Engelsina Sergejewna Tscheschkowa

Engelsina „Gelja“ Sergejewna Tscheschkowa (russisch Энгельсина Сергеевна Чешкова, geborene Markisowa (Маркизова); * 16. November 1928 in Wechneudinsk, Burjatische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik; † 11. Mai 2004 in Antalya, Türkei) war eine burjatische Historikerin und Orientalistin. Engelsinas Vater wurde Opfer der Stalinschen Säuberungen, woraufhin ihr Familien- und Vatersname geändert und sie unter verschiedenen Namen bekannt wurde.

Ein Foto, das sie 1936 bei der Übergabe eines Blumenbouquets an Josef Stalin zeigte, wurde millionenfach gedruckt und in der Sowjetunion zur Propaganda genutzt.[1]

Kindheit

Gelya Markizova kam 1928 im heutigen Ulan-Ude als Tochter des sowjetischen Partei- und Staatsfunktionärs Ardan Markisow (1898–1938) und der Medizinerin Dominika Fjodorowna Markizowa geboren. Ihr Vater war ab 1936 Volkskommissar für Landwirtschaft der Burjatisch-Mongolischen ASSR sowie zweiter Sekretär des regionalen Parteikomitees. Die Familie gehörte zur regionalen sowjetischen Funktionselite. Gelya wurde nach Friedrich Engels benannt; ihr älterer Bruder nach Wladimir Lenin.[2]

Im Januar 1936 nahm Engelsina Markizowa im Alter von sieben Jahren gemeinsam mit ihren Eltern an einem offiziellen Empfang einer Delegation der Burjatisch-Mongolischen ASSR im Kreml teil, der ihr Vater angehörte. Während der Veranstaltung überreichte sie Josef Stalin einen Blumenstrauß und wurde von ihm kurz hochgehoben. Die Szene wurde von einem anwesenden Fotografen festgehalten. Das Foto entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem zentralen Propagandabild der Stalinzeit. Es fand weite Verbreitung in Schulen, Kindergärten und anderen öffentlichen Einrichtungen.[1]

Nach der Verhaftung ihres Vaters im Jahr 1937 und seiner Hinrichtung im Juli 1938 galt Markizowa als Tochter eines „Volksfeindes“. Ihre Mutter wurde inhaftiert, anschließend nach Südkasachstan deportiert und starb dort unter ungeklärten Umständen. In der Folge ersetzte die sowjetische Propaganda die Identität des auf den Bildern dargestellten Kindes. Mit Beginn der Entstalinisierung nach 1953 verschwanden diese Darstellungen schrittweise aus dem öffentlichen Raum.[3]

Weiteres Leben und Tod

Nach dem Tod ihrer Mutter zog Engelsina Markizowa um 1941 gemeinsam mit ihrem Bruder nach Moskau. Dort wurde sie von ihrer Tante und deren Ehemann adoptiert, erhielt den Familiennamen Dorbeewa sowie ein neues Patronym. In den 1940er Jahren lebte Markizowa zeitweise in Joschkar-Ola, wo sie 1947 ein Studium am Staatlichen Pädagogischen Institut begann. Ein Jahr später wechselte sie an die Historische Fakultät der Moskauer Staatsuniversität, wo sie unter anderem gemeinsam mit Stalins Tochter Swetlana Iossifowna Allilujewa studierte. Nach eigenen Aussagen blieb der Kontakt distanziert. Die öffentliche Erinnerung an das propagandistische Bild ihrer Kindheit spielte in ihrem weiteren Leben zunächst keine Rolle.[1]

Nach dem Studium arbeitete Markizowa unter anderem im Schul- und Hochschulbereich, im Außenministerium der UdSSR, am Institut für Orientalistik der Akademie der Wissenschaften sowie in der W.-I.-Lenin-Bibliothek. Sie war mit der späteren Dissidentin Ljudmila Michailowna Alexejewa befreundet. Markizowa war zweimal verheiratet und hatte eine Tochter und einen Sohn.[2]

Engelsina Markizowa starb am 11. Mai 2004 während eines Urlaubs in Antalya (Türkei) an einem Herzinfarkt.[4]

Rezeption

Das 1936 entstandene Foto von Engelsina Markizowa mit Josef Stalin wurde unmittelbar nach seiner Veröffentlichung zu einem der bekanntesten Bildmotive der stalinistischen Propaganda. Es erschien auf den Titelseiten zentraler sowjetischer Zeitungen wie Iswestija und Prawda und wurde in Form von Plakaten, Reproduktionen und Kunstwerken millionenfach verbreitet. Das Motiv galt als Sinnbild der offiziellen Darstellung Stalins als „Freund der Kinder“ und wurde über Jahre hinweg in Schulen, Kindergärten und öffentlichen Einrichtungen verwendet.[5] Zeitgenössische Darstellungen beschrieben Markizowa als „glücklichstes Mädchen der Sowjetunion“ und stilisierten sie zu einer exemplarischen Figur sowjetischer Kindheit.

Der Bildhauer Georges Lavroff schuf eine bekannte Statue, die er nach der Fotografie „Danke Genosse Stalin, für unsere glückliche Kindheit!“ nannte.[6]

Während der Perestroika rückte Markizowas Lebensgeschichte erneut in den Fokus von Medien und Öffentlichkeit.[2] In Interviews und Dokumentarfilmen äußerte sie sich erstmals ausführlich zu ihrer Biografie, insbesondere zu den Repressionen gegen ihre Familie und zur propagandistischen Vereinnahmung ihrer Kindheit. Nach ihrem Tod im Jahr 2004 erschienen weitere journalistische Beiträge und kulturhistorische Arbeiten, die ihr Schicksal im Kontext der stalinistischen Repressionspolitik und der sowjetischen Erinnerungskultur behandelten. Ein geplanter Dokumentarfilm über ihr Leben wurde postum fertiggestellt und trug zur erneuten Rezeption ihrer Biografie im postsowjetischen Raum bei.[7]

Einzelnachweise

  1. a b c Lee Hockstader: From A Ruler's Embrace To A Life In Disgrace. In: The Washington Post. 10. März 1995, abgerufen am 8. Januar 2026.
  2. a b c Ljudmila Alexejewa: Pokolenije ottepeli. In: Sacharow-Verlag. Archiviert vom Original am 4. Oktober 2013; abgerufen am 8. Januar 2026.
  3. Henry Allen: Uncle Joe Stalin’s Very Dark Darkroom. In: The Washington Post. 10. Oktober 1999, abgerufen am 8. Januar 2026.
  4. Das glücklichste burjatische Mädchen fürchtete die Erinnerungen. In: regions.ru. 3. Februar 2006, archiviert vom Original am 7. Oktober 2013; abgerufen am 8. Januar 2026.
  5. Kelly, Catriona: Children’s World. Growing Up in Russia, 1890–1991. Yale University Press, New Haven / London 2007, ISBN 978-0-300-11226-9, S. 106.
  6. Anastassija Gnedinskaja (Анастасия Гнединская): Stalin prigoworil schtschastliwoje detstwo. In: MK.ru. Moskowski Komsomolez, 18. Mai 2009, abgerufen am 8. Januar 2026.
  7. Anatoly Alai: Documentary film director Anatoly Alay: I was removed from filming in Chernobyl and deducted money for the film. In: Komsomolskaya Pravda v Belarusi. Abgerufen am 8. Januar 2026.