Engelberger Bergsturz

Der Engelberger Bergsturz fand vor ca. 15'000 Jahren[1] auf dem heutigen Gemeindegebiet von Engelberg statt. Mit einem geschätzten Volumen von 2,5 bis 3 Kubikkilometern[2] ist er der drittgrösste Bergsturz der Schweizer Alpen, nach dem Flimser Bergsturz und dem Bergsturz von Sion.[3]

Beschreibung

An der Nordflanke des Titlis stand der Trüebsee-Hahnen, der auf allen Seiten frei erodiert war und dem Hahnen auf der anderen Talseite ähnelte. Er war lediglich im Süden mit dem heutigen Gerschniberg verankert. Der höchste Punkt der Abrissfläche liegt heute am Laubersgrat auf 2445 m ü. M. Zuoberst besteht die Abrissfläche noch aus Mergelsteinen und Kalkbrekzie. Darunter folgt eine kleine Hangschuttablagerung und darunter dann die grosse Mikrit-Schicht, welche bis auf eine Höhe von ca. 1800 m ü. M. an der Oberfläche liegt und unterhalb vom Bergsturzmaterial begraben ist.[4] Die Abrissfläche hat im oberen Teil eine Neigung von ca. 30 Grad.

Das Bergsturzmaterial bewegte sich vorerst gegen den Talausgang Richtung Nordwesten, wo man heute die grossen Ablagerungen der Stöckalp und der Unteren Trüebsee-Alp findet. Die Masse traf schliesslich auf den Scheideggstock und den Zingelschafberg und wurde in den Talausgang abgelenkt, welchen sie so verbarrikadierte. Durch diese Ablenkung erreichte die Schuttmasse das nur 1,7 km nördlich liegende Obermatt, eine kurze Distanz für Schuttvolumen von diesem Ausmass. Im Horbistal nordöstlich von Engelberg findet man heute Schuttablagerungen bis auf eine Höhe von ca. 1500 m ü. M.[4] Der Engelberger Geologe Paul Hess hat dazu folgende Theorie: Der oberste Teil des Trüebsee-Hahnen bestand, wie der Hahnen gegenüber, hauptsächlich aus Gesteinen des Oberjuras, wohingegen dessen Basis bis zur Abrissfläche aus Gesteinen des Unter- und Mitteljuras bestand. Letztere findet man in Schuttform im Westen des Ablagerungsgebiets, also in Richtung Talausgang. Im Horbistal hingegen findet man hauptsächlich Kalkbrekzien aus dem Oberjura. Dies führt zu Hess’ Theorie, dass der oberste Teil des Berges nicht mit dem Rest nach Nordwesten, sondern eigenständig Richtung Norden abgestürzt ist, dadurch eine deutlich steilere Rutschphase hatte und mit der zusätzlichen kinetischen Energie am gegenüberliegenden Hang zur grössten Brandung der Schweizer Alpen führte (vom ehemaligen Talboden aus ca. 500 bis 800 Meter). Diese Theorie wurde auch von Paul Arbenz, Hess’ Professor, bestätigt.[3]

Der Talausgang war durch die Schuttmassen versperrt, und das Wasser der Engelberger Aa sammelte sich dahinter zu einem natürlichen Stausee an. Über den Fluss wurde Material in den See eingetragen, welches ihn füllte. Das Resultat ist der flache Talboden, auf dem später Engelberg erbaut wurde. Mit den Resultaten der sechs Bohrungen des Elektrizitätswerks Luzern-Engelberg konnte diese Theorie bestätigt werden: bis in eine Tiefe von 65 Metern stiess man nie auf Bergsturzmaterial, sondern hauptsächlich auf Sand und Schottermaterial. Die Schuttmassen werden erst ab einer Tiefe von 80 Metern erwartet, der ursprüngliche Talboden im Westen erst zwischen 200 und 250 Metern Tiefe.

Datierung

Im Gegensatz zum Flimser Bergsturz lässt die Datierung des Engelberger Bergsturzes einige Fragen offen. Es wurden weder C-14- noch OSL- oder Expositionsdatierungen vorgenommen. Hess, Arbenz und Heim stellten im frühen 20. Jahrhundert die Theorie eines interglazialen Bergsturzes auf. Demnach wäre der Trüebsee-Hahnen noch vor der Würm-Kaltzeit ins Tal gestürzt.[3] Es scheint jedoch unwahrscheinlich, dass Ablagerungen eines Bergsturzes die ganze Würm-Kaltzeit von beinahe 100'000 Jahren überstanden haben. Bergsturzmaterial hat üblicherweise eine sehr viel kürzere «Überlebensdauer», wenn es von Eis erodiert wird.[5]

Neuere Einschätzungen stufen den Bergsturz entweder als spät- oder postglazial ein, also vor ca. 15'000 Jahren.[1] Einige Moränenspuren findet man noch auf den Schuttmassen, was für einen Zeitpunkt während des Rückzugs der Gletscher spricht. Während kurzer Vorstossphasen wurde die oberste Schicht so leicht verformt.[6]

Siehe auch

Commons: Engelberger Bergsturz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Beat Christen: Wenn die Berge ihren Halt verlieren. In: St. Galler Tagblatt. 18. Juni 2025, abgerufen am 29. Juli 2025.
  2. Engelberger Bergsturz. In: Strati.ch. Abgerufen am 30. Juli 2025.
  3. a b c Paul Hess: Der prähistorische Bergsturz von Engelberg. In: Engelberger Dokumente. Nr. 19, 1986.
  4. a b GeoCover – Vector Datasets. In: map.geo.admin.ch. swisstopo, 1. Juni 2022, abgerufen am 30. Juli 2025.
  5. Stuart A. Dunning, Nicholas J. Rosser, Samuel T. McColl, Natalya V. Reznichenko: Rapid sequestration of rock avalanche deposits within glaciers. In: Nature Communications. Band 6, Nr. 1, 19. August 2015, ISSN 2041-1723, doi:10.1038/ncomms8964, PMID 26286361, PMC 4560769 (freier Volltext) – (nature.com [abgerufen am 30. Juli 2025]).
  6. Paul Arbenz, Schweizerische Naturforschende Gesellschaft, Schweizerische Geologische Kommission: Geologische Karte des Gebirges zwischen Engelberg und Meiringen. 1905-1909. 1911.