Explosionsunglück von Gillespie
| Explosion bei der T. A. Gillespie Company Shell Loading Plant | |
|---|---|
| Datum | 4.–6. Oktober 1918 |
| Zeit | 19:36 Uhr (Ortszeit, Beginn) |
| Ort | Sayreville, New Jersey, USA |
| Art | Industrieunglück, Explosion |
| Ursache | Unbekannt (mutmaßlich Arbeitsfehler, Sabotage ungeklärt) |
| Folgen | |
| Todesopfer | ca. 100 |
| Verletzte | Hunderte |
| Sachschaden | 18 Millionen US-Dollar (1918, ca. 360 Millionen US-Dollar 2025) |
| Koordinaten | 40° 28′ 44″ N, 74° 17′ 36″ W |
Die Explosion bei der T. A. Gillespie Company Shell Loading Plant, auch bekannt als Morgan Explosion, war eine der größten nicht-nuklearen Explosionen in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Sie begann am 4. Oktober 1918 um 19:36 Uhr in der Munitionsfabrik der T. A. Gillespie Company in der Morgan-Nachbarschaft von Sayreville, New Jersey, und setzte sich über drei Tage bis zum 6. Oktober fort. Die Katastrophe forderte etwa 100 Todesopfer, verletzte Hunderte und verursachte erhebliche Sachschäden. Sie gilt als eines der schwerwiegendsten Industrieunglücke während des Ersten Weltkriegs und führte zu langfristigen Sicherheitsreformen in der Munitionsproduktion.
Hintergrund
Die T. A. Gillespie Company, gegründet von Thomas Andrew Gillespie (1852–1926), war ein bedeutender Auftragnehmer des US-Kriegsministeriums während des Ersten Weltkriegs. Ihre Shell Loading Plant in Sayreville war eine der größten Munitionsfabriken der USA, die auf einer Fläche von über 300 Hektar etwa 700 Gebäude umfasste. Die Anlage produzierte monatlich bis zu einer Million Artilleriegranaten, gefüllt mit Amatol, einer explosiven Mischung aus TNT und Ammoniumnitrat. Über 6.000 Arbeiter, darunter viele Frauen und Einwanderer, waren rund um die Uhr beschäftigt.[1] Die Fabrik lag strategisch günstig an der Raritan Bay, nahe New York, was den Versand an die Alliierten erleichterte.
Die Sicherheitsvorkehrungen waren jedoch unzureichend: Viele Gebäude bestanden aus Holz und Beton und standen nur etwa 60 Meter auseinander, was eine Kettenreaktion bei Explosionen begünstigte. TNT-Lager mit bis zu 150.000 Pfund pro Magazin waren durch Erdwälle geschützt, doch die enge Anordnung der Gebäude erhöhte das Risiko. Kritiker warfen dem Kriegsministerium vor, die Sicherheit zugunsten einer schnellen Produktion vernachlässigt zu haben.[2]
Ablauf
Am Abend des 4. Oktober 1918 detonierte das Gebäude 6-1-1, ein Ladebereich für Amatol, mit etwa 1.500 Pfund TNT. Die genaue Ursache blieb ungeklärt; Thomas Gillespie vermutete einen überlaufenden Schmelzkessel, während andere Quellen von einem Arbeitsfehler, einem Blitzschlag oder Sabotage durch deutsche Agenten sprachen, ähnlich dem Black-Tom-Vorfall von 1916.[3] Die Initialzündung löste eine Kette von hunderten Explosionen aus, die sich bis zum 6. Oktober über drei Tage hinzogen und insgesamt etwa 12 Millionen Pfund (6 Kilotonnen) Sprengstoff detonieren ließen.[2] Brände erhellten den Nachthimmel, Granaten und Trümmer (Glas, Stahl, Beton) regneten auf die Umgebung nieder. Die Stromversorgung brach zusammen, Wasserleitungen rissen, und das Gelände verwandelte sich in ein Inferno.
Arbeiter flohen in Panik, viele kletterten über Stacheldrahtzäune in die umliegenden Sümpfe oder suchten Schutz in der Raritan Bay. In nahegelegenen Orten wie South Amboy, Perth Amboy und Sayreville zerbrachen Tausende Fensterscheiben, über 300 Gebäude wurden schwer beschädigt, und Fenster zersprangen in einem Radius von über 32 Kilometern, einschließlich Manhattan und Asbury Park.[4] Die Explosionen waren in Städten wie New York, Philadelphia und sogar Washington, D.C. spürbar, wo sie für einen Luftangriff oder ein Erdbeben gehalten wurden. Nach dem Unfall wurde das Kriegsrecht ausgerufen, und etwa 62.000 Menschen aus Sayreville, South Amboy und Perth Amboy wurden evakuiert.[1]
Folgen
Opfer und Sachschaden
Die genaue Zahl der Todesopfer ist unklar, da Personalakten vernichtet wurden und viele Arbeiter unversichert waren. Schätzungen gehen von etwa 100 Getöteten aus, darunter 14 bis 18 unidentifizierte Personen, die in einem Massengrab in Old Bridge Township beigesetzt wurden. Die Inschrift des Grabes lautet: „In memory of the unidentified dead who gave their lives while in the service of the United States of America, at the Morgan Shell Loading Plant in the explosion of October 4–5, 1918.“[3] Hunderte wurden durch Verbrennungen oder Schrapnelle verletzt.[6] Von den 700 Gebäuden der Anlage wurden 325 zerstört, darunter ein Krater von 30 Fuß Tiefe, 140 Fuß Breite und 150 Fuß Länge an der Stelle eines Ammoniumnitrat-Lagers (1 Million Pfund).[7] Der Sachschaden belief sich auf 18 Millionen US-Dollar (heutiger Wert: ca. 360 Millionen US-Dollar). Die US-Regierung zahlte 300.000 US-Dollar (heutiger Wert: ca. 6 Millionen US-Dollar) als Entschädigung an Anwohner.[8]
Die Evakuierung machte die Bevölkerung anfälliger für die Spanische Grippe, die wenige Wochen später ausbrach, und führte zu einer hohen Zahl an Todesfällen in der Region.[1]
Heldentaten
Zwölf Mitglieder der US Coast Guard erhielten die Navy Cross für ihren Mut, darunter Seeleute, die einen mit TNT beladenen Zug aus der Gefahrenzone schleppten. Zwei von ihnen starben dabei; einer, Joseph Stika, stieg später zum Vizeadmiral auf.[9]
Langfristige Auswirkungen
Die Fabrik war monatelang lahmgelegt, was die Munitionsversorgung für die Westfront beeinträchtigte, obwohl der Waffenstillstand einen Monat später folgte. Die Anlage wurde nie vollständig wiederaufgebaut und 1923 aufgelöst.[2] Bis heute werden explosive Trümmer in einem Radius von 1,9 km gefunden. So wurden 2007 Sprengkörper bei Bauarbeiten an der Samsel Upper Elementary School entdeckt, und in den 1990er Jahren entfernte das US Army Corps of Engineers über 5.000 Sprengkörper in der Region.[10] Das Gebiet ist heute eine Wohnsiedlung, doch die Katastrophe wird in Museen und Gedenkveranstaltungen, z. B. in Middlesex County, erinnert.[8]
Bedeutung und Vergleich
Die Explosion gilt als eine der schwerwiegendsten Industriekatastrophen der USA und wird oft mit modernen Unglücken wie der Explosionskatastrophe in Beirut 2020 verglichen. Sie führte zu Sicherheitsreformen in der Munitionsproduktion, darunter strengere Bauvorschriften und Abstandsregelungen für explosive Stoffe. Der Vorfall verdeutlicht die Risiken der Kriegsindustrie und die menschlichen Kosten schneller Produktion unter Kriegsbedingungen.[2]
Rezeption
Die Katastrophe ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, wird aber in lokalen Geschichtsbüchern und Ausstellungen, etwa im Middlesex County Museum, dokumentiert. Historiker wie Frank Yusko und Randall Gabrielan haben die Ereignisse in einer TV-Dokumentation (1994) bzw. einem Buch (2012) detailliert beschrieben.[5] Gedenkveranstaltungen finden regelmäßig statt, insbesondere am Jahrestag der Explosion.[8]
Siehe auch
- Black-Tom-Explosion (1916)
- Halifax-Explosion (1917)
- Kingsland-Explosion (1917)
- Port-Chicago-Katastrophe (1944)
Weblinks
- Sayreville Historical Society: The Morgan Explosion
- New Jersey State Archives: Dokumentation der Explosion
- Atlas Obscura: The Explosion of the T. A. Gillespie Company Shell Loading Plant
- Morgan Ammunition Depot Explosion: Topics in Chronicling America – historische Zeitungsberichte, Library of Congress
- Damages to private property at Gillespie plant – Bericht des US Army Ordnance Department, 1919
Einzelnachweise
- ↑ a b c Explosions devastated Morgan 90 years ago, 16. Oktober 2008 (englisch).
- ↑ a b c d For 3 days, the ground shook in South Amboy, 4. Oktober 1998 (englisch).
- ↑ a b Verne James: Grave Site of the Morgan Plant Unidentified Dead. In: Morgan, New Jersey. 4. Oktober 2009 (englisch).
- ↑ Day of Explosions and Fire Finishes Shell Plant Ruin In: The New York Times, 6. Oktober 1918 (englisch).
- ↑ a b Randall Gabrielan: Explosion at Morgan: The World War I Middlesex Munitions Disaster. The History Press, Charleston, SC 2012, ISBN 978-1-60949-517-6 (englisch).
- ↑ Great Munition Plant Blown Up; 100 May Be Dead In: The New York Times, 5. Oktober 1918 (englisch).
- ↑ Rodney Carlisle: The Great Explosion at Morgan: The World War I Munitions Disaster. Arcadia Publishing, 2018, ISBN 978-1-4671-4909-9 (englisch).
- ↑ a b c The Morgan Explosion. Sayreville Historical Society, abgerufen am 4. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Recipients Of The Navy Cross – The Gillespie Plant Explosion. In: HomeOfHeroes.com. Abgerufen am 13. Dezember 2014 (englisch).
- ↑ Old military explosive unearthed in schoolyard, 6. Juli 2007 (englisch).