Ella Lettre
Elisabeth „Ella“ Jenny Lettre (* 22. September 1890 in Leipzig; † 18. Januar 1976) war eine deutsche Textilkünstlerin und Unternehmerin.
Werdegang
Elisabeth Jenny, später Ella genannt, kam 1890 in Leipzig als jüngstes von acht Kindern zur Welt. Ihre leiblichen Eltern starben beide kurz nach ihrer Geburt. Sie wurde bereits als Kleinstkind von Margarete Strauß adoptiert, einer Enkelin von Joseph Meyer, dem Herausgeber von Meyers Konversations-Lexikon. Als diese 1903 den Gutsbesitzer und Major a. D. Viktor Lettre[1] heiratete, adoptierte er Ella ebenfalls. Das gehörlose Kind wuchs in einer reichen und gebildeten Familie auf, die ihr eine gute schulische Bildung in Dresden und Frankfurt am Main mit einer speziellen Förderung ermöglichte. Da Gebärdensprache nach dem Mailänder Kongress von 1880 verpönt war und im Schulunterricht nicht mehr gelehrt wurde, wurde sie rein lautsprachlich unterrichtet und musste das Lippenlesen und die Lautsprache lernen.[2] Ella Lettre galt als außergewöhnlich wissensdurstig, beherrschte das Ablesen vom Mund und die Wortsprache sehr gut[3] und lernte neben den üblichen Schulfächern auch tanzen und reiten.[4]
Ab Beginn der 1900er Jahre lebte die Familie auf Schloss Neudeck im südbrandenburgischen Landkreis Elbe-Elster.[1] Das Schloss mit den Dörfern Neudeck und Kleinrössen sowie den dazugehörigen Parkanlagen und dem Wirtschaftshof hatten ihre Adoptiveltern 1904 gekauft und umfassend erneuern lassen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges absolvierte die künstlerisch begabte Ella Lettre an der Kunstgewerbeschule Dresden eine Ausbildung in Handweberei.[3][4]
Künstlerische Tätigkeit und Handweberei
Ella Lettre wurde eine erfolgreiche Handweberin,[4] die ihr Handwerk von 1923 bis 1927 in Dresden in großem Stil betrieb. 1927 erteilte ihr das Reichspatentamt das Patent Nr. 49016 für ein „Verfahren zur Herstellung handgewebter einfacher glatter Teppiche, Matten u. dgl.“[2] Auf Wunsch ihrer um 1922 verwitweten Adoptivmutter kehrte sie 1927 aus Dresden nach Hause zurück, um dort bei der Verwaltung des Gutes zu helfen.[3] 1931 musste das Schloss verkauft werden.
Ella Lettre hatte nach ihrer Rückkehr im verbliebenen Forsthof „Waldhof Kleinrössen“ eine Handweberei eingerichtet. Daraus wurde bald ein erfolgreiches Unternehmen mit mehreren Angestellten. Sie galt als Chefin, die besonders gut zuhören konnte, fuhr Motorrad und kleidete sich in einem maskulinen Modestil.[2] Sie wirkte als Kunstschaffende im Handwerk und stellte ihre Werke auf der Grassimesse, einer museumseigenen renommierten Verkaufsmesse im Grassimuseum in Leipzig, und auf der Leipziger Messe aus.[3] Schon 1927 und 1928 war sie in den Ausstellungslisten der Grassimesse für die Frühjahrs- und Herbstmesse verzeichnet.[5][6] Sie beteiligte sich mit Wohntextilien an der Ausstellung „Wohnung und Werkraum“ des Deutschen Werkbundes 1929 in Breslau.[7] Ihre Teppiche aus handgesponnener und ungefärbter Schafwolle stellte sie 1931 auch auf der Deutschen Bauhausstellung in der Abteilung „Die Wohnung unserer Zeit“ in Berlin aus. Sie spezialisierte sich bald auf Teppiche aus ungesponnener Wolle. Auch zwischen 1932 und 1934 stellte sie Teppiche, Diwandecken und Möbelbezüge auf den Leipziger Grassimessen aus.[8]
Ella Lettre führte den Betrieb mehrere Jahrzehnte, auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges und Gründung der DDR.[1][2] In der Produktionsstätte in Kleinrössen erfolgte die Fertigung der gefragten Vorleger und Wandteppiche von Hand. Im Jahr 1971 war Ella Lettre die im Handwerk größte Arbeitgeberin im Umkreis und beschäftigte 16 Weberinnen. 1972 war sie gezwungen, im Zuge der staatlich angeordneten „Vollendung des Aufbaus des Sozialismus in der DDR“ ihren Betrieb aufzugeben. Er wurde verstaatlicht, und kurz darauf wurde die Produktion eingestellt.[4] Ella Lettre starb im Januar 1976.[3]
Ehrungen und Gedenken
Ella Lettre wurde 2014 mit der Aufnahme in das Projekt FrauenOrte Brandenburg des Frauenpolitischen Rates Land Brandenburg ausgezeichnet, das Leben und Wirken bedeutender Frauen in der brandenburgischen Geschichte sichtbar macht. Wie auch in anderen nationalen Projekten der Frauenorte werden Frauen in Deutschland und ihr Lebenswerk als historische Vorbilder geehrt.[9] Die Gedenktafel befindet sich am Naturschutzzentrum in der Dorfstraße 14 in der Nähe ihrer früheren Wirkungsstätte in Kleinrössen. ()[1][3][4]
Von Juni bis Oktober 2014 wurde „Elisabeth Jenny, genannt Ella Lettre, Ausstellungsporträt der Künstlerin und Unternehmerin Ella Lettre“ im Schloss Neudeck gezeigt.[10]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Geschichte. In: Naturschutzzentrum Kleinrössen. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ a b c d News des Frauenpolitischen Rates: #FrauenOrteFreitag: Ella Lettre. In: Frauenpolitischer Rat Land Brandenburg vom 22. September 2023. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ a b c d e f FrauenOrte-Tafel für Ella Lettre. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ a b c d e Ella Lettre. Künstlerin und Unternehmerin, 1890 – 1976. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ Archiv 1927. In: grassimesse.de. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ Archiv 1928. In: grassimesse.de. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ Ausstellungsführer Wohnung und Werkraum. Deutscher Werkbund (Hrsg.), S. 46. In: Lower Silesian Digital Library. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ Claudia Seiheim: Textilarbeiten. Originalveröffentlichung in: Renda, Gerhard (Hrsg.): Gertrud Kleinhempel, Künstlerin zwischen Jugendstil und Moderne: 1875-1948. Bielefeld 1998, S. 34–45 (Schriften der Historischen Museen der Stadt Bielefeld, 12).. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ FrauenOrte Land Brandenburg. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 19. Oktober 2025
- ↑ Ausstellungen. In: Kreisanzeiger für den Landkreis Elbe-Elster vom 18. Juni 2014. Jahrgang 19, Herzberg (Elster), Nummer 10, S. 17. Abgerufen am 19. Oktober 2025