Familie Gonzaga in Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit
Die Familie Gonzaga in Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit ist ein monumentales Ölgemälde, das zwischen 1604 und 1605 vom flämischen Maler Peter Paul Rubens geschaffen wurde. Das Werk befindet sich heute im Herzogspalast (Palazzo Ducale) in Mantua (Italien). Es handelt sich dabei um das zentrale Bild eines dreiteiligen Bilderzyklus, das hinter dem Hauptaltar der Jesuitenkirche Santissima Trinità in Mantua installiert war. Das Werk gilt als einer der bedeutendsten Aufträge Rubens’ während seiner Zeit am Hof von Mantua und als eine der Schlüsselarbeiten auf dem Weg zur Entwicklung seines Stils als Synthese italienischer und niederländischer Einflüsse.[1]
Geschichte
Der Bilderzyklus wurde von Herzog Vincenzo I. Gonzaga in Auftrag gegeben, als Rubens dessen Hofmaler war. Neben dem Mittelbild zählten die Gemälde Die Taufe Christi (heute im Königlichen Museum für Schöne Künste in Antwerpen) und Die Verklärung Christi (heute im Musée des Beaux-Arts in Nancy) zum Gesamtzyklus. Beide Werke thematisieren Erscheinungen der Dreifaltigkeit und stehen im Zusammenhang mit Vorbildern aus der römischen Jesuitenkirche Il Gesù. Die Taufe Christi entstand auf Grundlage eines detaillierten Modellos (Paris, Louvre), das noch vor Rubens’ Spanienaufenthalt von 1603 bis 1604 datiert wird. Während der Ausführung nahm der Künstler Änderungen vor, unter anderem in der Komposition. Das Werk wurde anlässlich des Dreifaltigkeitsfestes im Jahr 1605 eingeweiht. Die Kirche diente der neu angesiedelten Jesuiten-Gemeinschaft und war auch die Grablege von Eleonore von Österreich, der Ehefrau von Guglielmo Gonzaga.[1]
Beschreibung
Das Gemäldemittelstück ist heute insgesamt 377 × 474 cm groß und besteht aus zwei Teilen. Der obere Teil, Die Heilige Dreifaltigkeit von Engeln präsentiert, misst 195 × 474,2 cm; der untere Teil ist 185 × 474,2 cm groß.[1] Das Werk zeigt die herzogliche Familie Gonzaga, wie sie die über ihnen schwebende Heilige Dreifaltigkeit anbetet. Zu sehen sind Vincenzo I. Gonzaga und seine Ehefrau Eleonora de’ Medici sowie seine Eltern Guglielmo Gonzaga und Eleonora von Österreich. Daneben sind verschiedene Kinder des Herzogspaars sowie mehrere Schweizer Hellebardiere abgebildet, darunter auch Rubens (als Hellebardier) selbst (dieses Fragment ist verschollen). Die Szene befindet sich in einer Loggia mit perspektivisch dargestellten Kandelabersäulen und Balustraden. Über der Gruppe entfalten Engel ein kostbares, goldenes Tuch, auf dem die Dreifaltigkeit erscheint. Das Ordensband vom Goldenen Vlies symbolisiert die Loyalität der Gonzaga zum Haus Habsburg. Die Bildanlage nimmt Bezug auf Herrscherporträts von Leone und Pompeo Leoni, wie jene der Familie Karls V. und Philipps II. von Spanien. Kennzeichnend sind die vielfältigen kunsthistorischen Bezüge: Rubens verarbeitete Eindrücke der venezianischen Malerei – insbesondere von Tizian, Veronese und Tintoretto sowie von Raffael.[1]
Vorstudien
Belege für Rubens’ Kompositionsprozess finden sich in seinen Vorzeichnungen einzelner Figuren. Einige davon werden im Nationalmuseum Stockholm aufbewahrt, darunter Studien zu Ferdinand und Francesco Gonzaga, andere in der Königlichen Bibliothek in Brüssel, darunter eine Studie eines Hellebardiers.[1]
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Peter Paul Rubens: Studie für das Gemälde mit der Taufe Christi. Paris, Abteilung für Grafik im Louvre
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Pieter Paul Rubens: Studie eines Hellebardiers. Bruxelles, Bibliothèque royale de Belgique
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Peter Paul Rubens: Studie für das Porträt Francesco Gonzagas. Stockholm, Nationalmuseum
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Peter Paul Rubens: Studie für das Porträt Ferdinando Gonzagas. Stockholm, Nationalmuseum
Gesamtzyklus
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Die Taufe Christi (Öl auf Leinwand; 411 × 675 cm). Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen, Belgien
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Die Familie Gonzaga in Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit (Öl auf Leinwand; ca. 377,5 × 474,2 cm). Palazzo Ducale, Mantua, Italien
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Die Transfiguration (Verklärung Christi) Öl auf Holz; 407 × 670 cm. Musée des Beaux-Arts de Nancy, Frankreich
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Chiesa della SS. Trinità di Mantova (Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit in Mantua). Grundriss mit der ehemaligen Hängung des Bilderzyklus
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Das Gemälde mit heutiger Rahmung
Fragmente
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Porträt von Vincenzo II. Gonzaga (1594–1627). Museo del Palazzo Ducale
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Francesco IV. Gonzaga (1594–1627). Kunsthistorisches Museum, Wien
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Hellebardier. Museo del Palazzo Ducale
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Die Hand von Eleonora Gonzaga mit ihrem Hund. Museo del Palazzo Ducale
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Porträt der Prinzessin Margherita Gonzaga (1564–1618). Museo del Palazzo Ducale
Fragmentierung
Am 2. Februar 1797 kapitulierte Mantua nach einer achtmonatigen Belagerung durch französische Truppen. Die Stadt wurde bis zum 28. Juli 1799 besetzt, dann eroberten österreichische Truppen sie kurzzeitig zurück. Nach dem Frieden von Lunéville am 9. Februar 1801 fiel Mantua erneut an Frankreich. Bereits am 24. Februar 1797, wenige Wochen nach der Besetzung, wurde Die Verklärung Christi von französischen Beamten beschlagnahmt und nach Paris in den Louvre (damals Musée central des arts) abtransportiert. Das Werk traf am 27. Juli 1798 in Paris ein. Die beiden anderen Gemälde, die Familie Gonzaga in Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit, verblieben hingegen in der Kirche, die während der Besatzungszeit als Lagerraum für Heu und Salz genutzt wurde. Im Dezember 1797 setzte die französische Verwaltung eine Kommission zur Erfassung bedeutender Kunstwerke in säkularisierten oder aufgelassenen kirchlichen Gebäuden ein. Zu den Mitgliedern zählten unter anderem Giovanni Bottani (1725–1804), Direktor der Accademia di Belle Arti di Mantova, sowie der Maler und Restaurator Felice Campi (1746–1817). Am 20. August 1798 berichtete Campi der französischen Verwaltung über den schlechten Zustand der beiden Gemälde, die von Heu bedeckt waren. Trotz eines Schreibens des französischen Generals Sextius Alexandre François de Miollis (1759–1828) durfte Campi die Werke zunächst nicht in Sicherheit bringen. Die offizielle Genehmigung zur Auslagerung der Gemälde aus der Kirche wurde erst am 20. Juni 1799 erteilt. Kurz darauf fiel Mantua jedoch an die Österreicher. Obwohl die Werke nun formal im Besitz des österreichischen Kaiserhauses waren, unternahmen die österreichischen Besatzer keine Schritte, um die Rubens-Werke zu sichern.[1]
Nach der erneuten französischen Rückeroberung im Jahr 1801 wurde allein das Gonzaga-Familienbildnis vom französischen Militärkommissar Étienne-Marie Siauve (1757–1812) aus der Kirche entfernt. Siauve rechtfertigte sich damit, dass er es zum Schutz vor weiterem Verfall gesichert habe. Zugleich erklärte er, er habe Geld an Felice Campi gezahlt, um mit der Restaurierung zu beginnen. Campi selbst bestätigte in einem Begleitschreiben, dass er gemeinsam mit dem Maler und Kupferstecher Luigi Rados (1773–1840) Teile des Bildes – vor allem Köpfe und Brustbilder der Dargestellten – ausgeschnitten habe, da eine vollständige Restaurierung nicht möglich erschien. Damit wurde die Zerstückelung des großformatigen Altarbildes eingeleitet. Am 1. September 1801 befand sich das Gemälde in der Accademia di Belle Arti in Mantua, wo General Miollis es in stark beschädigtem Zustand besichtigte. Miollis ordnete eine Rekonstruktion an, die in der Sala degli Arcieri des Palazzo Ducale begann. Bottani und Campi versuchten, die einzelnen Porträtstücke wieder einzufügen. Camillo Volta (1751–1823), Bibliothekar der Stadt Mantua, schlug im Jahr 1802 vor, das zerstörte Gemälde in zwei eigenständige Werke zu teilen: eines mit der Darstellung der Dreifaltigkeit und eines mit den Herzögen und ihren Gemahlinnen. Die Ausführung dieses Plans erfolgte 1806 durch den Restaurator Giuseppe Pellizza, der die beiden Hälften neu auf Keilrahmen spannte und teilweise ergänzte. Dabei gingen zahlreiche Teile der ursprünglichen Komposition, insbesondere architektonische und dekorative Elemente, verloren oder wurden verworfen.[1]
Die Ereignisse zwischen 1797 und 1806 führten zum unwiederbringlichen Verlust großer Teile von Rubens’ mantuanischem Gemäldezyklus. Die Verklärung Christi blieb in Frankreich, Die Taufe Christi gelangte später in Privatbesitz, und die Familie Gonzaga in Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit überstand nur in fragmentarischer Form. Einige Fragmente werden im Palazzo Ducale als Einzelbilder aufbewahrt.
Im Jahr 1999 wurde eines der Fragmente bei Christie’s in London versteigert.[2] Fiona Healy und Brecht Vanoppen rekonstruierten das Gemälde digital, dokumentierten die Fragmente und die dazugehörigen Quellen.[1]
Literatur
- U. Bazzotti: La Pala della Trinità im Katalog zur Ausstellung „Rubens a Mantova“, 1977.
- F. Huemer: 'Rubens and the Mantuan Altar' Studies in Iconography, Northern Kentucky University, 3, 1977.
- E. McGrath: Katalog zur Ausstellung, The Splendours of the Gonzaga, Victoria and Albert Museum, London, 1981–1982.
- Fiona Healy: The Holy Trinity, the Life of the Virgin, Madonnas and the Holy Family (Corpus Rubenianum Ludwig Burchard, Band IV/1+2), Harvey Miller/Brepols, Leuven 2024.
- Ausstellungskatalog: Rubens. La Pala della Santissima Trinità, Palazzo Ducale Mantua, 2023/24.
Weblinks
- HNA Reviews, Larry Silver, University of Pennsylvania emeritus: Review Fiona Healy, Corpus Rubenianum IV/1, 2024
- Peter Paul Rubens: The Italian and Spanish Experience (1600-1608)
- Christie’s. Portrait of Princess Margherita Gonzaga, bust-length – a fragment
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j Fiona Healy: The Holy Trinity, the Life of the Virgin, Madonnas and the Holy Family. In: Corpus Rubenianum Ludwig Burchard, Teil IV/1, Harvey Miller/Brepols, Leuven 2024. Harvey Miller/Brepols, Leuven 2024.
- ↑ Sir Peter Paul Rubens (Siegen 1577-1640 Antwerp) Portrait of Princess Margherita Gonzaga, bust-length - a fragment. Abgerufen am 6. Oktober 2025.