Ella Negruzzi
Ella Negruzzi (* 11. September 1876 in Hermeziu; † 19. Dezember 1948 in Bukarest) war eine rumänische Juristin, Frauenrechtlerin und Publizistin.
Biographie
Ella Negruzzi stammte aus einer Familie von prominenten rumänischen Intellektuellen: Sie war die Tochter des Schriftstellers Leon Negruzzi (1840–1890); über ihre Mutter ist wenig bekannt.[1] Als Negruzzi 14 Jahre alt war, starb ihr Vater, und sie wie ihr Bruder Mihai, ein späterer General, wurden von ihrem Onkel Iacob Negruzzi, Professor an Universität Alexandru Ioan Cuza Iași, großgezogen. Ihr Großvater war der Politiker und Schriftsteller Constantin Negruzzi.[2] Sie heiratete George Beldiman (1879–1917), Sohn des gleichnamigen Politikers George Beldiman und von Lucia Kogălniceanu, der Tochter von Mihail Kogălniceanu. Die Ehe wurde vor 1904 geschieden, und Ella heiratete nicht erneut wieder.[3]
Negruzzi studierte an der Universität in Iași Philosophie, Geschichte und Rechtswissenschaft. 1913 unternahm sie in Iași als erste Frau in Rumänien den erfolglosen Versuch, sich für die Anwaltsprüfung anzumelden. Ihr Antrag war zunächst angenommen worden, wurde er aber später vom Berufungsgericht mit der Begründung abgelehnt, dass sie mangels Wahlrecht nicht als Anwältin tätig sein dürfe. Diese Entscheidung löste öffentliche Debatten aus.[4] Der Schriftsteller George Ranetti ergriff ihre Partei auf humorvolle Weise: „Das heißt also, dass Männer nur in der Straßenbahn höflich und galant zu Damen sind, wo sie ihnen gerne ihren Platz auf der Bank überlassen (und das auch nur, wenn sie jung und hübsch sind!), oder in Salons, wo kein Vertreter des bärtigen Geschlechts das Verbrechen begehen würde, vor einer Dame […] durch die Tür zu gehen; aber wenn es darum geht, die Verdienste einer Frau anzuerkennen, ihr elementares Recht, ihr Talent, ihre Bildung und ihre Arbeit im Kampf des Lebens einzusetzen und zu nutzen, um sich ernähren zu können und gleichzeitig der Gesellschaft nützlich zu sein, dann widersetzen wir Männer uns mit einem absoluten non possumus.“[4] Es folgte ein sechsjähriges Verfahren, bis sie schließlich im dritten Versuch 1920 als erste Rechtsanwältin in Rumänien zugelassen wurde.[2][5]
Während des Ersten Weltkriegs engagierte sich Negruzzi als freiwillige Krankenschwester an der Front.[2] 1918 war sie Mitbegründerin der „Emanciparea Civilă și Politică a Femeilor Române“ („Vereinigung für die bürgerliche und politische Emanzipation rumänischer Frauen“ AECPFR).[1] Sie setzte sich für die Bildung von Frauen und die Erwerbsrechte von Frauen ein, zumal die rumänische Regierung zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit versuchte, Frauen aus dem Arbeitsmarkt zu verdrängen. In einer Rede auf dem Kongress der AECPFR kritisierte Negruzzi diese Entwicklung. Sie schlug unter anderem den Aufbau von ländlichen Berufsschulen vor, die an Genossenschaften angeschlossen sein sollten. Auch engagierte sie sich gegen Prostitution.[6] Von 1909 bis 1916 schrieb sie für die Zeitschrift Unirea Femeilor Române, von 1933 bis 1937 arbeitete sie an der Zeitschrift Cuvântul femeilor mit, in der Debatten von feministischen Kongressen und Treffen veröffentlicht und die Ziele der Frauenbewegung in Rumänien und anderen Ländern ausführlich erläutert wurden. Weitere Artikel von ihr erschienen in Ziarul nostru.[5]
Negruzzi kämpfte für die Zulassung von Frauen nicht nur zum juristischen Beruf, sondern für die politische und soziale Gleichberechtigung der Frauen im Rumänien ein wie auch das Wahlrecht für Frauen. Auf die Frage, warum Frauen wählen sollten, antwortete sie: „Weil Frauen arbeiten, weil sie Steuern zahlen, weil es ungerecht ist, dass Frauen in einem demokratischen Land, in dem alle Bürger an der Wahl der Regierung beteiligt sind, dieses Recht nicht ausüben sollten.“[7] Mit ihrer Arbeit in feministischen Organisationen legte sie den Grundstein für die Frauenrechtsbewegung in Rumänien. Sie wurde Mitglied der Partidul Național Țărănesc (Nationale Bauernpartei) und nahm 1929 an den ersten Wahlen teil, bei denen Frauen als Kandidatinnen für Kommunalwahlen zugelassen waren. Sie gehörte zusammen mit fünf weiteren Frauen zu den ersten weiblichen Stadträtinnen.[8] Als Gemeinderätin setzte sie sich insbesondere für soziale Projekte ein.[5]
In den späten 1930er Jahren, als König Carol II. eine Diktatur errichtete, wurde die Teilnahme von Frauen am politischen Leben stillschweigend geduldet. Negruzzi gründete 1936 die Organisation „Frontul feminin“ („Front der Frauen“).[1] und weigerte sich, wie andere Frauenrechtlerinnen auch, mit dem Regime zu kooperieren. Unter anderem wurde sie Mitglied der „Gruparea Avocaţilor Democraţi“ („Gruppe der demokratischen Juristen“). Sie gehörte zu einem Team von Juristen, die die Kommunistin Ana Pauker 1935 vor Gericht vertraten.[9]
Über das Leben von Ella Negruzzi nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist wenig bekannt. Sie starb 1948 im Alter von 72 Jahren in Bukarest und wurde in der Familiengruft auf dem Friedhof „Șerban Vodă“ bestattet.[7][10]
Literatur
- Maria Bucur: Negruzzi, Ella (1876–1948). In: Francisca de Haan/Krassimira Daskalova/Anna Loutfi (Hrsg.): Biographical Dictionary of Women’s Movements and Feminisms. Central, Eastern, and South Eastern Europe, 19th and 20th Centuries. Central European University Press, 2006. JSTOR:107829
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c Marc Emmenegger: Ella Negruzzi. In: juristinnen.de. Abgerufen am 30. Dezember 2025.
- ↑ a b c Bucur, Negruzzi, Ella, S. 363.
- ↑ Ella Negruzzi și soțul ei, George Beldiman - Portrete. In: galeriaportretelor.ro. 24. November 2017, abgerufen am 31. Dezember 2025 (rumänisch).
- ↑ a b DE IERI ȘI DE AZI: Ella Negruzzi: Prima femeie avocat din România. In: deieri-deazi.blogspot.com. Abgerufen am 31. Dezember 2025.
- ↑ a b c Ella Negruzzi, lideră feministă și prima femeie avocat pledant din România ( vom 24. Februar 2024 im Internet Archive)
- ↑ Bucur, Negruzzi, Ella, S. 363/64.
- ↑ a b Mihaela Cristea: Ella Negruzzi – prima femeie avocat din România - Matricea Românească. In: matricea.ro. 9. Dezember 2021, abgerufen am 31. Dezember 2025 (rumänisch).
- ↑ Bucur, Negruzzi, Ella, S. 364.
- ↑ Alexandra Ghit: Professionals’ and amateurs’ pasts: a decolonizing reading of post-war Romanian histories of gendered interwar activism. In: European Review of History: Revue européenne d'histoire. Nr. 25:1, S. 38. doi:10.1080/13507486.2017.1376619
- ↑ Bucur, Negruzzi, Ella, S. 365.