Evangeliar von Lemberg

Das Evangeliar von Lemberg (auch Lemberger Evangeliar oder Evangeliar von Skevra) ist eine mittelalterliche armenische Bilderhandschrift des 12. Jahrhunderts. Das Evangeliar wurde im Kloster Skevra geschaffen. Heute wird es in der Biblioteka Narodowa, der polnischen Nationalbibliothek in Warschau, aufbewahrt.

Beschreibung

Das Manuskript ist ein Tetraevangeliar, umfasst also den Text aller vier kanonischen Evangelien des Neuen Testaments. Es wurde in armenischer Sprache abgefasst und umfasst 426 Blätter der Größe 290 × 220 mm, die aus zyprischem Pergament bestehen. Die Miniaturen sind typisch für den Stil der armenisch-kilikischen Illumination jener Zeit und weisen Einflüsse der byzantinischen Kunst auf. Zu den Illustrationen gehören auch Kanontafeln.

Entstehung

Das Evangeliar von Lemberg wurde von einem Mönch namens Gregor (Grigor Skevratsi) für das Kloster Skevra in der Nähe von Lambron zusammengestellt. Der Entstehungsort liegt in der Landschaft Kilikien und gehörte zur Entstehungszeit zum Königreich Kleinarmenien.[1] Das Manuskript wird vom Schreiber und Illuminator Gregor auf das Jahr 647 der armenischen Zeitrechnung datiert, was dem Zeitraum vom 31. Januar 1198 bis zum 30. Januar 1199 entspricht.

Der Stifter und Auftraggeber der Handschrift geht aus mehreren Kolophonen hervor. Es handelt sich um einen Priester namens Stephanos Adam, der enge Verbindungen zum Kloster Skevra pflegte. Sein Name findet sich sowohl auf dem nicht mehr vollständig erhaltenen Hauptkolophon der Handschrift wie auch in mehreren Zwischenkolophonen, die Fürbitten für sein Wohl umfassen.

Geschichte

Nach der Fertigstellung ging die Handschrift in Stephanos Adams Besitz über. Die weitere Besitzgeschichte lässt sich nicht vollständig, sondern nur schlaglichtartig durch weitere Besitzvermerke und Kolophone nachvollziehen. Zunächst wurde 1219 der Tod des kleinarmenischen Königs Leo II. im Evangeliar vermerkt. Die nächste schriftliche Notiz von 1422/1423 weist einen Chutlubeg als Besitzer aus. Eventuell handelt es sich dabei um denselben Chutlubeg, der 1398 in der Landschaft Podolien bezeugt ist und möglicherweise später in seinem Leben auch bereits nach Lemberg übersiedelte. Zum Zeitpunkt des nächsten Eintrags 1592 befand sich die Handschrift sicher in Lemberg, da nun der dort ansässige Armenier Toros Pernatenc als Besitzer erscheint. Dieser ließ das Evangeliar restaurieren und mit einem neuen Einband mit silbernen Dekorationen versehen. Der Einband wurde im 18. Jahrhundert noch einmal erneuert.

Von einem unbekannten Zeitpunkt an, spätestens ab 1830, wurde das Evangeliar dann über längere Zeit in der Schatzkammer der armenischen Kathedrale in Lemberg aufbewahrt, weshalb es den Namen Evangeliar von Lemberg trägt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Armenier der Erzeparchie Lemberg in die Region von Gleiwitz umgesiedelt. Dabei wurde das Evangeliar heimlich mitgenommen, gelangte nach Krakau und wurde in der Benediktinerabtei Tyniec untergebracht. Im Jahr 1985 wurde es vom Primas von Polen Józef Glemp dem Erzbischöflichen Archiv zu Gniezno zu treuhänderischen Aufbewahrung übergeben. Diese Vorgänge wurden jedoch nicht öffentlich bekannt und seit 1945/1946 galt das Manuskript als verschollen. Erst Günter Prinzing, Professor für Byzantinistik am Historischen Seminar der Universität Mainz, konnte das Evangeliar im März 1993 in Gniezno identifizieren. Nach einer Konservation von März 1996 bis März 1997 in Mainz, die das Gutenberg-Museum auf eigene Kosten durchführte, kam das Manuskript nach Polen zurück. Die Restaurierung in Mainz wurde durch eine wissenschaftliche Analyse unter der Leitung von Prinzing sowie Andrea B. Schmidt ergänzt, deren Ergebnisse 1998 in einem Sammelband publiziert wurden.

In den folgenden Jahren war der Verbleib des Buches wieder unklar, weil, wie sich später zeigte, der Primas von Polen das Manuskript in Gewahrsam genommen hatte, ohne die Öffentlichkeit oder Wissenschaft darüber zu informieren. Erst 2004 wurde dies durch die schriftliche Nachfrage eines polnischen Wissenschaftlers an den Primas bekannt, das Buch aber weiter unter Verschluss gehalten und eine Übergabe an staatliche oder armenisch-orthodoxe Stellen ausgeschlossen.[2] Im Jahr 2006 übergab er das Evangeliar jedoch zur Aufbewahrung an die Polnische Nationalbibliothek.[3]

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Literatur

  • Günter Prinzing, Andrea B. Schmidt (Hrsg.): Das Lemberger Evangeliar. Eine armenische Bilderhandschrift (= Sprachen und Kulturen des Christlichen Ostens. Band 2). Reichert, Wiesbaden 1997, ISBN 3-88226-903-0.
  • Günter Prinzing: Zur Wiederentdeckung und historischen Bedeutung des Lemberger Evangeliars (Resümee). In: Armenuhi Drost-Abgarjan, Hermann Goltz (Hrsg.): Armenologie in Deutschland: Beiträge zum Ersten Deutschen Armenologen-Tag (= Studien zur orientalischen Kirchengeschichte. Band 35). Lit, Münster 2005, ISBN 3-8258-8610-7, S. 127–134.
  • Małgorzata Smorąg-Różycka: Das armenische illuminierte Evangeliar, sog. Lemberger Evangeliar. Anmerkungen über das Buch „Das Lemberger Evangeliar“. In: Folia Historiae Artium. Seria Nova, Band 7, 2001, S. 113–121, DOI:10.11588/diglit.20619.11 (Open Access).

Einzelnachweise

  1. Andrea Schmidt: L’Évangile de Lemberg: un itinéraire rocambolesque. In: Claude Mutafian: Arménie, la magie de l’écrit. Somogy, Paris 2007, ISBN 978-2-7572-0057-5, S. 260.
  2. Günter Prinzing: Zur Wiederentdeckung und historischen Bedeutung des Lemberger Evangeliars (Resümee). In: Armenuhi Drost-Abgarjan, Hermann Goltz (Hrsg.): Armenologie in Deutschland: Beiträge zum Ersten Deutschen Armenologen-Tag. Lit, Münster 2005, ISBN 3-8258-8610-7, S. 127–134, hier S. 128–129.
  3. Tomasz Makowski, Patryk Sapała (Hrsg.): The Palace of the Commonwealth. Three times opened. Treasures from the National Library of Poland at the Palace of the Commonwealth. Polnische Nationalbibliothek, Warschau 2024, S. 75 (online).