Erzgebirgsschanze
Die Erzgebirgsschanze ist eine nicht mehr genutzte Skisprungschanze in Johanngeorgenstadt im Schwefelbachtal im Waldgebiet Römisch Reich im sächsischen Erzgebirge.
Geschichte und Bedeutung
Vorgeschichte, Bau und Schanzenweihe
Die Erzgebirgsschanze entstand 1960/61 als zweite Schanze an traditionsreichem Ort. Die hier bereits 1929 unter dem Namen Hans-Heinz-Schanze errichtete und nach Umbau 1951/52 in Glückaufschanze umbenannte Skisprungschanze (K70) war im März 1956 eingestürzt. An derselben Stelle, aber mit kürzerem Anlauf wurde ab August 1960 eine neue Schanze – nunmehr als K75 – mit Lotto-Toto-Mitteln und unter Einbeziehung politischer Häftlinge der StVA Zwickau[1] errichtet. Im Gegensatz zum Vorgängerbau wurde dabei nicht auf Holz, sondern auf Stahlbeton als zeittypische Konstruktionsweise zurückgegriffen. Die feierliche Weihe fand am 1. Januar 1962 statt. Den Weihesprung führte der Schanzenrekordhalter der Vorgängerschanze, Herbert Queck, durch.[2]
Planung und Rolle im DDR-Sportsystem
Die Erzgebirgsschanze wurde nach Plänen der Bauingenieure Karl Uhlmann und Gerhard Pomper vom VEB Hochbauprojektierung Aue „unter Nutzung der topographischen Verhältnisse als Trainings- und Wettkampfanlage für Nordische Kombination errichtet“.[3] Die Heimschanze der 1957 gegründeten Sektion Ski der SV Dynamo Johanngeorgenstadt war ein festes Glied in der Förderkette des DDR-Leistungssportsystems und wurde verstärkt für Training und Wettkämpfe von Nachwuchssportlern (Kinder und Jugendlichen) in der Nordischen Kombination, aber auch für Spezialsprunglauf genutzt. Vom Bezirkstrainingszentrum (BTZ) „Hans Friedrich“ Johanngeorgenstadt wurden talentierte Nachwuchssportler meist an die Kinder- und Jugendsportschule „Feliks Dzierżyński“ des SC Dynamo Klingenthal delegiert.[4]
Wettkämpfe, Springer und Kombinierer
Bis zum Jahr 2000 fanden auf der Erzgebirgsschanze neben regionalen Wettkämpfen wie Landkreismeisterschaften und -spartakiaden, Bezirks- und Sachsenmeisterschaften auch nationale und internationale Sprungläufe statt, darunter DDR-weite Übungswettkämpfe, Wintersportmeisterschaften der DDR-Dynamo-Sportvereine, DDR-Meisterschaften, WM-Qualifikationswettkämpfe, internationale Pokalwettkämpfe und Sondersprungläufe, die Internationalen Jugendwettkämpfe der Freundschaft, die Wintersportspartakiade der Sportorganisationen der Sicherheits- und Schutzorgane der sozialistischen Länder sowie 1997 der B-Weltcup Nordische Kombination.[5][6]
Überragende Springer und Kombinierer wie u. a. Manfred Deckert (auf der Erzgebirgsschanze 2. Platz bei den Internationalen Jugendwettkämpfen der Freundschaft 1978), Holger Freitag, Thomas Abratis, Sven Hannawald, Dennis Störl (Schanzenrekord 1995), Björn Kircheisen (Sachsenmeister 1999), Toni Englert und Sebastian Reuschel haben hier ihre sportliche Laufbahn begonnen und machten auf der Erzgebirgsschanze frühe Trainings- und Wettkampferfahrungen.
Kontext der Schanzenanlage
In den Sommermonaten konnte in den 1960er Jahren der Turm bestiegen und für Aussichtszwecke genutzt werden. Am Anlaufturm entstand eine Schanzenbaude, die ein gastronomisches Angebot auch im Sommer bereithielt. Am 4. Januar 1969 wurde 300 Meter nördlich der Erzgebirgsschanze ein Eisstadion eingeweiht. In unmittelbarer Nähe wurde am 7. Oktober 1970 die Kleine Pionierschanze eingeweiht (heute: Kleine Schülerschanze K21, daneben Minischanze K13).[7] Direkt neben der Erzgebirgsschanze waren zwei größere Nachwuchsschanzen errichtet worden, eine K51 (heute Jugendschanze) und eine K36 (Große Schülerschanze), die beide 1977 und 1980 mit hydraulisch verstellbarem Anlauf (Freitagtürme) ausgestattet wurden.[8][9]
Umbau 1995, aktuelle Situation und Perspektiven
Mitte der 1990er Jahre erfolgten an der Großen Erzgebirgsschanze bauliche Veränderungen. Am 23. Dezember 1995 fand die Schanzenweihe der umgebauten Erzgebirgsschanze, verbunden mit einem Weihnachtssprunglauf, statt. Nachdem die Schanze die FIS-Zertifizierung für den B-Weltcup Nordische Kombination 1997[10] noch erhalten hatte, konnten bald darauf die Profil- und Sicherheitsanforderungen nicht mehr hinreichend erfüllt werden. Der Schanzentisch und die Neigung des Aufsprunghangs entsprechen nicht mehr den internationalen Vorgaben. Einem weiteren Ausbau (Vergrößerung der Hillsize) waren zudem durch das Geländeprofil topografische Grenzen gesetzt. Seit Ende des Jahres 2000 wird die Erzgebirgsschanze deshalb nicht mehr genutzt und verfällt zunehmend. Zur Teilsanierung zugesicherte EU-Fördermittel (Programm LEADER) in Höhe von 300.000 Euro verfielen Anfang 2025 aufgrund einer zu spät erteilten Baugenehmigung.[11] Verschiedene Nachnutzungsoptionen, teils vom 2021 gegründeten Förderkreis Erzgebirgsschanze e.V. eingebracht, stehen seit Jahren zur Diskussion. Die Vorschläge reichen von kulturellen Nutzungen über kulturgeschichtliche, touristische und sporttouristische Angebote einschließlich Funsport-Attraktionen bis hin zu einer länderübergreifenden Trainingsstätte für deutsche und tschechische Einsatz- und Rettungskräfte.[12]
Bedeutung
Zur Erbauungszeit war die Erzgebirgsschanze nach der Großen Aschbergschanze in Klingenthal (1958) und der alten Fichtelbergschanze in Oberwiesenthal (1938, Umbau 1954) die drittgrößte Schanze Sachsens und zählt heute noch zu den größten der über 350 jemals in Sachsen gebauten Schanzen.[13] Nach Abriss der Aschbergschanze 1990/91 ist der brutalistische Betonbau der Erzgebirgsschanze die letzte in Sachen verbliebene, größere Schanze aus der Zeit um 1960. Auch nach der Wiedervereinigung war die Erzgebirgsschanze nach Einschätzung von Sven Hannawald „Wahrzeichen und Stolz des Wintersportvereins 08 Johanngeorgenstadt“.[14] Björn Kircheisen äußerte sich 2024 wie folgt: „Mir ist die außergewöhnliche Bedeutung des Bauwerkes für diese Stadt und die Region bewusst, habe ich doch dort selbst die ersten Schritte meiner internationalen sportlichen Karriere getan […].“[15]
Technische Daten
- K-Punkt: 75 m (bis zum Umbau 1995)
- Neigung des Aufsprunges: 36 Grad
Inhaber des Schanzenrekordes
- Michael Uhrmann: 86,0 m (1996)
- Dennis Störl: 83,0 m (1995)
- Dirk Else: 79,5 m
- Manfred Deckert: 76,5 m
- Henry Glaß: 76,5 m
- Manfred Queck: 75,0 m
- Veit Kührt: 61 m (1962)
Weblinks
- Erzgebirgsschanze auf Skisprungschanzen.com
- Förderkreis Erzgebirgsschanze e.V.
Einzelnachweise
- ↑ Förderkreis Erzgebirgsschanze e.V.
- ↑ Chronik WSV 08 Johanngeorgenstadt (1960-1969)
- ↑ Sibylle Lohse u. a.: Architekturführer DDR. Bezirk Karl-Marx-Stadt. VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1989, ISBN 3-345-00410-0, S. 124.
- ↑ Sven Hannawald: Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben. ZS Verlag, München 2013, ISBN 978-3-89883-392-9, S. 24–73.
- ↑ Chronik WSV 08 Johanngeorgenstadt
- ↑ Übersicht FIS Weltcup A und B Nordische Kombination, Saison 1996/97 bis 200/2001
- ↑ Chronik WSV 08 Johanngeorgenstadt
- ↑ Schanzen in Johanngeorgenstadt lt. Skisprungschanzen-Archiv
- ↑ Skiverband Sachsen, Standortkatalog Skisprungschanzen in Sachsen
- ↑ FIS-Website World Cup B Johanngeorgenstadt 1997
- ↑ Mario Ulbrich: „Höchste Schanze im Erzgebirge: Hat sie doch noch eine Chance?“, Freie Presse v. 10.03.2025
- ↑ Förderkreis Erzgebirgsschanze e.V.
- ↑ Schanzen in Sachsen lt. Skisprungschanzen-Archiv
- ↑ Sven Hannawald: Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben. ZS Verlag, München 2013, ISBN 978-3-89883-392-9
- ↑ Zitat: Björn Kircheisen, Infotafel an der Erzgebirgsschanze, 29.02.2024
Koordinaten: 50° 25′ 32″ N, 12° 42′ 6″ O