Ervardo Fioravanti
Ervardo Fioravanti (* 6. August 1912 in Calto; † 6. Dezember 1996 in Ferrara) war ein italienischer Maler, Graveur, Zeichner und Journalist.
Leben
Ervardo Fioravanti wurde in Calto in der Provinz Rovigo geboren. Nach der Grundschule besuchte er die Scuola d’Arte professionale in Castelmassa, die er 1924 mit einem Diplom abschloss. Ab 1927 arbeitete er als Wanddekorateur für seinen Vater, der als Baumeister tätig war, und begann seine künstlerische Laufbahn mit einer Reihe von Aquarellen, die vom Leben der Menschen in Polesine inspiriert waren. Mit diesen Werken nahm er an einem nationalen Wettbewerb für Handwerkerkinder teil und erhielt ein Stipendium. Dank dieses Stipendiums konnte er sich 1931 am Istituto di Belle Arti per la decorazione e l’illustrazione del libro in Urbino (ehemals Königliche Akademie der Bildenden Künste der Marken) einschreiben, wo er unter der Leitung von Francesco Carnevali studierte. In Urbino verfeinerte er seine Fähigkeiten als Illustrator, die er sein ganzes Leben lang perfektionieren sollte.[1] Am Ende des Kurses illustrierte er Il sogno di Makàr (Der Traum von Makàr) von Korolenko mit fünf Lithografien.
Nach seinem Studium in Urbino lebte er von 1932 bis 1936 in Mailand, wo er hauptsächlich als Werbegrafiker arbeitete. 1938 kehrte er nach Rovigo zurück. Dank seiner schriftstellerischen Begabung arbeitete er gelegentlich für die lokale Tageszeitung Il Polesine Fascista, bevor er bei Il Resto del Carlino als Redakteur der „Cronache Polesane“ angestellt wurde.
1941 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und kämpfte zunächst in Kroatien, dann in Messina und schließlich in Pantelleria als Offizier einer Flugabwehrbatterie. Nachdem er von den Alliierten gefangen genommen worden war, wurde er 1943 zunächst nach Casablanca und dann in das Lager Hereford in Texas verlegt. Dort zeichnete, malte und schrieb er weiterhin und teilte die Lebensbedingungen sowie die lebhafte intellektuelle Aktivität mit zukünftigen Persönlichkeiten der italienischen Kultur wie Alberto Burri, Giuseppe Berto, Dante Troisi und Gaetano Tumiati.
1946 kehrte er in seine Heimat zurück und unterrichtete bis 1948 an der Kunsthochschule in Urbino, bevor er als Redakteur beim „Corriere del Po“, der Ferrareser Ausgabe der linken Tageszeitung „Il progresso d'Italia“, wieder zum Journalismus zurückkehrte. Die Kämpfe der Landarbeiter und Arbeiter, an denen er als Chronist direkt miterlebte, waren zu dieser Zeit die Hauptinspirationsquelle für sein künstlerisches Schaffen, das von einem soliden Realismus geprägt war. Ein besonders repräsentatives Werk dieser Zeit ist das 1952 entstandene Ölgemälde La carica, das einen Angriff der Carabinieri zu Pferd auf streikende Arbeiter darstellt. Das Gemälde wurde 1953 in einer Gemeinschaftsausstellung von Künstlern aus Ferrara gezeigt, jedoch von der Polizei als beleidigend für die Ordnungskräfte angesehen und von der Questura beschlagnahmt.
1949 stellte er zusammen mit Giovanni Korompay in Ferrara aus. Die Ausstellung wurde von Rezio Buscaroli in einem Katalog präsentiert. Im Jahr 1950 hatte er eine Einzelausstellung in der Galleria Il Pincio in Rom. Im selben Jahr entstand in Ferrara auf Initiative einer Gruppe von Intellektuellen mit Al Filò ein Kulturverein, dessen Ziel es war, die Beteiligung der renommiertesten lokalen Künstler – darunter Fioravanti selbst, Annibale Zucchini, Nemesio Orsatti, Antenore Magri, Galileo Cattabriga und der Bildhauer Giuseppe Virgili – an der Organisation von Ausstellungen und Debatten zu fördern. Der Verein war ausgesprochen demokratisch organisiert und nahm zukünftige politische Entwicklungen vorweg: Präsident war der Sozialist Giuseppe Longhi, Vizepräsidenten waren der Kommunist Mario Roffi und der Christdemokrat Antonio Boari. An den Initiativen nahmen bedeutende Persönlichkeiten wie Roberto Melli, Mario Mafai, Salvatore Quasimodo, Renato Birolli, Tono Zancanaro und Sibilla Aleramo teil. Florestano Vancini widmete dem Verein in Ferrara, der sich mittlerweile in der Auflösung befand, im Jahr 1953 einen gleichnamigen Kurzfilm.[2][3] Im Dezember 1950 nahm Fioravanti an der Ausstellung ehemaliger Schüler des Kunstinstituts von Urbino teil. 1952 wurde er Lehrer an den Abendkursen des Kunstinstituts „Dosso Dossi“ in Ferrara. Es begann eine Phase intensiver künstlerischer Produktion, deren Werke in Einzelausstellungen in Rom, Mailand, Bologna, Ferrara, Novara und Rovigo präsentiert wurden. Gemeinsam mit Carlo Rambaldi, dem Schöpfer von E.T., und Alberto Cavallari gründete er ein Atelier, in dem Plakate und Wagen für die Maikundgebungen, Illustrationen für die politische Presse sowie Dekorationen für Arbeiterfeste hergestellt wurden.
1953 illustrierte er das Buch Vini e liquori d’Italia (Weine und Liköre Italiens) mit vierzig Tafeln. Das in verschiedenen Sprachen veröffentlichte Werk sollte die italienische Weinkultur in der Welt verbreiten. 1955 gewann er gemeinsam mit Alberto Sughi den zweiten Preis bei einer regionalen Ausstellung zum Thema Widerstand mit dem Gemälde L’eccidio di Villamarzana (Das Massaker von Villamarzana), das heute in der Galleria d’Arte Moderna in Bologna zu sehen ist. 1958 fand eine Einzelausstellung in der Galleria Colonna in Mailand statt, die von Raffaele De Grada präsentiert wurde. 1960 übernahm er die Leitung des Kunstinstituts „Dosso Dossi“.
Seit Ende der 1950er Jahre wurde Fioravantis Poetik deutlich expressionistischer. Im Jahr 1966 stellte er 34 Ölgemälde aus den 1960er Jahren in der Ausstellung „Cinque artisti ferraresi“ (Fünf Künstler aus Ferrara) in der Galleria d’Arte Moderna im Palazzo dei Diamanti aus. 1968 wurden im selben Gebäude 245 Werke aus dem großen Zyklus „Scene della commedia umana“ (Szenen aus der menschlichen Komödie) ausgestellt. In den 1970er- und 1980er-Jahren folgten zahlreiche Ausstellungen in Italien und im Ausland. Insbesondere wurde 1984 in der Sala dei Giochi des Castello Estense die Ausstellung „Favole e miti nei disegni di Ervardo Fioravanti“ (Märchen und Mythen in den Zeichnungen von Ervardo Fioravanti) gezeigt.
Im Jahr 2001, fünf Jahre nach seinem Tod, widmete ihm Ferrara eine große anthologische Ausstellung in der Galleria d'Arte Moderna e Contemporanea.
Museen mit seinen Werken
- Museo d'arte moderna e contemporanea Filippo de Pisis in Ferrara
- Collezione d’Arte della Regione Emilia-Romagna
- Accademia dei Concordi - Rovigo
- Cassa di Risparmio di Ferrara
- La collezione artistica della CdL in Ferrara
- Quadreria d’Arte Contemporanea Renzo Melotti - Ferrara
- Partito Democratico in Ferrara
Literatur
- Ranieri Varese: Fioravanti scene della commedia umana. Calderini, Bologna 1968 (italienisch).
- Maria Luisa Pacelli (Hrsg.): Ervardo Fioravanti. SATE Editore, Ferrara 2001 (italienisch).
Weblinks
- Andrea Musacci: Un’umanità mai sconfitta: Ervardo Fioravanti pittore, giornalista e poeta. FILO Magazine, 14. Juli 2025 (italienisch).
Einzelnachweise
- ↑ Gabriele Turola: I figli delle Muse Inquietanti. Hrsg.: Corrado Pocaterra, Lucio Scardino. Ferrara 2025, S. 56 (italienisch).
- ↑ Lucio Scardino: Al «Filò», ovvero otto artisti e un cineasta nella Ferrara del Neorealismo. In: Il cinema in Padania. Anno III, Nr. 5-6. Rosenberg & Sellier, 1989 (italienisch).
- ↑ Florestano Vancini, Al Filò, 1953 auf YouTube (italienisch).