Eugen Albu
Eugen Albu (geboren am 5. April 1871 in Berlin; gestorben am 4. Februar 1935 in London) war ein deutscher Schauspieler, Lehrer für Sprechtechnik, Schriftsteller und Rezitator.
Leben und Wirken
Eugen Albu wuchs als fünftes von sechs Kindern des jüdischen Kaufmanns Simon Albu (1830–1911) und seiner Ehefrau Fanny Albu (geb. Sternberg, 1832–1912) in Berlin auf.[1] Eugen Albu besuchte das Königliche Realgymnasium zu Berlin (später: Friedrich-Wilhelms-Gymnasium).[2] Während seine drei älteren Brüder George Albu (1857–1935), Felix Albu (1859–1895) und Leopold Albu (1861–1938) als Bergbauunternehmer in Südafrika tätig wurden, folgte Eugen Albus berufliche Laufbahn seinem Interesse für Theater und Literatur.[3]
Vor 1900 war Eugen Albu als Schauspieler u. a. am Stadttheater Göttingen (heute: Deutsches Theater Göttingen)[4], als Darsteller und Sekretär am Stadttheater Landsberg (Warthe) und Stadttheater Bromberg engagiert.[5] Mit „Dr. Carl Heines Ibsen-Theater“ spielte er in zahlreichen Stücken von Henrik Ibsen u. a. im Thalia-Theater (Halle), Carl-Schultze-Theater (Hamburg), Stadttheater Magdeburg, Lobe-Theater (Breslau) und Carl-Theater (Wien).[6] In der Uraufführung von Frank Wedekinds Erdgeist (1898) im Krystallpalast (Leipzig) stand er in der Rolle des „Schwarz, Maler“[7] an der Seite von Wedekind (Dr. Schön) und Leonie Taliansky (Lulu) auf der Bühne.[8]
Am 11. Mai 1901 heirateten Eugen Albu und Jenny Fischer. Ihre Töchter waren die spätere Tänzerin Dorothea Albu (1903–1973) und Schauspielerin Ruth Albu (1908–2000), die mit Heinrich Schnitzler verheiratet war. Dessen Vater Arthur Schnitzler und Eugen Albu kannten sich aus dem Münchner Neuen Verein (früher: Akademisch-dramatischer Verein),[9] dem auch Thomas Mann und Arthur Kutscher angehörten.[10]
Von 1902 bis 1909 unterrichtete Eugen Albu am Stern’schen Konservatorium die Fächer Sprechtechnik, Rezitation, Deklamation und war zwischenzeitlich administrativer Leiter der dortigen Schauspielschule.[11] Um 1905 unterrichtete er Literatur an der Freien Hochschule Berlin.[12] Eugen Albu gehörte außerdem zum ersten Lehrerkollegium der von Max Reinhardt im Oktober 1905 am Deutschen Theater Berlin gegründeten Schauspielschule, aus der 1951 die Staatliche Schauspielschule Berlin (heute: Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch) hervorging.[13] Dort unterrichtete er die Fächer Stimmbildung und Sprechtechnik bis zu seiner Emigration.[14][15]
Ab 1904 begann Eugen Albu mit der Veröffentlichung erster einzelner Gedichte in Zeitschriften wie Die Gegenwart, Jugend oder Der Komet, die von Paul L. Fuhrmann und Frank Wedekind herausgegeben wurde. Sein 1909 veröffentlichter Band Gedichte zeichnet sich laut zeitgenössischer Kritik durch „feinste Sicherheit der Abwägung“ zwischen gebundener Rede und freiem Vers aus.[16] Während einer Italienreise 1909 führte Eugen Albu eine Korrespondenz mit dem Münchner Schriftsteller Josef Ruederer, mit dem er sich u. a. über das Genre der Tragikomödie austauschte.[17]
Ab ca. 1910 lebte Eugen Albu mit seiner Familie in München und widmete sich dem Schreiben von Theaterstücken. Sein erstes Drama Chaos wurde weder veröffentlicht, noch aufgeführt. Belegt ist allein eine Lesung im Hotel Vier Jahreszeiten (München) 1911.[18] Sein zweites Theaterstück Klein-Eisen (1912) weist biografische Bezüge auf: Im Zentrum steht eine jüdische Unternehmerfamilie in Berlin, die während der Gründerzeit gesellschaftlich aufsteigt und sich mit Fragen wie Problemen ihrer jüdischen Identität konfrontiert sieht.[1] Die Uraufführung 1913 im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele mit Mitgliedern des Hoftheaters wurde vom Neuen Verein ausgerichtet.[19] Das Stück stand auch auf Arthur Schnitzlers Leseliste.[20] 1914 war Eugen Albu interimistischer Vorstand des Schutzverbands deutscher Schriftsteller und stand u. a. in Kontakt mit Erich Mühsam.[21] Sein drittes Theaterstück Kinder des Zufalls wurde am 1918 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt.[22]
Neben seiner Tätigkeit als Schauspiellehrer und Schriftsteller trat Eugen Albu auch als Rezitator auf: u. a. in den Münchner Kammerspielen[23] und im Meistersaal, wo er 1932 Gedichte von Friedrich Andreas Meyer las, einem engen Freund von Else Lasker-Schüler, die in ihrem Text Hebräerland (1937) an die Lesung erinnert.[24] 1929 bis 1932 war Eugen Albu in Berlin-Charlottenburg wohnhaft gemeldet.[25][26]
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 emigrierte Eugen Albu mit seiner Familie nach London, wo er 1935 verstarb.[1] Nach seinem Tod emigrierten seine Frau und Töchter nach Santa Barbara (Kalifornien), wo sich auch sein Grab befindet.[27]
Schauspiel (Auswahl)
- Der Erdgeist von Frank Wedekind, Krystallpalast (Leipzig), Rolle: Maler Schwarz, Regie: Carl Heine, 1898 (Uraufführung)
Dr. Carl Heines Ibsen-Theater
Quelle:[6]
- Ein Volksfeind, Rolle: Hovstad, 1898
- Die Frau vom Meer, Rolle: Lyngstrand, 1898
- Gespenster, Rolle: Jacob Engstrand, 1898
- Rosmersholm, Rolle: Peter Mortensgaard, 1898
- Die Wildente, Rolle: Gregers Werle, 1898
Werke
Gedichte
- Wenn einer seine Straße zieht (Der einsame Wandersmann). In: Lieder aus dem Rinnstein, gesammelt von Hans Oswald, Band 3. Berlin: Harmonie Verlagsgesellschaft, 1904, S. 104.
- Mairegen. In: Die Gegenwart. Zeitschrift für Literatur, Wirtschaftsleben und Kunst 36, Bd. 71 (1907), S. 330 f.
- Gedichte. Berlin-Charlottenburg, Stuttgart, Leipzig: Juncker, 1909.
- Die ganze Welt. In: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben 15 (1910), S. 321.
- Der Palmarums-Bruder / Halali / In tiefem Grolle. In: Der Komet. Farbig illustrierte Wochenschrift für Witz, Humor und moderne Kultur 1 (1911), S. 57, 98, 140.
- Psalm. In: Berliner Tageblatt, 11.08.1924.
Theaterstücke
- Chaos (unveröffentlicht), Lesung: Hotel Vier Jahreszeiten (München). 1911.
- Klein-Eisen. Berliner Mittelstands-Drama aus den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts in fünf Akten. München: Drei Masken Verlag, 1912.
- Kinder des Zufalls. Schauspiel in drei Akten. Uraufführung: Münchner Kammerspiele (1918), Regie: Paul Kalbeck, Schauspiel: u. a. Friedrich Basil und Ferdinand von Alten.[28]
Rezension
- Bruno Franks Requiem. In: März. Mitteilungsblatt des Irgun Olei Merkas Europa 11, II (1917), S. 568 f.
Weblinks
- Foto mit Eugen Albu und dem Kollegium der Reinhardtschen Schauspielschule aus der Theatersammlung der Stiftung Stadtmuseum Berlin
- Gedicht Mairegen (1907) von Eugen Albu
Einzelnachweise
- ↑ a b c Norbert Oellers (Hrsg.): Die Deutsche Literatur von 1890 bis 1990. Peter Lang, Frankfurt am Main 2003, S. 693.
- ↑ Königliche Realschule zu Berlin. Realgymnasium (Hrsg.): Jahresbericht. Berlin 1887, S. 39 (google.de).
- ↑ J. D. F. Jones: Through Fortress and Rock: The Story of Gencor, 1895-1995. J. Ball Publishers, 1995, ISBN 1-86842-029-9, S. 62 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
- ↑ Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Neuer Theater-Almanach. Commissionsverlag Georg Nauck, Berlin 1894, S. 381 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
- ↑ Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (Hrsg.): Neuer Theater-Almanach. Commissionsverlag Georg Nauck, Berlin 1893, S. 369 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
- ↑ a b Eugen Albu, Contributor ID: 442534. In: IbsenStage. Centre for Ibsen Studies, University of Oslo, Norway, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 18. Juli 2025; abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Franz Adam Beyerlein: Die Litterarische Gesellschaft in Leipzig: Mit dem Abdruck des Theaterzettels der Uraufführung von Wedekind, Erdgeist (=Beiträge zur Stadtgeschichte Heft 4). Walter Bielefeld, Leipzig 1923, S. 100.
- ↑ Frank Wedekind: Brief an Emilie Wedekind, 30.01.1989. In: Briefedition Wedekind. Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU Mainz), abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ Arthur Schnitzler: Eugen Albu. 23. Dezember 2025 (oeaw.ac.at [abgerufen am 29. Dezember 2025]).
- ↑ Andrea Bartl: Auf der Suche nach der „neuen Bühne“: Thomas Mann, Artur Kutscher und die Münchner Theateravantgarde. In: Thomas Mann Jahrbuch. Band 21, 2008, ISSN 0935-6983, S. 71–100, JSTOR:24744886.
- ↑ Antje Kalcher / Dietmar Schenk: Vor der UdK Die Lehrenden an den Vorgängerinstitutionen der Universität der Künste Berlin – ein Katalog. (PDF) Universität der Künste Berlin, 2024, S. 333, abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ Comenius-Blätter für Volkserziehung. Verlag der Comenius-Gesellschaft, 1905, S. 127 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
- ↑ Das Lehrerkollegium der Reinhardtschen Schauspielschule, Inv.-Nr. SM 2017-02411,21. In: sammlung-online.stadtmuseum.de. Stiftung Stadtmuseum Berlin, abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ Berlin Schauspielschule des Deutschen Theaters zu Berlin: Fünfundzwanzig Jahre Schauspielschule des Deutschen Theaters zu Berlin, 1905-1930: eine Festschrift. Privatdruck, 1930, S. 82 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
- ↑ Deutsches Bühnen-Jahrbuch: Theatergeschichtliches Jahr- und Adressenbuch ... Druck und Kommissionverlag F.A. Günther & Sohn, 1932, S. 162 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
- ↑ Karl Hendell: Gedichte [=Rezension]. In: Das literarische Echo: Halbmonatsschrift für Literaturfreunde. Deutsche Verlags-Anstalt, 1910, S. 1606 f. (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
- ↑ Eugen Albu: Briefe an Josef Ruederer, Signatur: JR B 8. In: Kalliope: Verbundkatalog für Archiv- und archivähnliche Bestände und nationales Nachweisinstrument für Nachlässe und Autographen. Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ [Rezension]. In: Israelitisches Wochenblatt, 14.04.1911, S. 47.
- ↑ Edgar Steiger: München [Theaterkritik]. In: Litterarische Echo. Deutsche Verlags-Anstalt, 1913, S. 617–620 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
- ↑ Achim Aurnhammer (Hrsg.): Arthur Schnitzlers Lektüren: Leseliste und virtuelle Bibliothek. Ergon-Verlag, Würzburg 2013, S. 59 (oeaw.ac.at [PDF]).
- ↑ Erich Mühsam: Tagebücher, Heft 12, 16.12.1914. In: muehsam-tagebuch.de. Verbrecher Verlag, abgerufen am 30. Dezember 2025.
- ↑ MK: SCHICKSALE: Eugen Albu. In: schicksale.muenchner-kammerspiele.de. Münchner Kammerspiele, abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ Tilly Wedekind: Brief an Frank Wedekind, 28.11.1917. In: briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de. Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU Mainz), abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ Else Lasker-Schüler: Das Hebräerland (1937). In: https://www.kj-skrodzki.de/. Karl Jürgen Skrodzki, abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin. 1929, abgerufen am 30. Dezember 2025.
- ↑ Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin. 1931, abgerufen am 30. Dezember 2025.
- ↑ Eugen Albu (1871-1935) – Gedenkstätte. In: findagrave.com. Ancestry Ireland Unlimited Company, abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ Alfred Mayer: Klein-Eisen. In: Siegfried Jacobsohn (Hrsg.): Die Schaubühne. 1913, S. 124–125 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).