Endphaseverbrechen Nestelbach
Das Endphaseverbrechen in Nestelbach bezeichnet die Erschießung von sowjetischen Kriegsgefangenen und ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern im April 1945 in Nestelbach bei Graz. Im Zuge der versuchten Errichtung eines Südostwalls zwischen Jänner und April 1945 waren sie von Angehörigen der SS-Division "Wiking" und des Volkssturmbataillon „Aufgebot 61/3“ aus einem Transport im Rahmen der „Todesmärsche“[1] abkommandiert worden, um Schanzarbeiten zu leisten.
Vorgeschichte
In den letzten Monaten des Jahres 1944 war der Vormarsch der Roten Armee an der Ostfront nicht mehr aufzuhalten. Mit unterlegenen Kräften und mangelhafter Ausrüstung führten die aus unterschiedlichen Verbänden zusammengestellten Reste der Deutschen Wehrmacht, der Waffen-SS und in einigen Gebieten auch des Volkssturmes verlustreiche hinhaltende Gefechte und mitunter zum Scheitern verurteilte Gegenangriffe, durch die ein Sieg der sowjetischen Truppen im Osten und der Alliierten im Westen verzögert werden sollte. Im Jänner 1945 erreichten jene das ungarische Grenzgebiet im Raume von Komárom. Die Hauptstoßrichtung der anrückenden Kräfte war wohl auf Wien gerichtet; allerdings wurde auch ein weiterer Angriff in Richtung auf die strategisch wichtige steirische Landeshauptstadt Graz vorgetragen, um deutsche Verteidigungskräfte zu binden. Daher wurde östlich von Graz an geeigneten Stellen mit der Errichtung von Verteidigungsstellungen begonnen.
Aufgrund der geographischen Lage (ein Flaschenhals für den Vormarsch motorisierter Verbände und günstige Geländebedingungen für den Stellungsbau) wurde der Großraum Nestelbach bei Graz für einen Abschnitt ausgewählt. Diese Arbeiten begannen ohne schweres Gerät und unter rücksichtloser Ausbeutung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern im Jänner 1945 und wurde nach dem Frontdurchbruch bei Feldbach Anfang April 1945 nochmals vorangepeitscht; befohlen war die Errichtung von Schützen- und Panzergräben im Bauabschnitt Nestelbach sowie „in der Nähe von Lassnitzhöhe“.[2]
Erschießung
Aus einem Transport im Rahmen der „Todesmärsche“ 1945 wurden Anfang 1945 wohl ca. 100 Männer zwangsweise für die Schanzarbeiten herangezogen. Sie waren zum überwiegenden Teil unter unmenschlichen Bedingungen im damaligen Gasthof Saringer einquartiert, in dem sich auch das Quartier des für diesen Zweck abkommandierten Teiles der SS-Division "Wiking" sowie Angehörige der „Organisation Todt“ befand. Einheimische, die nicht kriegsverwendungstauglich waren, mussten Bautrupps für diese Arbeiten beaufsichtigen. Die Zwangsarbeiter litten unter Unterernährung, Unterkühlung, völliger Abwesenheit von Hygiene und (angeblichem) Fleckfieber.[3]
Am 11. April 1945 trieb der Angehörige des Volkssturmes Jakob R. elf Juden, die nicht mehr arbeitsfähig waren, zum Schrattelgraben (auch: Schradlgraben) in unmittelbarer Nähe des in Bau befindlichen Panzersperrwerkes, wo sie laut Gerichtsakten von Angehörigen der SS erschossen wurden, obwohl sich einige von ihnen als arbeitswillig erklärten.[4] Am 14. April 1945 wurden weitere fünf Personen als erkrankt gemeldet, wiederum von R. in den Hof getrieben, wo sie Angehörigen der Organisation Todt übergeben wurden, die sie wiederum im Schrattelgraben erschossen hätten.
Der vor Ort tätige Arbeitstrupp unter der Aufsicht von Johann A. erhielt den Befehl, die Leichen nach Ende der regulären Arbeiten zu verscharren; dem widersetzte sich A. insofern, als er befehlswidrig unmittelbar nach dem Abgang der Täter die Toten sofort und einigermaßen würdig begrub.
1946 wurden die namentlich bekannten involvierten Personen – Jakob R., Oskar R. und Karl V. – aufgrund dieses Verbrechens angeklagt.[5] Im Zuge der Beweisaufnahme wurden zwischen 21. und 23. März 1946 die Opfer exhumiert, 15 von ihnen im Schrattelgraben, 3 weitere auf einer Wiese ca. 80 Meter nördlich des Quartiers. Danach wurde eine sachgerechte Obduktion durch Angehörige des gerichtsmedizinischen Institutes Graz durchgeführt. Diese ergab neben der Todesursache auch Anhaltpunkte für die Identifikation der Opfer; so konnten einige Personen namentlich identifiziert werden (s. u.). Die Leichen der sowjetischen Kriegsgefangenen wurden anschließend auf den Soldatenfriedhof Mühldorf bei Feldbach überführt und dort beigesetzt; von diesen 5 Personen ist nur „Wassily Memok aus der Stadt Nerechta“ namentlich bekannt.
Nach der erfolgten Obduktion wurden die 13 verbleibenden Opfer, ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter, in einem 1948 von der Gemeinde Nestelbach gewidmeten Grab am Pfarrfriedhof von Nestelbach bei Graz beigesetzt.
Erinnerungsstätte
Über dem Grab wurde ein Gedenkstein mit der Aufschrift „Den Opfern politischer Verfolgung 1945“ mit einem Davidstern errichtet. Dass an diesem Ort Opfer begraben sind, geriet zunehmend in Vergessenheit.
Im Februar 2025 fragte der Zeitzeuge Johann Häusl in der Pfarre Nestelbach an, ob anlässlich des 80. Gedenktages „wegen des Judengrabes etwas gemacht“ werde. Daraufhin wurde mit wissenschaftlichen Recherchen begonnen, in die neben dem Ortshistoriker Andreas Binder auch Christian Wessely (Institut für Systematische Theologie an der Universität Graz) und Gerald Lamprecht (Centrum für Jüdische Studien) involviert waren. Die im Steiermärkischen Landesarchiv vorhandenen Akten zum Prozess von 1946 und zum Versuch einer Wiederaufnahme 1965[6] erlaubten die zumindest teilweise Identifizierung der unter dem Gedenkstein begrabenen Personen.
Um die Grabstelle dauerhaft als solche zu markieren, betrieb die Pfarre Nestelbach die Errichtung eines Grabsteines. Durch die Unterstützung seitens des Schwarzen Kreuzes Burgenland und der Gemeinde Nestelbach konnte dieses Projekt realisiert werden. Am 1. November – zum Fest Allerheiligen und unter Anwesenheit von ca. 1.500 Personen am Friedhof – wurde die neu gestaltete Erinnerungsstätte offiziell vorgestellt.
Die zum ursprünglichen Stein hinzugefügte Platte aus dunkelgrünem Porphyr trägt die folgende Inschrift:
Hier ruhen dreizehn ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter,
die im April 1945 von SS-Männern ermordet wurden.
עשה צדקות יי ומשפטים לכל עשוקים (Psalm 103,6)[7]
László Bauer
Salamón Henzik
István László Kélémen
László Lax
R. M.
Márton Strasser
sowie sieben Männer, deren Namen in SEINE Hand geschrieben sind.
[8] תנצב״ה
Literatur
- Eleonore Lappin: Die Rolle der Waffen-SS beim Zwangsarbeitereinsatz ungarischer Juden im Gau Steiermark und bei den Todesmärschen ins KZ Mauthausen (1944/45). Aus: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Jahrbuch 2004, Wien 2004, S. 77–112, PDF.
Einzelnachweise
- ↑ Vgl. Eleonore Lappin: Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45 : Arbeitseinsatz, Todesmärsche, Folgen. Wien: Böhlau 2010.
- ↑ Quelle: Steiermärkisches Landesarchiv, Akt: 10.053/65.
- ↑ Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens 1965 behauptete einer der geladenen Zeugen, ehemaliger hoher NS-Funktionär, dass die Erschießung der Gefangenen das einzige zu Gebote stehende Mittel zur Seuchenbekämpfung gewesen sei, "da kein Gift verfügbar war". Von anderen Zeugen wurde die Fleckfieber- (bzw. Typhus-) Erkrankung bestritten. Vgl. Steiermärkisches Landesarchiv, Kt. 1894 Jg 1965, 10.053/65.
- ↑ Aktenlage in den Beständen des Steiermärkischen Landesarchives, zu 2St144/60 Aktenzeichen 3St2318/46 STA Graz.
- ↑ Landesgericht für Strafsachen Steiermark, Aktenzahl 821/46.
- ↑ Steiermärkisches Landesarchiv, Karton 1894 Jg 1965.
- ↑ "ER bewirkt Bewahrheitungen, Rechtfertigungen allen Bedrückten." (Übertragung von Martin Buber).
- ↑ Akronym: "Mögen ihre Seelen eingebunden sein in den Bund des Lebendigen!"