Escaramuza charra
Escaramuza charra ist eine Wettbewerbsdisziplin innerhalb des mexikanischen Nationalsports Charrería ausschließlich für Frauen. Ein Team aus acht Reiterinnen, den Damas charras, präsentiert zu traditioneller Musik eine Choreographie aus zwölf Elementen. Sie tragen traditionelle mexikanische Kleidung und reiten im Damensitz. Der Wettbewerb wird in einer kreisförmigen Arena und im Galopp ausgetragen. Bewertet werden Präzision und Synchronität der Ausführung und der künstlerische Ausdruck.
Austragung
Die Escaramuzas (was etwa „Scharmützel“ bedeutet) werden immer im Rahmen von Charreadas ausgetragen. Charreada bezieht sich auf den Wettkampf selbst, während Charrería allgemein die Tradition der Wettkämpfe, Kostüme, Musik und gesellschaftlichen Veranstaltungen der Charros bezeichnet.[1] An der Escaramuza nehmen ausschließlich Frauen teil; gemäß dem Reglement sind Männer nicht erlaubt. Die Vorstellung erfolgt in einer Charro-Arena (Lienzo charro), also der Sportstätte, an der die Charreada stattfindet, und dauert maximal acht Minuten. In der Rutina Obligatoria präsentieren die acht Reiterinnen eines Teams im Galopp eine Choreographie aus zwölf Übungen. Darunter sind etwa „Blume“ (Flor), „Sieb“ (Coladera), „Leiter“ (Escalera), „Schraube“ (Giro), „Kreuzung“ (Cruce) und „Fächer“ (Abanico) genannte sowie andere Figuren,[2][3] bei denen die Ritte teilweise in der Arenamitte zusammenlaufen oder sich kreuzen und somit höchste Präzision und Synchronität erfordern, um Kollisionen zu vermeiden.[4.1] Die Darbietung erfolgt zu traditioneller mexikanischer Musik, die oft von Mariachis gespielt wird. In offiziellen Wettkämpfen ist moderne Musik und solche, die gegen die Werte des Charrería-Sports verstößt, nicht zulässig.[2] Zum offiziellen Wettbewerb gehören ferner die Prüfung auf vorschriftsmäßige Ausstattung, das Defilee und die Ausführung der Punta, einem Sliding-Stop-Manöver.[2]
In Mexiko findet die nationale Meisterschaft (Congreso y Campeonato Nacional Charro) zwischen Oktober und Dezember statt. Zusätzlich gibt es Kategorien für Kinder und jugendliche Teilnehmer und für die Mayores (Teilnehmer ab 45 Jahren).[5] Der zuständige Sportverband ist die Federación Mexicana de Charrería (FMCH).
Die Reiterinnen nennen sich selbst auch Escaramuzas.[1]
Ausstattung
Reiterinnen und Pferde eines Teams müssen identisch ausgestattet sein.
Bekleidung
Im Wettbewerb ist das Tragen eines Adelita-Kostüms (Vestido de Adelita) oder einer Charra-Tracht (Traje de Charra) vorgeschrieben, deren Beschaffenheit und Ausführung sehr detailliert geregelt sind. Das bevorzugt getragene[4.2] Adelita-Kostüm umfasst ein hochgeschlossenes ein- oder zweiteiliges Kleid aus opaken Stoffen mit gerüschtem langem Rock mit Band und Schleife, eine Krinoline, knöchellange weiße Baumwollunterhosen, den Rebozo, einen Sombrero mit Hutverzierungen, Haarschleife, Ohrringe sowie Reitstiefel im Jalisco-Stil. Die Haare sind im Nacken zusammengebunden. Auch an die weniger verspielte, elegante Charra-Tracht bestehen umfangreiche Anforderungen. Nicht zulässig ist die China-Poblana-Tracht. Sie wird zu Pferde nur außerhalb von formellen Wettkämpfen zu gesellschaftlichen, kulturellen und offiziellen Veranstaltungen sowie Paraden und Eskorten getragen.[2]
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Schwarzes Adelita-Kleid
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Weißes Adelita-Kleid
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Ausstattungsdetails
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Unter dem Rock sichtbare Krinoline und Hose
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Rebozo mit Anhänger
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Charra-Tracht (links)
Pferde und Reitausrüstung
Die Pferde werden im Charro-Stil ausgestattet und geritten. Geritten wird in einem traditionellen Sattel in Damenausführung (Albarda) mit drei Hörnern. Bosal, Zügel, Sattelgurt und andere textil gearbeitete Ausrüstungsstücke wie der Sarape und ggf. die Mantilla müssen farblich zusammenpassen. Den Reiterinnen ist das Tragen eines Sporns am linken Stiefel vorgeschrieben, die Gerte muss mit der Hand gehalten werden.[2]
Geschichte
Die mexikanische Charrería – seit 2016 immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe[6] – geht auf das Viehtreiben zurück, das die spanischen Kolononisten im 16. Jahrhundert einführten, um Rinder und Wildpferde an einem zentralen Ort zusammenzubringen, um sie dort zu brandmarken, zu selektieren und ggf. Krankheiten zu behandeln.[7] Sie benötigten dazu geschickte Reiter, die sich alsbald zu Elitereitern auf den Viehfarmen entwickelten. Aus gesellschaftlichen Zusammenkünften, bei denen sich die Charros genannten Viehhirten auch reiterlich gegeneinander maßen, entstand die Charrería als Wettbewerbsform. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung der Viehzucht im 19. Jahrhundert kam es zur Gründung großer Landgüter (Haziendas) und die Charrería wurde als Wettkampfsport formalisiert.[8] Einen Aufschwung hatte die Charrería Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge der Mexikanischen Revolution, als die Charros zu Nationalhelden avancierten, die Stärke und Widerstandskraft des mexikanischen Volkes repräsentierten.[8] Der von Männern betriebene Nationalsport Charrería öffnete sich in den 1950er Jahren für Frauen, nachdem ein mexikanischer Charro auf einem Volksfest im texanischen Houston von einer Vorführung einer gemischten Gruppe aus prächtig gekleideten Frauen und Cowboys so beeindruckt war, dass er den Frauensport nach Mexiko brachte. Eine Seitsitz-Variante des mexikanischen Sattels war bereits 1925 in Jalisco erstmals angefertigt worden. 1953 wurde erstmals eine Escaramuza während einer Charreada vorgeführt.[4.3] Nachdem sich die Federación Mexicana de Charrería (FMCH) zunächst jahrelang gewehrt hatte, traf man sich 1989 für die Abfassung eines Regelwerks für die bis dato informell ausgetragenen Escaramuzas.[4.4] Seit 1991 ist Escaramuza in Mexiko eine von der FMCH offiziell anerkannte Wettkampfdisziplin.[9]
Der Name Escaramuza (übersetzt: Scharmützel, Gerangel) wird als Ehrerweis an die Kämpferinnen während der Mexikanischen Revolution gedeutet.[4.5] Das von den Damas charras heutzutage im Wettkampf getragene Adelita-Kostüm ist nach einer legendären Heldin der Revolution, La Adelita, benannt, die sinnbildlich für den Mut und die Tapferkeit der Soldaderas jener Zeit steht.[4.6] Die aristokratischen Traditionen aus der Kolonialzeit finden Ausdruck im Gebrauch des Damesattels.[4.7]
Verbreitung
In Mexiko ist die Escaramuza vor allem ein elitärer Sport der Wohlhabenden.[1] Die Charrería als Reitschule hat ihren Ursprung in Apan, Hidalgo.[10] Nach der mexikanischen Revolution wanderten die ehemaligen Landbesitzer in Städte wie Mexiko-Stadt und Guadalajara, Jalisco, ab und organisierten sich in Vereinen, die sich nach und nach im ganzen Land verbreiteten und zur organisierten Charrería führten.[10] Der älteste städtische Lienzo ist der „Campo de Jalisco“ in Guadalajara.[11]
Außerhalb Mexikos wird Escaramuza in den USA ausgeübt.[1][12][13]
Weblinks
- The Tradition of the Mexican Escaramuza in Charreria, Youtube-Video zur Tradition der mexikanischen Escaramuza in der Charreria (englisch)
- Mexiko – Die edlen Reiterinnen, Dokumentarfilm innerhalb der Sendereihe „360° – Die GEO-Reportage“. arte, 2019.
- Leah Dolan: Mexico’s female rodeo culture has been challenging gender norms for decades. But the job isn’t done. In: edition.cnn.com. 13. November 2025 (englisch).
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Perla Tapatía, In: westernhorseman.com, 2. Juni 2014.
- ↑ a b c d e Reglamento oficial para Escaramuzas y Dama Charras (PDF; 1,2 MB) auf fmcharreria.org.mx. Vorstand der Federación Mexicana de Charrería, A.C. (FMCH) 2021–2024. Abgerufen am 30. Dezember 2025.
- ↑ La Escaramuza – Museo de la Charrería CDMX. In: museodelacharreria.org.mx. 11. Dezember 2023, abgerufen am 30. Dezember 2025 (spanisch).
- ↑ Kathleen Mullen Sands: La Escaramuza and the Role of Women in Charrería. In: Charrería Mexicana: An Equestrian Folk Tradition. University of Arizona Press, 1993, S. 155–186, doi:10.2307/j.ctv1jf2cpk.
- ↑ Campeonato Nacional Charro – Museo de la Charrería CDMX. In: museodelacharreria.org.mx. 2023, abgerufen am 30. Dezember 2025 (spanisch).
- ↑ Charrería, equestrian tradition in Mexico, in: ich.unesco.org. Abgerufen am 30. Dezember 2025.
- ↑ Kathleen Mullen Sands: Origins of Charrería. In: Charrería Mexicana: An Equestrian Folk Tradition. University of Arizona Press, 1993, S. 41–60, doi:10.2307/j.ctv1jf2cpk.
- ↑ a b Colonial Mexican Charrería: The Origins of Mexican Cowboy Culture. In: www.mexicohistorico.com. Abgerufen am 30. Dezember 2025.
- ↑ Elegant Ladies of Escaramuza to Highlight 2014 Super Ride Equestrian Arts Festival. In: newswire.com. 16. Mai 2014, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b “Mexican Charrería”, a national sport (PDF-Datei) auf embamex.sre.gob.mx, Dirección General de Comunicación Social, April 2013. Abgerufen am 30. Dezember 2025.
- ↑ Kathleen Mullen Sands: Notes. In: Charrería Mexicana: An Equestrian Folk Tradition. University of Arizona Press, 1993, S. 267–314, doi:10.2307/j.ctv1jf2cpk.
- ↑ Karla Aguilar: Charrería, Mexico’s oldest sport, is young and alive in the United States - Cronkite News. In: cronkitenews.azpbs.org. 26. April 2016, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Daniel Eduardo Hernandez: These girls help keep Escaramuza tradition alive in Coachella Valley - Los Angeles Times. In: latimes.com. 17. April 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).