das erste Stockwerk und dehnte den Ausschank auf Wein und Branntwein aus. Um 1910 erwarb die Großbrauerei Dieterich das Anwesen. Etwa 10 Jahre später ging die Pacht an den Sohn Karl (Carl) Klingen über, „der dank seiner Tüchtigkeit, der Güte des Bieres und trotz Erhöhung der Biersteuer immer noch niedrigen Bierpreises einen Jahresumsatz von 12.000 Litern erzielte“. Der Tagesrekord, an einem Rosenmontag, betrug 75 Hektoliter.[4] Die Familie Klingen führte das Bierhaus Fischl fast 40 Jahre, bis Karl Klingen nach langer schwerer Krankheit im Alter von 57 Jahren starb.[6]

Im Jahr 1938 übernahm Fritz Kemp die Leitung des Bierhauses. Bereits am frühen Morgen herrschte Hochbetrieb. Hier waren „wie im Hofbräuhaus zu Gast der Gepäckträger neben dem Reisenden, der Arbeiter neben dem Geschäftsmann, der Referendar neben dem Gerichtsrat, der Zeitungsverkäufer neben dem Journalisten“. Im Volksmund hatte das Bierhaus den despektierlichen Namen „Pisshött“. Am nahen Corneliusplatz hatten eine Reihe von Pferdedroschken um die Wende zum 20. Jahrhundert ihren genehmigten Standplatz, den Kutschern war es bei Strafe verboten, Pferd und Wagen allein zu lassen. Weil in der Nähe keine Bedürfnisanstalt war, „sprangen die Kutscher gelegentlich nach drüben“. Der Spitzname hing dem Fischl noch bis nach seiner Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) an.[4][5]

Bei einem Luftangriff im Jahr 1943 brannte das Gebäude ab. Von der Brauerei Dieterich-Hoefel AG wurde das Bierhaus Fischl unter dem neuen Wirt Fritz Köhnen mit etwas moderner Einrichtung wieder eröffnet.[4] In der an die Hungerjahre des Krieges anschließende „große Fresswelle“ erlebte das Fischl seine Glanzzeit. Fritz Köhnen führte als Speisegaststätte das Erfolgsrezept fort: „Große Portionen zu kleinen Preisen. Dann ist der Laden immer voll“. Ehemalige Gäste schwärmten noch später von den Koteletts, „fast so groß wie ein Wagenrad“. Eine Portion Muscheln kostete 91 Pfennig, die Schweinshaxe „nach dem Geschmack der Zeit sehr fett“, drei Mark und das Glas Altbier 35 Pfennig.[2] Der mittelständische Bürger war vor dem Krieg als Gast eher selten im Fischl. Wer wegen des Altbiers kam, damals noch „Düssel“ genannt, ging lieber zum Schumacher, zum Schlüssel oder ins Uerige, oder er trank bayrisches Bier im Salvator oder im Pschorr Bräu. Das änderte sich schlagartig, nachdem die Dieterich-Brauereien, damals noch Dieterich-Hoefel AG, zusammen mit dem Fischl, aus den Trümmern mehrere Gaststätten errichteten. Und das, obwohl die Familien häufig an den Tischen anstehen mussten, bis die Plätze frei wurden.[5]

Die Einrichtung und Ausstattung des Bierhaus Fischl auf der Blumenstraße entsprach auch nach dem Krieg etwa dem der Düsseldorfer Traditionsgaststätten, wie man heute noch einige findet. Die geklinkerte Fassade der „Großgaststätte“ war durchgehend mit schmiedeeisernen Laternen versehen. Ein ebenfalls schmiedeeiserner Ausleger verkündete 1992 „Schänke, Restaurant, Fischl, Dortmunder Union, Siegel Pils“. Von 1972 bis 1978 war Arnold Droste,[7] Gastwirt aus Arnsberg, Pächter des Fischl. Als der 62-jährige letzte Pächter, Fritz Banzhaf, Ende 1992 das Lokal aus gesundheitlichen Gründen aufgab, wurde das gesamte Inventar im Mai 1993 versteigert, vom Sachverständigen auf 214.000 Mark geschätzt. Viele, auch weit entfernt tätige Gastwirte kamen zu dem Ereignis in die mit hellem Linoleum ausgelegten Räume. Marlis Köhnen, die Tochter des damaligen Pächters hatte ein dickes Album aus dem Jahr 1950, dem Wiedereröffnungsjahr des Fischl, mitgebracht. Das damalige Versteigerungsverzeichnis vermittelt eine Vorstellung des Aussehens der Gaststätte: Eine hölzerne Wandvertäfelung, massive Eichenbänke und blankgescheuerte Tische, Binsenstühle, schmiedeeiserne Kronleuchter, als Wandschmuck hatten Gewehre, Armbrüste und Jagdhörner gedient, Pokale, ein Wandkamin mit Edelmannmotiven auf den Brandkacheln und alte Kaffeemühlen. Zahlreiche kleine Bilder mit Wirtshausmotiven oder Stillleben, meist niederländischer Maler, kamen in die Auktion. Eines der „Glanzstücke“ war beispielsweise ein ziemlich raumfüllendes Ölgemälde von „Hambüchen“[8], 350 × 250 Zentimeter groß mit der Darstellung des Düsseldorfer Hafens um 1845. Das 1880 entstandene Gemälde wurde für 5400 Mark versteigert.[9][1][10][11]

Später eröffnete die Block-House Restaurantkette dort ein Steakhouse, nicht nur das Innere, auch die Außenfront wurde vollständig verändert.[10] Unter der Adresse Blumenstraße 2–4 befindet sich hier, Stand 2025, das Restaurant „People’s Place“, dem benachbarten Modegeschäft von Tommy Hilfiger zugehörend.

Gaststätte Fischl, Friedrichstraße 25

Auf der Friedrichstraße, im Gebäude Nr. 25–27, vorher oder anfangs wohl noch im Besitz der Dieterich Brauerei,[12] eröffnete Fritz Köhnen mit seiner „tüchtigen Frau“ Marlis ein zweites Fischl. Eine besondere Attraktion war hier der, „oft wiederholend“, in der ersten Etage aufgebaute „Ochs am Spieß“, „zum Frühschoppen von 9 bis 12 Uhr“ und „zum Abendschoppen von 9 bis 12 Uhr“, wie es auf einer Papierserviette, neben den üblichen Zahlen über den Riesenverbrauch der einzelnen Esszutaten hieß, dazu der Slogan „Alle sollen besser leben“.[13][14]

Die zuletzt eröffnete und als Erste geschlossene Gaststätte Fischl auf der Friedrichstraße hatte nach Angaben des Betreibers 650 Quadratmeter Gaststättenraum, auf dem 280 Angestellte beschäftigt waren. Der gesamte tägliche Umsatz umfasste jetzt 12.000 Essensportionen, der Jahresumsatz 7 Millionen DM. Die Gaststätten verfügten zu der Zeit über eine eigene Großschlachterei, eine eigene Bäckerei und Konditorei.[15] Immer wieder berichteten Gäste von den riesigen Portionen, wenn auch die Düsseldorfer Journalistin Gerda Kaltwasser meinte, die Portionen könnten inzwischen kleiner geworden sein.[5] Auf den Fensterbänken lagen Behälter und Papier bereit, um eventuelle Reste einpacken und mitnehmen zu können.

Die Werbung unter Fritz Köhnen war immer von Superlativen geprägt, ob auf verschiedenen Postkarten, den Servietten oder dem Lieferwagen.[16] Ein Werbepostkarte der Bierhaus Fischl Betriebe, Fritz Köhnen G.m.b.H. aus der Zeit, in der noch beide Gaststätten im Besitz von Fritz Köhnen waren, besagte:

  • Durchschnittlicher Tagesverbrauch:
8500 Glas Bier 8/20
500 Pfd. Fleisch u. Wurst
8110 Portionen Essen
1050 Stück Eier
     36 Ztr. Kartoffeln
     56 Pfund Senf
     70 Ltr. Salatöl
   150 Pfd. Fleischfett[13]

Fritz Köhnen schloss das Fischl, plötzlich und ohne jede Vorankündigung, die Angestellten standen vor verschlossener Tür. Im Telefonbuch des Jahres 1970 ist unter der Adresse Friedrichstraße 25 noch die Brauerei „Dieterich“ eingetragen, der letzte Eintrag für die „Gaststättenbetriebe Fritz Köhnen GmbH“ unter der Adresse erfolgte im Jahr 1969. In keinem Eintrag der amtlichen Telefonbücher ist die Gaststätte auf der Friedrichstraße als „Fischl“ aufgeführt (ohne Berücksichtigung eventueller Einträge in den Branchen-Telefonbüchern), die Einträge erfolgten auch nicht unter der üblichen Rubrik „Gaststätten“ beziehungsweise „Restaurants“. Die GmbH ist noch bis 1974, jetzt auf der Friedrichstraße 148, im Telefonbuch eingetragen, im folgenden Jahr nur noch als Privatadresse Fritz Köhnen.[17]

Fritz Köhnen zog nach Bayern. Die Häuser Nummer 23 bis 27 auf der Friedrichstraße blieben im Familienbesitz.[5] Die Eintragung der „Fritz Köhnen – Gaststättenbetriebe Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ in Düsseldorf scheint, letzte Änderung 2015, wohl als Immobilienverwaltung, im Jahr 2025 noch zu bestehen.[18]

Marginalien

  • Der Sänger Heino berichtete, dass seine Mutter nach ihrer Hauptarbeitsstelle als Putzfrau abends noch im Fischl auf der Friedrichstraße gekellnert hat, „sie hat fast rund um die Uhr geschuftet“.[19]
  • Neben den ehemaligen Räumen des Fischl eröffnete im Jahr 1986 ein Kürschnerehepaar ein Pelzgeschäft, die Firma Pelzmodelle Kuhn. Den ehemaligen, großen, gut isolierten Kühlkeller des Fischl nutzten die beiden Meister bis zur Geschäftsaufgabe im Jahr 2010 zur Sommer-Pelzaufbewahrung der Kundenpelze.
Commons: Fischl Gaststätten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Traditionslokal Fischl schließt. In: Rheinische Post. 31. Oktober 1992.
  2. a b c d Wolfgang Berney, Andreas Kunze: Nach 107 Jahren Traditionslokal weicht einem Steakhaus – Mit dem „Fischl“ stirbt ein Stück Düsseldorf – Auch Gründgens trank hier sein Bier. In: Express, 28. Oktober 1992, S. 19.
  3. Rainer Bartel: Verschwundene Gastronomie in Düsseldorf (3): Bierhaus Fischl, zweimal in der Stadt. The Düsseldorfer, 10. August 2021 (mit der Abbildung von zwei Werbepostkarten des Fischl). Abgerufen am 13. Juli 2025
  4. a b c d e Das „Fischl“ in der Blumenstraße. In: Düsseldorfer Heimatblätter, 1950, S. IV-VI.
  5. a b c d e Gerda Kaltwasser: Aus der Freß- und Saufbude wurde die Pißhött – Fischl war für viele Rheinländer erstes Kneipenerlebnis. In: Rheinische Post, 13. November 1992.
  6. Klingen, Carl (Persönlichkeiten), Fischl.Restaurant, 5-8-0-021, Stadtarchiv Düsseldorf.
  7. Adressbuch Düsseldorf 1973-1974. Eintrag Droste Arnold Blumenstr. 2. Abgerufen am 10. Dezember 2025.
  8. Anmerkung: Im Text fehlerhaft „S. Hammbüchen“ (Paul Pützhofen-Hambüchen (1879–1933), deutscher Landschaftsmaler der Düsseldorfer Schule; oder Wilhelm Hambüchen (1869–1939), deutscher Maler?).
  9. Fotopostkarte, Innenansicht. Ansichtskartenversand.com, abgerufen am 22. Juli 2025.
  10. a b Anna Kirberich: Ausverkauf im „Fischl“ – „Alte Traditionen werden kaputtgemacht“. In: Rheinische Post, 27. Mai 1993.
  11. Judith Preuss: Inneneinrichtung des „Fischl“ wird morgen versteigert – Ein Traditionslokal unter Hammer. In: Düsseldorfer Stadtpost Nr. 120, 25. Mai 1993.
  12. Objekte von: Brauerei Gebrüder Dieterich (Düsseldorf). emuseum.duesseldorf.de, d:kult.online, abgerufen am 13. August 2025.
  13. a b Bierhaus Fischl Betriebe Fritz Köhnen, Düsseldorf, Werbepostkarte.
  14. Ochs am Spieß. Papierserviette, Zeitgeschichtliche Sammlung 2, Einzelstücke, Nr. 5-0-2-362.0000, Stadtarchiv Düsseldorf.
  15. Werbepostkarte. Firma Tilmann Dohren, undatiert. Abgerufen am 14. Juli 2025.
  16. Foto im Stadtarchiv Düsseldorf, LKW Fritz Köhnen GmbH, Gaststätten-Betriebe, Friedrichstraße und Blumenstraße.
  17. Amtliches Fernsprechbuch 10, 1968/69, 1969/70: „Köhnen Fritz GmbH, GaststättenBetr., Friedrichstr. 25“, 1970/71: „Dieterich, Friedrichstraße 25“, 1971/72, 1973/74, 1974/75: „Köhnen Fritz GmbH, GaststättenBetr., Friedrichstraße 148“.
  18. Fritz Koehnen Gaststättenbetriebe GmbH, Rheinallee 122 Düsseldorf. Creditreform, abgerufen am 13. August 2025.
  19. Wolfgang Osinski: Heino – Mein Düsseldorf – Mit Heino auf den Spuren seiner Jugend in Oberbilk. Lust auf Düsseldorf, ca. 2015. Abgerufen am 24. Juli 2025