Emilija Škarnulytė
Emilija Škarnulytė (* 2. Juni 1987 in Vilnius, damals noch Sowjetunion) ist eine international tätige Künstlerin und Filmemacherin aus Litauen. Ihre Videoarbeiten und Installationen bewegen sich zwischen Dokumentation und spekulativer Fiktion. Sie führen durch stillgelegte Kernkraftwerke, Dunkelzonen der Tiefsee, versunkene Städte und Phänomene in Zeit und Raum. Das Interesse der Künstlerin gilt der Erforschung einer „Tiefenzeit“ und unsichtbarer Strukturen der kosmischen, geologischen, ökologischen und politischen Art[1].
Biografie
Nach der Ausbildung mit dem Schwerpunkt Grafik und nach dem Abitur 2006 an der Mikalojus-Konstantinas-Čiurlionis-Kunstschule in Antakalnis ihrer Heimatstadt studierte Emilija Škarnulytė von 2006 bis 2007 Grafik im Bachelorstudium an der Kunstakademie Vilnius, von 2007 bis 2010 an der Kunstakademie Mailand und absolvierte von 2012 bis 2013 ein Masterstudium an der Kunstakademie an der Universität Tromsø in Norwegen[1]. Sie ist Gründerin[2] und Co-Direktorin[3] des Polar Film Lab und Mitglied des Künstlerduos New Mineral Collective[4][5]. Sie war 2016/17 Artist-in-Residence am Künstlerhaus Bethanien in Berlin[2].
Familie
In einer Quelle wird erwähnt, dass Škarnulytė in ihrer künstlerischen Tätigkeit durch professionelle Sichtweisen ihrer Mutter als Architektin beeinflusst wurde[6]. Ihre Großmutter ist Protagonistin in ihrem Film Aldona (2015)[7]. Sie ist, nach der Expertise ihrer Ärzte, wahrscheinlich in Folge des Atomunfalls von Tschernobyl erblindet. Im Film erfasst sie im Grūtas-Park tastend Skulpturen, die aus der Sowjetzeit stammen.
Das Konzept der Tiefenzeit
In einem Interview[8] erläutert Emilija Škarnulytė das Konzept ihrer Filme und Installationen. Zentral ist der Begriff der "Tiefenzeit", für den beispielsweise die geologische Zeit oder die kosmische Zeit stehen. Gemessen daran ist die Zeit der menschlichen Existenz sehr kurz. Die Erde hat Narben, die ihr aus menschlicher Tätigkeit zugefügt wurden, die Emilija Škarnulytė wiederkehrend in ihren Werken darstellt. Das Konzept der Tiefenzeit ermöglicht es, diese und auch das mögliche Ende der menschlichen Existenz mit dem Blick eines Archäologen der Zukunft zu betrachten. Ein zentrales Element dabei ist das Wasser. "Aus dem Wasser kommen wir, ins Wasser kehren wir (vielleicht) wieder zurück", sagt Emilija Škarnulytė in der Präsentation ihres Filmes "T ½" im Rahmen der Bewerbung für den Future Generation Art Prize 2019.[9]
Szenen mit einer Meerjungfrau sind ebenfalls ein wiederkehrendes Motiv in Škarnulytės Werken. Mit dieser mythologischen Figur möchte sie den Zugang eröffnen zu einer dem Menschen fremden Welt, die aphotische Zone der Tiefsee. Mythen sind für sie Zeitkapseln wie der Bernstein, den Škarnulytė im Film zeigt und der Objekte über 50 Millionen Jahre erhalten kann. Die Themen von Škarnulytė sind naturwissenschaftlich fundiert. Sie hebt ihre jahrelange Zusammenarbeit mit Geologen, Archäologen, Meeresbiologen und Astrophysikern hervor, immer vor dem Hintergrund, dass sie Systeme und Strukturen, die mit menschlichen Sinnen nicht zu erfassen sind, besonders interessieren: neutrine Partikel, atomare Partikel, aphotische Unterwasserwelten.
Ausstellungen
Škarnulytė präsentierte Werke auf der Gwangju Biennale[10], der Henie Onstad Triennale, der Vilnius Biennale[11] und der Helsinki Biennale[12].
Einzelausstellungen (Auswahl)[13]:
- Kunsthaus Graz (2025/26)[14]
- Kunsthalle Trondheim (2024)[15]
- Kunsthaus Göttingen (2024)[16]
- Ferme-Asile, Sion (2023)[17]
- Tate Modern, London (2021)[18]
- Kunsthaus Pasquart, Biel/Bienne (2021)[19]
- National Gallery of Vilnius (2021)[6]
- Künstlerhaus Bethanien, Berlin (2017)[20]
- Contemporary Art Centre CAC of Vilnius (2015)[21]
Škarnulytė repräsentierte Litauen auf der XXII. Triennale di Milano und nahm am baltischen Pavillon auf der Architekturbiennale 2018 in Venedig teil[13].
Filme
Auswahl von Filmen[4]:
- Aphotic Zone (2022)[22], über Lebensformen in 4 Kilometer Meerestiefe.
- T ½ (2019)[9], der Film, für den Emilija Škarnulytė den Future Generation Art Prize 2019 erhalten hat. T ½ ist das Kürzel für Halbwertszeit.
- Mirror Matter (2018)[23]
- Sirenomelia (2018)[24]. Im Mittelpunkt steht eine stillgelegte U-Boot-Basis der NATO in arktischen Gewässern[25].
- Aldona (2013)[7]
Auszeichnungen
- 2015: Auszeichnung von Anne und Jakob Weidemann, Norwegen
- 2016: Preis des jungen Künstlers vom Kulturministerium Litauens
2017: Auszeichnung von Kino der Kunst Project, Deutschland
- 2019: Future Generation Art Prize (100.000 USD)[26] vom PinchukArtCentre in Kiew
- 2023: Ars Fennica Award[27].
Bibliographie
- Emilija Skarnulyte: Sirenomelia. Hrsg.: Andrew Berardini. MIT-Press, Cambridge, MA 2021, ISBN 978-3-95679-558-9 (englisch).
- Tanya Busse, New Mineral Collective, Emilija Škarnulytė: NEW MINERAL COLLECTIVE. The Pleasure Report. Hrsg.: Jayne Wilkinson. Mondo Books, 2024, ISBN 978-1-988860-19-0 (englisch).
Weblinks
- Emilija Škarnulytė. Fluvial Extents. In: fondation-taurus.ch. Taurus Foundation for Art and Sciences, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- Emilija Skarnulyte. 20 Videos. In: vimeo.com. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- Emilija Skarnulyte. In: imdb.com. Abgerufen am 29. November 2025.
Einzelnachweise
- ↑ a b Emilija Škarnulytė. In: evrovizion.ifa.de. Institut für Auslandsbeziehungen, abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ a b Emilija Škarnulytė. In: bethanien.de. Künstlerhaus Bethanien, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Emilija Škarnulytė Litauen. In: bethanien.de. Künstlerhaus Bethanien, abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ a b Emilija Škarnulytė. In: viennale.at. Abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ André Gali: New Mineral Collective (Tanya Busse & Emilija Škarnulytė)’s “Erotics of Counter-Prospecting”. In: e-flux.com. 24. April 2019, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Emilija Škarnulytė. Circular Time. For Aleksandra Kasuba. In: lndm.lt. National Gallery of Art, Vilnius, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Aldona, Emilija Škarnulytė. In: e-flux.com. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Video: Emilija Škarnulytė. Mitai ir žmonių palikti randai auf YouTube, abgerufen am 2. Dezember 2025 (litauisch; mit englischen Untertiteln; Laufzeit: 12:38).
- ↑ a b Video: Emilija Škarnulytė, Main Prize winner of the Future Generation Art Prize 2019 auf YouTube, abgerufen am 2. Dezember 2025 (englisch; Laufzeit: 2:59).
- ↑ Emilija Škarnulytė. In: gwangjubiennale.org. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Rosana Lukauskaitė: Artist Emilija Škarnulytė: ‘Every pixel is like clay that can be used to create space' (Interview). In: vilniusbiennial.com. 22. Januar 2023, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Emilija Škarnulytė. In: helsinkibiennaali.fi. Abgerufen am 28. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Emilija Škarnulytė. In: sieshoeke.com. Sies + Hoeke, Düsseldorf, abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ Emilija Škarnulytė. Waters call me home. In: museum-joanneum.at. Abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ Emilija Škarnulytė. The Goddess Helix. In: kunsthalltrondheim.no. Kunsthalle Trondheim, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Belinda Grace Gardner: Emilija Škarnulyte: Aus der Perspektive der Tiefenzeit. In: artline.org. 31. März 2024, abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ EMILIJA ŠKARNULYTĖ - RIPARIA ENGLISH VERSION. In: ferme-asile.ch. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Emilija Škarnulytė: Eternal Return. In: tate.org.uk. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Emilija Škarnulytė. Sunken Cities. In: kbcb.ch. Abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ Emilija Škarnulytė. Mirror Matter. In: bethanien.de. Künstlerhaus Bethanien, abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ Emilija Škarnulytė. QSO lens. In: cac.lt. Contemporary Art Center (CAC), Vilnius, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Camille Kaiser: Aphotic Zone. In: visionsdureel.ch. Abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ Škarnulytė, Emilija. In: kinoderkunst.de. Abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ Nadim Samman: "Sirenomelia" (Interview). In: vdrome.org. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Video Art Visions: Sirenomelia auf YouTube, abgerufen am 2. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Emilija Škarnulytė Wins $100,000 Future Generation Art Prize. In: artforum.com. 22. März 2019, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Anne Barlow: Emilija Škarnulytė Gets Prestigious 2023 ARS FENNICA Award. In: arsfennica.fi. 22. November 2023, abgerufen am 28. November 2025 (englisch).