eulen (Gedicht)

eulen ist ein Gedicht des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl. Es ist wahrscheinlich Ende der 1950er Jahre entstanden[1] und wurde 1966 in Jandls Gedichtband Laut und Luise im Walter Verlag veröffentlicht. Dort steht es zu Beginn des Abschnitts bestiarium, das Texte mit Tierbezügen versammelt, vor dem Gedicht auf dem land. Im selben Jahr arbeitete Jandl das Gedicht auch in sein Hörspiel szenen aus dem wirklichen Leben ein. Nach seiner eigenen Erklärung steht das Wort „eulen“ im Gedicht für „allein“.

Inhalt und Form

Ernst Jandl
eulen
Link zum Volltext des Gedichts
(Bitte Urheberrechte beachten)

Das Gedicht beginnt mit den Zeilen:

bist eulen
ja
bin eulen
ja ja
sehr eulen[2]

Zwei Stimmen bekennen einander, dass sie „eulen“ sind. Sie seien dies aber schon zu lange gewesen und wollen nicht mehr „eulen“ sein. Miteinander, so versichern sie sich, seien sie nicht mehr „eulen“. Doch eine auktoriale Stimme erklärt, dass, wer einmal „eulen“ war, immer „eulen“ bleiben werde. Das Gedicht endet mit den zustimmenden Partikeln „ja“ und „ja ja“.

Interpretation

In einem Werkstattgespräch zum Hörspiel szenen aus dem wirklichen leben mit dem Titel kennen sie mich herren erklärte Jandl die Szene eulen als Zwiegespräch zwischen einer männlichen und einer weiblichen Stimme. Das Wort „eulen“ sei ein verfremdetes Wort und transportiere eine Stimmung. Es lasse sich in der Bedeutung leicht als „allein“ entschlüsseln, „das ersetzt wird durch das in diesem Zusammenhang viel komischer wirkende und auch geheimnisvoller wirkende ‚eulen‘“.[3]

Für Bernhard Fetz verliert das Gedicht durch die Übersetzung „gleich seinen ganzen Reiz“. Der Inhalt des Gedichts werde dann sehr einfach: Zwei Menschen, die alleine sind, begegnen einander und bleiben am Ende doch alleine. Seine eigentliche Wirkung entfalte das Gedicht erst durch das Lesen, wahlweise das laute Vorlesen oder den Rhythmus einer inneren Sprechstimme. Daher gehöre es zu Jandls so genannten „Sprechgedichten“ wie etwa schtzngrmm oder ottos mops. Jandl erklärte: „Ein stilles Lesen, wie wir es gewohnt sind, bringt diese Gedichte nicht völlig zum Erblühen.“ Bezogen auf eulen führt Fetz aus: „Ein unbestimmtes Gefühl, eine sentimentale Gestimmtheit bricht sich an den Klippen der Schlusszeilen. Man könnte auch sagen, am Einbruch einer Stimme von außen.“ Wie andere Texte Jandls kreise das Gedicht um das Thema Kommunikation, den Widerspruch zwischen Redensart (auch wenn die Redensart im Gedicht eine erfundene ist, wird sie dennoch im Duktus einer solchen vorgebracht) und Sprechweise.[1]

Die Aussage, dass, wer einmal „eulen“ war, „eulen“ bleiben werde, bezeichnete Jandl selbst als schulmeisterlich, und sie sei in einem anderen Ton zu lesen als der übrige Dialog.[4] Bernhard Fetz hingegen hört aus Jandls eigenen Lesungen, so etwa 1985 beim Jazzfest Berlin, eher einen Weisheitsspruch, in den der Autor seine ganze Lebenserfahrung eingebracht habe.[1]

Die Position zu Beginn des Abschnitts bestiarium lässt Fetz aber auch den Bezug zu den tierischen Eulen ziehen, die in der Kulturgeschichte sowohl Glücks- als auch Unglücksbringer waren, insbesondere aber auch als Symbol für Weisheit stehen.[1] Jörg Drews geht bei seinen Assoziationen noch weiter: Die Eule stehe für den Einzelgänger, aber auch als Spottname „Brilleneule“ für den Intellektuellen und Bücherwurm. Als Adjektiv lasse sich in „eulen“ neben „allein“ auch „elend“ hineinlesen und als Verb „heulen“. Er zieht das Fazit: „[S]o wird langsam aus dem grotesken, verstörenden, gar nicht melodiös-lieblichen Gedicht eine Elegie von Graden.“[5]

In der Rede Poetologische Reflexionen eines Schriftstellers schloss Jandl 1969 an das abschließende „ja ja“ des Gedichtes an: „Ja – das heißt ja zu Gedichten verschiedener Art, Gedichten von heute, Gedichten von einst. Ja zu jeglicher Vielfalt. Ja auch zur Möglichkeit des einzelnen Autors, die verschiedensten Methoden für die Gedichtproduktion zu entdecken und zu erproben.“[6]

Lesungen und Vertonungen

Im Jahr 1966 baute Jandl das Gedicht eulen in das Hörspiel szenen aus dem wirklichen leben ein. Das Hörspiel war eine Auftragsproduktion, die Jandl in wenigen Tagen umsetzte, indem er fertige Texte oder Teile aus Texten, überwiegend Sprechgedichte, miteinander kombinierte. Die gemeinsame Klammer lautet „Beziehungen zwischen Mann und Frau“. eulen steht dabei zwischen den Abschnitten einsamkeit und der bund. Zur Eheschließung kommt es allerdings nicht, was die beiden Sprecher mit einem vielfach abwechselnden „nein“ bekräftigen. Ernst Kölz schrieb die Musik zum Hörspiel und unterlegte eulen mit sanften, elegischen Geigen. Im Jahr 1968 las Jandl für den Verlag Klaus Wagenbach eine Schallplatte mit Sprechgedichten aus Laut und Luise ein, darunter auch eulen.[1]

Im Jahr 1982 wurde die Jazz-Oper Laut und Luise von Dieter Glawischnig beim New Jazz Festival in der Hamburger Fabrik uraufgeführt, zu der auch das Gedicht eulen gehörte. Jandl las als Sprecher neben den Bläsern der NDR Studioband.[7] Im Jahr 1984 nahm Jandl eine Fassung auf, die vom Trompeter und Flügelhornisten Manfred Schoof begleitet wurde.[1] Im selben Jahr hatte die Komposition bist eulen? von Mathias Rüegg Premiere, die vom Vienna Art Orchestra und der Sängerin Lauren Newton aufgeführt wurde. Letztere gab mit Jandl ein eulen-Duett.[8] Die Plattenaufnahme wurde im Folgejahr mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.[9]

Ebenfalls im Jahr 1984 eröffneten Nika Brettschneider und Ludvík Kavín in Wien das Theater Brett. In den ersten beiden Spielzeiten zeigten sie eine szenische Collage von Jandl-Gedichten unter dem Titel Eulen bleiben immer.[10]

Ausgaben

  • Ernst Jandl: Laut und Luise. Walter, Olten 1966, S. 141.
  • Ernst Jandl: Laut und Luise. Reclam, Stuttgart 1976, ISBN 3-15-009823-8, S. 108.

Literatur

  • Bernhard Fetz: Ernst Jandl. Biografie einer Stimme. Wallstein, Göttingen 2025, ISBN 978-3-8353-5991-8, Kapitel Auftakt, S. 7 ff.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Bernhard Fetz: Ernst Jandl. Biografie einer Stimme. Wallstein, Göttingen 2025, ISBN 978-3-8353-5991-8, Kapitel Auftakt, S. 7 ff.
  2. Ernst Jandl: Laut und Luise. Reclam, Stuttgart 1976, ISBN 3-15-009823-8, S. 108.
  3. kennen sie mich herren – Werkstattsendung zu „szenen aus dem wirklichen leben“ bei Bayern 2, 31. Juli 2015, ab ca. 7:47.
  4. kennen sie mich herren – Werkstattsendung zu „szenen aus dem wirklichen leben“ bei Bayern 2, 31. Juli 2015, ab ca. 9:25.
  5. Jörg Drews: Weit mehr Pathetiker als Clown. Laudatio auf Ernst Jandl zur Verleihung des Hölderlin-Preises 1995. Zitiert nach: Johann Georg Lughofer (Hrsg.): Ernst Jandl auf planetlyrik.de.
  6. Hans Haider: Ernst Jandl 1925–2000. Eine konkrete Biographie. Metzler, Berlin 2023, ISBN 978-3-662-66638-8, S. 223.
  7. Hans Haider: Ernst Jandl 1925–2000. Eine konkrete Biographie. Metzler, Berlin 2023, ISBN 978-3-662-66638-8, S. 389.
  8. Hans Haider: Ernst Jandl 1925–2000. Eine konkrete Biographie. Metzler, Berlin 2023, ISBN 978-3-662-66638-8, S. 391–392.
  9. Klaus Siblewski: a komma punkt ernst jandl. Ein Leben in Texten und Bildern. Luchterhand, München 2000, ISBN 3-630-86874-6, S. 203.
  10. Hans Haider: Ernst Jandl 1925–2000. Eine konkrete Biographie. Metzler, Berlin 2023, ISBN 978-3-662-66638-8, S. 431.