Ernst Leibl

Ernst Leibl (geboren 17. Juni 1895 in Graslitz, Österreich-Ungarn; gestorben 5. Mai 1982) war ein tschechoslowakisch-deutscher Journalist und Schriftsteller sowie späterer Vertriebenenfunktionär der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Leben

Ernst Leibl verbrachte seine Kindheit in der Egerländer Kleinstadt Graslitz, im äußersten Westen des damals zum Habsburgerreich gehörenden Böhmen, unmittelbar an der Grenze zum sächsischen Vogtland und damit zum Deutschen Reich. Er wurde 1912 Mitglied des Wandervogels. Im Ersten Weltkrieg diente er als Leutnant im k.u.k. Infanterieregiment „Albrecht von Württemberg“ Nr. 73 (dem „Egerländer Hausregiment“) und wurde schwer verletzt.[1] Als gegen Ende des Krieges die Habsburgermonarchie zerfiel und die Tschechoslowakei ihre Unabhängigkeit erklärte, veröffentlichte Leibl im Oktober 1918 einen Aufruf im Namen des „Rates für die Freiheit und Unabhängigkeit des Egerlandes“.[2] Er studierte ab 1917 an der Deutschen Universität Prag und wurde dort 1922 zum Dr. phil. promoviert. Ab 1919 engagierte er sich in der Böhmerlandbewegung und leitete er die Egerländer Volkshochschule.

Von 1921 bis 1923 gab er den Bundeskalender heraus, von 1922 bis 1924 leitete er die Zeitschrift Sudetendeutscher Bund. Ab 1922 war er außerdem Leiter der Kultur- und Presseabteilung der Deutschpolitischen Arbeitsstelle in Prag. Er arbeitete als Journalist bei der von ihm 1923 mitgegründeten Sudetendeutschen Tageszeitung, 1924 war er Redakteur beim in Aussig erscheinenden Der Tag. 1924 zog Leibl ins Deutsche Reich nach Berlin. In der Weimarer Republik war er im Sudetendeutschen Heimatbund aktiv.[3] Er war einer der ersten, die den Begriff „Sudetendeutschland“ für die Gesamtheit der mehrheitlich deutschsprachigen Gebiete der damaligen Tschechoslowakei verwendeten, und beanspruchte die Autorschaft des Namens „Sudetenland“ (mit dem nach dem Zerfall Österreich-Ungarns 1918 eine kurzlebige Provinz in Nordmähren und Österreichisch-Schlesien bezeichnet worden war) für sich.[4] Seine völkischen Heimatgedichte aus den 1930er-Jahren, z. B. ein Sonnwendlied, sind der Blut-und-Boden-Literatur zuzuordnen. Leibl verband darin antitschechische und antisemitische Elemente, Verschwörungstheorien sowie Verklärung der Landarbeit.[5]

Während der Sudetenkrise 1938 schloss Leibl sich dem Sudetendeutschen Freikorps an. 1939 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 6.535.396). In der Zeit der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei war Leibl von 1939 bis 1945 Kulturamtsleiter der Stadt Komotau im Reichsgau Sudetenland.

Nach Kriegsende und der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei geriet Leibl 1946 nach Kronburg in Schwaben und lebte später im benachbarten Memmingerberg. Leibl war 1949 Gründungsmitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) in Bayern[6] und war Mitglied des Witikobundes. Leibl gehörte der SPD an und wurde 1949 zum stellvertretenden Landesobmann (unter Rudolf Lodgman von Auen) sowie Leiter des Kulturamts der Sudetendeutschen Landsmannschaft bestimmt, die dadurch den Anschein von Überparteilichkeit wecken wollte.[3] Zudem war er Mitbegründer der Sudetendeutschen Jugend (SdJ).[7] In der Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen wirkte er ab 1950 als Referat für Pressewesen, Auslandspropaganda und archivarische Arbeit.[8]

Werke (Auswahl)

  • Aus unerlöstem Lande : Lieder der himmlischen und irdischen Liebe. Augsburg : Bärenreiter-Verlag, 1924
  • Zelt unterm Stern : Werk-schar-rufe in der zeit. Gedichte. Kassel : Bärenreiter, 1931
  • Grenzlanddeutsche Lieder und Spielstücke aus der Heimat der böhmischen Musikanten / Worte und Weisen von Ernst Leibl mit Sätzen der verschiedensten Besetzung von Walther Hensel. Celle : Moeck, 1933
  • Die Schar : Keimzelle von Staat und Kirche ; Einführung in die Formenwelt des Schargedankens. Reichenberg : Sudetendeutscher Verlag, 1934
  • Der kleine Wagen : Neue Dichtungen. Wittingen : Landsknecht-Presse, 1934
  • Die Kette : Jugend im Sudetenraum. Potsdam : Voggenreiter, 1937
  • Aufsteigt ein Land : Ein sudetendeutsches Schicksal. Potsdam : Voggenreiter, 1938
  • Die gekreuzigte Stadt : Roman. Dettingen a. M. : Kolb, 1957

Literatur

  • Leibl, Ernst, in: Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Frankfurt am Main : Lang, 2008, ISBN 978-3-631-57104-0, S. 611
  • Einführung in Leben und Werk : Ernst Leibl. zum 70. Geburtstag. Eingeleitet und ausgewählt von Ernst Frank. Dettingen/M. : Kolb, 1965

Einzelnachweise

  1. Viktor Karell: Der Dichter Ernst Leibl. In: Sudetendeutscher Kulturalmanach, IV. Band, Bogen-Verlag, 1962, S. 42.
  2. Ernst Nittner (Hrsg.): Dokumente zur sudetendeutschen Frage 1916 bis 1967. Ackermann-Gemeinde, 1967, S. 50.
  3. a b Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 127.
  4. Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 41–47.
  5. Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 379–380.
  6. Matthias Stickler: Sudetendeutsche Landsmannschaft, in: Historisches Lexikon Bayerns, Stand: 12. März 2013
  7. Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 294.
  8. Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 94.