Fingerhut-Bartfaden

Fingerhut-Bartfaden

Fingerhut-Bartfaden (Penstemon digitalis)

Systematik
Klasse: Asteriden
Ordnung: Lippenblütlerartige (Lamiales)
Familie: Wegerichgewächse (Plantaginaceae)
Gattung: Bartfaden (Penstemon)
Art: Fingerhut-Bartfaden
Wissenschaftlicher Name
Penstemon digitalis
Nutt. ex Sims

Der Fingerhut-Bartfaden (Penstemon digitalis) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Bartfaden (Penstemon) innerhalb der Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae).[1] Er ist im Osten Nordamerikas beheimatet und wird als Zierpflanze verwendet.

Beschreibung

Vegetative Merkmale

Der Fingerhut-Bartfaden ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die am Grund wintergrüne Horste bildet und Wuchshöhen von 50 bis 150 Zentimetern erreicht. Ihre zahlreichen, aufrechten, oft rötlich überlaufenen und leicht bereiften Stängel sind kahl oder spärlich rückwärtsgerichtet behaart und tragen fünf bis acht Paare sitzender Stängelblätter. Die kahlen, mittelgrünen, leicht glänzenden und manchmal rötlich überlaufenen grundständigen Blätter und unteren Stängelblätter sind bis zu 15 Zentimeter lang und bis zu 5 Zentimeter breit. Sie sind eiförmig-länglich, an der Basis zugespitzt, am Rand mehr oder weniger gesägt oder gezähnt sowie an der Spitze zugespitzt oder spitz. Die oberen, lanzettlichen Stängelblätter sind kürzer und schmaler. Die grundständigen Blätter sind manchmal zur Blütezeit verwelkt.[2][3]

Generative Merkmale

Die Blütezeit erstreckt sich von Juni bis Juli.[1] Der locker-rispige, mehr oder weniger kegelförmige Blütenstand wird bis zu 30 Zentimeter lang und umfasst fünf bis zwölf (selten bis zu 18) Blüten. Er ist unten kahl und oben spärlich bis dicht drüsig behaart. Er hat drei bis sechs wirtelige Verzweigungen mit lanzettlichen bis linealen Hochblättern und mit je zwei gestielten Einzelblüten an den Knoten.[2][3]

Die eiförmigen bis lanzettlichen Kelchblätter sind drüsig behaart. Die 2 bis 3 Zentimeter lange, bauchige Blütenkrone ist weiß bis hellrosa oder blassblaulila und weist oft violette Saftmale auf. Sie ist außen drüsig und innen mäßig weiß behaart. Die fast 1 Zentimeter lange Kronröhre erweitert sich oberhalb des Kelchs abrupt auf einen Durchmesser von etwa 1 Zentimeter. Die beiden kürzeren Staubblätter sind eingeschlossen, die längeren ragen oft bis zur Schlundöffnung. Auch der Griffel und das nach außen hin gelblich behaarte Staminodium mit seiner geraden bis leicht gebogenen Spitze reichen bis zur Öffnung. Zur Fruchtzeit reifen etwa 1 Zentimeter lange und halb so breite, kahle Kapselfrüchte mit vielen Samen.[2][3]

Chromosomensatz

Die Chromosomengrundzahl ist x = 8; es liegt Dodecaploidie vor mit der Chromosomenzahl 2n = 96.[2][4]

Ökologie

Der Fingerhut-Bartfaden wird vor allem von kleinen und mittelgroßen Bienen besucht, darunter verschiedene nordamerikanische Mauerbienen-, Keulhornbienen- und Pelzbienenarten. Seltener besuchen große Hummeln und Holzbienen die Blüten. Zur besseren Orientierung der Bestäuber weist die weiße, UV-Licht reflektierende Blütenkrone mehr oder weniger intensiv gefärbte, violette Saftmale auf. Jede Blüte blüht drei Tage lang, setzt am ersten Tag die Pollen frei und lässt erst am zweiten und dritten Tag die Narbe zur Befruchtung reifen („Vormännlichkeit“, Proterandrie).[5]

Das Staminodium ist beim Fingerhut-Bartfaden am äußeren Ende mit bis zu 2 Millimeter langen, borstigen Haaren besetzt, die den Blüteneingang teilweise versperren. Dadurch wird einerseits erreicht, dass Bienen mehr von den Pollen, die sie auf anderen Blüten gesammelt haben, auf der Narbe absetzen (Fremdbestäubung), und andererseits, dass sie mehr Pollen aus den Staubbeuteln der aktuell besuchten Blüte mitnehmen.[5]

Die Blüten setzen je nach Phase der Blütenentwicklung, Tageszeit und Blütenorgan (Nektarium, Kronblätter, Narbe, Staubblätter und Staminodium) mehr als 50 verschiedene Duftstoffe in unterschiedlicher Intensität frei. Diese dynamisch wechselnde Zusammensetzung des Blütendufts unterstützt dabei mehrere, teilweise noch unerforschte, ökologische Funktionen. So wird beispielsweise tagsüber, wenn Bienen am aktivsten sind, die größte Menge flüchtiger, für Bienen attraktiver Terpenoide emittiert. Nachts hingegen wird mehr Salicylsäuremethylester freigesetzt. Dieser ist für bestäubende Nachtfalter attraktiv, während er nicht-bestäubende Fressfeinde wie Ameisen abwehrt. Der speziell am Staminodium freigesetzte Zimtsäuremethylester beeinflusst wahrscheinlich das Verhalten der Bienen zugunsten der Bestäubung.[6]

Vorkommen

Der Fingerhut-Bartfaden ist im Osten Nordamerikas verbreitet. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von den kanadischen Provinzen Ontario und Québec im Nordosten über die zentralen und östlichen US-Bundesstaaten bis nach Texas, Louisiana, Mississippi und Alabama im Südosten – Georgia und Florida ausgenommen.[7]

Der Fingerhut-Bartfaden ist die am weitesten verbreitete Art der Gattung Penstemon östlich des Mississippi. Ursprünglich war seine Verbreitung wahrscheinlich auf das zentrale Einzugsgebiet des Mississippi beschränkt, wurde aber neuzeitlich durch europäische Siedler in den Nordosten und Osten Nordamerikas ausgeweitet (Hemerochorie).[7][2] Der Fingerhut-Bartfaden besiedelt tiefliegende, feuchte Waldlichtungen, Prärien, Wiesen und Straßenränder in Höhenlagen von 10 bis 500 Metern.[2]

Systematik

Die Erstveröffentlichung des von Thomas Nuttall vergebenen Artnamens Penstemon digitalis samt Artbeschreibung erfolgte im Jahr 1825 durch John Sims in Curtis’s Botanical Magazine, Band 52, Tafel 2582.[8] Da John Sims sich ausdrücklich auf Thomas Nuttall bezieht und davon ausgeht, dass dieser den Artnamen bereits anderswo veröffentlicht hat, gilt Nuttall als Autor des Artbeschreibung. Mit dem Artepitheton digitalis verweist Nuttall auf die verwandte Pflanzengattung der Fingerhüte (Digitalis), deren Blüten ihm offenbar ähnlich zu denen des Fingerhut-Bartfadens erschienen.[9]

Synonyme von Penstemon digitalis Nutt. ex Sims sind Chelone digitalis (Nutt.) Sweet, Penstemon laevigatus subsp. digitalis (Nutt.) R.W.Benn. und Penstemon laevigatus var. digitalis (Nutt.) A.Gray.[7] Der Fingerhut-Bartfaden wird innerhalb der Gattung Penstemon der Untergattung Penstemon, und darin der Sektion Penstemon zugeordnet.[2]

Verwendung

Der Fingerhut-Bartfaden wird häufig als Zierpflanze verwendet. Er eignet sich für sonnige bis halbschattige Gehölzränder, weitläufige Staudenrabatten und prärieartige Pflanzungen. Er ist Bestandteil vieler Präriemischpflanzungen für trockene und frische Freiflächen sowie für frische bis feuchte Gehölzränder.[10] Beispielsweise lässt er sich gut mit Mädchenaugen und dem Steppen-Salbei kombinieren[3] und harmoniert in Präriepflanzungen mit Gelbem Sonnenhut und Echinacea simulata. Er ist zudem eine gute Schnittblume. An sonnigen Standorten färbt sich das Laub im Herbst bis zum ersten Frost leuchtend rot. Die dunkelbraunen, verholzenden Fruchtstände gelten als winterliche Zierde.[11]

Meist werden die folgenden Sorten kultiviert:[11]

  • ‘Husker Red’ (Syn.: ‘Purpureus’): Diese Sorte wird etwa 80 Zentimeter hoch. Sie hat rötlich-braune Blätter und Stängel sowie fast reinweiße Blüten. Sie versamt sich nicht sortenecht, sondern wird über Stecklinge vermehrt.[11] In der Gartenliteratur und im Handel wird sie oft fälschlicherweise als ‘Huskers Red’ oder ‘Husker’s Red’ bezeichnet.[12] Die Sorte wurde 1983 von der Pflanzenzüchterin Dale Lindgren an der University of Nebraska-Lincoln ausgelesen und zu Ehren des universitären Football-Teams Nebraska Cornhuskers benannt.[13][14]
  • ‘Husker Red Superior Strain’: Diese Sorte ist eine Auslese von ‘Husker Red’ und wird 80 bis 100 Zentimeter hoch. Sie versamt sich sortenecht und ist in ihrer Erscheinung etwas kontrastreicher, wenn auch variabler, als ‘Husker Red’.
  • ‘Dark Towers’: Diese Sorte ist eine Hybride aus Penstemon digitalis ‘Husker Red’ × Penstemon ‘Prairie Splendor’ (Penstemon cobaea × Penstemon triflorus). Diese Sorte wird 80 bis 90 Zentimeter hoch, hat braunrote Stängel und grünlich-braunrote Blätter sowie zartrosa Blüten. Sie versamt sich nicht sortenecht. Sie wurde von Dale Lindgren gezüchtet und im Jahr 2009 patentiert. Das Patent läuft im Dezember 2027 aus.[14][15]

Der Fingerhut-Bartfaden gilt als anpassungsfähig, robust und für eine Bartfadenart als relativ langlebig.[16] Er bevorzugt einen feuchten, leichten, neutralen bis sauren, kalkarmen Boden. Auf schweren, winternassen Böden ist er kurzlebig, samt sich aber meist bestandserhaltend (wenn auch nicht sortenecht) aus.[11] Die Wildart gilt als sehr winterhart bis −40 °C (Zone 3), einige Sorten, wie ‘Husker Red’, als winterhart bis −34 °C (Zone 4).[12]

Literatur

  • Leo Jelitto, Wilhelm Schacht, Hans Simon: Die Freiland-Schmuckstauden, Handbuch und Lexikon der Gartenstauden. 5., völlig neu bearbeitete Auflage. Band 2: I bis Z. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2002, ISBN 3-8001-3265-6, S. 697–701, Kapitel Penstemon.
Commons: Fingerhut-Bartfaden (Penstemon digitalis) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Eckehart J. Jäger, Friedrich Ebel, Peter Hanelt, Gerd K. Müller (Hrsg.): Exkursionsflora von Deutschland. Begründet von Werner Rothmaler. Band 5: Krautige Zier- und Nutzpflanzen. Springer, Spektrum Akademischer Verlag, Berlin/Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8274-0918-8, S. 465.
  2. a b c d e f g Craig C. Freeman: Penstemon. In: Flora of North America Editorial Committee (Hrsg.): Flora of North America North of Mexico. Band 17. Oxford University Press, New York u. a. 2006, ISBN 0-19-530564-7, Penstemon digitalis Nuttall ex Sims (S. 202), S. 146–147 (textgleiche Online-Version).
  3. a b c d Leo Jelitto, Wilhelm Schacht, Hans Simon: Die Freiland-Schmuckstauden, Handbuch und Lexikon der Gartenstauden. 5., völlig neu bearbeitete Auflage. Band 2: I bis Z. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2002, ISBN 3-8001-3265-6, Abschnitt P. digitalis Nutt. auf S. 699.
  4. Datenblatt Penstemon digitalis mit Detailfotos bei Wolfe Lab, The Ohio State University.
  5. a b Gregg Dieringer, Leticia Cabrera R: The interaction between pollinator size and the bristle staminode of Penstemon digitalis (Scrophulariaceae). In: Botanical Society of America (Hrsg.): American Journal of Botany. Band 89, Nr. 6, 2002, S. 991–997, doi:10.3732/ajb.89.6.991.
  6. Rosalie C. F. Burdon, Robert A. Raguso, André Kessler, Amy L. Parachnowitsch: Spatiotemporal floral scent variation of Penstemon digitalis. In: Springer (Hrsg.): Journal of Chemical Ecology. Band 41, Nr. 7, 2015, S. 641–450, doi:10.1007/s10886-015-0599-1.
  7. a b c Datenblatt Penstemon digitalis Nutt. ex Sims bei POWO = Plants of the World Online von Board of Trustees of the Royal Botanic Gardens, Kew: Kew Science.
  8. John Sims: Curtis's Botanical Magazine. Band 52, Tafel 2587. London 1825, Tafel 2587, Abbildung mit nachfolgendem Text; Hinweis, dass der Artname von Thomas Nuttall stammt, auf der zweiten Textseite im letzten Absatz (Digitalisat).
  9. Penstemon digitalis bei Missouri Botanical Garden.
  10. Nobert Kühn: Neue Staudenverwendung. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2011, ISBN 978-3-8001-5970-3, Tab. 71 Beispiele für Präriemischpflanzungen auf S. 272; Sorte ‘Husker Red’ als Beispiel im Abschnitt Stauden mit extremen Blattfarben auf S. 197.
  11. a b c d Penstemon digitalis / Fingerhut-Bartfaden bei Pflanzendatenbank der Gartenarchitektur.
  12. a b The Royal Horticultural Society: Stauden - Die große Enzyklopädie. Dorling Kindersley, München 2015, ISBN 978-3-8310-2752-1, Abschnitt P. digitalis auf S. 361.
  13. Jeff Cox: Perennial All-Stars, The 150 Best Perennials for Great-Looking, Trouble-Free Gardens. Rodale Press, Emmaus, Pensylvannia 2002, ISBN 978-0-87596-889-6, S. 240–241, Kapitel ‘Husker Red’ Foxglove Penstemon (Online bei Google books).
  14. a b Penstemon ‘Dark Towers’ bei Missouri Botanical Garden.
  15. Patent USPP20013P2: Penstemon plant named 'Dark Towers'. Angemeldet am 10. Dezember 2007, veröffentlicht am 19. Mai 2009, Anmelder: Boards of Regents of the University of Nebraska-Lincoln, Erfinder: Dale Tennis Lindgren.
  16. Richard Hansen, Friedrich Stahl: Die Stauden und ihre Lebensbereiche. 6. Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2006, ISBN 978-3-8001-8385-2, Penstemon digitalis auf S. 333.