Erhard Blankenburg

Erhard Rudolf Blankenburg (* 20. Oktober 1938 in Duisburg; † 28. März 2018 in Amsterdam[1]) war ein deutscher Rechtssoziologe und Professor für Soziologie an der Freien Universität Amsterdam.

Leben und Werdegang

Erhard Blankenburg, Sohn von Anna Blankenburg, geborener Schlang, und des Direktors Kurt Blankenburg, studierte von 1958 bis 1960 Philosophie, Soziologie und deutsche Literatur (bzw. Germanistik) an der Universität Freiburg und der Freien Universität Berlin. Es folgten von 1960 bis 1962 Graduate Studies und eine Tätigkeit als Forschungsassistent am Department of Sociology der University of Oregon. Er studierte dann Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Universität Basel von 1963 bis 1964 und schloss sein Studium an der University of Oregon als Magister of Arts 1965 ab.

Seine Promotion zum Dr. phil. erfolgte an der Universität Basel 1966. Als Assistent am Institut für Soziologie der Universität Freiburg arbeitete er von 1966 bis 1968. Von 1969 bis 1971 war er Organisationsberater beim Quickborner Team in Hamburg beim Bundeskanzleramt in Bonn und beim Bundestag in Bonn. Danach arbeitete Blankenburg von 1971 bis 1972 in Basel als Senior-Projektleiter bei der Prognos AG in Basel. 1973/1974 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Die Habilitation für das Fach Soziologie erwarb er 1974 an der Universität Freiburg. Blankenburg war von 1975 bis 1980 Mitglied des Wissenschaftszentrums Berlin, Internationales Institut für Management und Verwaltung. 1976 wurde er außerplanmäßiger Professor.

Im Jahr 1980 bekam er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Rechtssoziologie der Vrije Universiteit Amsterdam. Gemeinsam mit Wolfgang Kaupen spielte er eine bedeutende Rolle bei der Neubegründung der Deutschen Rechtssoziologie in den 1970er-Jahren (Raiser 1998), ebenso, mit Volkmar Gessner, bei der Gründung des International Institute for the Sociology of Law. Er gehörte auch zu den Initiatoren und zu den Gründungsherausgebern der Zeitschrift für Rechtssoziologie. Mit Bill Felstiner organisierte er 1991 in Amsterdam das erste gemeinsame Treffen der beiden bedeutenden Vereinigungen der Rechtssoziologie (LSA und RCSL). Seine Beschäftigung mit rechtssoziologischen Themen war ungewöhnlich breit, reichte von der Soziologie der Kriminalität über die des Staatsapparates bis zu der des Zivilrechts. Blankenburg war primär Empiriker und Methodiker (vgl. seine Empirische Rechtssoziologie). Seine wichtigsten Beiträge zur rechtssoziologischen Theorie betreffen die Begriffe der „Mobilisierung des Rechts“ und der „Rechtskultur(en)“. Vor allem aber wirkte er als Koordinator, Organisator und als Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis: „Er bemühte sich nicht, eine 'Schule' zu gründen, ihm fiel es leicht, in stets wechselnden Teams mit wechselnden Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Wie kein anderer Rechtssoziologe vermochte er, erfolgreich Tagungen zu organisieren, kompetente Referenten zu gewinnen und die Veranstaltungen mit Autorität und zugleich locker zu leiten“ (Theo Rasehorn 1998, 23).

Im Jahre 2005 erhielt er den Adam Podgórecki Preis des Research Committee on Sociology of Law. In einem Nachruf des Bochumer Rechtssoziologen Klaus F. Röhl wird Blankenburgs Bedeutung wie folgt eingeschätzt: „Keiner hat wie er die empirisch-krtiisch orientierte Rechtssoziologie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland und darüber hinaus geprägt“.[2]

Erhard R. Blankenburg war verheiratet mit Viola Blankenburg, geborener Trepte. 1970[3] wurde sein Sohn Dido Blankenburg geboren.

Buchpublikationen (Auswahl)

  • Kirchliche Bindung und Wahlverhalten – Die sozialen Faktoren bei der Wahlentscheidung – Nordrhein-Westfalen 1961–1966. Walter Verlag, Olten 1967; zugleich Dissertation.
  • mit Johannes Feest: Die Definitionsmacht der Polizei. Strategien der Strafverfolgung und soziale Selektion. Bertelsmann Universitätsverlag, Düsseldorf 1972.
  • mit Hellmut Morasch und anderen: Tatsachen zur Reform der Zivilgerichtsbarkeit. J.C.B.Mohr, Tübingen 1974.
  • als Hrsg.: Empirische Rechtssoziologie. Pieper, München 1975.
  • mit Klaus Sessar und Wiebke Steffen: Die Staatsanwaltschaft im Prozess strafrechtlicher Sozialkontrolle. Duncker & Humblot, Berlin 1978.
  • als Hrsg. mit Wolfgang Kaupen: Rechtsbedürfnis und Rechtshilfe. Empirische Ansätze im internationalen Vergleich (= Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie. Band 5). Westdeutscher Verlag, Opladen 1978.
  • als Hrsg. mit Ekkehard Klausa und Hubert Rottleuthner: Alternative Rechtsformen und Alternativen zum Recht (= Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie. Band 6). Westdeutscher Verlag, Opladen 1979.
  • als Hrsg.: Politik der inneren Sicherheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1980.
  • mit Jann Fiedler: Die Rechtsschutzversicherungen und der steigende Geschäftsanfall der Gerichte. J.C.B. Mohr, Tübingen 1981.
  • als Hrsg. mit Kurt Lenk: Organisation und Recht. Organisatorische Bedingungen des Gesetzesvollzugs (= Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie. Band 7). Westdeutscher Verlag, Opladen 1981.
  • als Hrsg. mit Udo Reifner und anderen: Rechtsberatung – Soziale Definition von Rechtsproblemen durch Rechtsberatungsangebote. Luchterhand, Neuwied 1982.
  • mit Walther Gottwald und Dieter Strempel: Alternativen in der Ziviljustiz. 1982.
  • mit Volker Bauer und Hubert Treiber: Arbeitsplatz Gericht – Modellversuch zur Humanisierung der Gerichtsorganisation (= HdA Schriften. Band 41). 1983.
  • Het idee van een maatschappij zonder recht. Vrije Universiteit, Amsterdam 2002.
  • als Hrsg. mit Rüdiger Voigt: Implementation von Gerichtsentscheidungen (= Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie. Band 8). Westdeutscher Verlag, Opladen 1987.
  • als Hrsg.: Prozessflut – Indikatorenvergleich von Rechtskulturen auf dem europäischen Kontinent. Bundesanzeiger, Köln 1988.
  • als Hrsg. mit Dieter Leipold und Christian Wollschläger: Neue Wege im Zivilverfahren. Bundesanzeiger, Köln 1991.
  • mit Freek Bruinsma: Dutch Legal Culture. Kluwer, Deventer 1991.
  • Mobilisierung des Rechts – Eine Einführung in die Rechtssoziologie. Springer, Heidelberg 1995.
  • als Hrsg. mit Johannes Feest: Changing Legal Cultures. IISL, Onati 1997.
  • Legal Culture in Five Central European Countries. WRR, Den Haag 2000.

Neuere Aufsätze

  • Der Querulant als soziale Konstruktion. In: Dieter Strempel/Theo Rasehorn (Hrsg.)Empirische Rechtssoziologie. Gedenkschrift für Wolfgang Kaupen. Nomos: Baden-Baden 2002, 203-212.
  • (mit Bert Niemeijer) "Warum brauchen wir ein Verfassungsgericht?". Die niederländische Diskussion im Lichte der deutschen Erfahrung. In: Migratierecht en rechtsociologie. Liber Amicorum Prof. C.A. Gronendijk. Wolf Legal Publ.: Nijmegen 2008, 303-310.
  • Opportunistisches Recht, die Coffeeshops. Von der Duldung weicher Drogen in den Niederlanden, der unbewältigten Regulierung von Angebot und Produktion sowie der Kontrolle des Mekka-Effekts. In: Betrifft Justiz, 2009, 119-123.
  • Einführungen zur Rechtssoziologie als zeitgemäße Modelle von Gesellschaft. In: Zeitschrift für Rechtssoziologie 32 (2011), 243-257.
  • Failures of war tribunals : from Leipzig, Nuremberg, and Tokyo to Milosevic and Saddam Hussein. 2011. In: Law, society and history : themes in the legal sociology and legal history of Lawrence M. Friedman / Robert W. Gordon and Morton J. Horwitz (eds.). -- Cambridge; New York : Cambridge University Press, 2011, 137-145.
  • Push and pull of judicial demand and supply. In: Michele und Henrik Schmiegelow (Hrsg.) Institutional competition between common law and civil law: theory and policy. Springer: Heidelberg 2014, 299-322.
  • Mobilization of the German Federal Constitutional Court. In: Ralf Rogowski und Thomas Gawron (Hrsg.) Constitutional Court in Comparison: The US Supreme Court and the German Federal Constitutional Court. Berghahn: New York/Oxford 2016, 92-108.

Über Erhard Blankenburg

  • Obituary von Johannes Feest, in: Newsletter of the Research Committee on Sociology of Law [1]
  • Nachruf von Klaus F. Röhl: Rechtssoziologie-Blog, 2018
  • Nachruf von Vincenzo Ferrari: "Erhard Blankenburg: in memoriam". In: Oñati-IISL eNewsletter, No. 54 (April 2018).
  • Jürgen Brand/Dieter Strempel (Hrsg.) Soziologie des Rechts. Festschrift für Erhard Blankenburg zum 60. Geburtstag. Baden-Baden: Nomos 1998.
  • Helmut Morasch:Blankenburg im Internet. Virtuelle Formen zur Zukunft der Rechtssoziologie. In: Festschrift (s.o.), 1-10.
  • Thomas Raiser: Die Entstehung der Vereinigung für Rechtssoziologie. In. Festschrift (s.o.),11-18.
  • Theo Rasehorn: Ein Richter fiel unter die Rechtssoziologen. Erinnerungen an Erhard Blankenburg und andere Rechtssoziologen. In: Festschrift (s.o.), 19-28.
  • Dieter Strempel: Erhard Blankenburg – ein Paradigma für die gesamte Rechtssoziologie: inhaltlich erfolgreich, institutionell erfolglos. In: Festschrift (s.o.), 29-42.
  • Pieter Ippel: The Morality of Empiricism. In: Festschrift(s.o.), 79-87.
  • Ralf Rogowski: Nachruf auf Erhard Blankenburg (1938–2018). In: Zeitschrift für Rechtssoziologie. Band 38, Nr. 1, 2018, ISSN 0174-0202, S. 168–172, doi:10.1515/zfrs-2018-0013 (degruyter.com).
  • Blankenburg, Erhard Rudolf. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 105.

Einzelnachweise

  1. Todesanzeige, abgerufen am 18. April 2018, vgl. auch Festschrift zum 60. Geburtstag in der Google-Buchsuche
  2. Klaus F. Röhl: Zum Tode von Erhard Blankenburg. rsozblog.de, abgerufen am 29. März 2019.
  3. www.virtual2020.ftthconference.eu.