Erich Klinghammer

Erich Klinghammer (* 28. Februar 1930 in Kassel; † 6. Oktober 2011 in Lafayette, Indiana) war ein deutsch-amerikanischer Ethologe und Experte für das Sozialverhalten der Wölfe. 1972 gründete er in Battle Ground (Indiana) den Wolf-Park,[1] zuletzt war er bis 1993 Professor für Verhaltensbiologie an der Purdue University in Indiana. In einem Nachruf des Schweizer Wolfschutzvereins CHWOLF hieß es, Klinghammer habe den Wolf-Park aus bescheidenen Anfängen „zu einem international bekannten Forschungs- und Ausbildungscenter entwickelt.“[2]

Leben

Erich Klinghammer war das einzige Kind seiner Eltern Louis und Marie Klinghammer. Er wuchs auf in Epterode, einem Dorf östlich von Kassel, wo sein Vater bis 1930 in einer Lehmgrube arbeitete, aus der ein hochwertiger Ton für die Herstellung von Schmelztiegeln gewonnen wurde. Dieser kräftezehrenden Arbeit überdrüssig, wechselte er 1930 zur Stadtpolizei in Kassel, aber erst ab 1934 wohnte die gesamte Familie in Kassel. 1938 folgte ein weiterer Umzug nach Weimar, wo Erich Klinghammer auch das Gymnasium besuchte. Die Schulgebäude wurden allerdings gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Lazarett genutzt, weswegen es nur noch stark eingeschränkten Unterricht in Ausweichunterkünften gab. Nachdem 1945 Weimar durch die US-Armee vom Nationalsozialismus befreit worden war, wurde er für die US-Amerikaner als Übersetzer tätig und freundete sich mit einem US-Soldaten an, dessen Vater – ein Arzt – ihm die Übersiedelung in die USA finanzierte. Ohne das Abitur in Deutschland nachzuholen, ging er 1951 nach Chicago und wohnte anfangs wieder bei seinen Eltern, die kurz nach ihm ebenfalls Deutschland verließen.

In Chicago arbeitete er tagsüber, besuchte nachts eine Abendschule und erwarb so seinen High-School-Abschluss. 1953 wurde er zum Militärdienst eingezogen und vom Geheimdienst als Übersetzer in Österreich verwendet. Gemeinsam mit Dutzenden US-Beschäftigten aus osteuropäischen Ländern wurde ihm in Österreich die US-Staatsbürgerschaft verliehen, als Schutz vor möglichen Übergriffen aus der sowjetischen Besatzungszone in Österreich. Nach der Rückkehr in die USA (1955) begann er dank der Unterstützung durch das G. I. Bill sein naturwissenschaftliches Studium – anfangs Medizin und Psychologie, schließlich Verhaltensforschung – an der University of Chicago, wo er 1958 den Bachelorgrad erwarb. Klinghammer hatte sich bei Eckhard Hess vor allem mit dem Phänomen der Prägung befasst, entwickelte jedoch eine Allergie gegen Vögel und wählte schließlich Hunde und Wölfe zu seinem verhaltensbiologischen Forschungsobjekt. 1962 erwarb er bei Eckhard Hess den Doktorgrad (Ph.D. für Psychologie) mit einer Studie über Prägung bei Tauben und unterrichtete von da an als Lecturer, ab 1965 als Assistant Professor und später als Associate Professor die Fächer Verhaltensforschung und Psychologie, zunächst in Chicago und von 1968 bis Mai 1995 am Department of Psychological Sciences der Purdue University, wo er bis zu seinem Tod als professor emeritus gelistet wurde.[3] Zudem leitete er das Institute of Ethology des Wolf Park.[4]

Nachdem Erich Klinghammer an die Purdue University berufen worden war, erwarb er eine kleine Farm mit 30 Hektar Land und hielt dort seine ersten beiden Wölfe, die ihm der Brookfield Zoo überlassen hatte, später kamen Wölfe aus dem Philadelphia Zoo hinzu. Aus diesen Anfängen entwickelte sich ein weltweit einzigartiges Konzept, das Verhaltensforschung mit dem Auftrag verbindet, in der Öffentlichkeit Werbung für den Schutz freilebender Wölfe. Alle Wölfe des Wolf Parks sind von Hand aufgezogen und wurden von klein auf mit der Flasche gefüttert, sodass sie an Menschen gewöhnt sind und Besuchern die Scheu vor dem „Raubtier Wolf“ nehmen können.

Gemeinsam mit Durward Allen studierte er zeitweise auch die Wolfsrudel des Isle Royale Wolf-Moose Project.[5]

Schriften (Auswahl)

  • mit Patricia A. Goodmann: Wolf Ethogram. In: Ethology series. Nr. 3, North American Wildlife Park Foundation, 1990.
  • mit Patricia A. Goodmann: Socialization and management of wolves in captivity. In: H. Frank (Hrsg.): Man and Wolf: Advances, Issues, and Problems in Captive Wolf Research. Dr W Junk Publishers, 1987, S. 31–59.
  • mit Patricia A. Goodmann: The management and socialization of captive wolves (Canis lupus) at Wolf Park. In: Ethology series (USA). Nr. 2, North American Wildlife Park Foundation, 1987.
  • Ethology in the High School Curriculum. In: The American Biology Teacher. Band 41, Nr. 7, 1979, S. 416–419, doi:10.2307/4446677.
  • The Behavior and Ecology of Wolves. Garland STPM Press, New York 1979, ISBN 978-0-8240-7019-9
  • mit L. Laidlaw: Analysis of 23 months of daily howl records in a captive grey wolf pack (Canis lupus). In: Erich Klinghammer (Hrsg.): The Behavior and Ecology of Wolves. Garland STPM Press, New York 1979, S. 153–181.
  • mit Michael W. Fox: Ethology and its Place in Animal Science. In: Journal of Animal Science. Band 32, Nr. 6, 1971, S. 1278–1283, doi:10.2527/jas1971.3261278x.
  • mit David R. Martinez: The Behavior of the Whale Orcinus orca: a Review of the Literature. In: Zeitschrift für Tierpsychologie. Band 7, Nr. 7, 1970, S. 828–839, doi:10.1111/j.1439-0310.1970.tb01903.x.
  • mit Helen L. Hahn: Handraising Ring Doves (Streptopelia risoria) for Experimental Purposes. In: The Psychological Record. Band 17, 1967, S. 193–200, doi:10.1007/BF03393704.
  • Aggressive Behavior in Inexperienced Young Ringed Turtle Doves (Streptopelia risoria). In: The Auk. Band 85, Nr. 4, Artikel 24, 1968, Zugang zum Volltext.
  • Visual-Cliff Experiment with Mothered and Unmothered Lambs. In: Science. Band 146, Nr. 3648, 1964, S. 1189, doi:10.1126/science.146.3648.1189.a.
  • mit Eckhard H. Hess: Imprinting in an Altricial Bird: The Blond Ring Dove (Streptopelia risoria). In: Science. Band 146, Nr. 3641, 1964, S. 265–266, doi:10.1126/science.146.3641.265.
  • mit Eckhard H. Hess: Parental Feeding in Ring Doves (Streptopelia roseogrisea): Innate or Learned? In: Zeitschrift für Tierpsychologie. Band 21, Nr. 3, 1964. S. 338–347, doi:10.1111/j.1439-0310.1964.tb01199.x.
  • Imprinting in Altricial Birds: The Ring Dove (Streptopelia roseogrisea) and the Mourning Dove (Zenaidura macroura carolinensis). Dissertation, The University of Chicago, Chicago Dezember 1962.

Belege

  1. Wolf Park: Our Beginnings.
  2. Abschied von Prof. Dr. Erich Klinghammer 28.2.1930 – 6.10.2011. Auf: chwolf.org, abgerufen am 7. November 2025.
  3. Wolf Park: Our Founder, Dr. Erich Klinghammer.
  4. University obituaries – The University of Chicago Magazine.
  5. Purdue University: Erich Klinghammer Interview. Transcript (PDF). Aufgezeichnet am 17. November 2008. – Die biografischen Details sind diesem Interview entnommen.