Fabryka Garbarska Temler i Szwede

Die Fabryka Garbarska Temler i Szwede war ein Gerbereiunternehmen in Warschau. Es bestand von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg wurde das Unternehmen mit der benachbarten Fabryka Garbarska P.F. „Bracia Pfeiffer“ zusammengelegt und kurz darauf verstaatlicht.

Geschichte

Der aus dem sächsischen Gera stammende Jan Gottfried Temler (1793–1885) wanderte um 1810 in das Herzogtum Warschau ein. Die ansiedlungsfreundliche Wirtschaftspolitik des damaligen Regierungsmitglieds Franciszek Ksawery Drucki-Lubecki ermöglichte ihm die Gründung einer Gerberei im Jahr 1817 (nach anderen Quellen 1819[1]).

Die Geschäftstätigkeit wurde in einem Gebäude in der Ogrodowa-Straße 13–15/Ecke Biała-Straße (Grundstücksnummer 877/878) aufgenommen. Das Unternehmen leitete Temler gemeinsam mit seiner Frau, Anna Maria, geb. Franke (1797–1857).

Mitte des 19. Jahrhunderts übernahmen die beiden Söhne des Ehepaars, Karol Ludwik Temler (1823–1906) und Aleksander (auch: Alexander) Ferdynand Temler (1825–1917) die Gerberei. 1856 beschäftigte das Unternehmen 60 Arbeiter und produzierte Leder für Sohlen, Sattlerwaren, Antriebsriemen und Kutschenbezüge. Zu dem Zeitpunkt wurden jährlich rund 50.000 Häute verarbeitet, der Jahresumsatz betrug 100.000 Rubel.

Partnerschaft

Alexander Temler, der seine Ausbildung im Ausland erhalten hatte, war seit einem Aufenthalt in Paris mit dem ebenfalls aus Polen stammenden Ludwik Szwede (1816–1901) befreundet. Etwa zum Jahreswechsel 1859 trat Szwede als Mitgesellschafter in das Unternehmen ein.[2] Die Gerberei firmierte in Folge als KA Temler i L. Szwede.[1] Die Presse berichtete, dass die Erweiterung des Gesellschafterkreises erfolgte, um ein Grundstück (Okopowa-Straße 78) in der Nähe des Powązki-Friedhofs zu erwerben. Der Umzug der Fabrik auf dieses Grundstück war aufgrund der notwendigen Erweiterung des Werksgeländes und ungünstiger Betriebsbedingungen für eine Gerberei (vor allem wegen des Wassermangels in der Ogrodowa-Straße) erforderlich geworden.

Bei Messen im In- und Ausland wurden mehrfach Silber- oder Goldmedaillen erlangt,[2] so in Warschau (1857), Moskau (1865), Paris (1867) und St. Petersburg (1870). Im Jahr 1873 wurden 35.000 Rinderhäute (25.000 davon waren aus Ostindien importiert) und 20.000 Kalbsfelle verarbeitet. Unter anderem wurden Maschinenriemen mit einem Gesamtgewicht von 11,5 Tonnen hergestellt. Im Jahr 1879 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.[1] Die Gerberei war zu der Zeit einer der größten Betriebe dieser Art im Königreich Polen[3] und genoss nicht nur in Polen, sondern auch im Ausland einen guten Ruf.[1] Bei Messen in Russland in den Jahren 1882 und 1893 erhielt das Unternehmen erneut Auszeichnungen und in Folge die Erlaubnis, das russische Staatswappen auf erzeugte Produkte zu prägen.

20. Jahrhundert

1906 kam es bei Temler i Szwede – wie auch in vielen anderen Unternehmen Warschaus – als Reaktion auf die revolutionären Unruhen im russischen Kaiserreich zu einem dreimonatigen Arbeiterstreik. Im Jahr 1909 beschäftigte das Unternehmen 350 Mitarbeiter und der Jahresumsatz überstieg 2,5 Millionen Rubel. Produziert wurden Sohlen- und Gürtelleder, Kalbs- und Rohleder sowie Maschinengürtel.

Zwischen 1919 und 1923 wurden die Produktionsanlagen der Gerberei mithilfe eines Bankdarlehens zwar erheblich modernisiert – in der Zwischenkriegszeit spielte das Unternehmen dennoch keine führende Rolle in der Lederproduktion des Landes mehr.[1] 1921 arbeiteten in der Fabrik 120 Personen. 1925 kam es zu wirtschaftlichen Problemen, die Folge des Wegbrechens des russischen Marktes und des Verlustes einer Reihe von Großaufträgen waren. Der Bankrott konnte nur durch die Aufnahme des in der Okopowa-Straße benachbarten Konkurrenzunternehmens der Gebrüder Pfeiffer in den Gesellschafterkreis verhindert werden.[1] Seitdem gehörte dem Vorstand des Unternehmens auch ein Vertreter der mit den Temlers verwandten Familie Pfeiffer an.

Ab 1930 verfügte die Gerberei über eine 350 PS starke Dampfmaschine, einen 200 PS starken Generator und 278 PS starke Elektromotoren.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit

Während der Schlacht um Warschau wurde die Fabrikanlagen teilweise zerstört.[5] Die Geschäftstätigkeit des Unternehmens ruhte zunächst. Nach der Besetzung Warschaus durch die Deutschen wurde die Gerberei unter Zwangsverwaltung gestellt, Anlagen instandgesetzt und die Produktion wieder aufgenommen. 1941 waren dort 175 Personen beschäftigt. Im Rahmen der Niederschlagung des Warschauer Aufstands brannten deutsche Einheiten im August 1944 erneute große Teile der Fabrik nieder.

Die Eigentümer hatten bereits Ende 1944 heimlich begonnen, die Fabrik in der Orgrodowa-Straße aufzubauen und konnten so im Juni 1945 bereits einen Teil des Betriebes wieder aufnehmen. Das Unternehmen hatte zahlreiche Ausrüstungsgegenstände von der Pfeifferschen Gerberei erhalten. Zunächst war die Sattlerei instandgesetzt worden. Eine erste Lieferung Rohhäute traf am 2. Juli 1945 ein. Nach dem Einweichen wurden bis Dezember 1945 bereits knapp 1,5 Tonnen Sohlenleder hergestellt, bis September 1946 waren es rund 40 Tonnen. Im Januar 1946 beschäftigte die Sattlerei 36 Mitarbeiter. Noch im Jahr 1946 wurde das Werk jedoch erneut unter Zwangsverwaltung gestellt und mit der Fabrik der Pfeiffers zusammengelegt – dieses Mal von den kommunistischen Behörden. Von diesem Zeitpunkt an lautete die vollständige Firmierung Zjednoczone Zakłady Stanisław Pfeiffer, Temler i Szwede pod Zarządem Przymusowym (deutsch: Vereinigte Werke von Stanisław Pfeiffer, Temler und Szwede unter Zwangsverwaltung).

1948 wurde das Unternehmen verstaatlicht und in Folge mit zwei weiteren Gerbereien (Garbarnia Skór Chromowych i Galanteryjnych „Gemza“ in der Kamionkowska-Straße 43 sowie Fabryka Skór G. Weigle, Synowie in der Piaskowa-Straße 4) fusioniert. Es entstand die Warszawskie Zakłady Tanbarskie Nr. 1. Das Kombinat wurde später zur Schuhfabrik Fabryka Obuwia „Syrena”, die in der Okopowa-Straße bis Anfang der 1960er Jahre betrieben wurde, bevor die Produktion nach außerhalb Warschaus verlegt wurde. Ebenfalls befanden sich in der Zeit der sozialistischen Volksrepublik Polen auf dem früheren Betriebsgelände von Temler i Szwede die Zakłady Przemysłu Skórzanego „Lux-But”, das Bekleidungsunternehmen Stołeczne Zakłady Wyrobów Konfekcyjnych „Apis“ und zum Schluss ein Betrieb der Städtischen Müllentsorgung (Miejskie Przedsiębiorstwo Oczyszczania).[5]

Fabrikgebäude in der Okopowa-Straße

Die langgestreckte Fabrikanlage verläuft parallel der Okopowa-Straße; das Fabrikgelände wird heute im Norden von einem an der Dzika-Straße gelegenen Tankstellenkomplex und im Süden von der Stawki-Straße begrenzt. Rückseitig – im Osten – wurden nach dem Krieg entlang der Aleja Jana Pawła II. eine Ausbildungsstätte für Kfz-Mechaniker und später ein Apartmenthauskomplex errichtet. Gegenüber der Einfahrt liegt an der Okopowa-Straße der Powązki-Friedhof.[5] 200 Meter entfernt befindet sich eine Kreisverkehrskreuzung (Rondo Zgrupowania AK Radosław) mit dem Maszt Wolności.

Die ab 1858 entstandene Fabrikanlage gilt als wertvollstes Relikt der vormals bedeutenden Warschauer Gerbereiindustrie. Im Jahr 2010 wurde der Komplex auf Beschluss der Denkmalpflegerin der Woiwodschaft Masowien, Barbara Jezierska, in das Denkmalregister eingetragen.[6] Das langgestreckte, imposante Hauptgebäude der Gerberei wurde in den Jahren 1859 bis 1879 errichtet. Das näher an der Straße liegende Verwaltungs- und Bürogebäude stammt aus den 1920er Jahren.[5]

Ende 2015 ordnete der Warschauer Denkmalpfleger die Vornahme von Erhaltungsbauarbeiten an. Im Sommer 2017 wurden von der Liegenschaftsverwaltung der Stadt über einen Zeitraum von drei Monaten beschädigte Elemente des hölzernen Dachstuhls sowie Teile der Dachdeckung ausgetauscht, defekte Dachrinnen und Fallrohre instandgesetzt sowie Deckenstützen im Erdgeschoss und die Treppenhauskonstruktion verstärkt.[7]

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. a b c d e f Polen aus freier Wahl. Deutschstämmige Familien in Warschau im 19. und 20. Jahrhundert, Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit
  2. a b Historyczny obiekt Warszawy. Produkowano tu wyroby doskonałej jakości, 10. Januar 2024, onet.pl (in Polnisch, abgerufen am 24. März 2025)
  3. Historischen Quellen nach war Temler i Szwede in den späten 1870er Jahren sogar die leistungsstärkste Gerberei im Königreich. Gem. Co dalej z garbarnią na Okopowej? Spotkanie w CAM Nowolipie, 1. Dezember 2023, Website der Stadtverwaltung Warschau (abgerufen am 7. November 2025)
  4. aus: I. Gieysztorowa, A. Zahorski und J. Łukasiewicz, Cztery wieki Mazowsza. Szkice z dziejów 1526–1914, Instytut Wydawniczy Nasza Księgarnia, Warschau 1968, S. 275
  5. a b c d Co czeka garbarnię przy Okopowej? "Wymaga gigantycznych nakładów", 11. Januar 2022, tustolica.pl (in Polnisch, abgerufen am 24. März 2025)
  6. Budynek główny d. Fabryki Garbarskiej Temler i Szwede, (PL.1.9.ZIPOZ.NID_N_14_BK.199250), zabytek.pl (in Polnisch, abgerufen am 8. November 2025)
  7. Zabytkowa fabryka za rusztowaniem, 21. Mai 2017, TVN Warszawa (polnisch, abgerufen am 10. November 2025)

Literatur

  • Zofia Jurkowlaniec, Roland Borchers: Polacy z wyboru: Rodziny pochodzenia niemieckiego w Warszawie w XIX i XX wieku/Polen aus freier Wahl: Deutschstämmige Familien in Warschau im 19. und 20. Jahrhundert. Fundacja Wspołpracy Polsko-Niemieckiej/Dom Spotkań z Historią, Warschau 2012, ISBN 978-83-62020-46-1, S. 186 ff.
Commons: Fabryka Garbarska Temler i Szwede – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 52° 15′ 6,6″ N, 20° 58′ 54,3″ O