Erdhütte
Eine Erdhütte (englisch: Earth lodge) ist ein in Teilen unterirdisches Gebäude der Indianer Nordamerikas, dessen Dach teilweise oder vollständig mit Erde bedeckt ist und vor allem aus den indianischen Volksstämmen der Great Plains und der Eastern Woodlands bekannt ist. Die meisten Erdhütten sind rund mit einem Kuppeldach, oft mit einer zentralen oder leicht versetzten Öffnung als Rauchabzug und haben eine Feuerstelle im Zentrum.[1] Erdhütten sind von den sesshafteren Stämmen der Plains wie den Hidatsa, Mandan, Pawnee, Ponca, Omaha, Oto und Arikara bekannt, wurden aber auch archäologisch an Fundstellen der Mississippi-Kultur im Osten der USA nachgewiesen.
Geschichte
Die ersten Erdhütten wurden in der Mississippi-Kultur um 900 n. Chr. errichtet.[2] Sie besaßen jedoch im Gegensatz zu den späteren Hütten vermutlich keinen Rauchabzug. Außerdem hatten sie häufig einen zeremoniellen Zweck.
Die Pawnee bauten um das Jahr 1250 die ersten Erdhütten und behielten deren Bauweise über 700 Jahre bei.[3] Diese Hütten entstanden im heutigen Nebraska und Kansas. Auch die angrenzenden Indianerstämme der Omaha, Ponca und Oto bauten etwa zur gleichen Zeit ähnliche Behausungen im Osten von Kansas und Nebraska sowie in Teilen von North Dakota.[4] Die Bauweise der Hütten benachbarter Stämme glich sich häufig.
Schließlich bauten auch die Mandan, Hidatsa und Arikara ähnliche Hütten.
Karl Bodmer schuf mehrere Aquarelle der Erdhütten der Mandan, die im Buch Die Reise in das innere Nord-Amerikas: Die Jahre 1832-1834 veröffentlicht wurden.
Beschreibung
Erdhütten wurden typischerweise in Flechtwerk- und Lehmbauweise mit einer dicken Erdschicht errichtet. Die kuppelartige Form der Erdhütte wurde durch die Verwendung abgewinkelter (oder sorgfältig gebogener) Baumstämme erreicht. Während des Baus wurde ein Loch einige Meter unter dem Bodenniveau ausgeboben und eingeebnet. Anschließend wurden meist vier oder mehr Ständerbalken in einem Kreis um die Feuerstelle angeordnet und mit mehreren Unterzugsbalken verbunden.
Eine weitere Reihe vertikaler Stützpfosten diente als Stütze für die stärker abgeschrägten Außenwände. Schließlich wurden dann mehrere Deckenbalken kegelförmig an der Balkenkonstruktion befestigt. Sie liefen oben allerdings nicht zusammen, sondern wurden so eingekürzt, dass ein etwa ein Meter großer Rauchabzug offen blieb. So entstand das charakteristische Oberlicht. Der Schwerpunkt der Balken befand sich außen und wurde durch Erde verstärkt. So wurde verhindert, dass die Konstrunktion nach innen zusammenbrach.
Den Eingang der Hütte bildete ein Tunneltor, das aus mehreren freiliegenden Rundhölzern bestand. Es war häufig auch mit Erde bedeckt. Das Tor war oft mindestens 1,5 Meter lang, wobei die Länge von dem Radius der Hütte und der daraus resultierenden Dicke der Außenwand abhing. Die Erdhütten waren ein ausgezeichneter Schutz gegen Wind. Der Bewuchs schützte die Erde außerdem vor Erosion. Erdhütten enthielten oft auch mit Gräsern ausgekleidete Gruben, in denen getrocknetes Gemüse gekühlt und gelagert wurden.
Nachdem eine dicke Schicht aus dünnen Stöcken oder Schilf auf die Tragbalken gelegt worden war, wurde oft eine Schicht Stroh als Wärmedämmung verwendet. Die Konstruktion wurde dann vollständig mit Erde bedeckt. Häufig war sie mit Gräsern bewachsen. Die Erdschicht und das teilweise unterirdische Fundament isolierte sowohl gegen die extremen Temperaturen der Prärie im Sommer als auch gegen die Kälte im Winter. In der Mitte der Erdhütte lag eine Feuerstelle, über der sich der Rauch-Abzug befand. Dieses Öffnung konnte bei schlechtem Wetter mit einem Bullboat abgedeckt werden. Der Bau neuer Hütten und die Reparatur alter Hütten fand üblicherweise im Frühjahr statt. Vor allem wurde Pappelholz verwendet, da es sehr weich und leicht zu behauen ist. Aufgrund der hohen Holzfeuchte des Pappelholzes mussten die Erdhütten meist alle sechs bis acht Jahre neu gebaut werden.
Die Bauweise der Erdhütten ermöglicht es, eine große Fläche zu überspannen. Bewohnte Erdhütten hatten einen Durchmesser von etwa 12 Metern. Sie konnten aber auch einen Durchmesser von bis zu 18 Metern haben, wobei die zeremoniellen Erdhütten mitunter sogar einen Durchmesser von bis zu 27 Metern erreichen konnten. Ihre Größe wird durch die Länge der verfügbaren Baumstämme begrenzt. In einer Erdhütte konnten eine oder mehrere Familien leben.
Erdhütten waren im Gegensatz zu Tipis, die leicht und transportabel waren, dauerhafte Bleiben. Nach dem Einsturz einer Erdhütte wurde sie jedoch häufig an der gleichen Stelle aus neuem Material wiederaufgebaut.[5]
Verbreitung
Erdhütten wurden oft neben den Äckern der Stämme errichtet. Während der Jagdsaison lebte die Bevölkerung jedoch in Tipis.
Eine rekonstruierte Erdhütte kann unter anderem in Lake Park in Glenwood, Iowa, besichtigt werden. Die Rekonstruktion eines Dorfes, das vollständig aus Erdhütten besteht, befindet sich in New Town, North Dakota und ist Teil des Fort Berthold Reservation. Das Dorf besteht aus sechs Erdhütten und einer großen zeremoniellen Hütte. Die Anlage ist öffentlich zugänglich und liegt westlich von New Town. Das Dorf ist der Teil der kulturellen Wiederbelebung der drei angeschlossenen Stämme des Fort Berthold Reservations. Es ist das einzige Dorf seiner Art, das von den Mandan, Hidatsa und Arikara seit über 100 Jahren errichtet wurde.
Heute existieren weltweit Nachbauten der Erdhütten – in Deutschland zum Beispiel im El Dorado bei Templin in Brandenburg.
Mississippi-Kultur
Der Ursprung der Erdhütten liegt wahrscheinlich im 9. Jahrhundert.[2]
Erdhütten der Mississippi-Kultur entstanden häufig zusammen mit Mounds. Sie befanden sich entweder am Fuß des Mounds oder auf dem Gipfel. Unter anderem gab es Erdhütten auf dem Gelände des Town Creek Indian Mound und einiger Hügel am Ocmulgee Mounds National Historical Park.[2]
Mandan
Die Erdhütten der Mandan sind vor allem durch Karl Bodmers Zeichnungen bekannt. Eines der bekanntesten Dörfer der Mandan war Mitutanka. Es wurde sowohl von Maximilian zu Wied-Neuwied und Karl Bodmer, als auch von George Catlin, der dort etwa einen Monat lang lebte, besucht. Catlin und Bodmer fertigten während ihres Aufenthalts mehrere Zeichnungen an.
Die Erdhütten der Mandan waren am Oberlauf des Missouri und seiner Nebenflüsse, dem nördlichen Knife River und dem Heart River, verbreitet. Häufig wurden sie an Orten mit fruchtbaren Böden errichtet.[6] Nach der Pockenepidemie 1837 ging der Bau der Erdhütten der Mandan drastisch zurück.
Hidatsa
Der Groundhouse River im Kanabec County, Minnesota, wurde vermutlich nach den Erdhütten der Hidatsa benannt, die in der Gegend gelebt hatten, bevor sie von den Sioux westwärts zum Missouri River vertrieben wurden. Auch bei den Hidatsa ging der Bau der Erdhütten nach der Pockenepidemie 1837 stark zurück. Die verschiedene Stämme vereinigten sich darum und bauten das Dorf Like-a-Fishook.[7]
Bei den Hidatsa waren die Männer nur für die Balkenkonstruktion zuständig. Die restliche Arbeit wurde von Frauen erledigt. Daher galt eine Hütte als Eigentum der Frau, die sie ausgestattet hatte.[5]
Bilder
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Erdhütte der Mississippi-Kultur im Ocmulgee Mounds National Historical Park
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Innenraum einer Erdhütte der Mississippi-Kultur
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George Catlin: Erdhütten der Mandan in Mitutanka (1832)
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George Catlin: Schneidezeremonie der Mandan O-kee-pa, ein Initiationsritus für Männer (1832)
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Grundriss einer typischen Erdhütte der Mandan
Siehe auch
Literatur
- Peter Nabokov, Robert Easton: Native American Architecture. Oxford University Press Inc, 1989, ISBN 978-0-19-503781-4.
- Maximilian Prinz zu Wied, Karl Bodmer: Die Reise in das innere Nord-Amerikas: Die Jahre 1832-1834. Taschen Verlag, ISBN 978-3822812440.
Weblinks
- John R. Bozell: Earth Lodges. Eintrag bei Encyclopedia of the Great Plains.
Einzelnachweise
- ↑ earth lodge: Meaning and Definition. In: Infoplease. Abgerufen am 5. Mai 2025 (englisch).
- ↑ a b c Michael Caputo: Ocmulgee Mounds Push Toward Becoming A National Historic Park. 7. Juli 2016, abgerufen am 23. September 2025 (englisch).
- ↑ Gene Weltfish: The lost universe: Pawnee life and culture. Lincoln : University of Nebraska Press, 1977, ISBN 978-0-8032-0934-3 (archive.org [abgerufen am 23. September 2025]).
- ↑ Earth Lodges and Tipis. In: NebraskaStudies. Abgerufen am 12. Mai 2025.
- ↑ a b EARTH LODGE: Hidatsa, Mandan, Arikara traditional large earth-sheltered Plains homes. 23. Mai 1997, archiviert vom am 22. November 2011; abgerufen am 5. Mai 2025.
- ↑ Melissa Butcher: Mandan. In: Little Missouri Headwaters Cultural Heritage Project. 11. Februar 2018, abgerufen am 23. September 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ John W. Willis, Newton H. Winchell: The Aborigines of Minnesota and their Migrations: (History of USA). 1. Auflage. University of Washington Press, 2016, ISBN 978-2-36659-270-2 (englisch).