Ernährungswende

Ernährungswende bezeichnet den umfassenden Wandel des Ernährungssystems mit dem Ziel, ökologische, gesundheitliche, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit zu fördern. Der Begriff lehnt sich konzeptuell an vergleichbare gesellschaftliche Transformationsprozesse wie die Energiewende oder Agrarwende an, überträgt deren Grundgedanken jedoch auf die gesamte Nahrungsmittelkette – von der landwirtschaftlichen Produktion bis zum Konsum.

Begriff und Definition

Unter Ernährungswende wird ein politischer und gesellschaftlicher Transformationsprozess verstanden, der Ernährungssysteme so ausrichtet, dass sie zugleich gesundheitliche Ziele, ökologische Tragfähigkeit und soziale Belange erfüllen. In der wissenschaftlichen und politischen Diskussion wird dies häufig über das Leitkonzept „nachhaltig-gesunde Ernährung“ (sustainable healthy diets) beschrieben, das von FAO und WHO 2019 mit Grundprinzipien definiert wurde.[1][2]

Inhaltlich zielt die Ernährungswende auf Ernährungsweisen und Produktionsmuster, die mit Klima- und Umweltzielen vereinbar sind. Internationale Synthesen wie die EAT-Lancet-Kommission (2019) schlagen dafür eine evidenzbasierte „planetary health diet“ als Orientierungsrahmen vor.[3][4]

Auch klimapolitische Bewertungen betonen die Notwendigkeit veränderter Ernährungs- und Produktionsmuster: Der IPCC ordnet wesentliche Minderungs- und Anpassungspotenziale im Sektor Landwirtschaft, Forstwirtschaft und andere Landnutzungen (AFOLU) ein und verweist auf die Rolle von Ernährungsumstellungen im Systemzusammenhang.[5] Ein zentrales Element der ist deshalb die Förderung der Regenerativen Landwirtschaft, die Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und Kohlenstoffbindung verbessern und damit ökologische Grundlagen einer nachhaltigen Ernährung sichern.[6]

Seit den 2010er-Jahren wird der Begriff in Politikstrategien und Behördenpapieren im DACH-Raum aufgegriffen, etwa in Deutschland in Analysen des Umweltbundesamtes zu politischen Handlungsansätzen für nachhaltige Ernährungssysteme[7] sowie in der Schweiz in der Schweizer Ernährungsstrategie 2025–2032, die eine ausgewogene und nachhaltige Ernährung als staatliches Ziel festhält.[8]

Ziele

Die Ernährungswende verfolgt das Ziel, Ernährungssysteme so zu transformieren, dass sie gleichzeitig ökologisch tragfähig, gesundheitlich förderlich, sozial gerecht und wirtschaftlich resilient sind. Sie umfasst somit Umwelt-, Gesundheits-, Sozial-, Wirtschafts- und Steuerungsaspekte, die in internationalen und nationalen Strategien für nachhaltige Ernährungssysteme zunehmend integriert betrachtet werden.[9][10]

  • Ökologie und Klima: Verringerung von Treibhausgasemissionen und Flächenverbrauch, Schutz von Bodenfruchtbarkeit, Wasserressourcen und Biodiversität. Der IPCC betont in seinem Sechsten Sachstandsbericht (AR6), dass Ernährungsumstellungen – insbesondere eine Reduktion tierischer Produkte – erhebliche Beiträge zur Minderung von Emissionen leisten können.[11]
  • Gesundheit: Förderung pflanzenbetonter, nährstoffreicher Ernährungsmuster, Reduktion übermäßigen Konsums von Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die FAO fassen diese Zielrichtung im Konzept der „sustainable healthy diets“ zusammen, das Ernährung und Umwelt gemeinsam adressiert.[12]
  • Soziale Gerechtigkeit: Verbesserung der Einkommen in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette, Förderung fairer Handelsstrukturen und gesicherter Zugänge zu gesunden Lebensmitteln für alle Bevölkerungsschichten. Die FAO verweist dabei auf Ernährungssouveränität als Teil nachhaltiger Systeme.[13]
  • Ökonomische Resilienz: Stärkung regionaler Produktion, lokaler Märkte und kurzer Lieferketten, um Abhängigkeiten von globalen Handelsflüssen zu verringern und Wertschöpfung im ländlichen Raum zu sichern.[14]
  • Politische Steuerung: Integration der Ernährungspolitik in Klima-, Gesundheits-, Landwirtschafts- und Sozialpolitik. Internationale Organisationen wie die UNEP und nationale Behörden (z. B. Umweltbundesamt, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) sehen darin einen Schlüssel zur kohärenten Steuerung der Ernährungswende.[15]

Als inhaltliche Leitlinie gelten die Empfehlungen der EAT-Lancet-Kommission, die 2019 eine wissenschaftlich fundierte „planetary health diet“ vorlegte, in der Gesundheit und Nachhaltigkeit gleichgewichtig berücksichtigt werden.[16]

Politische und gesellschaftliche Diskussion

Die Diskussion über die Ernährungswende ist von unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen geprägt. Befürworter sehen sie als Voraussetzung für den Klima- und Gesundheitsschutz sowie für die langfristige Sicherung nachhaltiger Agrarstrukturen. Studien und Strategiepapiere betonen, dass Ernährungssysteme einen erheblichen Beitrag zu globalen Treibhausgasemissionen leisten und daher ohne eine tiefgreifende Transformation die Ziele des Pariser Klimaabkommens kaum erreichbar sind.[17][18]

Politische Programme wie die „Farm to Fork“-Strategie der Europäischen Union (2020) und nationale Konzepte – etwa das Projekt „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende“ des BMUV – stellen Ernährung als Querschnittsthema zwischen Umwelt-, Landwirtschafts- und Gesundheitspolitik dar.[19][20]

Kritiker befürchten dagegen Eingriffe in individuelle Ernährungsfreiheit, steigende Verbraucherpreise und eine wirtschaftliche Benachteiligung tierhaltender Betriebe. Vertreter der Agrar- und Ernährungswirtschaft warnen vor einer „Moralisierung“ von Konsumentscheidungen und fordern technologieoffene Ansätze zur Emissionsminderung.[21] Gesellschaftliche Konfliktlinien verlaufen dabei zwischen wachsendem Nachhaltigkeitsbewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten und bestehenden Ernährungsgewohnheiten, insbesondere beim Fleischkonsum.[22]

Soziologische Analysen weisen darauf hin, dass der Wandel nicht nur technischer oder ökonomischer, sondern auch kultureller Natur ist: Ernährungspraktiken gelten als identitätsstiftend, wodurch Veränderungen häufig auf Widerstand stoßen.[23] Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine stärker nachhaltige Ernährung grundsätzlich befürwortet, wenn sie mit fairen Preisen und transparenter Information verbunden ist.[24]

Umsetzung in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Deutschland

In Deutschland wird die Ernährungswende als Bestandteil einer umfassenden Nachhaltigkeitspolitik verstanden. Das Bundesumweltministerium (BMUV) fördert mit dem Projekt Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende kommunale Ernährungsstrategien, die regionale Wertschöpfung, gesunde Ernährung und Klimaschutz verbinden.[25] Das Umweltbundesamt veröffentlichte 2023 eine umfassende Analyse politischer Handlungsansätze für nachhaltige Ernährungssysteme, in der insbesondere die Förderung pflanzenbasierter Ernährung und die Integration von Ernährungszielen in die Klimapolitik betont wird.[26] Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) verfolgt mit der Zukunftsstrategie Landwirtschaft und der Ernährungsstrategie 2050 Ansätze, die gesunde und nachhaltige Ernährung stärker verzahnen.[27]

Österreich

In Österreich wird das Thema Ernährungstransformation vor allem in Forschung und Hochschulpolitik behandelt. Die BOKU Wien und die Österreichische Gesellschaft für Agrarökonomie (ÖGA) untersuchen seit mehreren Jahren die Resilienz regionaler Ernährungssysteme. Eine Studie von Mitter (2023) hebt hervor, dass eine stärker pflanzenbetonte Ernährung sowie verkürzte Wertschöpfungsketten zentrale Hebel für Klimaschutz und Ernährungssicherheit darstellen.[28] Politisch wurde das Thema in die Nachhaltigkeitsstrategie Österreich 2030+ und in Programme der Bundesländer (z. B. „Ernährungsstrategie Steiermark“) integriert.[29]

Schweiz

In der Schweiz wird die Ernährungswende vorrangig im Rahmen der Ernährungsstrategie 2025–2032 des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) behandelt. Diese zielt auf eine ausgewogene Ernährung, Ressourcenschonung und Abfallreduktion entlang der gesamten Wertschöpfungskette.[30] Die landwirtschaftliche Forschungseinrichtung Agroscope untersucht im Rahmen des Forschungsprogramms Nachhaltige Ernährungssysteme Wechselwirkungen zwischen Ernährungsgewohnheiten, Klima und Biodiversität.[31] Zudem befassen sich Akteure der Biolandwirtschaft, darunter das FiBL, mit der Frage, wie Ernährungssysteme stärker regionalisiert und sozial verträglich gestaltet werden können.[32]

Kritik

Die Ernährungswende wird in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit teils kontrovers diskutiert. Kritikpunkte betreffen vor allem die sozialen, ökonomischen und kulturellen Folgen tiefgreifender Veränderungen im Ernährungssystem.

  • Soziale Auswirkungen: Eine häufig geäußerte Kritik betrifft die Verteilungswirkungen von Preis- und Konsumänderungen. Haushalte mit niedrigerem Einkommen tragen überdurchschnittlich hohe Belastungen durch steigende Lebensmittelpreise, während wohlhabendere Gruppen von Subventionen oder Steueranreizen stärker profitieren könnten.[33]
  • Ökonomische Herausforderungen: Vertreter der Agrar- und Ernährungswirtschaft weisen darauf hin, dass eine starke Reduktion tierischer Produkte und der Übergang zu pflanzenbasierten Ernährungssystemen zu Strukturbrüchen in der Landwirtschaft führen kann, insbesondere in Regionen mit traditioneller Tierhaltung.[34] Wissenschaftliche Analysen bestätigen, dass Umstellungen auf nachhaltige Produktionsweisen kurzfristig wirtschaftliche Anpassungskosten verursachen können, bevor ökologische und gesundheitliche Gewinne eintreten.[35]
  • Ernährungs- und Konsumgewohnheiten: Soziologische Studien betonen, dass Ernährungspraktiken stark kulturell geprägt sind und symbolische Funktionen erfüllen. Eine Veränderung dieser Gewohnheiten stößt daher häufig auf Widerstand oder wird als Eingriff in individuelle Freiheit empfunden.[36]
  • Zielkonflikte und Rebound-Effekte: Fachliteratur weist darauf hin, dass einzelne Maßnahmen innerhalb der Ernährungswende zu Zielkonflikten führen können – etwa wenn Fleischersatzprodukte einen hohen Verarbeitungsgrad oder Energieverbrauch aufweisen.[37] Zudem können Rebound-Effekte entstehen, wenn eingesparte Ressourcen (z. B. Geld oder Flächen) für andere, umweltschädliche Zwecke genutzt werden.[38]

Insgesamt wird die Ernährungswende als notwendig, aber komplexer Transformationsprozess bewertet, dessen Erfolg von politischer Steuerung, sozialer Ausgewogenheit und Akzeptanz in der Bevölkerung abhängt.

Einzelnachweise

  1. Sustainable healthy diets – Guiding principles. In: FAO/WHO. 2019, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  2. Sustainable healthy diets: guiding principles. In: WHO. 2019, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  3. Willett, W. et al.: Food in the Anthropocene: the EAT–Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. In: The Lancet. 2019, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  4. EAT-Lancet Commission – Summary report. In: EAT Forum. 2019, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  5. AR6 WGIII – Chapter 7: Agriculture, Forestry and Other Land Uses (AFOLU). In: IPCC. 2022, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  6. Entwicklung von politischen Handlungsansätzen für nachhaltige Ernährungssysteme. In: Umweltbundesamt. 2023, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  7. Entwicklung von politischen Handlungsansätzen für die Unterstützung stärker pflanzenbasierter Ernährungsweisen. In: Umweltbundesamt. 2023, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  8. Schweizer Ernährungsstrategie 2025–2032. In: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  9. Sustainable healthy diets – Guiding principles. In: FAO/WHO. 2019, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  10. Entwicklung von politischen Handlungsansätzen für nachhaltige Ernährungssysteme. In: Umweltbundesamt. 2023, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  11. AR6 WGIII – Chapter 7: Agriculture, Forestry and Other Land Uses (AFOLU). In: IPCC. 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  12. Sustainable healthy diets: guiding principles. In: WHO. 2019, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  13. Food systems transformation and the right to adequate food. In: FAO. 2021, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  14. Regionalisierung von Ernährungssystemen – Chancen und Herausforderungen. In: Ecologic Institut / Umweltbundesamt. 2023, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  15. Food Systems and Climate Action: A Pathway to 1.5°C. In: UNEP. 2021, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  16. Willett, W. et al.: Food in the Anthropocene: the EAT–Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. In: The Lancet. 2019, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  17. AR6 WGIII – Chapter 7: Agriculture, Forestry and Other Land Uses (AFOLU). In: IPCC. 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  18. European environment — state and outlook 2020. In: European Environment Agency. 2020, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  19. Farm to Fork Strategy. In: Europäische Kommission. 2020, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  20. Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende. In: BMUV. Abgerufen am 14. Oktober 2025.
  21. Faktencheck Ernährungswende. In: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). 2023, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  22. Rosenfeld, E.: Ernährungssysteme im Wandel. In: Springer VS. 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  23. Nachhaltiger Konsum und Ernährung. In: Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  24. Factsheet Nachhaltige Ernährung in Deutschland. In: Umweltbundesamt. 2023, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  25. Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende. In: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV). 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  26. Entwicklung von politischen Handlungsansätzen für nachhaltige Ernährungssysteme. In: Umweltbundesamt. 2023, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  27. Ernährungsstrategie der Bundesregierung. In: BMEL. 2023, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  28. Mitter, H.: Die Zukunft der Ernährung in Europa. In: Österreichische Gesellschaft für Agrarökonomie / BOKU Wien. 2023, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  29. Nachhaltigkeitsstrategie Österreich 2030+. In: Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK). 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  30. Schweizer Ernährungsstrategie 2025–2032. In: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). 2025, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  31. Nachhaltige Ernährungssysteme. In: Agroscope. 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  32. Nachhaltiger Konsum und Ernährung. In: Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  33. Assessing policies for sustainable food systems. In: OECD. 2021, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  34. Faktencheck Ernährungswende. In: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). 2023, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  35. Voget-Kleschin, L. et al.: Sustainability in Food Systems. In: Springer Professional. 2023, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  36. Nachhaltiger Konsum und Ernährung. In: Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). 2024, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  37. Springmann, M. et al.: Environmental and nutritional impacts of changing diets. In: Nature Climate Change. 2020, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  38. Factsheet Nachhaltige Ernährung in Deutschland. In: Umweltbundesamt. 2023, abgerufen am 15. Oktober 2025.