Festival der Neuen Kunst

Das Festival der Neuen Kunst war ein Kunstevent zahlreicher Künstler in Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der RWTH Aachen. Es fand statt am 20. Juli 1964 im Auditorium Maximum der Aachener Hochschule, dem Jahrestag des Attentats auf Hitler, zu dem die Veranstaltung thematisch Bezug aufnahm.

Konzept und Reaktion

Valdis Āboliņš, kunstinteressierter Architekturstudent und Kulturreferent des AStA, lud gemeinsam mit dem Künstler Tomas Schmit internationale Avantgarde-Künstler wie Eric Andersen, Joseph Beuys, Bazon Brock, Stanley Brouwn, Henning Christiansen, Robert Filliou, Ludwig Gosewitz, Arthur Köpcke, Ben Vautier, Wolf Vostell, Emmett Williams und andere ein. Das Datum des Fluxus-Festivals war politisch belastet, da es 20 Jahre nach dem Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler stattfand. An die 800 Studentinnen und Studenten nahmen im Auditorium am Festival teil.[1] Gezeigt wurden intermediale Aktionen und Happenings, die die Grenzen zwischen Kunst, Technik und Alltag radikal infrage stellten und die spießige Nachkriegsgesellschaft provozieren sollten. „Hier in der konservativen Provinz, auf der Bühne des stinkenden und stickigen Hörsaals und angefeuert und angefeindet von braven Ingenieurstudenten, ließen die Künstler keinen Zweifel daran, dass sie die Welt neu erfinden wollten. Am Anfang war also nicht das Wort, wie es in der Bibel heißt – am Anfang war das Happening.“ schrieb Christiane Hoffmans in einem Artikel für die Welt am Sonntag.[2]

Robert Filliou war mit seinem Konzept der „éternelle création“ (der „ewigen Kreation“) Impulsgeber für das Festival. Seine spielerischen Interventionen und Sprachaktionen vermischten Kunst und Alltag und sollten das Publikum aus seiner passiven Betrachterrolle lösen. Bazon Brock stand auf dem Kopf und rezitierte Passagen aus Joseph GoebbelsSportpalastrede „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ Franz Erhard Walther stieg bei einer spontanen Intervention über die Bänke des Hörsaals und versprühte Tannenduft. Joseph Beuys führte nacheinander seine Aktionen mit den Titeln „Kukei, Akopee – Nein!“ und „Braunkreuz – Fettecke – Modellfettecken“ auf. Er füllte ein Klavier mit verschiedenen Materialien wie Bonbons und Waschpulver, um ein neues Klangerlebnis zu erzeugen. Danach zeigte er dem Publikum Spielkarten und begann über einer Heizplatte Margarine zu schmelzen. Die Situation spitzte sich zu, als ein Fläschchen Salzsäure, die Beuys zum Dampferzeugen mitgebracht hatte, umkippte und ein Spritzer der Säure auf die Hose eines Studenten kam. Der Student schlug mit seiner Faust zu und traf Beuys‘ Nase, die zu bluten begann. Das Foto von Heinrich Riebesehl – Beuys mit blutender Nase, Kreuz in der linken Hand und die rechte Hand empor gestreckt – wurde zur Ikone.[3] Wolf Vostell inszenierte sein Happening „Nie wieder – never – jamais“: Mit Gasmaske und blauer Glühbirne schüttete er gelbes Farbpulver auf die Bühne, während acht Männer mit dem Gesicht zur Wand standen.

Im Verlauf des Festivals kam es zu Tumulten und der aufgewirbelte gelbe Farbstaub der Vostell-Aktion drohte das Luftfiltersystem des Audimax zu verstopfen. Das Festival musste um 21 Uhr, eine Stunde nach Beginn und zwei Stunden früher als vorgesehen, abgebrochen werden. Nur ein Teil der Künstler (Beuys, Vostell, Köpcke, Williams, Filliou) hatte bis zu diesem Zeitpunkt Aktionen ausführen können.

Das Fluxus-Festival in der Technischen Hochschule Aachen wirkte 1964 wie ein Startschuss, in dessen Nachfolge Aachen zu einem Zentrum für Aktionskunst in Deutschland avancierte. Beginnend mit dem Festival der Neuen Kunst wurde von jungen Architekturstudenten die Galerie Aachen gegründet, die progressive und politisch motivierte Ausstellungen und Veranstaltungen zeigte.

Rezeption

2011 widmete das Ludwig Forum Aachen unter dem Titel „Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964“ dem Festival der Neuen Kunst und seiner kunsthistorischen Bedeutung eine Ausstellung. Der Blick wurde dabei auch auf das Engagement einzelner Protagonisten gerichtet, die maßgeblich zur Bildung der avantgardistischen Szene beigetragen hatten.[4]

Literatur

  • Brigitte Franzen, Annette Lagler, Myriam Kroll (Hrsg.): Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964. Kerber Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-86678-602-8.

Einzelnachweise

  1. Fluxus-Festival der Neuen Kunst. Zeitsprung, Kunstorte in Aachen seit 1964, abgerufen am 11. November 2025.
  2. Christiane Hoffmans: Als die Kunst sich eine blutige Nase holte. In: Welt am Sonntag. 30. Oktober 2011, abgerufen am 11. November 2025.
  3. Heinrich Riebesehl: Joseph Beuys bei einem Happening der Fluxus-Gruppe in Aachen nach einer Schlägerei mit einem TH-Studenten, 1964. In: artnet. Abgerufen am 11. November 2025.
  4. Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964. Ludwig Forum Aachen, 22. Oktober 2011, abgerufen am 11. November 2025.