Evangeliska Fosterlandsstiftelsen
Evangeliska Fosterlandsstiftelsen (EFS), auf Englisch laut Eigenbezeichnung Swedish Evangelical Mission (SEM), deutsch etwa „Evangelische Vaterlandsstiftung“, ist eine evangelikale Organisation in Schweden. Sie hat ihre Wurzeln innerhalb der Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert und versteht sich bis heute als Missionsgesellschaft, die gleichermaßen auf Innere Mission wie auf äußere Mission ausgerichtet ist. Als Laienbewegung innerhalb der Schwedischen Kirche legt sie Wert darauf, in Glaubensfragen mit der Volkskirche übereinzustimmen, ihre Aktivitäten aber unabhängig von deren Strukturen selbst zu bestimmen.[1]
Organisation
Die Evangeliska Fosterlandsstiftelsen hat (Stand 2025) ca. 15.000 Mitglieder in 314 örtlichen Gruppen.[2] Die meisten sind eigenständige Missionsvereine (missionsföreningar),[3] aber es gibt auch eine zunehmende Anzahl von gemeinsamen samarbetskyrkor, die sowohl Gemeinden der Schwedischen Kirche als auch Ortsgruppen von EFS sind.[4] Oberstes Beschlussorgan ist die jährliche Konferenz (Årsmöte), die eine Leitung (styrelsen) wählt, die wiederum den missionsföreståndare (einen hauptamtlichen Geschäftsführer bzw. Generalsekretär) wählt. Seit 2017 hat Kerstin Oderhem (* 1970) als erste Frau dieses Amt inne.[5] Auch die Vorsteher der sieben Regionen, in die EFS gegliedert ist, werden von der Leitung gewählt. Der Sitz der zentralen Verwaltung (rikskansli) ist Uppsala.[6]
Aktivitäten
Neben den Aktivitäten der örtlichen Gruppen betreibt die EFS auch überregionale Aktivitäten. Von Beginn an war publizistische Arbeit ein wichtiges Arbeitsfeld der EFS. Die 1857 gegründete Zeitschrift Budbäraren (Der Bote) ist bis heute das Hauptorgan. Sie ist als gedruckte Zeitschrift und auch als Website verfügbar.[7]
Die EFA unterhält die Johannelunds teologiska högskola, 1862 im Stockholmer Bezirk Bromma als Ausbildungsstätte für Missionare gegründet und 1970 nach Uppsala verlegt.[8]
Seit 1865 sendet die EFS Missionare aus, mit Schwerpunkt in Ostafrika. Inzwischen arbeitet man eng mit lokalen lutherischen Kirchen zusammen, in Tansania etwa mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania, in Äthiopien mit der Mekane-Yesus-Kirche, in Malawi mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Malawi, in Indien mit der Evangelical Lutheran Church in Madhya Pradesh. Es wird ein holistischer Ansatz verfolgt, d. h. Diakonie und Ausbildung sind gleichwertig mit Evangelisation.[9]
Geschichte
Gründung
Die EFS ging aus der Erweckungsbewegung in Schweden hervor, blieb aber im Gegensatz zu den meisten anderen in diesem Kontext entstandenen Organisationen in der Schwedischen Kirche. Prägende Gestalt bei ihrer Gründung war der Laienprediger Carl Olof Rosenius, der seit 1842 das Werk des methodistischen Predigers George Scott in der Engelska Kyrkan in Stockholm fortsetzte. Rosenius rief in seinen Predigten zu einer persönlichen Bekehrung im Sinne des Pietismus auf und betonte das Recht auf das Abhalten von privaten Erbauungsversammlungen (Konventikeln) und die Schriftauslegung durch Laien, lehnte aber eine Abspaltung von der Staatskirche ebenso wie eine Abkehr vom lutherischen Bekenntnis ab.
Nachdem schon 1835 die Svenska Missionssällskapet gegründet worden war,[10] kam es in den 1850er Jahren zu weiteren Gründungen von Vereinen, die der Ausbreitung des Christentums dienen sollten. 1853 wurde ein schwedischer Zweig der Evangelischen Allianz und die Evangeliska Traktatsällskapet gegründet, beide unter Teilnahme von Rosenius.[11] Hier war allerdings der baptistische Einfluss groß.
Der Aufruf zur Initiative zur Gründung einer landesweiten Organisation zur Sammlung der unterschiedlichen Initiativen kam 1855 von dem jungen Pfarrer Hans Jakob Lundborg (1825–1967). Ihm schwebte eine eher freikirchlich ausgerichtete Vereinigung vor, aber Rosenius setzte durch, dass die EFS im Rahmen der Staatskirche agieren solle. Bei der Gründung im Mai 1856 wurde Lundborg zum Sekretär und Pfarrer Bernhard Wadström (1831–1918) zum Stellvertreter gewählt; zur Leitung gehörten neben Rosenius auch hohe Adlige wie Axel Adlercreutz.[12]
Anfangsjahre
Das wichtigste Arbeitsfeld war zunächst die Verbreitung von Schriften. 1857 wurde die Zeitschrift Budbäraren gegründet. Weitere Zeitschriften z. B. für Kinder und Jugendliche folgten bald, und auch Erbauungsschriften, ab den 1860er Jahren auch Romane, wurden vom hauseigenen Verlag produziert. Für die Verbreitung sorgten reisende Kolporteure, die auch in den örtlichen Gruppen als Prediger auftraten. 1867 wurde für sie eine eigene Ausbildungsstätte gegründet.[13] Schon 1861 wurde beschlossen, eigene Missionare auszusenden. Auch hierfür wurde eine Ausbildungsstätte gegründet, die heutige Johannelunds teologiska högskola. 1865 wurden die ersten drei Missionare in das heutige Eritrea entsandt.[14] 1878 wurde auch in Indien die missionarische Arbeit aufgenommen.[15] In mehr als zehn ausländischen Häfen, darunter Hamburg (Gustaf Adolfskyrkan) und Lübeck wurden Seemannsheime oder Stationen der Seemannsmission unterhalten. In den USA unterstützte EFS die von schwedischen Einwanderern 1860 gegründete Augustana Evangelical Lutheran Church.[16]
Auf der örtlichen Ebene trafen sich die Anhänger an Sonn- und Werktagen. Versammlungsorte waren zumeist einfache Bethäuser, die auch vorher schon im Gebrauch lokaler Gruppen gewesen waren. Das wichtigste Zentrum wurde die 1857 gekaufte Engelska Kyrkan in Stockholm, die nun als Bethlehemskyrkan die Predigtstätte von Rosenius wurde. Weitere Gebäude wurden im Laufe der Jahrzehnte errichtet, z. B. 1868 die Blasieholmskyrkan in Stockholm, Wirkungsstätte des Pfarrers Gustaf Emanuel Beskow, der nach Rosenius′ Tod eine führende Rolle in der Organisation übernahm. Ein Netzwerk von Vertrauensleuten (missionsombud) hielt den Kontakt zwischen dem in Stockholm ansässigen Leitungskreis und den über das Land verstreuten Ortsgruppen. Bis 1874 ergänzte sich der Leitungskreis selbst durch Kooptation. Ab 1875 konnten lokale Gruppen als missionsföreningar Mitglied der EFS werden und bei der Jahresversammlung die Leitung wählen.[17] Somit erhielt die EFS die demokratische Struktur, die sie bis heute auszeichnet, und rückte noch stärker an die schwedischen Volksbewegungen des 19. Jahrhunderts heran. Insbesondere mit der Abstinenzbewegung, aber auch mit der Arbeiterbewegung, gab es enge personelle Überschneidungen.
Spaltungen
Auch nach Rosenius′ Tod im Jahr 1868 hielt die Leitung daran fest, dass die EFS eng an die Staatskirche angebunden bleiben und keine eigenständigen Abendmahlsfeiern abhalten solle. Dies führte zu Konflikten mit vielen örtlichen Gruppen, in denen üblicherweise Laien die Abendmahlsfeiern leiteten. Zu einem weiteren Streitpunkt führte die „subjektive Versöhnungslehre“, die Paul Petter Waldenström (1836–1917) seit 1872 in der von ihm redigierten Zeitschrift Pietisten entwickelte. Er widersprach der Satisfaktionslehre, wonach der Kreuzestod Jesu als Sühneleistung notwendig war, um Gott mit der durch Sünde von ihm abgefallenen Menschheit zu versöhnen. Waldenströms Auffassung war dagegen, dass Gott nicht Objekt der Versöhnung sei, sondern ihr Subjekt; dass er durch Kreuz und Auferstehung die Todesmächte überwunden und seine Liebe zur Menschheit offenbart habe. Der Mensch müsse nichts weiter tun, als die Versöhnung anzunehmen. Diese Lehre fand viele Anhänger in den Reihen der EFS, insbesondere unter den Kolporteuren, obwohl sie in der EFS-Zeitschrift Budbäraren bekämpft wurde. Waldenström wurde 1876 als Provinzialbeauftragter der EFS abgesetzt. Als seine Anhänger auf der Jahreskonferenz 1878 mit dem Antrag scheiterten, die enge Bindung der EFS an die lutherischen Bekenntnisschriften zu lockern, gründeten sie den freikirchlich ausgerichteten Schwedischen Missionsverband (Svenska Missionsförbundet). Etwa die Hälfte der EFS-Mitglieder, in manchen Landesteilen ganze Ortsgruppen, wechselten in die neue Organisation, die sich später Schwedische Missionskirche (Svenska Missionskyrka) nannte und inzwischen Teil der Equmeniakyrkan ist.[18]
Zu einer weiteren Abspaltung kam es 1911, als Konservative unter Führung von Axel B. Svensson dem seit 1893 amtierenden missionsföreståndare Adolf Kolmodin eine zu große Annäherung an die historisch-kritische Bibelauslegung vorwarfen und die Missionssällskapet Bibeltrogna Vänner gründeten. Sie besteht bis heute unter dem Namen Evangelisk Luthersk Mission – Bibeltrogna Vänner als Organisation innerhalb der Schwedischen Kirche.[19]
Weitere Entwicklungen
In den ersten Jahrzehnten konnten – im Einklang mit dem bürgerlichen Frauenbild – Frauen in der EFS keine öffentlichen Positionen bekleiden. Sie arbeiteten auf örtlicher Ebene und auf den Missionsstationen mit, waren aber weder im Leitungskreis vertreten noch, anders als in vielen schwedischen Freikirchen, zum Lehren oder Verkündigen zugelassen. Initiativen zu einer Ausweitung der Frauenrechte wurden von der EFS nicht unterstützt.[20] Erst 1921 wurde die erste Frau Provinzialbeauftragte; 1943 wurde mit Isabella Stolpe erstmals eine Frau in das Leitungskomitee gewählt.[21] In den Auseinandersetzungen um die Ordination von Frauen in der Schwedischen Kirche ab 1958 unterstützte EFS jedoch die Gleichberechtigung. 1965 wurde die erste Frau als Missionarin für das Inland berufen.[22]
Bekannte Mitglieder
- Lina Sandell-Berg, Liederdichterin, arbeitete ab 1866 für die EFS und gab mehrere Zeitschriften heraus.
- Axel Emil Rappe, General und Kriegsminister, war von 1906 bis 1918 Vorsitzender des Leitungskomitees
- Ruth Forsling, Reichstagsabgeordnete für die Folkpartiet liberalerna
- Tony Guldbrandzén, Bischof, war Prädikant der EFS und 1977 bis 1981 Leiter des EFS-Verlags
- Birgitta Eriksson, Reichstagsabgeordnete für die Sveriges socialdemokratiska arbetareparti, war von 1995 bis 1996 Vorsitzender des Leitungskomitees
- Esbjörn Hagberg, von 1998 bis 2002 Rektor der Theologischen Hochschule Johannelund, anschließend Bischof
- Åsa Nyström, Bischöfin, in der EFS ordiniert
Literatur
- Svenska folkrörelser. 2. Missionssällskap. Svenska kyrkans frivilliga arbete. Frikyrkosamfund. Lindfors, Stockholm 1937.
- Stefan Gelfgren: Ett utvalt släkte. Väckelse och sekularisering - Evangeliska Fosterlands-Stiftelsen 1856–1910. Artos, Skellefteå 2003 (PDF-Datei).
- I detta tecken. Evangeliska fosterlands-stiftelsen 1856-2006. EFS 2006 (PDF-Datei), ISBN 91-976274-0-2.
Weblinks
- Website der Evangeliska Fosterlandsstiftelsen
- digitales Archiv der Evangeliska Fosterlandsstiftelsen
Einzelnachweise
- ↑ Frågor och svar auf der Website der EFS, abgerufen am 27. August 2025.
- ↑ Historia auf der Website der EFS, abgerufen am 27. August 2025.
- ↑ Missionsföreningar auf der Website der EFS, abgerufen am 27. August 2025.
- ↑ Samarbetskyrkor auf der Website der EFS, abgerufen am 27. August 2025.
- ↑ EFS nya missionsföreståndare auf der Website der EFS, abgerufen am 29. August 2025.
- ↑ Hur vi är organiserade auf der Website der EFS, abgerufen am 27. August 2025.
- ↑ Om Budbäraren auf der Website der EFS, abgerufen am 29. August 2025.
- ↑ Website der Hochschule, abgerufen am 9. September 2025.
- ↑ Holistisk mission auf der Website der EFS, abgerufen am 9. September 2025.
- ↑ Bengt Sundkler: Svenska missionssällskapet 1835–1876. Missionstankens genombrott och tidigare historia i Sverige. Almqvist och Wiksells, Uppsala 1937.
- ↑ Anders Jarlert: Sveriges Kyrkohistoria VI. Romantikens och liberalismens tid. Verbum, Stockholm, Verbum 2001, S. 160 f.
- ↑ Stefan Gelfgren: Ett utvalt släkte. Väckelse och sekularisering - Evangeliska Fosterlands-Stiftelsen 1856–1910. Artos, Skellefteå 2003 (PDF-Datei), S. 56–60.
- ↑ Stefan Gelfgren: Ett utvalt släkte. Väckelse och sekularisering - Evangeliska Fosterlands-Stiftelsen 1856–1910. Artos, Skellefteå 2003 (PDF-Datei), S. 88–91.
- ↑ I detta tecken. Evangeliska fosterlands-stiftelsen 1856-2006. EFS 2006 (PDF-Datei), ISBN 91-976274-0-2, S. 18 f.
- ↑ I detta tecken. Evangeliska fosterlands-stiftelsen 1856-2006. EFS 2006, S. 23 f.
- ↑ Torbjörn Larspers: „Til landsmännen på andra sidan Oceanen“: Evangeliska Fosterlands-Stiftelsens svenska diasporamission i en tid av nationalism 1869–1887. In: Theofilos 10, 2018, S. 46–64 (PDF-Datei), hier S. 51–55.
- ↑ Stefan Gelfgren: Ett utvalt släkte. 2003, S. 70; I detta tecken. Evangeliska fosterlands-stiftelsen 1856-2006. EFS 2006, S. 22 f.
- ↑ Stefan Gelfgren: Ett utvalt släkte. 2003, S. 70–72. 91–94; I detta tecken. Evangeliska fosterlands-stiftelsen 1856-2006. EFS 2006, S. 24 f.
- ↑ Stefan Gelfgren: Ett utvalt släkte. 2003, S. 98; I detta tecken. Evangeliska fosterlands-stiftelsen 1856-2006. EFS 2006, S. 31 f.
- ↑ Stefan Gelfgren: Ett utvalt släkte. 2003, S. 127–131. 172 f.
- ↑ I detta tecken. Evangeliska fosterlands-stiftelsen 1856-2006. EFS 2006, S. 15. 83.
- ↑ I detta tecken. Evangeliska fosterlands-stiftelsen 1856-2006. EFS 2006, S. 55 f.