Festungsbauhof

Der Festungsbauhof oder Festungsschirrhof (auch Kameralbauhof) war ein militärisch genutzter Gebäudekomplex in Koblenz. Die vom kurtrierischen Hofbaumeister Johann Andreas Gärtner 1781 entworfene Anlage wurde ab 1788 als Platzabschluss an der östlichen Seite des Clemensplatzes erbaut. Sie diente ab 1816 als Bauhof und Proviantamt[1] der preußischen Festung Koblenz und Ehrenbreitstein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die in großen Teilen zerstörte Anlage entfernt. An ihrer Stelle befindet sich heute u. a. der Reichenspergerplatz.

Geschichte

In kurtierischer und französischer Zeit

Bereits im September und Oktober 1781 legte Johann Andreas Gärtner erste Entwürfe für den neuen Gebäudekomplex an der östlichen Seite des Clemensplatzes vor.[2] In diesen finden sich bereits einige Elemente des ausgeführten Projekts wieder, wie z. B. das Portal mit den vier Säulen am Clemensplatz. Gärtner integrierte zur Rheinfront hin auch einen großen kuppelbekrönten Heuschober, der jedoch nicht zur Ausführung kam.[3] Zu dieser Zeit plante Gärtner anscheinend noch die an der Nordseite des geplanten Gebäudes gelegene mittelalterliche Stadtmauer in das Bauwerk zu integrieren, wobei der in diesem Abschnitt gelegene achteckige Zachariasturm von 1333 und ein Halbrundturm[4] als Magazine dienen sollten.[5] Hierzu kam es jedoch nicht, da alle in diesem Bereich gelegenen mittelalterlichen und kurfürstlichen Verteidigungsanlagen in Vorbereitung für den Bau 1787/1788 beseitigt wurden. Im gleichen Jahr begann der Neubau, für den die Steine der aus diesem Anlass abgebrochenen ehemaligen Sakristei des Schlosses Philippsburg in Ehrenbreitstein verwendet wurden.[6] Der Gebäudekomplex diente bis zur Eroberung der Stadt Koblenz durch französische Truppen unter General Marceau im Oktober 1794 als „Kameralbauhof“ bzw. als Festungsbauhof. Während der französischen Herrschaft in Koblenz wurde die Anlage vom Militär als Proviantamt genutzt, zu diesem Zweck wurden dort Schlachtereien, Bäckereien, Magazine angelegt. 1799 brannte ein Teil der Gebäude infolge einer Brandstiftung nieder.[7]

In preußischer Zeit

Nach der preußischen Übernahme wurden 1816 die durch den Brand beschädigten Gebäudeteile und die Fassade zum Clemensplatz erneuert.[8] Die gesamte Anlage wurde an die Metternicher Wasserleitung angeschlossen.[9] Der Gebäudekomplex wurde 1816 auch zur Einrichtung einer Kaserne in Betracht gezogen, sollte aber zunächst vorläufig als Standort der Bäckerei und Festungsbrauerei genutzt werden.[10] Tatsächlich diente die Anlage in der Folge als Festungsbauhof und als Proviantamt, wobei der Bereich nördlich der beiden Durchfahrten dem Proviantamt und der südliche Bereich dem Festungsbauhof vorbehalten war.[11] 1821 entstand in dem zum Rhein liegenden Gebäudeteil rechts der Durchfahrt, unter Einbeziehung zweier Backöfen aus der französischen Zeit, die neue Koblenzer Garnisonsbäckerei.[12] Diese blieb, abgesehen von einer dreijährigen Unterbrechung von 1911 bis 1914, vermutlich bis 1918 in Betrieb.[13]

1838 wurde an der Westseite der Anlage zunächst der nördliche Bereich neben dem Portal bin in etwa zu der Höhe des späteren Espenschiedschen Hauses um ein Stockwerk erhöht. Im folgenden Jahr erhielt der Bereich südlich des Portals ebenfalls ein zweites Stockwerk.[14] Eine weitere Aufstockung erfolgte vor 1857 an der Südseite des Komplexes.[15] Der Innenhof der Anlage war größtenteils unbebaut, lediglich in der nordwestlichen Ecke wurde u. a. die Wohnung des Magazin-Aufsehers ergänzt, sodass hier ein zweiter kleinerer Innenhof entstand. Über die Jahre waren im großen Innenhof vermutlich diverse Holzschuppen aufgestellt. Pläne von 1857 zur Errichtung einer Dampfmühle im Innenhof kamen allerdings nicht zur Ausführung.[16]

Zur weiteren Geschichte des Bauhofs oder Umbauten an den Gebäuden in preußischer Zeit ist bislang nur wenig bekannt. 1889 kam das Gerücht auf, dass der Bereich auch als möglicher Aufstellungsort des Kaiser-Wilhelm-Denkmals im Gespräch gewesen wäre, wofür die Gebäude hätten weichen müssen.[17]

Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg

Im Zuge der Besetzung von Koblenz durch amerikanische Truppen im Dezember 1918 wurde auch der Festungsbauhof von der amerikanischen Armee requiriert, die hier ihre Militärpolizei unterbrachte.[18] Ob die Anlage in dieser Zeit noch anderen Zwecken diente ist bislang nicht bekannt. Als militärisch genutztes Gebäude hätte der Bauhof mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags nach dem Ende der Alliierten Rheinlandbesetzung demilitarisiert oder im ungünstigsten Fall abgerissen werden müssen. Um dies zu vermeiden, beantragte das zuständige Entfestigungsamt Koblenz bereits am 11. Dezember 1920 zusammen mit vielen anderen gefährdeten Standorten wie z. B. den Koblenzer Kasernen auch den Erhalt des Festungsschirrhofs am Clemensplatz. Zur Begründung führte das Amt den fehlenden militärischen Wert der diversen Standorte und die aus deren Zerstörung resultierende Vernichtung von Sachwerten an. Zudem sollte mit dem Erhalt von Gebäuden eine Linderung der Wohnungsnot erreicht werden, da für die bislang hier untergebrachten Truppen sonst an anderer Stelle Wohnraum requiriert oder geschaffen werden musste.[19]

Nach dem endgültigen Abzug der amerikanischen Besatzung übernahm Mitte 1923 das französische Militär den Bauhof, das den Komplex in „Caserne Lyauthey“ umbenannte.[20] Die ehemalige Garnisonsbäckerei diente bis zum 1. November 1926 der Interalliierten Rheinlandkommission, die im benachbarten Oberpräsidium der Rheinprovinz ihren Sitz hatte, und zuletzt auch der „Hohen Kommission der Französischen Republik in den Rheinprovinzen“ als Druckerei.[21] Nach der Räumung im Zuge des französischen Abzugs war die Garnisonsbäckerei bereits am 12. November 1929 an die deutschen Stellen zurückgegeben worden, der Rest des Komplexes folgte am 28. November 1929.[22]

Bereits im Mai 1929 hatte die Denkmalpflege den Erhalt des Baukomplexes in seiner damaligen Form gefordert[23] und möglicherweise auch durchgesetzt. Im Dezember 1929 bekundete außerdem die Reichspost Interesse an den Gebäuden.[24] Die gesamte Anlage sollte allerdings stand September 1929 im Besitz des Reichs bleiben,[25] über Demilitarisierungsmaßnahmen oder Abrisspläne im Sinne der Bestimmungen des Versailler Vertrags ist nichts bekannt. Die Gebäude der Anlage wurden nachfolgend umgebaut und ab 1930 an Privatleute vermietet, außerdem war hier ein Teil der Rheinpolizei untergebracht.[26]

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Beseitigung

Im Zweiten Weltkrieg wurde der ehemalige Festungsbauhof sehr beschädigt,[27] eine alliierte Luftaufnahme um 1945 zeigt u. a. den südlich vom Portal am Clemensplatz gelegenen zweistöckigen Westflügel und die zum Rhein gelegene Zufahrt in Trümmern. Das noch erhaltene Eingangsportal am Clemensplatz wurde 1948 abgebaut, wobei die Steine mit Nummern versehen wurden.[28] Bis zur weiteren Verwendung bei der geplanten Neugestaltung des Geländes[29] wurde das Steinmaterial am Koblenzer Schloss eingelagert. Bei der Anlage des heute an der Stelle des Festungsbauhofs gelegenen Reichenspergerplatzes wurde dann aber auf den Wiederaufbau bzw. die Integration des Portals verzichtet und die Steine anderweitig verwendet.[30] Im nördlichen Bereich des Bauhofs befindet sich heute ein Wohnblock.

Baubeschreibung

Einer Beschreibung von 1842 zufolge war der Festungsschirrhof ein schweres, massives Gebäude, zu seiner Bestimmung 1816 eingerichtet. Es bildet ein großes etwas verschobenes Viereck von 310 Fuß Länge und gleicher Breite gegen den Clemensplatz. Der davon umschlossene innere Raum ist groß aber zum Theil verbaut. In seinem hintern gegen den Rhein gerichteten Theile befindet sich die Militär-Bäckerei.[31] Der Gebäudekomplex belegte eine Fläche von 0,7831 ha[32] und erstreckte sich zwischen den heutigen Straßen Im Vogelsang-Karmeliterstraße-Stresemannstraße-Regierungsstraße. Der große Innenhof war ursprünglich auf allen vier Seiten von einem langgestreckten einstöckigen Gebäude umgeben, lediglich der Teil zum Clemensplatz mit der Durchfahrt war breiter angelegt. Hier wurde der Bereich rund um die Zufahrt später auf zwei Stockwerke aufgestockt. Der massive Torbau mit seinen vier toskanischen Säulen verfügte über eine breite Zufahrt in der Mitte, die rechts und links von je einer Pforte flankiert war. Im darüberliegenden Flachgiebel befand sich eine Plakette mit der Inschrift CLEMENS WENCESLAVS ARCHIEPISCOPVS ET ELECTOR REI AEDILITIAE PROSPICIENS HOC AEDIFICIVM EXTRVI CVRAVIT ANNO DOMINI MDCCLXXXVIII. Über der Zufahrt wurde in preußischer Zeit ergänzt: FESTUNGS:SCHIRRHOF:EINGERICHTET 1816.[33] Die Durchfahrt zum Rhein war etwas nach Norden versetzt und schlichter gehalten. Den Abschluss des östlichen Gebäudeabschnitts bildeten je einen Eckturm an der nördlichen und an der südlichen Seite. Der südliche Abschnitt erhielt später in der Mitte ebenfalls ein zweites Stockwerk.

Literatur

  • Erich Franke: Koblenzer Kostbarkeiten. Stadtgeschichtliche Skizzen in Wort und Bild, Band 2, 2. Auflage, Koblenz 1975, S. 228f.
  • Matthias Kellermann: Die Militärbäckereien der preußischen Festung Koblenz und Ehrenbreitstein. Zur Geschichte der Koblenzer Militärbäckereien unter besonderer Berücksichtigung der Kriegsbäckerei in der Feste Kaiser Franz. Hrsg. von Feste Kaiser Franz e. V., Koblenz 2018, ISBN 978-3-95638-414-1.
  • Marcus Marschall: Der kurfürstliche Hofbaudirektor Johann Andreas Gärtner und sein Anteil an den kurfürstlichen Baumaßnahmen in Koblenz, insbesondere an der Koblenzer Residenz. In: Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, 200 Jahre Residenz Koblenz, Katalog zur Ausstellung im Schloß zu Koblenz 6. August bis 2. November 1986. Druckhaus Koblenz, S. 35–49, Koblenz 1986.
  • Fritz Michel: Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte, München, Berlin 1954, S. 135f. (Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz Band 1. Im Auftrage des Ministeriums für Unterricht und Kultus herausgegeben von Werner Bornheim gen. Schilling).
  • Kay Thoss: Andreas Gaertner (1744-1826). Architektur eines Lebens im Umbruch, Weimar 1998, S. 34-37 (Münster (Westfalen), Univ. Diss., 1996).
  • StAK DB 8 Militär: 06-15 Militärische Liegenschaften: 08 Dienstgebäude, sonstige Militärbauten: 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei).

Einzelnachweise

  1. Vgl. Kriegs- und Befestigungsgeschichte von Coblenz und Ehrenbreitstein. Von Dziobek I., Ingenieur-Hauptmann und 1ter Adjutant der Königlichen 3ten Ingenieur-Inspektion, Koblenz 1834, Blatt 148, in: Stadtarchiv Koblenz, HK 11 Dzi.
  2. Siehe Grundrisse in: Landeshauptarchiv Koblenz Best. 702 Nr. 65, online abrufbar über Apertus.
  3. Kay Thoss: Andreas Gaertner (1744-1826). Architektur eines Lebens im Umbruch, Weimar 1998, S. 34 (Münster (Westfalen), Univ. Diss., 1996).
  4. Vgl. Fritz Michel: Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte, S. 55.
  5. Siehe Grundrisse in: Landeshauptarchiv Koblenz Best. 702 Nr. 65.
  6. Vgl. Fritz Michel: Kunstdenkmäler, S. 135f.
  7. Christian von Stramberg: Rheinischer Antiquarius, Coblenz, die Stadt, 1. Band, 2. Auflage, Koblenz 1860, S. 569.
  8. Vgl. Christian von Stramberg: Rheinischer Antiquarius, Coblenz, die Stadt, 1. Band, 2. Auflage, Koblenz 1860, S. 569.
  9. Vgl. Thomas Tippach: Koblenz als preussische Garnison- und Festungsstadt, Köln Weimar Wien 2000, S. 137.
  10. Thomas Tippach: Koblenz als preussische Garnison- und Festungsstadt, Köln Weimar Wien 2000, S. 26f., Fußnote 103.
  11. Siehe Eintragungen im Grundriss von 1857 in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Best. F Nr. 70359.
  12. Vgl. Koblenzer Volkszeitung Nr. 164, 19.07.1932: Die alte Festung Koblenz. Ihr Schicksal einst und morgen II.
  13. Vgl. StAK DB 8 Militär, 08: Dienstgebäude, sonstige Militärbauten: 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei).
  14. Vgl. Festungs-Geschichte von Coblenz und Ehrenbreitstein 1834 bis 1905, Blatt 2f., in: Stadtarchiv Koblenz HK 11 Dzi. Das beeindruckende Espenschiedsche Haus war 1888 als Weinhandlung errichtet worden. Es wurde 1945 zerstört und von 1956 bis 1958 beseitigt (Vgl. Willi K. Michels: Schicksale Koblenzer Hausecken, Koblenz 1987, S. 17f.).
  15. Siehe Grundriss von 1857 in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Best. F Nr. 70359 und Foto der Südseite in diesem Beitrag.
  16. Siehe Grundriss von 1857 in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Best. F Nr. 70359.
  17. Vgl. Coblenz, 2. Dez., in: Ohligser Anzeiger Nr. 145, 1. Blatt, 7.12.1889, S. 6.
  18. Erinnerungen eines alten Polizisten, in: Emil Baldus: Geschichte der Polizei-Direktion Koblenz von 1804-1960, Koblenz 1961, S. 108-119, hier S. 114.
  19. Vgl. „Erhaltungsantrag für die Gebäude, die früher militärischen Zwecken gedient haben“, 11.12.1920, in: LHA Ko Best. 578,002 Nr. 4.
  20. Vgl. StAK DB 8 Militär: 06-15 Militärische Liegenschaften, 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei). Wer der Namensgeber für die Kaserne war ist nicht sicher, es könnte sich dabei um den General Hubert Joseph Lyautey handeln.
  21. Vgl. Eduard Redelsperger: Aus meiner Koblenzer Franzosenzeit, Koblenz o. J., S. 28 und S. 33.
  22. Vgl. Koblenz. (Letzte Räumungstermine.), in: Ohligser Anzeiger Nr. 279, 1. Blatt, 28.11.1929, S. 6.
  23. Vgl. Anlage 7, S. 2, in: Stadt Koblenz. Amt 23/Liegenschaftsamt. Fach 2 Titel 1097: Ankäufe.
  24. Vgl. Was wird aus dem Ehrenbreitstein?, in: Ratinger Zeitung Nr. 291, 14.12.1929, S. 1
  25. Vgl. Die Befreiung von Koblenz, in: Bensberger Volkszeitung Nr. 226, 26.09.1929, S. 1
  26. Koblenzer Volkszeitung Nr. 164, 19.07.1932.
  27. Karl August Müller (Hrsg.): Koblenz an Rhein und Mosel. Das Stadtbild einst und jetzt, Koblenz 1949, S. 74, siehe auch Abb. S. 93 oben.
  28. Vgl. StAK DB 8 Militär: 06-15 Militärische Liegenschaften, 08 Dienstgebäude, sonstige Militärbauten, 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei). Erich Franke gibt 1949 als Jahr des Abbruchs an (vgl. Erich Franke: Koblenzer Kostbarkeiten. Stadtgeschichtliche Skizzen in Wort und Bild, Band 2, 2. Auflage, Koblenz 1975, S. 228).
  29. Vgl. Fritz Michel: Kunstdenkmäler, S. 136.
  30. Vgl. StAK DB 8 Militär: 06-15 Militärische Liegenschaften, 08 Dienstgebäude, sonstige Militärbauten, 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei).
  31. Lange, Rhein, S. 149. Legt man den preußischen Fuß zugrunde, wäre die Anlage ca. 97 × 97 m groß gewesen.
  32. Thomas Tippach: Koblenz als preussische Garnison- und Festungsstadt, Köln Weimar Wien 2000, S. 48, Fußnote 46. Dies entspricht 7.831 m².
  33. Fritz Michel: Kunstdenkmäler, S. 136.