Erich Hempel

Erich Hempel (* 1. April 1928 in Gablonz, Tschechoslowakei; † 1992 oder 1993) war ein deutscher Agent des Bundesnachrichtendienstes (BND), Diplomat, Mitarbeiter des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (MfAA) und Inoffizieller Mitarbeiter der Hauptverwaltung A des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Er galt als Hochwertquelle und einer der größten Erfolge der DDR-Aufklärung des BND.

Leben

Hempel wurde als Sohn eines Malers und einer Hausfrau geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Musiker in einer Tanzkapelle auf Rügen und absolvierte 1947 eine Berufsausbildung als Vulkaniseur. Danach arbeitete er in verschiedenen Betrieben in der DDR. Im Oktober 1946 trat er in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ein, 1956 in den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund und 1958 in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. 1960 begann er ein Studium der Staatswissenschaften an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR in Potsdam. Nach dem Staatsexamen war er von 1964 bis 1984 für das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (MfAA) tätig, von 1966 bis 1967 als Attaché in Kuba, von 1967 bis 1971 als Stellvertreter des Leiter der Handelsvertretung in Kolumbien und von 1976 bis 1979 Stellvertreter des Leiters der Auslandsvertretung der DDR in Argentinien. Aus gesundheitlichen Gründen endete seine Auslandstätigkeit.

Von 1965 bis 1982 war Hempel auch als Inoffizieller Mitarbeiter der Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) unter dem Decknamen Maler und der Registriernummer XV/3578/65 tätig. Er lieferte Einschätzungen zu den Staaten, in die er entsandt worden war und recherchierte, unter anderen auf jüdischen Friedhöfen, nach Namen und Biographien, die für Falschidentitäten von MfS-Agenten genutzt werden konnten.

Nach seiner Auslandstätigkeit wurde Hempel Länderbearbeiter für Kolumbien und Ecuador in der Abteilung Lateinamerika im MfAA und war ab 1. März 1983 im Sektor für gesamtlateinamerikanische Fragen im Rang eines Botschaftsrates tätig. Im Juni 1984 endete seine Tätigkeit im MfAA wegen eines schweren Herzleidens. Er hielt aber weiterhin Kontakte ins Ministerium, so auch zum damaligen Außenminister Oskar Fischer, die beide ihre Herkunft aus dem Sudetenland verband. Auch hatte er weitere Kontakte zu Mitgliedern des Zentralkomitees der SED und gelegentlich auch zu Angehörigen des Politbüros, unter anderen in das Umfeld des späteren Generalsekretärs Egon Krenz. Hempel war ebenfalls mit einem Russisch-Dolmetscher befreundet, der an Treffen von Politikern der DDR und der Sowjetunion teilnahm.

Als Invalidenrentner durfte Hempel auch vor Vollendung des 65. Lebensjahres in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet reisen. So bot er sich im Februar 1989 dem Landesamt für Verfassungsschutz Berlin (LfV Berlin) selbst an, weil er nach eigenen Angaben enttäuscht sei über die ihm verweigerte medizinische Hilfe für seine Herzerkrankung, aber auch mit der DDR-Führung im Allgemeinen. Nach einem zweiten Treffen im März 1989 informierte das LfV Berlin den BND-Residenten in Berlin über den Selbstanbieter. Der BND war beim dritten Treff am 28. und 29. März 1989 mit zwei erfahrenen Verbindungsführern anwesend. Hempel wurde zur nachrichtendienstlichen Verbindung und Spitzenquelle des BND unter dem Decknamen Enrico. Es folgten mindestens 30 weitere Treffs. Hempel lieferte 600 Rohmeldungen, aus denen 150 Ausgangsmeldungen entstanden, davon 54 als Spitzeninformationen für das Bundeskanzleramt und 30 mit dem Vermerk besonders wertvoll. Seine Berichte wurden unter Leo I und Leo II abgesetzt; Aufklärungswünsche kamen von den Referaten 32C und 32B der Abteilung 3 (Auswertung) des BND.

Die Hauptabteilung II (Spionageabwehr) des MfS legte den Operativvorgang Condor zu Hempel an wegen zuverlässiger Informationen, er unterhalte geheimdienstliche Verbindungen zum BND – bereits am 20. März 1989 vor dem ersten Treff mit dem BND. Die Information stammte wahrscheinlich von einer nicht enttarnten Innenquelle des MfS im LfV Berlin. Im April oder Mai 1989 erfuhr die HV A von Gabriele Gast, Innenquelle im BND, über die mit Leo I und Leo II gekennzeichneten Quellenberichte mit Details aus der SED-Führung. Dennoch brachte das MfS dies offenbar nicht mit Condor in Verbindung und führte den Vorgang nicht mit Vorrang.

Hempel meldete dem BND zu der geringen Harmonie zwischen Erich Honecker und Michail Sergejewitsch Gorbatschow, dass die Sowjetunion nicht beabsichtige, im Falle innerer Unruhen in der DDR einzugreifen, der Notwendigkeit von tiefgreifenden Reformen, den Spannungen in der SED, den Umfang der Wahlfälschung der Kommunalwahlen in der DDR 1989, der zunehmenden Kritik an Honecker innerhalb der SED-Führung und einer Geheimrede vom Minister für Staatssicherheit Erich Mielke.

Hempel erhielt insgesamt etwa 43.000 DM Agentenlohn und zu seiner Abschaltung am 18. Dezember 1990 einen gebrauchten Audi 80. Bereits Tage später erlitt er damit einen Straßenverkehrsunfall mit einem Lastkraftwagen und infolgedessen einen schweren Schlaganfall. Von diesem erholte er sich nicht und verstarb wenige Jahre später im Alter von 64 Jahren.[1][2]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Peter Hell: Rentner Erich war Top-Spion des Westens in der DDR. In: bild.de. 27. Oktober 2024, abgerufen am 10. November 2025.
  2. Norbert Koch-Klaucke: Vor 35 Jahren: Warum Genosse Erich H. die DDR an den Westen verriet. In: Berliner Kurier. 30. Oktober 2024, abgerufen am 10. November 2025.